Räume hacken, aber welche?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. Juli 2019. Es brechen der Stadt die Orte weg, an denen die Gesellschaft sich selbst öffentlich verhandeln kann. Das sagt der Stadtsoziologe Andrej Holm. Neben ihm sitzt auf dem abendlichen Panel im Berliner Club "Mensch Meier" eine Aktivistin, die genau um so einen Ort kämpft. Sie erzählt von einer Brache in Neukölln, die sie mit anderen zusammen erschlossen hat als Biotop einer diversen Stadtgesellschaft. Die Brache habe sofort Verständigungsprobleme produziert: Die eine will feiern, der andere in Ruhe im Garten abhängen. Wenn der Verhandlungs-Ort erhalten werden soll, muss seine mikrokosmische Gesellschaft sich dort selbst verhandeln – und klare Kompromisse finden.

Avantgardisten der Nutzlosigkeit

von Thomas Rothschild

3. Juli 2019. Die liebste Frage von Radiomoderatoren, wenn sie mit Theaterleuten reden, lautet: "Kann das Theater die Welt verändern?" Kein Mensch fragt: "Kann ein gutes Essen die Welt verändern?" oder "Kann Fußball die Welt verändern?" Hinter der Frage verbirgt sich eine Prämisse. Wenn Theater die Welt nicht verändern kann, dann hat es keine Existenzberechtigung, zumindest keinen Anspruch auf Steuergelder. Es ist dann, ganz im Sinne der russischen Utilitaristen des 19. Jahrhunderts, überflüssig.

Sehen wir hin!

von Thomas Bockelmann

27. Juni 2019. Hallo Zusammen, schön, dass sie alle da sind! Zunächst ein paar persönliche Sätze zu Walter Lübcke: Er war ein großer, zugewandter, bodenständiger, humorvoller Mann mit Zivilcourage. Und dass diese ihm wohl das Leben gekostet hat, möge dafür sorgen, dass wir alle nur noch couragierter werden! Walter Lübcke war wie ein Baum. Und es ist ein merkwürdiger Zufall, dass ziemlich zeitnah zu seiner Ermordung auf dem Weg hinter dem Regierungspräsidium, den ich jeden Morgen mit dem Rad zum Theater fahre, eine große Eiche einem Sturm zum Opfer fiel. Daran denke ich jetzt jeden Tag, wenn ich vorbeifahre. Es ist eine Schande, wie er ums Leben gekommen ist. Und es ist eine Schande, wie vorher und hinterher gegen ihn in rechten Netzwerken gehetzt worden ist. Aber irgendjemand hat mal gesagt: "Solange wir in Sympathie und Hochachtung an einen Verstorbenen denken, lebt er in gewisser Weise weiter." Also lassen Sie uns alle noch sehr lange an Walter Lübcke denken.

Fünfzehnter Brief

"Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (Friedrich Schiller)

Der spielende Mensch

von Olga Grjasnowa

29. Juni 2019. Was ist ein spielender Mensch? Im Prinzip ist er unser Zeitgenosse. Ein Hipster. Ein RTL2-Zuschauer. Einer von der Latte-Macchiato-Fraktion, wie es sie nur noch in der Provinz gibt. Viele Mutmaßungen über ihn und sie stehen im Raum. In Zeiten der Selbstoptimierung, in denen selbst das Aufräumen zu einem Event mit therapeutischer Wirkung erhoben wird, hat das Spiel etwas zutiefst archaisches und zugleich zeitgenössisches. Es handelt sich um verschwendete, nicht genutzte Zeit. Einer der wenigen verbliebenen Freiräume. Das Spiel ist heute allgegenwärtig: Candy-Crush-Saga auf den Handys, Brettspiele für Erwachsene, Instagram, die Kommentarspalten der Zeitungen – und dennoch haben diese Spiele nichts mit "Schönheit" zu tun. Eigentlich auch nichts mit dem Spiel, zumindest mit dem intellektuellen. Die Schönheit geht uns verloren. Vielleicht nehmen wir sie nicht ernst genug. Womöglich haben wir sie einfach verspielt.