Zwischen menschlich und möglich

von Dorothea Marcus

Russe/Bulgarien, Februar 2008. Bulgarien bestätigt auf den ersten Blick manches Klischee. Zuerst fallen die maroden Gründerzeitfassaden auf, verklebt mit westlichen Firmennamen: Postbank, Prada, adidas. Dazwischen blinken bunte Wegweiser zu den Sexshops. Restaurants gibt es immer noch kaum, wir gehen meist ins Happy, ein Schnellrestaurant, wo es mit Schafskäse bestreute Pommes und Tomaten-Gurken-Salat gibt.

Regimekritik unter Fußballfans

von Dorothea Marcus

Teheran, Februar 2006. Warum gab es in Teheran letztens eine Wasserknappheit? Der Präsident hat endlich ein Bad genommen! Warum gab es Cholerafälle, als Ahmadinedschad an die Macht kam? Weil er zur Feier des Tages seine alten Socken in den Kanal warf! Das Erste, wovon uns Iraner erzählen, sind die Witze. Sie kursieren in 90 Prozent aller SMS-Botschaften. Nun versucht der iranische Präsident, ein Kontrollsystem für Mobiltelefone zu entwickeln - aber er hat genug damit zu tun, das Internet zu kontrollieren und die NGOs zu bespitzeln. Im Iran werden immer neue Webseiten blockiert, allein 90 Prozent der feministischen Seiten - während wir da waren, kam die persische BBC-Seite dazu.

Hotdogs und Hamlet

von Dorothea Marcus

Teheran, März 2005. Rauchschwaden ziehen durch das Theatercafé, als gäbe es in der verschmutztesten Stadt der Welt nicht schon genug Staub in der Luft. Anfang Januar hat die Stadtregierung die Kindergärten wegen Smog geschlossen. Nichts, was jemanden abhalten würde, am Wochenende auf die Skipiste in den nahen Bergen zu gehen - und das süße Leben der jeunesse dorée zu feiern, so westlich aussehend, als hätte es nie eine Revolution gegeben. Wenn man dagegen nach unten in den armen Süden fährt, ein U-Bahn-Ticket kostet 7,5 Cent, erstrecken sich kilometerweit die Gräber der „Märtyrer“ im Iran-Irak-Krieg. Zehntausende junge Männer mit Samtblicken, jeder hat ein Foto in einem Schränkchen unter einem Areal von Wellblechdächern. Die gleichen, die noch vor sechzehn Jahren als Kanonenfutter dienten, stürmen heute das Theater in Teheran.

Zwischen Mahnern und Mullahs

von Claudius Lünstedt

Berlin, 20. Februar 2008. Auf der diesjährigen Berlinale beflügelte der Dokumentarfilm Football Under Cover von David Assmann und Ayat Najafi Publikum und Kritik: eine Kreuzberger Frauenfußballmannschaft hatte es sich in den Kopf gesetzt, nach Teheran zu reisen und dort gegen die iranische Frauennationalmannschaft zu spielen. Nach irrwitzigen Mühen kommt die Begegnung tatsächlich zustande – die Teams trennen sich eins zu eins unentschieden. Assmann und Najafi hatten die iranischen Behörden überrumpelt und viel dafür getan, dass aus diesem geschundenen Land endlich einmal gerechtere Bilder zu sehen sind.

Welches Theater kommt nach den Zwillingen?

von Roman Pawłowski

Warszawa, Februar 2008. Als Mitte des letzten Jahres der junge Regisseur Jan Klata am Teatr Rozmaitości Warszawa mit den Proben zu Stanisław Ignacy Witkiewiczs "Schustern" begann, konnte niemand damit rechnen, dass die seit 2005 amtierende rechtsnationale Regierungskoalition nur noch wenige Monate an der Macht sein würde.

Die Gesellschaft frisst sich selbst

von Dorothea Marcus

Mülheim an der Ruhr, November 2007. Was man so alles zum Foltern braucht: Zangen, Hämmer, Schraubzwingen. Leuchtend hängen sie auf dem Bild vor dem OP-Tisch. "Doktor, bitte in den letzten Raum", tönt eine Lautsprecherstimme. "Ich würde gern erstmal mit der Theorie beginnen", sagt der Folterschüler, als sein Lehrer angekommen ist.

Einübung in die Gegenwart

von Dirk Pilz

Wrocław, Oktober 2007. Zwischen den Zuschauern liegt ein schwitzender Mann. Er hat sich von der Decke heruntergestürzt, während die Mitspieler weiter ihre Satzfetzen in Mikros hecheln, durch den Raum stürmen und jede Szene zum Anlass eines schrillen Anti-Theaters nehmen. Zehn Darsteller, die das diebische Vergnügen an der Auflösung jeglicher Handlungsordnung treibt. Einerseits.

Wo nur Frauen Löwen austricksen

von Dorothea Marcus

Mülheim, 16. September 2007. Wer kennt schon Mali. Ein Land im Herzen der Sahara, einer der ärmsten und ältesten, aber demokratischsten Staaten Afrikas. Und – man ist tatsächlich schon so weit, das automatisch als Widerspruch zu vermuten – zu 90 Prozent islamisch. Eine subventionierte Theaterszene gibt es in Mali nicht. Das Nationaltheater bestehe aus zehn frühverrenteten Schauspielern, sagt Rolf Hemke, Kurator des diesjährigen Festivals "Theaterlandschaft Seidenstraße" im Theater an der Ruhr.