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Was Orgon in den Ruin treibt

von Ute Nyssen

Paris, Januar 2011. Gibt es ein dem deutschen vergleichbares französisches "Regietheater"? Nein. Gibt es keine eigenwilligen Regisseure mit überzeugendem Zugriff auf den Text? Doch. Aber sie repräsentieren keine Strömung, müssen sich als Einzelkämpfer durchschlagen. Ich möchte auf drei aufmerksam machen: Gwénaël Morin und Francois Orsoni, die sich schon einiger Erfolge erfreuen und Thomas Jolly als Beginner. Ihre Ästhetik lässt sich nur individuell beschreiben.

Körperkunst nach den Katastrophen

von Sascha Just

September 2010. In diesem Sommer, als sich wie alljährlich der New Yorker Theaterbetrieb von Broadway bis Off-Broadway in der Sommerpause oder bei Freiluftshows wie "Shakespeare in the Park" erholte, wollte die politische Bühne nicht zur Ruhe kommen. Zwischen Teaparty und der aus Opposition gegründeten Coffeeparty, der Kontroverse um das Islam Kultur Zentrum nahe Ground Zero und den Immigrationsgesetzen in Arizona lag Amerika mit sich im Streit. Für konkrete Antworten von Theatermachern auf diese Themen ist es zu früh, doch ein Blick auf die Off-Off Theaterszene illustriert, wie weit kulturelle Welten in den USA auseinanderklaffen können.

Der nahrhafte Rest

von Michael Laages

São Paulo, August 2010. In den besten Familien kommt das ja vor: zwei Kulturen, im Körper und im Kopf. Und es ist auch gar nichts Besonderes daran - die Eltern zum Beispiel von Nathalie Suck, die auf der Bühne "Fari" heißt, hatten halt mit dem Wirtschaftsboom der 60er und 70er Jahre Deutschland verlassen, um anderswo auf der Welt das kleine (und vielleicht eben etwas größere) Glück der modernen Arbeitswelt zu finden. Und so wurde der Vater Einkaufsleiter bei einem der großen deutschen Autobauer, die in Brasiliens Wirtschaftsmetropole Sao Paulo Filialen eröffneten, um von dort aus oft ganz Latein- oder Südamerika mit Autos und Zubehör zu versorgen.

Populärtheater aus Tampere

von Stefan Bläske

Tampere, August 2010. Sie saunieren gemeinsam, trinken, reden, tanzen. Die Stimmung auf dem Theaterfestival Teatterikesä in Tampere, 25 Flugminuten nördlich von Helsinki, ist wohlig warm und feucht fröhlich. Künstler und Kritiker, Festivalmacher und Funktionäre verteilen sich bei diesem ältesten und größten skandinavischen Festival auf über 100 Veranstaltungsorte in der ganzen Stadt. Nachts trifft man einander in der kuschligen Kneipe Telakka - und diskutiert natürlich übers Theater.

Verpönt, anarchisch, spektakulär

von Sascha Just

New York, Juni 2010. Chaos zelebrieren, Selbstbilder hinterfragen – das ist es, was derzeit in der New Yorker Off-Szene betrieben wird. Passend für eine Zeit, in der Amerika von Ökologie bis Ökonomie mit Krisenbewältigung beschäftigt ist.

Drehbühne durch die Zeit

von Anne Phillips-Krug

Buenos Aires, Juni 2010. Mariano Pensottis Stück "El pasado es un animal grotesco" (Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier) beginnt mit Szenen in Buenos Aires am 22. Juni 1999: Mario schaut sich mit seiner Freundin ihre Lieblingsszenen aus den Filmen von Jaques Demy an. Laura spricht in einem Vorort von Buenos Aires eine Abschiedsbotschaft für ihre Familie aufs Tonband, bevor sie sich mit den Ersparnissen ihres Vaters auf den Weg nach Paris macht. Pablo findet eine Kiste mit einer abgeschnittenen Hand vor seiner Tür, die sein Leben bis zum Ende beeinflussen wird, und Vicky erfährt von der zweiten Familie ihres Vaters, - mit einer ihr zum Verwechseln ähnlichen Tochter.

Das Theater und die Nachfahren der französischen Revolution

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2010. In Frankreich existieren unzählige Theatertruppen, allein in Paris und Umgebung wird, auf Basis einer Umfrage durch die "Association Opale" von 800 gesprochen. Dass aber die des Regisseurs Sylvain Creuzevault, "d'ores et déjà" (Hier und Jetzt), nicht allein zuhause Furore macht, sondern gleich mehrfach ins Ausland eingeladen wird, ist ungewöhnlich. In diesem Sommer wird d'ores et déjà beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele zu sehen sein, 2007 war die Gruppe bereits bei den Wiener Festwochen zu Gast. In Paris werden sie regelmäßig zum renommierten Festival d'Automne eingeladen.

Theater des Lebens, Theater des Todes

zusammengestellt, übersetzt und eingeleitet von Wojtek Klemm

Warschau, April 2010. Nicht nur die Intellektuellen kritisieren die von der katholischen Kirche gelenkte und politisch ausgemünzte Staatstrauer in Polen nach dem Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem der Präsident der Republik, seine Frau, die Spitze des Militärs und zahlreiche andere Würdenträger des Nachbarlandes starben. Auch unter Künstlern gibt es teilweise heftigen Widerspruch.

Für wen wir spielen

von Avishai Milstein

Tel Aviv im Frühjahr, 2010. Die Strände verlocken bereits seit Mitte März mit idealen Badebedingungen. Die Börse erreichte vorgestern die höchsten Quoten seit ihrer Entstehung. Immer wieder wachsen neue Wohnhochhäuser über die gerade 101 Jahre alt gewordene weiße Stadt am blauen Meer hinaus. Das rege Nachtleben ermöglicht den Rund-um-die-Uhr-Genuss von Kulinarischem ebenso wie Sinnlichem. Ein Theaterbegeisterter kann hier allabendlich zwischen mehr als 20 verschiedenen Theaterereignissen auf sechs Großbühnen, in sechs Schauspielschulen sowie zahlreichen Kleinbühnen und Off-Zentren wählen, die entsprechend werbelaut überall präsent sind. Alles ist immer ausverkauft, immer überbesucht.

Der Durst nach Dramatik

von Inga Fridrihsone

Riga, April 2010. Der begehrteste Schriftsteller der Vorkriegszeit, der unter dem sowjetischen Regime zu einem der wichtigsten kommunistischen Funktionäre im besetzten Lettland wird und unter anderem die Deportationsbefehle für seine Landesgenossen unterzeichnet; eine melancholische Dichterin der Moderne, deren von Kunst durchströmtem Leben im Jahre 1906 die prosaische Realität der unruhigen Nachrevolutionszeit entgegengesetzt wird; eine lettische Familie in den Winden und Stürmen des 20. Jahrhunderts. Das sind keine Kapitel aus einem lettischen Geschichtsbuch, sondern die Protagonisten in den aktuellen Aufführungen lettischer Gegenwartsdramen am Nationaltheater in Riga.