Auf der Suche nach dem verlorenen Nein

von Michael Beron

Athen, Dezember 2015. "Wir Künstler sind immer schon in der Krise gewesen“, meint Vasso und blickt herausfordernd über die Theke. Dabei lässt sich die Krise an diesem Morgen kaum blicken. Nicht bloß im Flughafen scheint alles wie überall – auch in Athens wichtigstem freien Theater "Bios" herrscht internationaler Komfort: Sonne fällt durch die breite Fensterfront, gedämpfter Verkehr rauscht vorbei und der Kaffee schmeckt vorzüglich. Vasso, 38, Regisseurin, Performerin, Barfrau, schäumt Milch auf. Mit Politik will sie nichts zu tun haben. "Das ist alles Fake, aber guter Fake". Vasso glaubt an Freundschaft, geistigen Sex, Beckett.

Arm, aber enthusiastisch

von Oliver Kranz

10. Dezember 2015. "Ihr nennt es Krise, wir nennen es Krieg!" – Ukrainische Theatermacher nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Besuchern aus dem Westen die Situation ihres Landes zu schildern. Anfang Dezember reiste eine Delegation der European Theatre Convention (ETC) nach Kiew, um die dortige Theaterszene kennenzulernen. Die Zahlen sprechen für sich: In der Ukraine gibt es 137 Stadt- und Staatstheater – fast so viele wie in Deutschland (obwohl das Land wesentlich weniger Einwohner hat). Rund 30.000 Vorstellungen werden jedes Jahr geboten. Daran hat auch der Krieg in Donezk und Lugansk nichts geändert. Die Eintrittspreise sind niedrig, die Besucherzahlen hoch. Auffällig ist allerdings, dass es kaum freie Theater gibt. Da in der Ukraine öffentliche Fördergelder ausschließlich Stadt- und Staatsbühnen zufließen, können sich nur wenige freie Ensembles halten. Eines davon ist das Dakh-Theater, das in einem Plattenbau am Rande der Kiewer Innenstadt residiert.

Tanz über die Splitter der Explosion

von Lena Schneider

Paris, 27. November 2015. Nach dem Verstummen kamen die Ausrufezeichen. Am Wochenende, das auf die Attentate vom 13. November folgte, waren alle Vorstellungen in den Theatern in und um Paris abgesagt worden. François Hollande hatte am Sonntag vor dem Parlament eine flammende Kriegsrede gehalten und dann gemeinsam mit den Abgeordneten viele Strophen der Marseillaise gesungen. Im Laufe der Woche drauf schickten die Theater Lebenszeichen durch ihre Mail-Verteiler. "Ensemble!" (Zusammen!), rief das städtische Théâtre de la Ville am Dienstag, dem ersten Spieltag nach den Attentaten. "Le Théâtre reste ouvert!" (Das Theater bleibt offen), hieß es aus dem Banlieue Sartrouville am Tag drauf. Und gleich nochmal das Théâtre de la Ville: "Ensemble!"

Brave Festival "Staging a Revolution"

by Alice Saville

London, 11. November 2015. Minsk's gay bar is pretty unusual, as nightspots go. It's a workers' café by day, where factory labourers drink their soup in conditions that have hardly changed since the Soviet era. But by night, it turns into an illicit bacchanal, filled with the LGBT people that Belarus's repressive government tries its best to pretend don't exist. "Minsk 2011", one of the opening performances of Belarus Free Theatre's "Staging A Revolution"-Festival in London, brings this secret world to life, as well as telling the stories of the hordes of sex workers that fill Minsk's streets as darkness falls.

Alles nur für mich

von Michael Laages

Edinburgh, 16. August 2015. Ein Neuling schreibt hier. Der Hinweis ist wichtig, und auch gar nicht kokett, weil er ein paar Einschränkungen beinhaltet – was nämlich bewährte und gewiefte Festival-Routiniers im schottischen Edinburgh für selbstverständlich halten und nicht (mehr) der Rede wert, das ist für den Anfänger auch bei der Festival-Ausgabe Nummer 69 ziemlich neu und zum Staunen. Vor allem die Intensität macht schwindlig, mit der das Festival sich ausbreitet in der Stadt am Firth of Forth. Knapp 500.000 Einwohner hat Schottlands Hauptstadt, die Altstadt auf dem Hügel unterhalb des Schlosses ist voller schmaler, enger Gassen, die auch dann wie gesperrt wirken, wenn sie nicht tatsächlich geschlossen sind: wie die "Royal Mile", die in Teilen zur theatralisch-musikalischen Fußgängerzone wird und speziell dann überfüllt ist ab nachmittags, wenn wieder mal ein militärisch-blasmusika-lisches "Tattoo" ansteht.

Tod auf Bewährung

von Lena Schneider

Avignon, 18. Juli 2015. Ein Gespenst schwebt überm diesjährigen Festival in Avignon, das Gespenst des Verschwindens. Es hat verschiedene Gestalten. Eine davon hat sich das Festival zum Programm gemacht. "Ich bin der Andere" heißt die Saison 2015. Es ist ein Echo auf "Je suis Charlie", die weltweite Solidaritätsbekundung nach der Ermordung der 12 Mitarbeiter von "Charlie Hebdo". Doch der 7. Januar scheint vom südfranzösischen Sommer aus fern. Die Menschen drängen sich bis spät in die Nacht auf Plätzen, in Sälen und Warteschlangen zusammen wie jedes Jahr. Die halbherzigen Taschenkontrollen (noch gilt in Frankreich das Terrorschutzprogramm "Vigipirate") nehmen sie gelassen hin. Business as usual. Der erste Schock nach dem Attentat ist längst verklungen, und wenn da so etwas wie eine Angst vor der plötzlichen Auslöschung geblieben ist, wird sie mit dem Fächer, dem wichtigsten Utensil im Avignoner Hochsommer, beiseite gewedelt.

Jenseits der EU-Hymne

von Sophie Diesselhorst

Bratislava / Berlin, 23. Juni 2015. "Was würden Sie tun, wenn Sie als friedlicher Demonstrant von einem Polizisten angegriffen würden – zurückschlagen oder die Gewalt über sich ergehen lassen?" fragt eine Schauspielerin gezielt ins Publikum im slowakischen Nationaltheater in Bratislava. Die angesprochene Zuschauerin entzieht sich der Antwort. Es ist ja auch eine ungewohnte Frage, oder –  es wäre eine ungewohnte Frage für jeden politisch durchschnittlich (un-)engagierten Bürger der EU von heute. Man darf doch wohl annehmen, dass solche Situationen nicht passieren.

Mehr Angst als je zuvor

von Clemens Bechtel

Bujumbura, 16. April 2015. Wie Vieh werden die Gefangenen mit Stöcken in die Zelle getrieben. Sie stolpern, fallen übereinander, werden geschlagen, stehen wieder auf, schreien wütend oder verzweifelt gegen die Uniformierten an, die erbarmungslos weiter auf ihre Opfer einprügeln. Zwei Scheinwerfer beleuchten die Szene, das Publikum amüsiert sich über die Inszenierung von José Saramagos Roman "Die Stadt der Blinden", aufgeführt in dem Nachtclub Enzogu, 200 Meter vom Ufer des Lake Tanganjika.

Savisaar – Superstar

von Christian Römer

11. März 2015. Ende Februar ist es in Tallinn noch sehr kalt und ziemlich dunkel. Die schnuckeligen Gassen und Restaurants der mittelalterlichen Hansestadt sind tagsüber bereits von lustig lärmenden Touristen gefüllt, aber der gemeine Este bleibt noch zu Hause und wartet, bis es wärmer wird. Wählen kann er per Internet und über 20 % der Wahlberechtigten machten bei den Parlamentswahlen am 1. März 2015 davon Gebrauch. Europarekord!

Der Solitär

von Simone Kaempf

Krakau, Dezember 2014. Am Abend zuvor ist es spät geworden. Mit Bussen war man weit nach Mitternacht aus der Vorstellung von Krystian Lupas "Wycinka" (Holzfällen) zurückgekommen. Jetzt am Vormittag ist der Andrang erneut riesengroß, zusätzliche Stühle werden herangeholt, viele Besucher sitzen auf dem Fußboden. Lupa beim Publikumsgespräch, das heißt, der polnische Regisseur redet über seine Arbeit, über Politik und Theater, die er lieber getrennt sehen will. Aber was heißt redet, es ist eine Predigt, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Lupa ist ein Magnet, ein intelligenter Denker, witzig, auf einige Fragen antwortet er geschickt ausweichend. Es ist mucksmäuschenstill, alles hängt an seinen Lippen.