Dieser Protest ist stärker

von Noémi Herczog

22. September 2020. Ich kann mich an kein stärkeres und aufbauenderes Zeichen des politischen Protests in Ungarn der letzten Jahre erinnern, als den Widerstand der Studierenden der Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest, kurz: SZFE. Junge Schauspieler*innen, angehende Theaterpädagog*innen, Regisseur*innen, Kameraleute, Cutter*innen und Dramaturg*innen setzen sich für ihre Rechte ein und besetzen ihre Universität, blockieren die Eingänge, um sicherzustellen, dass die von der Regierung ernannten neuen Kurator*innen nicht eintreten können. Mit dieser Besetzung geben die Studierenden vielen von uns in diesem Land gerade Hoffnung.

Im Ausnahmezustand

von Verena Harzer

New York, Juni 2020. Das war wohl kein einfacher Schritt für den Schwarzen Schauspieler und Autor Griffin Matthews. Und doch hat er ihn gemacht. Mit einer Video-Botschaft Anfang Juni, auf Twitter, Facebook und Instagram. Überschrieben ist sie mit "Broadway is racist". Dahinter steht der Hashtag #burnitdown, Brennt den Broadway nieder.

Not Another Failing Business

by Alice Saville

London, 14 June 2020. Theatre is good at stories. Telling them, retelling them, and using novel forms to make them bite in new ways. And as the coronavirus pandemic makes live theatre performances all but impossible, the UK theatres must marshall all their resources to tell a story that's both painful, and central to their survival; the one which explains why theatre companies and buildings must be preserved in a time of crisis.

Nicht bloß schlechte Geschäfte

von Alice Saville

London, 14. Juni 2020. Theater ist gut im Geschichtenerzählen. Es erzählt sie, es wiederholt sie und findet frische Formen, damit Geschichten wieder neuen Biss kriegen. Da die Coronavirus-Pandemie jetzt Live-Theatervorstellungen beinahe unmöglich macht, müssen die britischen Theater all ihre Ressourcen einsetzen, um eine Geschichte zu erzählen, die sowohl schmerzhaft als auch von zentraler Bedeutung für ihr Überleben ist: eine Geschichte, die erklärt, warum Theaterkompanien und Gebäude in einer Zeit der Krise erhalten bleiben müssen.

Wie in einer Petrischale

von Verena Harzer

New York, 13. März 2020. Bis zum Schluss haben alle gehofft, dass dies nicht passieren würde. Aber es war dann wohl unvermeidlich. Am Donnerstag hat der Gouverneur von New York State, Andrew Cuomo, entschieden, alle Versammlungen von mehr als 500 Menschen zu untersagen, um die Verbreitung des Corona-Virus zu bekämpfen. Das betrifft auch und vor allem den Broadway, die bedeutendste Theatermeile der Welt. Und zielt ins ökonomische Herz der US-amerikanischen Theaterlandschaft.

Die Geschichte, die niemals zu Ende erzählt ist

von Deborah Vietor-Engländer

London, im Februar 2020. Sir Tom Stoppard, einer der berühmtesten und begabtesten englischen Dramatiker hat mit 82 Jahren beschlossen, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Er hat bisher in seinen Stücken jüdische Themen nicht behandelt. Der als Tomáš Straussler 1937 in Zlin / Tschechoslowakei Geborene entkam als Zweijähriger mit seinen Eltern nach Singapur. Als die Japaner kamen, floh die Familie weiter nach Indien. Sein Vater, der Arzt war, starb dort. Seine Mutter heiratete wieder und Tom Stoppard wuchs mit dem Namen seines Stiefvaters als englisches Kind auf. Erst in den 1990er Jahren erfuhr er, dass die Geschwister seiner Mutter und seine vier Großeltern in Konzentrationslagern starben und das Ergebnis ist nun dieses Stück, soeben gedruckt und in London in der einfühlsamen Regie von Patrick Marber (selbst Dramatiker) uraufgeführt.

Tage des Zorns

von Esther Slevogt

Budapest, im Dezember 2019. Der Mann, der da in grünem Trachtenswams auf der Bühne des Fészek Müvészklub in witzigster Giftzwergmanier sein Unwesen treibt, gegen alles und jeden (und besonders natürlich die Orbán-Regierung) wütet, dabei seine Schauspieler terrorisiert, sexuell nötigt und einen am Ende gar enthauptet, heißt Béla Pintér und gehört zu Ungarns berühmtesten freien Theatermachern. Als solcher aber ist er dieser Tage so etwas wie ein letzter Mohikaner. Viele der Theatercompagnien, die das ungarische Theater in den Jahren um die Jahrtausendwende europaweit berühmt machten, haben sich unter dem Druck der Verhältnisse aufgelöst oder arbeiten kaum noch in Ungarn, darunter die Truppen von Viktor Bodó und Arpád Schilling. Pintér jedoch hat mit seiner Compagnie den kulturpolitischen Erdrutsch, den die Jahre nach dem zweiten FIDESZ-Wahlsieg im Jahr 2010 mit sich brachten, überlebt und kann nun das 20. Jubiläum feiern.

Verheerender Rotstift

von Michael Nijs

15. November 2019. Sechs Prozent: Um diesen Anteil werden die Subventionen für Flanderns Kulturorganisationen ab Januar 2020 gekürzt. Das erläuterte Jan Jambon, Ministerpräsident und Kulturminister Flanderns von der Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) am gestrigen Donnerstag im Kulturausschuss des flämischen Parlaments.

Die Grenzen der Truman-Show

von Stefan Bläske

2. November 2019. Am siebten Tag, so sagt man, kam die Langeweile. Und weil Gott das Licht und die Menschen schon geschaffen hatte, versuchte er es mit dem Theater. Und weil auch das zu fad war, sandte er den Menschen ein Wort, ein einziges, mit einer Feder geschrieben, die er einem Engel aus dem Flügel zupfte: Warum.

Schwarzes Gold, stumme Sonja

von Sophie Diesselhorst

28. Oktober 2019. Die Klimakrise scheint sehr weit weg in Baku. Die Hauptstadt von Aserbaidschan liegt auf der Absheron-Halbinsel am Kaspischen Meer, eine der erdöl- und erdgasreichsten Regionen der Erde. Überall Ölpumpen, der Meerblick mit einem Horizont aus Bohrinseln. In der Stadt findet einmal im Jahr ein Formel 1-Rennen statt; auf der Hauptstraße, die an der Bucht entlang fährt, ist die übrige Zeit Dauerstau. Hochhäuser und Baustellen für noch höhere Hochhäuser sprechen für einen ungebremsten Glauben an Rohstoffreichtum und Wachstum.