Auf Stöckelschuhen über Albtraumgrund

von David Baltzer

Beirut, 15. Mai 2013. Einer fremden Großstadt sich im Taxi zu nähern ist eine gute Lektion in touristischer Demut. Der Preis vom Flughafen zum Hotel beträgt für den unkundigen Ankömmling 33 Dollar. Die gleiche Strecke beim selben Fahrer auf dem Rückweg 25 Dollar. Glaubt man Kollegen, ist das auch für 20 Dollar zu haben usw. usf. In Beirut selbst, wo Taxen den Großteil des öffentlichen Verkehrs bestreiten, kommt der Einheimische für 1,30 Dollar über die normale Strecke.

"Bitte berichten Sie, was hier geschieht!"

von Esther Slevogt

Budapest, im März 2013. Es war nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet am 15. März, dem Nationalfeiertag, an dem Ungarn seit der Jahrtausendwende der gescheiterten Revolution von 1848/49 gegen die habsburgische Fremdherrschaft gedenkt, mancherorts Panzer eingesetzt werden mussten, um die plötzlich auf das Land niedergegangenen Schneemassen zu bekämpfen. Panzer hatten bekanntlich 1956 einer anderen ungarischen Revolution den Garaus gemacht. Angesichts des zutiefst gespaltenen Landes drängten sich bei diesen Bildern auch Bürgerkriegsassoziationen auf, obwohl es vorerst nur das Schneechaos war, dem hier zu Leibe gerückt wurde.

Mythos auf dem Prüfstand

von Iwona Uberman

9. April 2013. Wenn man aus polnischer Perspektive die deutsche Theaterlandschaft betrachtet, fällt auf, dass viele Inszenierungen derzeit einen Wunsch nach Veränderung der Gesellschaft artikulieren. Die Serie an "Volksfeind"-Inszenierungen in Berlin und Brandenburg in dieser Saison oder das Spielzeit-Motto im Maxim-Gorki-Theater "Aufstand proben" gehen gezielt politische und soziale Themen an. Der Begriff der Revolution oder der des "kommenden Aufstands" machen die Runde.

Rauer Wind für Kunst und Freiheit

von Stefan Bläske

5. März 2013. Es knirscht im Gebälk, es knirschen die Zähne, und es knirscht der Schnee unter den schweren Schuhen. Dass es kalt ist in Russland, sehr kalt, und ein rauer Wind weht, liegt nur zum Teil an Väterchen Frost. Vielmehr an der unheiligen Allianz zwischen autoritärem Staat und extremistischer Orthodoxie, die unter eifernden Bekenntnissen zu Gott und Vaterland dem "westlichen Liberalismus" den Kampf ansagt. Ein Jahrzehnt russischer "Kulturkampf" verdichtete sich am Wochenende in Milo Raus "Moskauer Prozessen", und so wäre es fast eine Enttäuschung gewesen, wenn die dreitägige Veranstaltung im Andrei Sacharow-Zentrum ohne Störungen und Schlagzeilen über die Bühne gegangen wäre.

Der Krise mit Theater trotzen

von Ute Nyssen

Paris, Januar 2013. Das erste Drittel der Saison neigt sich dem Ende zu. Nach der Pause zum Jahreswechsel heißt es wieder neues Spiel, neues Glück. Ist der Lack ab in Paris, in der Krise? Vor den Ausstellungen sind die Schlangen so lang wie eh und je, gefühlte 500 Meter bei Dali. Aber im Gastgewerbe lauert Krisenangst, wird es bei der Anzahl der Touristen bleiben, der aus Italien, Spanien? Die Hotelpreise schießen trotzig in die Höhe. Teure Events im Restaurant allerdings fallen schon länger flach und damit auch einige hundert Euro Trinkgeld, erzählt ein Garcon. Doch niemand klagt.

Das Spiel der Klangfarben

von Herwig Lewy

Cluj, November/Dezember 2012. Nach drei Länderquerungen und zweiundzwanzig Eisenbahnstunden nähere ich mich Cluj. Beim letzten Zugwechsel in Bratca vor 100 Kilometern hatten wir Reisenden auf einem keinen halben Meter breiten und wenige Zentimeter hohen Bahnsteig gewartet. Eben erzählte mir die Mitreisende Timea von ihren Zahnschmerzen und dem Mangel an Narkosemitteln in öffentlichen Krankenhäusern Rumäniens. Der Nebel wird dichter, als wir die Stadt mit den drei Eigennamen unterhalb des Karpatenbogens erreichen: Cluj, Kolozsvár, Klausenburg. Es ist eine Gegend mit vielen Völkern und vielen Sprachen: rumänisch, ungarisch und deutsch. Sie scheint wie geschaffen für ein Internationales Theaterfestival mit dem Titel "Interferences". Überschneidungen, Gewohnheit im Umgang mit diversen kulturellen Praktiken und Ausdrucksformen haben in dieser heterogenen Landschaft Tradition.

altFurchtlose Ehrlichkeit

von Iwona Uberman

Mai 2012. Sie sind jung, sie sind klug, sie sind schön. Und sie haben Mut und Mumm. Wobei der letzte Satz wahrscheinlich eine Untertreibung ist. Die Sicht der polnischen Dramatikerinnen auf die Welt ist schonungslos und ihre Art, diese auszudrücken, kennt kein Pardon. Sie stehen damit zum Teil in der Tradition des Spötters Witold Gombrowicz und des stets mit polnischer Geschichte und Gegenwart beschäftigten Andrzej Wajda, dessen Erzählweise "ohne Betäubung" nicht nur in seinem gleichnamigen Spielfilm, sondern auch in seinem übrigen filmischen Werk Spuren hinterlassen hat.

alt

Breitenwirkung für die zeitgenössische Dramatik

von Ute Nyssen

April 2012. Unter den hunderten Pariser Theatern, oft wunderschöne alte Häuser mit Goldverzierungen, Rängen und Logen, sticht das Théâtre de la Colline heraus, als Gebäude und dank seines Programms, vielleicht besonders für einen deutschen Beobachter. Denn trotz der grundlegenden strukturellen Unterschiede gleicht es am ehesten einem großstädtischen deutschen Stadttheater. Einem wagemutigen in Bewegung, das sein individuelles Gesicht maßgeblich einem Intendanten verdankt, unabhängig von dessen Handschrift als Regisseur.

"Theater ist keine Ware, der Zuschauer ist kein Kunde"

altWarschau, April 2012. Die Theaterwelt in Polen ist im Alarmzustand. Denn die jüngsten Maßnahmen staatlicher Stellen könnten einen wesentlichen Qualitätsverlust des Angebots der Theater im Land zur Folge haben.

Das Warschauer Theatertreffen, eins der wichtigsten Theaterereignisse im Lande, das seit 24. März stattfindet und am heutigen 4. April zuende geht, ist der richtige Augenblick, um unseren Ärger, unsere Besorgnis auszudrücken und unseren entschiedenen Widerstand anzukündigen. Trotz unserer sehr unterschiedlichen Ästhetiken und Theatersprachen schließen wir Theatermacher uns zusammen, um Widerstand zu leisten gegen die extreme Unterfinanzierung der Theater und gegen alle Versuche, die Satzungen der Theater zu ändern, um künftig die Theaterintendanzen mit Managern zu besetzen. Letzteres ist gerade der Fall in Breslau am Teatr Polski und an der Oper, sowie am Theater Legnica. Manager können Unternehmen leiten, keine kulturellen Einrichtungen. Anlässlich des Internationalen Theatertages Ende März schlugen die Theaterleute in Polen Alarm. Auf die Pläne der Regierung antworten sie nun mit einem lauten NEIN und bitten die internationale Theaterwelt um Unterstützung.

altKunst als Beute?

von Beatrix Kricsfalusi

Budapest, 21. März 2012. Angesichts der jüngsten, immer bedrückenderen Entwicklungen lässt sich die Behauptung wagen, dass das Verhältnis des ungarischen Theaters zur politischen Macht immer noch von überkommenen Reflexen aus der Vorwendezeit beherrscht wird. Die finanzielle und politische Krise erreichte die Theaterlandschaft Ungarns in einem Zustand der Strukturschwäche, Finanzierungsmängel, unzureichenden Selbstregulierung und Interessenvertretung einerseits sowie einer unheilvollen politischen Polarisierung der Theaterschaffenden andererseits.