Künstler gegen Kämmerer

von Magda Piekarska

Jelenia Góra, Februar 2009. Die schlesischen Theater nehmen in künstlerischer Hinsicht landesweit vordere Plätze ein. Das aktuelle Ranking des Wochenmagazins "Wprost" listet gleicht fünf schlesische Bühnen unter den ersten zehn. Führend sind die Theater aber auch, was Affären und Konflikte zwischen Intendanten und Lokalpolitikern betrifft. Nach gerichtlich ausgefochtetenen Streitigkeiten zwischen dem Intendanten des Modrzejewska-Theaters in Legnica, Jacek Głomb, und Stadtpolitikern tobt derzeit in Jelenia Góra ein Kampf um das Norwid-Theater und seinen Direktor Wojtek Klemm.

Liebes neues Jahr!

Vera Cruz (Itaparica / Bahia), 26. Dezember 2008. Das hättest Du Dir auch nicht gedacht, dass ausgerechnet Du dieses kleine Deutschland im Zustand des Abstürzens übernehmen musst, nicht wahr? Darum wirst Du genug zu tun haben damit, den ökonomischen Dreck aufzuräumen, den die führenden Gangster des herrschenden Kapitalismus gerade angerichtet haben; gerade so, als wären sie "agents provocateurs" im Geiste des so gern und so oft totgesagten Privat-Philosophen aus Trier, dessen "Marxismus" auf einmal (Ironie dieser schlimmen Geschichte) wie bewiesen daher kommt. Hätten wir nur besser aufgepasst und nachgefragt, wenn die Lehrer in Gemeinschaftskunde früher immer sagten, Wirtschaft sei so schwierig und eigentlich ja nicht zu erklären.

Operation Windrush

von Elisabeth Wellershaus

London, Dezember 2008. Die Empire Windrush erreichte 1948 die Küste Großbritanniens. Der britische Truppentransporter war auf dem Weg von Australien nach Großbritannien gewesen und hatte unterwegs in Kingston Halt gemacht. Eine Anzeige in einer jamaikanischen Zeitung hatte für günstigen Transport nach England geworben. Und so befanden sich 492 karibische Passagiere an Bord – Nachkommen von Sklaven, die in Europa ein neues Leben beginnen wollten. Diesen knapp 500 Migranten sollten viele weitere folgen, und sie sollten das demografische Bild Großbritanniens für immer verändern.

Müllsäcke, die sich von allein bewegen

von Dorothea Marcus

Mülheim, 18. November 2008. Bei all den Katastrophen, die man aus Afrika hört, mutet es immer wieder erstaunlich an, dass es dort auch ganz anders zugeht. Zum Beispiel in Benin, einem schmalen Staat in Westafrika mit 8,1 Millionen Einwohnern. Abgesehen davon, dass er die historische Wiege des Voodoo-Kults ist und eine Analphabetenrate von fast 70 Prozent hat, gilt der Benin seit 1990 als Vorzeigeland der afrikanischen Demokratien. Es war 2005 das erste afrikanische Land, das öffentlich die weibliche Genitalverstümmelung abschaffte. Die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" hebt immer wieder die dort herrschende Pressefreiheit hervor. Und alle zwei Jahre findet in Contonou, eine der größten Städte, das FITHEB (Festival International de Théâtre du Benin) statt.

Obrigkeitsstaatliche Rechnung ohne Wirt gemacht?

von Ute Nyssen

Paris, 13. Oktober 2008. Ein bedenklicher administrativer Anschlag auf das Theater MC93 in Bobigny (einer der heiklen "Banlieue" von Paris) kann möglicherweise vereitelt werden. Das wäre ein Grund zum Feiern auch für die deutsche Theaterszene.

Die Kreuzigung der bärtigen Jungfrau

von Anna R. Burzyńska

Krakau, September 2008. Wie in Deutschland, gleichen Theaterlaufbahnen auch in Polen dem Erklimmen einer Leiter. Die Sprossenfolge markiert eine historisch gewachsene Theaterhierarchie, an deren Spitze Warschau mit dem Teatr Narodowy und an zweiter Stelle Krakau mit dem Stary Teatr, das heißt die ältesten, noch vor dem Verlust der Eigenstaatlichkeit im 18. Jahrhundert gegründeten Bühnen Polens stehen. Dahinter rangieren mit Wrocław, Poznań, Gdańsk, Łódź und Szczecin Regionalzentren, deren Theater im 19. Jahrhundert als deutsch- oder russischsprachige Bühnen entstanden. Und dann folgt der große Rest, die sogenannte Provinz, wo die Theater meist erst im sozialistischen Polen gegründet wurden.

Ums Leben spielen

von Dorothea Marcus

Mülheim, 18. August 2008. Wie besessen von Theater muss man sein, um sich kurz nach der Bombardierung für Proben zu treffen, obwohl es in Bagdad nur noch einen einzigen Spielort gibt und immer noch fast jeden Tag Bombenanschläge verübt werden. Die Autorin und Regisseurin Awatif Naeem und ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur Aziz Khayoun, leiten davon unbeirrt seit Jahren das Mohtaraf-Theater - und waren mit ihrer Inszenierung "Baghdadi Circle of Passion" nach Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" im Theater an der Ruhr in Mülheim zu Gast.

Sternstunden der Alltagsexperimente

von Anne Peter

Tampere, August 2008. Ein Publikum im Quietschvergnügtheitseifer. Es gluckst, kichert, prustet, lacht. Zum Beispiel über einen Schauspieler im Schlittenhundkostüm. Oder über eine als Neandertalerin verkleidete Frau im XXL-Fatsuit, die nicht durch eine Tür passt. Oder über den ob der grönländischen Temperaturen auf dem Klo festgefrorenen Hintern der pubertierenden Tochter dieser Neandertalerin. Dies sind nur einige der zahlreichen Fröhlichkeitsanlässe in der finnischen Klimakatastrophen-Komödie "Kohti Kylmempää" ("Towards Colder Climates"), bei der die persönlichen Herzensnöte auf Polar-Expedition mutmaßlich das arktische Eis zum Schmelzen bringen.

Franz, der Frosch, in Fortaleza

von Michael Laages

São Paulo, Juli 2008. Weit rum gekommen ist sie ja schon – aber ob Cora Frost wohl jemals zuvor in Brasilien Geburtstag gefeiert hat? Jetzt war das gerade so – die Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin, eine der eigenwilligsten und deshalb bedeutendsten Chanson-Frauen im deutschsprachigen Raum, gehört zum "Kulturfest", das seit Anfang Juli durch Brasilien reist. In vierzehn Städten zwischen Blumenau im tiefen Südosten und Belém im nordwestlichten Amazonas-Delta wird sie Fausts Gretchen spielen und singen.

Gegen die Wand

von Anne Peter

Minsk, 1. Juli 2008. Schnurstracks nach Osten. 18 Schlafwagenstunden, 960 Kilometer Luftlinie, zwei Ländergrenzen und sehr viel flaches, grünes Land liegen zwischen Berlin und der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Das sind drei Fünftel der Strecke nach Moskau.