Im Klammergriff des Für und Wider

von Dirk Pilz

Oktober 2008. Es gibt in Nicolas Stemanns Inszenierung Die Räuber eine prägnante Szene, in der vier verschwitzte Männer an der Stahlblechrampe thronen und im Chor "Freiheit!" skandieren. Die vier Herren leihen ihre Körper hier dem revoltierenden Karl Moor, der unter Freiheit die Lossagung von jeglicher Tyrannei begreift. Die nächste Sequenz dieses im Sommer bei den Salzburger Festspielen herausgekommenen und jetzt ans Hamburger Thalia Theater übernommenen Abends ist dagegen ein wildes Stimmen-Wirrwarr desselben Chorquartetts, das sich um den Satz "Ich will alles um mich her ausrotten" windet. Es ist ein Wutausruf des Karl-Bruders Franz, der Freiheit als Freibrief zur grenzenlosen Selbstdurchsetzung begreift.

Ein Märchen aus Thüringen

von Nikolaus Merck

Berlin, 8. Oktober 2008. Wir lieben Weimar!

Kaum hat die Stadt das Haus der Frau von Stein (Goethe! Lotte! Werther!) an einen spanischen Kunsthändler verkauft, der dort angeblich Salvador Dali ausstellen will, was zweifelsfrei der Stadt von Klassik, Bauhaus und Buchenwald gerade noch gefehlt hat, kaum also hat sich das geistige Butzenscheibenstädtchen den Zorn der Bildungsbürger links und rechts von Elbe und Ilm zugezogen, stampft es in den nächsten Fettnapf rein.

Agent der Alltagsvernunft

von Nikolaus Merck

Berlin, 26. September 2008. Und dann rumpelte es hinten an der Tür. Doch erst als das Glucksen des Publikums und das Ächzen eines Mannes nicht mehr zu überhören waren, wandten wir uns um und – hielten die Luft an. Haben Sie schon mal versucht, ein Dreisitzersofa alleine durch den schmalen Gang eines Zuschauerraums auf die Bühne zu wuchten?

Die Gattung Mensch an sich

Erfolgreicher Volkstheater-Trash im Kiez. Eine Systemerkundung

von Esther Slevogt

Berlin, Dezember 2006. Die Perücken sind billig und die Outfits schrill. Wichtigstes Bühnenrequisit ist ein gammeliger Dönerspieß aus Pappmachée. Ansonsten wird vorzugsweise vor einer scheußlichen Fototapete gespielt – eine Kulisse, die selbst Schlingensief-Bühnen wie Nachbauten aus dem Schöner-Wohnen-Katalog aussehen lässt.