Zerstörerische Debatte

von Simon van den Berg

März 2012. Die vergangenen Monate waren sehr seltsam. Im Juni hatte sich die gesamte niederländische Kunstwelt zusammengeschlossen und gegen die Sparbeschlüsse protestiert. Aber genauso schnell verebbten die Proteste auch wieder; fortan blieben alle verdächtig ruhig, um nicht zu sagen: apathisch. Man konnte förmlich dabei zuschauen, wie die niederländische Konsenskultur wieder mal Schwerstarbeit leistete.

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Den Pfeil auf die Sterne richten

von Marcus Hladek

Rom, 17. September. Wenige Schritte nur trennen das Teatro Valle, seit Mitte Juni Teatro Valle Occupato, von der Hauptachse der Innenstadt. Die feiert westlich als Corso Vittorio Emanuele die Gründermonarchie, ehrt ostwärts als Via del Plebiscito so schroff wie plötzlich deren Absetzung und erinnert mit der "Via delle Botteghe Oscure" an Zeiten, da die alte KPI hier saß. In Süd-Nord-Richtung geht es von der Macht der Kirche, nämlich S. Andrea della Valle, an einem faschistischen Prunkbau vorbei direkt zur Via del Teatro Valle.

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Ökologisches Prinzip gesucht

von Eva Löbau

Rom, 7. Juli 2011. Plötzlich steht der Sänger mitten unter uns. Seine Arie "Sposa son disprezzata" aus der Oper "Bajazet" von Antonio Vivaldi führt uns zurück zu den Anfängen dieses Theaters, das 1726 als Musikbühne begann. Damit ist die Pressekonferenz im Teatro Valle eröffnet nach 22 Tagen der Okkupation. Der Saal ist voll.

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Der Widerstand wächst

von Eva Löbau

Rom, Juni 2011. Jeden Abend gegen 20 Uhr öffnet sich zur Zeit das Tor des Teatro Valle mitten im historischen Zentrum Roms und eine Menge von Leuten strömt heraus, die man vorher hier nicht eintreten gesehen hat. Denn hinein ging's über den Bühneneingang, auf der anderen Seite des Häuserblocks, nachmittags ab halb fünf. Jetzt verstopfen diese Leute die enge, befahrene Via del Teatro Valle. Sie verstreuen sich nicht. Im Gegenteil, noch mehr kommen dazu, lungern herum, bis kurz nach neun sich das Tor wieder öffnet und den Eintretenden das Programm des Abends in die Hand gedrückt wird, das umseitig ein Flugblatt ist.

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Mit dem Rücken zum Publikum?

von Simon van den Berg

Amsterdam, 23. Juni 2011. Am kommenden Montag, den 27. Juni, wird das niederländische Parlament über tiefgehende Einschnitte im niederländischen Kulturetat befinden. Die Minderheitsregierung aus liberaler VVD und christlich-konservativer CDA, unterstützt durch die rechtspopulistische PVV (unter Vorsitz von Geert Wilders), beabsichtigt, den Kunstetat von rund 950 auf 750 Millionen Euro abzusenken. Diese Kürzungen sind nicht gleichmäßig verteilt. Insbesondere die darstellenden Künste (Performing Arts) werden von einer Kürzung ihres Budgets um circa 46 Prozent betroffen sein.

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Was durch schmale Schlitze dringt

von Ute Nyssen

Paris, Mai 2011. Joël Pommerat hat den Quantensprung geschafft. Die französische Tageszeitung "Libération" widmete seiner letzten Theaterarbeit im März vier volle Seiten. Das sprengt bei "Libé" jeden Rahmen. Die Aufführungsserie seines neuesten Stücks "Ma chambre froide" am Théâtre de l'Odéon war ab der zweiten Vorstellung ausverkauft. Mit diesem Stück wurde nicht allein die Probe aufs Exempel erbracht, dass Frankreich wieder einen bedeutenden zeitgenössischen Dramatiker vorzuweisen hat, sondern ebenso die, dass das französische Subventionssystem bei seinem Werdegang hilfreich sein konnte. Denn es unterstützt und bevorzugt das Theatermodell Schauspieltruppe, und Pommerat als Bühnenautor und Regisseur nutzte dieses Angebot: er ist Gründer einer eigenen Truppe, der Compagnie Louis Brouillard, und sein Durchbruch verdankt sich auch deren Leistung. Seine Schauspieler wurden im Odéon mit enthusiastischem Beifall bedacht. Im April 2011 schließlich folgten Auszeichnungen mit dem "Molière" für das beste Stück und zum ersten Mal für den 1963 geborenen Pommerat als Dramatiker.

Right here, right now

von Jan Lazardzig

Chicago, 1. Mai 2011. Historische Reenactments waren die längste Zeit in den Händen von heißblütigen Freizeithistorikern, kriegsverliebten Kostümfetischisten und national gestimmten Memorabiliensammlern. Nun machen sich in Pittsburgh (Howling Mob Society) und Chicago (Pocket Guide to Hell) Akteure der Freien Szene daran, die vielleicht amerikanischste aller Theaterformen (neben American Football) für ihre Zwecke umzuwidmen.

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Die Verrenkungen des Verübers

von Jan Knopf

Seoul, April 2011. Brechts Theater ist in Korea noch jung. Erst ab 1988 durfte es gespielt werden; vorher galt der Autor als gefährlicher Kommunist, den die (auch angehenden) Professoren zwar studieren, aber nicht lehren und die Theater nicht spielen durften. Im Demokratisierungsprozess aber spielte Brechts Gesellschaftskritik dennoch eine mitentscheidende Rolle. Wie immer ließ sich das mehrdeutige Wort der Dichter subtiler als Kritik an der Diktatur einsetzen als die direkten Phrasen der Politik.

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Panzersoldaten, ein Hund und Jelineks Sofa

von Thomas Irmer

Warschau, 6. April 2011. Ein riesiges Banner wirbt für das Theatertreffen am nicht eben kleinen Kulturpalast, der inzwischen von modernen Hochhäusern umbaut ist. Um das wievielte Warszawskie Spotkania Teatralne es sich handelt, dafür ist die Zählung ins Stocken gekommen. Denn letztes Jahr, es war schon alles rundum vorbereitet, wurde es kurzfristig abgesagt wegen des Absturzes der Regierungsmaschine bei Smolensk. An diesem Sonntag jährt sich das Unglück, und der Direktor des polnischen Theaterinstituts Maciej Nowak verwendet sein Grusswort auf eine nochmalige Verteidigung dieser Entscheidung, die in Theaterkreisen nicht unumstritten war. Offiziell sei es nun, so schlägt er vor, die 30./31. Ausgabe der renommierten Veranstaltung, und tatsächlich werden auch Inszenierungen gezeigt, die 2010 eingeladen waren.

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Das Chaos herrscht

von Georg Kasch

Budapest, 22. Februar 2011. In Deutschland, Österreich und der Schweiz inszenieren sie an Stadt- und Staatstheatern. Sie werden zu Festivals eingeladen, gefeiert und intensiv diskutiert: Regisseure wie Viktor Bodó, Kornél Mundruczó, Béla Pintér und Árpád Schilling. In Ungarn hingegen, wo sie ihre Handschriften entwickelt haben, steht die Theaterszene zunehmend unter Druck.