Alles nur für mich

von Michael Laages

Edinburgh, 16. August 2015. Ein Neuling schreibt hier. Der Hinweis ist wichtig, und auch gar nicht kokett, weil er ein paar Einschränkungen beinhaltet – was nämlich bewährte und gewiefte Festival-Routiniers im schottischen Edinburgh für selbstverständlich halten und nicht (mehr) der Rede wert, das ist für den Anfänger auch bei der Festival-Ausgabe Nummer 69 ziemlich neu und zum Staunen. Vor allem die Intensität macht schwindlig, mit der das Festival sich ausbreitet in der Stadt am Firth of Forth. Knapp 500.000 Einwohner hat Schottlands Hauptstadt, die Altstadt auf dem Hügel unterhalb des Schlosses ist voller schmaler, enger Gassen, die auch dann wie gesperrt wirken, wenn sie nicht tatsächlich geschlossen sind: wie die "Royal Mile", die in Teilen zur theatralisch-musikalischen Fußgängerzone wird und speziell dann überfüllt ist ab nachmittags, wenn wieder mal ein militärisch-blasmusika-lisches "Tattoo" ansteht.

Tod auf Bewährung

von Lena Schneider

Avignon, 18. Juli 2015. Ein Gespenst schwebt überm diesjährigen Festival in Avignon, das Gespenst des Verschwindens. Es hat verschiedene Gestalten. Eine davon hat sich das Festival zum Programm gemacht. "Ich bin der Andere" heißt die Saison 2015. Es ist ein Echo auf "Je suis Charlie", die weltweite Solidaritätsbekundung nach der Ermordung der 12 Mitarbeiter von "Charlie Hebdo". Doch der 7. Januar scheint vom südfranzösischen Sommer aus fern. Die Menschen drängen sich bis spät in die Nacht auf Plätzen, in Sälen und Warteschlangen zusammen wie jedes Jahr. Die halbherzigen Taschenkontrollen (noch gilt in Frankreich das Terrorschutzprogramm "Vigipirate") nehmen sie gelassen hin. Business as usual. Der erste Schock nach dem Attentat ist längst verklungen, und wenn da so etwas wie eine Angst vor der plötzlichen Auslöschung geblieben ist, wird sie mit dem Fächer, dem wichtigsten Utensil im Avignoner Hochsommer, beiseite gewedelt.

Jenseits der EU-Hymne

von Sophie Diesselhorst

Bratislava / Berlin, 23. Juni 2015. "Was würden Sie tun, wenn Sie als friedlicher Demonstrant von einem Polizisten angegriffen würden – zurückschlagen oder die Gewalt über sich ergehen lassen?" fragt eine Schauspielerin gezielt ins Publikum im slowakischen Nationaltheater in Bratislava. Die angesprochene Zuschauerin entzieht sich der Antwort. Es ist ja auch eine ungewohnte Frage, oder –  es wäre eine ungewohnte Frage für jeden politisch durchschnittlich (un-)engagierten Bürger der EU von heute. Man darf doch wohl annehmen, dass solche Situationen nicht passieren.

Mehr Angst als je zuvor

von Clemens Bechtel

Bujumbura, 16. April 2015. Wie Vieh werden die Gefangenen mit Stöcken in die Zelle getrieben. Sie stolpern, fallen übereinander, werden geschlagen, stehen wieder auf, schreien wütend oder verzweifelt gegen die Uniformierten an, die erbarmungslos weiter auf ihre Opfer einprügeln. Zwei Scheinwerfer beleuchten die Szene, das Publikum amüsiert sich über die Inszenierung von José Saramagos Roman "Die Stadt der Blinden", aufgeführt in dem Nachtclub Enzogu, 200 Meter vom Ufer des Lake Tanganjika.

Savisaar – Superstar

von Christian Römer

11. März 2015. Ende Februar ist es in Tallinn noch sehr kalt und ziemlich dunkel. Die schnuckeligen Gassen und Restaurants der mittelalterlichen Hansestadt sind tagsüber bereits von lustig lärmenden Touristen gefüllt, aber der gemeine Este bleibt noch zu Hause und wartet, bis es wärmer wird. Wählen kann er per Internet und über 20 % der Wahlberechtigten machten bei den Parlamentswahlen am 1. März 2015 davon Gebrauch. Europarekord!

Der Solitär

von Simone Kaempf

Krakau, Dezember 2014. Am Abend zuvor ist es spät geworden. Mit Bussen war man weit nach Mitternacht aus der Vorstellung von Krystian Lupas "Wycinka" (Holzfällen) zurückgekommen. Jetzt am Vormittag ist der Andrang erneut riesengroß, zusätzliche Stühle werden herangeholt, viele Besucher sitzen auf dem Fußboden. Lupa beim Publikumsgespräch, das heißt, der polnische Regisseur redet über seine Arbeit, über Politik und Theater, die er lieber getrennt sehen will. Aber was heißt redet, es ist eine Predigt, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Lupa ist ein Magnet, ein intelligenter Denker, witzig, auf einige Fragen antwortet er geschickt ausweichend. Es ist mucksmäuschenstill, alles hängt an seinen Lippen.

Vertraute Fremde

von Matthias Weigel

Timișoara, 11. November 2014. Holzjalousien und bröckelnde kaiserliche Fassadenreste lassen fast vergessen, dass sich im Erdgeschoss des prächtigen Gebäudes aus der Donaumonarchie längst ein MacDonalds eingenistet hat. Während sich das gentrifizierungsgeschädigte Touristenherz an den unsanierten, rohen Schönheiten im Zentrum von Timișoara kaum sattsehen kann, beklagen die Einwohner hier, dass die Gebäude über Jahrzehnte ihrem Verfall überlassen wurden – ein Versäumnis, dass nun mühsam nachgeholt werden müsse.

A Small Sign of Hope

by Andrew Haydon

27 August 2014. The Edinburgh Festival Fringe is big. Very big. In theory it's the "Fringe" of the Edinburgh International Festival, but these days that's a complete misnomer. For almost the whole of August, Edinburgh is almost all Fringe and nothing else. (Well, not strictly true: incongruously the city also plays host to the Royal Military Tattoo selling out to the tune of 215,800 tickets.) This year, the Fringe reportedly broke the two-million mark for number-of-tickets sold for 49,497 performances of 3,193 shows.

The problem is on the mountain, not in the valley

by Marianna Salzmann

Rome, 11 August 2014. Il problema è a monte, non al valle. The problem is on the mountain, not in the valley. That's what is written on the yellow SOS-posters of the Teatro Valle (Valle meaning valley in Italian). Today the move took place.

Das Problem ist auf dem Berg und nicht im Tal

von Marianna Salzmann

Rom, 11. August 2014. Il problema è a monte, non al valle. Das Problem ist auf dem Berg und nicht im Tal. So steht es auf den gelben SOS-Plakaten des Teatro Valle. Valle heißt auf Italienisch auch Tal. Heute war der Auszug.