Right here, right now

von Jan Lazardzig

Chicago, 1. Mai 2011. Historische Reenactments waren die längste Zeit in den Händen von heißblütigen Freizeithistorikern, kriegsverliebten Kostümfetischisten und national gestimmten Memorabiliensammlern. Nun machen sich in Pittsburgh (Howling Mob Society) und Chicago (Pocket Guide to Hell) Akteure der Freien Szene daran, die vielleicht amerikanischste aller Theaterformen (neben American Football) für ihre Zwecke umzuwidmen.

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Die Verrenkungen des Verübers

von Jan Knopf

Seoul, April 2011. Brechts Theater ist in Korea noch jung. Erst ab 1988 durfte es gespielt werden; vorher galt der Autor als gefährlicher Kommunist, den die (auch angehenden) Professoren zwar studieren, aber nicht lehren und die Theater nicht spielen durften. Im Demokratisierungsprozess aber spielte Brechts Gesellschaftskritik dennoch eine mitentscheidende Rolle. Wie immer ließ sich das mehrdeutige Wort der Dichter subtiler als Kritik an der Diktatur einsetzen als die direkten Phrasen der Politik.

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Panzersoldaten, ein Hund und Jelineks Sofa

von Thomas Irmer

Warschau, 6. April 2011. Ein riesiges Banner wirbt für das Theatertreffen am nicht eben kleinen Kulturpalast, der inzwischen von modernen Hochhäusern umbaut ist. Um das wievielte Warszawskie Spotkania Teatralne es sich handelt, dafür ist die Zählung ins Stocken gekommen. Denn letztes Jahr, es war schon alles rundum vorbereitet, wurde es kurzfristig abgesagt wegen des Absturzes der Regierungsmaschine bei Smolensk. An diesem Sonntag jährt sich das Unglück, und der Direktor des polnischen Theaterinstituts Maciej Nowak verwendet sein Grusswort auf eine nochmalige Verteidigung dieser Entscheidung, die in Theaterkreisen nicht unumstritten war. Offiziell sei es nun, so schlägt er vor, die 30./31. Ausgabe der renommierten Veranstaltung, und tatsächlich werden auch Inszenierungen gezeigt, die 2010 eingeladen waren.

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Das Chaos herrscht

von Georg Kasch

Budapest, 22. Februar 2011. In Deutschland, Österreich und der Schweiz inszenieren sie an Stadt- und Staatstheatern. Sie werden zu Festivals eingeladen, gefeiert und intensiv diskutiert: Regisseure wie Viktor Bodó, Kornél Mundruczó, Béla Pintér und Árpád Schilling. In Ungarn hingegen, wo sie ihre Handschriften entwickelt haben, steht die Theaterszene zunehmend unter Druck.

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Was Orgon in den Ruin treibt

von Ute Nyssen

Paris, Januar 2011. Gibt es ein dem deutschen vergleichbares französisches "Regietheater"? Nein. Gibt es keine eigenwilligen Regisseure mit überzeugendem Zugriff auf den Text? Doch. Aber sie repräsentieren keine Strömung, müssen sich als Einzelkämpfer durchschlagen. Ich möchte auf drei aufmerksam machen: Gwénaël Morin und Francois Orsoni, die sich schon einiger Erfolge erfreuen und Thomas Jolly als Beginner. Ihre Ästhetik lässt sich nur individuell beschreiben.

Körperkunst nach den Katastrophen

von Sascha Just

September 2010. In diesem Sommer, als sich wie alljährlich der New Yorker Theaterbetrieb von Broadway bis Off-Broadway in der Sommerpause oder bei Freiluftshows wie "Shakespeare in the Park" erholte, wollte die politische Bühne nicht zur Ruhe kommen. Zwischen Teaparty und der aus Opposition gegründeten Coffeeparty, der Kontroverse um das Islam Kultur Zentrum nahe Ground Zero und den Immigrationsgesetzen in Arizona lag Amerika mit sich im Streit. Für konkrete Antworten von Theatermachern auf diese Themen ist es zu früh, doch ein Blick auf die Off-Off Theaterszene illustriert, wie weit kulturelle Welten in den USA auseinanderklaffen können.

Der nahrhafte Rest

von Michael Laages

São Paulo, August 2010. In den besten Familien kommt das ja vor: zwei Kulturen, im Körper und im Kopf. Und es ist auch gar nichts Besonderes daran - die Eltern zum Beispiel von Nathalie Suck, die auf der Bühne "Fari" heißt, hatten halt mit dem Wirtschaftsboom der 60er und 70er Jahre Deutschland verlassen, um anderswo auf der Welt das kleine (und vielleicht eben etwas größere) Glück der modernen Arbeitswelt zu finden. Und so wurde der Vater Einkaufsleiter bei einem der großen deutschen Autobauer, die in Brasiliens Wirtschaftsmetropole Sao Paulo Filialen eröffneten, um von dort aus oft ganz Latein- oder Südamerika mit Autos und Zubehör zu versorgen.

Populärtheater aus Tampere

von Stefan Bläske

Tampere, August 2010. Sie saunieren gemeinsam, trinken, reden, tanzen. Die Stimmung auf dem Theaterfestival Teatterikesä in Tampere, 25 Flugminuten nördlich von Helsinki, ist wohlig warm und feucht fröhlich. Künstler und Kritiker, Festivalmacher und Funktionäre verteilen sich bei diesem ältesten und größten skandinavischen Festival auf über 100 Veranstaltungsorte in der ganzen Stadt. Nachts trifft man einander in der kuschligen Kneipe Telakka - und diskutiert natürlich übers Theater.

Verpönt, anarchisch, spektakulär

von Sascha Just

New York, Juni 2010. Chaos zelebrieren, Selbstbilder hinterfragen – das ist es, was derzeit in der New Yorker Off-Szene betrieben wird. Passend für eine Zeit, in der Amerika von Ökologie bis Ökonomie mit Krisenbewältigung beschäftigt ist.

Drehbühne durch die Zeit

von Anne Phillips-Krug

Buenos Aires, Juni 2010. Mariano Pensottis Stück "El pasado es un animal grotesco" (Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier) beginnt mit Szenen in Buenos Aires am 22. Juni 1999: Mario schaut sich mit seiner Freundin ihre Lieblingsszenen aus den Filmen von Jaques Demy an. Laura spricht in einem Vorort von Buenos Aires eine Abschiedsbotschaft für ihre Familie aufs Tonband, bevor sie sich mit den Ersparnissen ihres Vaters auf den Weg nach Paris macht. Pablo findet eine Kiste mit einer abgeschnittenen Hand vor seiner Tür, die sein Leben bis zum Ende beeinflussen wird, und Vicky erfährt von der zweiten Familie ihres Vaters, - mit einer ihr zum Verwechseln ähnlichen Tochter.