Neues Publikum

von Javier Ibacache

29. März 2021. Als der Ausbruch des Coronavirus Mitte März 2020 zu einer Pandemie erklärt wurde, waren Theater in Chile – wie in den meisten anderen Lateinamerikanischen Ländern auch – dazu gezwungen, zu schließen. Premieren wurden aufgeschoben, Projekte abgesagt und Vorstellungen verlegt – all das mit der Erwartung, in nicht allzu langer Zeit die Arbeit wieder aufnehmen zu können.

A Season On The Screen

By Javier Ibacache 

March 29, 2021. Companies and theaters in Chile have turned to the screen during the Covid-19 pandemic to show online a wide array of artistic works and experiments. The transition was not free of discussion about how to name the new pieces and whether or not they warranted 'theatrical status.' This concern does not seem to bother the audience as it has been exposed to an overwhelming digital flood of performances, talks, forums, debates and workshops.

"Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird gekämpft"

von Joseph Hanimann

Paris, 15. März 2021. Mit ihrem Sinn fürs Absurde hätte die von Paris nun auf andere französische Regionen ausgreifende Besetzung von Theatern einen vorzüglichen Stoff für ein Stück von Eugène Ionesco abgeben können. Wenn Schauspieler und Bühnentechniker mit ihrem bloßen Dasein und Herumstehen den Betrieb von Häusern lahmlegen wollen, der aufgrund einer sturen Covid-Politik der Regierung seit über vier Monaten ohnehin praktisch lahmliegt – ist das dann potenzierte Lähmung oder gesteigerter Aktivismus? Von großer Aktion ist auf dem Platz vor dem Pariser Théâtre de l'Odéon in diesen Tagen wenig zu sehen. Die Eingangsgitter sind geschlossen, davor stehen ein paar Schaulustige, dahinter ein paar von den Besetzenden. Will man wissen, worum es ihnen genau geht, muss man sich mit ihnen durch die Gitterstäbe unterhalten wie in einem Gefängnis. Wer hier festsitzt, die Besetzer drinnen oder das von den Sälen ausgeschlossene Publikum draußen, ist die Frage.

In Bewegung bleiben

von Natalia Laube und Mercedes Méndez

8. März 2021. Theater in Buenos Aires ist wie Wasser: es dringt in jede Ecke, es sucht sich neue Wege, kommt stets voran. Man muss die Seele des argentinischen Theaters erfassen, um dieses Phänomen zu erklären. Unzählige Künstler:innen – Professionelle und Amateure – machen Theater, ohne sich von Gedanken aufhalten zu lassen, was dabei am Ende rauskommt, wie oder wo es zu einer Premiere kommt oder wie viele Menschen zusehen werden. Sie wollen einfach etwas erschaffen. Durch das Theater wird eine Gemeinschaft erzeugt, in der Kunst Verbreitung findet. Es ist ein Ventil, um sich auszudrücken – und zwar ohne die Sicherheit, dass das Ergebnis jemals Geld oder Prestige bringen wird.

Staying In Motion

by Natalia Laube and Mercedes Méndez

8. März 2021. Theatre in Buenos Aires is like water: it seeps into every corner, seeking new paths, always making headway. To explain the phenomenon one must first speak of a social spirit composed of thousands of creators—professionals and amateurs—who gather to create without considering the results, without planning where or how to premiere or how many people will ultimately watch. They just want to create. Theatre operates as a means to build community, to circulate artistic thought and serve as a vehicle for expression, without any certainty that the result will be money or prestige.

Antwort mit Furchtlosigkeit und Herz

von Verena Harzer

New York, 29. Januar 2021. Der junge Mann mit dem grünen Hoodie weiß nicht, wie ihm geschieht: Plötzlich sieht auch er offenbar nur noch sich selbst auf dem Bildschirm. Gerade war er noch einer von etwa 70 Zuschauern, die sich, zeitweise sichtbar, als kleine Zoom-Quadrate in der oberen Leiste des Split-Screens das virtuelle Theaterstück "Disclaimer" des Brooklyner Theaterkollektivs Piehole angesehen haben. Ein Stück, in dem die US-iranische Autorin Tara Ahmadinejad US-amerikanische Vorurteile gegenüber muslimischen Kulturen hinterfragt. "Ah, da ist ja Amir, mein Cousin", tönt eine Stimme aus dem Off. Es ist Nagir, die von Ahmadinejad verkörperte Hauptfigur in dem Stück. Und sie meint ganz offensichtlich ihn, den Mann mit dem grünen Hoodie.

Keine Show ohne Publikum

von Alice Saville

August/Dezember 2020. Während des Lockdown boten Großbritanniens Theater dem krisengebeutelten Publikum Online-Theater in Not-Rationen: Aufzeichnungen alter Produktionen, Online-Monologe und Livestreams von Stücken, die vor leeren Sälen aufgeführt wurden. Bei den Künstler*innen hat dieser Ansturm von digitalem Gratis-Theater gemischte Gefühle hinterlassen. "Gleich zu Beginn des Lockdown las ich einen Artikel, in dem es hieß: 'Warum sollte ich mir eine Lesung von Hedda Gabler ansehen, statt Tiger King auf Netflix?'", sagt Emma Blackman. "Und es stimmt ja: Das Theater hat eine beschissene Ausstattung im Vergleich zu Netflix." Die Online-Aufführungen, mit denen sie sich hingegen wirklich beschäftigt habe, "waren diejenigen, die mir als Zuschauer*in eine gewisse Autorität verliehen haben".

No show without an audience

by Alice Saville

August/December 2020. As the UK's theatres closed, they offered emergency rations of online theatre to crisis-hit audiences; archive recordings, online monologues, and livestreams of works performed to empty auditoriums. But some people had mixed feelings about this onslaught of free digital theatre. As Emma Blackman told me, "Right at the beginning of lockdown, I read an article that said 'Why would I watch a reading of Hedda Gabler, instead of Tiger King on Netflix?' Theatre’s got crappy equipment compared to the monster that is Netflix. The performances that I engaged with online during lockdown were the ones that gave me agency as an audience member."

Theater am Draht

von Olga Fedianina 

28. November 2020. Am Anfang war es wie überall. Ab Mitte März wurden die Theater in Russland nach und nach geschlossen. Angekündigt waren zunächst drei bis fünf Wochen Schließung. Insgeheim aber wussten alle, dass die Spielzeit damit zu Ende war. Die allgemeine Stimmung war mehr als schlecht, und die Strategie hieß erst einmal: Präsenz aufrechterhalten, um nicht aus dem Alltag der Menschen zu verschwinden. Es gab Panik, aber auch spürbare Neugier: Wieviel Herausforderung steckt in der Katastrophe? Das heutige Theater wird immer medialer, immer vernetzter, immer stärker von digitalen Welten durchdrungen. Theater im Netz soll sowieso bald kommen, warum also nicht jetzt!

"Wo sind Sie gerade?"

von Joseph Hanimann

Paris, 23. November 2020. Improvisation ist dem französischen Theater nicht unbekannt. Durch die Dauerimprovisation aufgrund ständig wechselnder Covid-Maßnahmen sind die Theater in Frankreich aber an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und Experimentierfreude geraten. Nach dem Lockdown des Frühjahrs hatten sie einen reichhaltigen Saisonstart mit den entsprechenden sanitären Vorsichtsregeln ausgearbeitet, jedes auf eigene Weise. Für seine "Iphigenie" von Racine, eines der Highlights der neuen Spielzeit, hatte Stéphane Braunschweig am Théâtre de l’Odéon mit zwei gesondert spielenden Besetzungsteams geprobt, damit die Produktion weiterlaufen kann, falls ein Schauspieler positiv getestet wird. Doch auch das half nichts. Nach der Mitte Oktober verhängten Ausgangssperre ab 21 Uhr in Paris und anderen Städten, die die Aufführungen ins enge Zeitfenster zwischen Feierabend und Abendruhe zwängte, kam zwei Wochen später der zweite Lockdown fürs ganze Land. Und damit die Rückkehr für alle ans Fenster der Computerbildschirme.