Das Theater und die Nachfahren der französischen Revolution

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2010. In Frankreich existieren unzählige Theatertruppen, allein in Paris und Umgebung wird, auf Basis einer Umfrage durch die "Association Opale" von 800 gesprochen. Dass aber die des Regisseurs Sylvain Creuzevault, "d'ores et déjà" (Hier und Jetzt), nicht allein zuhause Furore macht, sondern gleich mehrfach ins Ausland eingeladen wird, ist ungewöhnlich. In diesem Sommer wird d'ores et déjà beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele zu sehen sein, 2007 war die Gruppe bereits bei den Wiener Festwochen zu Gast. In Paris werden sie regelmäßig zum renommierten Festival d'Automne eingeladen.

Theater des Lebens, Theater des Todes

zusammengestellt, übersetzt und eingeleitet von Wojtek Klemm

Warschau, April 2010. Nicht nur die Intellektuellen kritisieren die von der katholischen Kirche gelenkte und politisch ausgemünzte Staatstrauer in Polen nach dem Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem der Präsident der Republik, seine Frau, die Spitze des Militärs und zahlreiche andere Würdenträger des Nachbarlandes starben. Auch unter Künstlern gibt es teilweise heftigen Widerspruch.

Für wen wir spielen

von Avishai Milstein

Tel Aviv im Frühjahr, 2010. Die Strände verlocken bereits seit Mitte März mit idealen Badebedingungen. Die Börse erreichte vorgestern die höchsten Quoten seit ihrer Entstehung. Immer wieder wachsen neue Wohnhochhäuser über die gerade 101 Jahre alt gewordene weiße Stadt am blauen Meer hinaus. Das rege Nachtleben ermöglicht den Rund-um-die-Uhr-Genuss von Kulinarischem ebenso wie Sinnlichem. Ein Theaterbegeisterter kann hier allabendlich zwischen mehr als 20 verschiedenen Theaterereignissen auf sechs Großbühnen, in sechs Schauspielschulen sowie zahlreichen Kleinbühnen und Off-Zentren wählen, die entsprechend werbelaut überall präsent sind. Alles ist immer ausverkauft, immer überbesucht.

Der Durst nach Dramatik

von Inga Fridrihsone

Riga, April 2010. Der begehrteste Schriftsteller der Vorkriegszeit, der unter dem sowjetischen Regime zu einem der wichtigsten kommunistischen Funktionäre im besetzten Lettland wird und unter anderem die Deportationsbefehle für seine Landesgenossen unterzeichnet; eine melancholische Dichterin der Moderne, deren von Kunst durchströmtem Leben im Jahre 1906 die prosaische Realität der unruhigen Nachrevolutionszeit entgegengesetzt wird; eine lettische Familie in den Winden und Stürmen des 20. Jahrhunderts. Das sind keine Kapitel aus einem lettischen Geschichtsbuch, sondern die Protagonisten in den aktuellen Aufführungen lettischer Gegenwartsdramen am Nationaltheater in Riga.

Die Hoffnung liegt im Dirty Deal

von Inga Fridrihsone

Riga, Januar 2010. Wie jedes Jahr wurde am 23. November 2009 der lettische Theaterpreis verliehen. In den wichtigsten Kategorien wie etwa Regisseur und Inszenierung des Jahres ging der Preis an das Neue Theater Riga (JRT), an dessen künstlerischen Leiter, den Regisseur Alvis Hermanis, und die Schauspieler für die Inszenierungen "Marta aus Zilaiskalns" und "Der Großvater". In seiner Rede sagte Hermanis, die Letten könnten stolz auf ihre Theaterkultur und insbesondere auf ihre Schauspieler sein, das könne er angesichts seiner großen Auslandserfahrung sicher behaupten. Wir seien nicht nur das Volk der Sänger, wie wir uns häufig bezeichnen. Das Volk der Theaterspieler seien wir ebenso.

Was sind zwei Tote gegen einen Völkermord?

von Sarah Heppekausen

Mülheim an der Ruhr, 3. Dezember 2009. Die westafrikanische Theaterszene ist stark vertreten an diesem Abend in Mülheim. Im Ringlokschuppen läuft "Betrügen" mit Performern von der Elfenbeinküste beim Impulse-Festival. Im Theater an der Ruhr startet die Reihe Theaterlandschaften, die diesmal Produktionen aus Benin, Burkina Faso und Mali präsentiert (bis 6. Dezember). Wahrscheinlich nehmen sich die beiden Veranstaltungen gegenseitig ihre Zuschauer weg, zumindest am Raffelbergpark sind am Eröffnungsabend nur wenige Reihen besetzt. Während sich Gintersdorfer/Klaßen in "Betrügen" dezidiert mit interkulturellen Klischees auseinandersetzen, sehen die Zuschauer im Theater an der Ruhr 'rein' westafrikanisches Theater.

Gegen den Ausverkauf der Ideale

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2009. Vor einiger Zeit sorgte in Frankreich ein Artikel in der europäischen Ausgabe des Magazins "Time" für Furore, mit der tendenziösen Frage, was von der französischen Kultur übrig geblieben sei ("Que reste-t-il de la Culture Française?") und der ebenso tendenziösen Antwort: praktisch nichts. Nach Meinung des amerikanischen Journalisten Donald Morrison lässt sich nur totales Abdriften des französischen Geistes ins Mittelmaß diagnostizieren; egal, ob Film, Literatur, Schulsystem, Philosophie, bildende Kunst, Photographie, alles im Eimer. 2008 ist der Artikel leicht ausgewalzt auch als Buch erschienen.

Theater über den Rand

von Elisabeth Wellershaus

London, März 2009. Der Hauptsitz von Cardboard Citizens liegt unter den Bahngleisen an der London Bridge, im Süden der Stadt. In fünfminütigen Abständen rattert es über den runden roten Backsteinbau hinweg. Schüler, Professoren und Hausfrauen stört es kaum. Regelmäßig pilgert ein buntes Publikum in das kleine Fringe Theatre – ins Southwark Playhouse. Vor allem die Inszenierungen und Workshops von Adrian Jackson sind dort mittlerweile legendär. Denn der Leiter von Cardboard Citizens ist dafür bekannt, sein Publikum mit ungewöhnlichen Mitteln aus der Reserve zu locken.

Künstler gegen Kämmerer

von Magda Piekarska

Jelenia Góra, Februar 2009. Die schlesischen Theater nehmen in künstlerischer Hinsicht landesweit vordere Plätze ein. Das aktuelle Ranking des Wochenmagazins "Wprost" listet gleicht fünf schlesische Bühnen unter den ersten zehn. Führend sind die Theater aber auch, was Affären und Konflikte zwischen Intendanten und Lokalpolitikern betrifft. Nach gerichtlich ausgefochtetenen Streitigkeiten zwischen dem Intendanten des Modrzejewska-Theaters in Legnica, Jacek Głomb, und Stadtpolitikern tobt derzeit in Jelenia Góra ein Kampf um das Norwid-Theater und seinen Direktor Wojtek Klemm.

Liebes neues Jahr!

Vera Cruz (Itaparica / Bahia), 26. Dezember 2008. Das hättest Du Dir auch nicht gedacht, dass ausgerechnet Du dieses kleine Deutschland im Zustand des Abstürzens übernehmen musst, nicht wahr? Darum wirst Du genug zu tun haben damit, den ökonomischen Dreck aufzuräumen, den die führenden Gangster des herrschenden Kapitalismus gerade angerichtet haben; gerade so, als wären sie "agents provocateurs" im Geiste des so gern und so oft totgesagten Privat-Philosophen aus Trier, dessen "Marxismus" auf einmal (Ironie dieser schlimmen Geschichte) wie bewiesen daher kommt. Hätten wir nur besser aufgepasst und nachgefragt, wenn die Lehrer in Gemeinschaftskunde früher immer sagten, Wirtschaft sei so schwierig und eigentlich ja nicht zu erklären.