Nessun ultimo giorno

di Marianna Salzmann

Roma, 7 agosto 2014. È il 35 luglio 2014. Il 31 luglio gli occupanti sarebbero dovuti andare via. Non lo hanno fatto, hanno cambiato il calendario. "35 luglio" si legge sulla locandina appesa all'entrata del teatro. L'intimidazione delle autorità cittadine di sgomberare il teatro entro il primo agosto é stata rinviata. Le trattative sono aperte.

Keine letzten Tage

von Marianna Salzmann

Rom, 7. August 2014. Es ist der 35te Juli 2014. Am 31ten hätten die Besetzer*innen rausgehen sollen. Sie taten es nicht, sie änderten den Kalender. "35 luglio" sagt das Plakat im Schaufenster an der Tür. Die Forderung von der Stadt, das Theater bis zum 1sten August zu räumen, wurde verschoben. Die Verhandlungen laufen. "Sie werden uns räumen, das ist sicher", sagt Silvia Calderoni und dreht sich die nächste Zigarette. Wir sitzen auf dem Boden in der Via del Teatro Valle. Sie ist übernächtigt, letzte Nacht hat sie noch im Süden Italiens gespielt – sie kam auf direktem Weg zurück nach Rom. Jeden Moment könnte die Polizei kommen, obwohl es eine offizielle Abmachung mit den Repräsentant*innen der Stadt gibt, bis zum 10ten August zu warten. Dass die Räumung überraschend früher stattfinden kann, ist gängige Praxis überall in Europa.

Botschaften der Zerrissenheit

von Simone Kaempf

Bratislava, Juni 2014. Schließlich kam er doch. Fragte, wo er am Theater parken könnte, und erst damit war den Mitarbeitern des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava klar, dass Attila Vidnyánszky, Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, tatsächlich an der Diskussion teilnehmen würde. Selbstverständlich war das für das Theater und das von ihm ausgerichtete Festival "Eurokontext" nicht. Denn als Vidnyánszky in diesem März nach Budapest zum Nationaltheater-Festival "M.I.T.E.M"- lud, hatte sein Kollege Roman Polák, Intendant des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava, eine Gastspiel-Einladung ausgeschlagen.

Chaotisch und voller Hoffnung

von Bahar Çuhadar

Istanbul im Juni 2014. Die Türkei besitzt eine dynamische, hin und wieder chaotische, dennoch hoffnungsvolle Theaterlandschaft. Man kann sie grob in vier Bereiche unterteilen: Zum einen gibt es die Staatstheater, die 1949 gegründet wurden, aktuell in 21 Provinzen aktiv und dem türkischen Kultur- und Tourismusministerium unterstellt sind. Ferner haben mehrere Städte ihre Stadttheater, die an die Stadtverwaltungen gebunden sind und dessen ältestes sich in Istanbul befindet. Hinzu kommen die privat geführten Theater, die teilweise schon seit mehr als einem halben Jahrhundert bestehen und zu Institutionen wurden (Dostlar Tiyatrosu, Ankara Sanat Tiyatrosu, Kenter Tiyatrosu, Oyun Atölyesi, etc.). Darüber hinaus existieren die unabhängigen Theaterensembles, die – sowohl aus künstlerischer Perspektive als auch im Hinblick auf das Publikumsinteresse – nach den Gezi-Protesten eine Art Erwachen auslösten.

Die politische Dimension des Erinnerns

von Anna R. Burzyńska

Warschau, 30. Mai 2014. Vor fünfzehn Jahren entdeckte das polnische Theater, maßgeblich beeinflusst durch das deutsche Theater und insbesondere Frank Castorf, die Politik neu für sich. Ein großes Problem für die Theaterschaffenden war allerdings das Fehlen einer entsprechend aktuellen Dramatik, die Regisseure hofften sehnsüchtig auf einen polnischen Mark Ravenhill, Marius von Mayenburg oder Nikolaj Kolada. In der Zwischenzeit bereiteten sie klassische, dem Publikum wohlbekannte Texte für die Gegenwart auf. Man übersetzte die alten Stücke in eine zeitgemäße Sprache und ergänzte sie um populärkulturelle Zitate aus Videoclips, Computerspielen oder Kultfilmen.

Let's talk about faith

by Pavel Rudnev

Moscow, 3. July 2014. Art and the government are in a state of war in today's Russia. The government doesn't know how to control the artists and the artists are incapable of communicating with the government, mostly because there are no proper channels for discourse between the two. The ideological censorship of the final years of perestroika gave way to the lawlessness of the 1990s, throwing the artistic marketplace into chaos. An economic censorship was introduced in the 2000s that will surely be remembered as a gift by theater-makers, being soft and more easily surmountable than aesthetical censorship. However, in the 2010s, it proved to be insufficient; the liberal attitude of the theaters as well as the social criticism of the avant-garde movement began to be perceived by the authorities as an attack on those in power. As a result, culture is now in the crosshairs. It is difficult to foresee where this process will lead us, but today it is important to answer one question: Is there such a thing as aesthetical political theater in Russia in our time?

Theater gegen die Mcdonaldisierung der Welt

von Esther Slevogt

Budapest, April 2014. Putin-Witze machen die Russen am liebsten selber: Es sei natürlich nur eine Frage der Zeit, bis Wladimir Putin sich auch Alaska zurückholen werde, sagt ein junger Dramaturg vom St. Petersburger Bolschoi Drama Theater und grinst: "Putin's Ice-Krim" sozusagen. Die Halbinsel wäre schließlich 1867 vom dummen Zaren zu einem Schleuderpreis an die USA verhökert worden und natürlich von extremer strategischer Bedeutung. Er ist im Gefolge von Andrej Mogutschis St. Petersburger Lewis-Caroll-Abend "Alice" nach Budapest gekommen, eines der Highlights der ersten Ausgabe des neuen Theaterfestivals M.I.T.E.M. am Nationaltheater.

Avantgarde food for a starving audience

by Andrew Haydon

26 March 2014. In May 2012 Sebastian Nübling's collaborative production of Simon Stephens's Three Kingdoms landed in London. The effect felt like a massive explosion within British theatre. The mainstream, and broadsheet critics, either hated it ("You'd have to be debauched beyond redemption in order to conclude that you were actually enjoying the spectacle while it happened" – Michael Coveney, WhatsOnStage.com) or politely dismissed it ("It's an unsettling piece that pulses with menace and demented humour yet slips at times into self-indulgence." – Henry Hitchings, Evening Standard). The Guardian's Michael Billington tried to bury it ("The plot is made harder to follow by Nübling's grossly self-advertising production, in which everything is overstated and overheated... his production is always trying to tell us how idiosyncratically clever it is.").

Strukturwandel im hohen Norden

von Friederike Felbeck

Finnland, 12. Februar 2014. Raija-Liisa Seilo räumt ihr Büro leer. Zu den Hinterlassenschaften ihrer siebenjährigen Amtszeit zählen etliche Präsente, die sie auf diverse Taschen verteilt aus dem kleinen vollgepackten Zimmer hinausmanövriert. 2008 kam Seilo ans Theater in Turku, zuvor leitete sie zwölf Jahre lang das Theaterfestival von Tampere, und in all dieser Zeit war es Seilo ein wichtiges Anliegen, die Türen nach Europa zu öffnen und die Theaterszene in Finnland aus der geografischen Randexistenz hin zu internationalen Kooperationen zu bewegen. Im Jahr 2011, Turku und Tallin waren zeitgleich Kulturhauptstadt Europas, überraschte das Turkuer Stadttheater mit Gastspielen von den Rändern Europas: Seilo lud Inszenierungen aus krisengeschüttelten Ländern wie Portugal, der Türkei und der Ukraine ein.

Die Morgenröte hinter dem Smog

von Ralf-Carl Langhals

Teheran, 27. Januar 2014. "Das Kopftuch bleibt!" Für das Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim in Teheran hat Nicole Heesters diesen eigentlich gestrichenen Lorca-Satz wieder aufgenommen. Sie spielt die Titelrolle in Calixto Bieitos Mannheimer Inszenierung "Bernarda Albas Haus". Nirgends passt er besser als hier, gilt er doch auch für die neun Schauspielerinnen und ihre Kolleginnen der NTM-Abteilungen, die mit zum Fadjr-Festival in den Iran gereist sind. Es ist das einzige deutsche Gastspiel dieses 32. Festival-Jahrgangs und seit Jahren auch wieder der erste Festivalbeitrag aus Deutschland.