Strukturwandel im hohen Norden

von Friederike Felbeck

Finnland, 12. Februar 2014. Raija-Liisa Seilo räumt ihr Büro leer. Zu den Hinterlassenschaften ihrer siebenjährigen Amtszeit zählen etliche Präsente, die sie auf diverse Taschen verteilt aus dem kleinen vollgepackten Zimmer hinausmanövriert. 2008 kam Seilo ans Theater in Turku, zuvor leitete sie zwölf Jahre lang das Theaterfestival von Tampere, und in all dieser Zeit war es Seilo ein wichtiges Anliegen, die Türen nach Europa zu öffnen und die Theaterszene in Finnland aus der geografischen Randexistenz hin zu internationalen Kooperationen zu bewegen. Im Jahr 2011, Turku und Tallin waren zeitgleich Kulturhauptstadt Europas, überraschte das Turkuer Stadttheater mit Gastspielen von den Rändern Europas: Seilo lud Inszenierungen aus krisengeschüttelten Ländern wie Portugal, der Türkei und der Ukraine ein.

Die Morgenröte hinter dem Smog

von Ralf-Carl Langhals

Teheran, 27. Januar 2014. "Das Kopftuch bleibt!" Für das Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim in Teheran hat Nicole Heesters diesen eigentlich gestrichenen Lorca-Satz wieder aufgenommen. Sie spielt die Titelrolle in Calixto Bieitos Mannheimer Inszenierung "Bernarda Albas Haus". Nirgends passt er besser als hier, gilt er doch auch für die neun Schauspielerinnen und ihre Kolleginnen der NTM-Abteilungen, die mit zum Fadjr-Festival in den Iran gereist sind. Es ist das einzige deutsche Gastspiel dieses 32. Festival-Jahrgangs und seit Jahren auch wieder der erste Festivalbeitrag aus Deutschland.

Das Blau der Gauloises

von Ute Nyssen

4. Februar 2014. Paris im Winter. Im Licht des fortlaufend milden Wetters ist die Stadt überwältigend in ihrer Schönheit. Der Himmel leuchtet in ganz unwirklichen Farben. Ist das echt oder unecht? Fragen, die von außen auch ins Theater wirken. "Ravel", im sympathischen Privattheater Artistic Athévains im 11. Arrondissement, passt zu dem irrealen Licht der Stadt. Vielleicht hat das Blau der Abenddämmerung, die Stunde zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, die Regisseurin Anne-Marie Lazarini und den Ausstatter Francois Cabanat inspiriert, den gesamten Bühnenraum mit allen Lebensrequisiten des Komponisten Maurice Ravel blau anzustreichen. Konkret ist es das Blau einer Packung Gauloises, der Zigaretten, die Ravel bis zu seinem Tode 1937 exzessiv rauchte. Die Inszenierung von Jean Echenoz' gleichnamigem Roman, 2006 erschienen, umkreist die letzten zehn Lebensjahre des Musikers.

Brennender Regenbogen

von Anna R. Burzyńska

Krakau, 18. Dezember 2013. "In Polen haben Nationalisten einen Regenbogen verbrannt." Was wie ein Bild aus einem Ionesco-Stück klingt, beschreibt leider ein reales Ereignis von beträchtlichem Symbolwert. Am 11. November, dem polnischen Unabhängigkeitstag, randalierte in Warschau eine Schar vermummter Nationalisten. Sie attackierten ein links-alternatives Kulturzentrum, die russische Botschaft und den "Regenbogen" auf dem Plac Zbawiciela, eine als Symbol der Toleranz konzipierte Installation der Künstlerin Julita Wójcik. Damit gaben sie zu klar verstehen, wer in "ihrem" Polen nicht willkommen ist.

Respekt für die Kunst

von Herwig Lewy

Sankt Petersburg, 3. Dezember 2013. Zum zweiten Mal fand jetzt in St. Petersburg das  Internationale Kulturforum der Russischen Föderation statt, und ganz oben auf der Programmliste steht das Theater, gefolgt von Museum, Musik, Literatur, Bibliotheken, Kino, traditioneller Kultur und Volkskunst usw. Der Katalog liest sich flott und die Trennung der Sparten fällt wohltuend ins Auge. Hochrangige Vertreter der Russischen Föderation begrüßen freundschaftlich, darunter Olga Golodets, stellvertretende Premierministerin, Vladimir Medinsky, Kulturminister, auch Georgy Poltavchenko, Gouverneur von Sankt Petersburg.

Im Kolonisations-Verein

von Michael Laages

Juli 2013. Brasilien kann sehr kalt sein. Acht Grad zeigt das Thermometer dieser Tage in den Morgenstunden etwa auf der Avenida Paulista, der alten Repräsentationsmeile im reichen São Paulo; und wer in den Eingangsportalen der Banken oder unter dem hoch gebauten Kunstmuseum der Architektin Lina Bo Bardi einen Schlafplatz findet, wird sich nah am Gefrierpunkt wähnen.

Auf Stöckelschuhen über Albtraumgrund

von David Baltzer

Beirut, 15. Mai 2013. Einer fremden Großstadt sich im Taxi zu nähern ist eine gute Lektion in touristischer Demut. Der Preis vom Flughafen zum Hotel beträgt für den unkundigen Ankömmling 33 Dollar. Die gleiche Strecke beim selben Fahrer auf dem Rückweg 25 Dollar. Glaubt man Kollegen, ist das auch für 20 Dollar zu haben usw. usf. In Beirut selbst, wo Taxen den Großteil des öffentlichen Verkehrs bestreiten, kommt der Einheimische für 1,30 Dollar über die normale Strecke.

"Bitte berichten Sie, was hier geschieht!"

von Esther Slevogt

Budapest, im März 2013. Es war nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet am 15. März, dem Nationalfeiertag, an dem Ungarn seit der Jahrtausendwende der gescheiterten Revolution von 1848/49 gegen die habsburgische Fremdherrschaft gedenkt, mancherorts Panzer eingesetzt werden mussten, um die plötzlich auf das Land niedergegangenen Schneemassen zu bekämpfen. Panzer hatten bekanntlich 1956 einer anderen ungarischen Revolution den Garaus gemacht. Angesichts des zutiefst gespaltenen Landes drängten sich bei diesen Bildern auch Bürgerkriegsassoziationen auf, obwohl es vorerst nur das Schneechaos war, dem hier zu Leibe gerückt wurde.

Mythos auf dem Prüfstand

von Iwona Uberman

9. April 2013. Wenn man aus polnischer Perspektive die deutsche Theaterlandschaft betrachtet, fällt auf, dass viele Inszenierungen derzeit einen Wunsch nach Veränderung der Gesellschaft artikulieren. Die Serie an "Volksfeind"-Inszenierungen in Berlin und Brandenburg in dieser Saison oder das Spielzeit-Motto im Maxim-Gorki-Theater "Aufstand proben" gehen gezielt politische und soziale Themen an. Der Begriff der Revolution oder der des "kommenden Aufstands" machen die Runde.

Rauer Wind für Kunst und Freiheit

von Stefan Bläske

5. März 2013. Es knirscht im Gebälk, es knirschen die Zähne, und es knirscht der Schnee unter den schweren Schuhen. Dass es kalt ist in Russland, sehr kalt, und ein rauer Wind weht, liegt nur zum Teil an Väterchen Frost. Vielmehr an der unheiligen Allianz zwischen autoritärem Staat und extremistischer Orthodoxie, die unter eifernden Bekenntnissen zu Gott und Vaterland dem "westlichen Liberalismus" den Kampf ansagt. Ein Jahrzehnt russischer "Kulturkampf" verdichtete sich am Wochenende in Milo Raus "Moskauer Prozessen", und so wäre es fast eine Enttäuschung gewesen, wenn die dreitägige Veranstaltung im Andrei Sacharow-Zentrum ohne Störungen und Schlagzeilen über die Bühne gegangen wäre.