Die Gattung Mensch an sich

Erfolgreicher Volkstheater-Trash im Kiez. Eine Systemerkundung

von Esther Slevogt

Berlin, Dezember 2006. Die Perücken sind billig und die Outfits schrill. Wichtigstes Bühnenrequisit ist ein gammeliger Dönerspieß aus Pappmachée. Ansonsten wird vorzugsweise vor einer scheußlichen Fototapete gespielt – eine Kulisse, die selbst Schlingensief-Bühnen wie Nachbauten aus dem Schöner-Wohnen-Katalog aussehen lässt.

Aufrechter mit Tendenz zum Bockigsein

von Wolfgang Behrens

15. Juli 2008. Zum ersten Mal habe ich Fritz Marquardt 1990 in Frankfurt am Main gesehen. Marquardts Inszenierung "Germania Tod in Berlin" vom Berliner Ensemble war zu der Heiner-Müller-Werkschau "Experimenta 6" eingeladen worden, und an einem Sonntagnachmittag fand eine dieser meist so fruchtlosen Publikumsdiskussionen statt. Diese jedoch sollte sich einprägen.

Im Strudel der Leistungsgesellschaft

von Dirk Pilz

Juli 2008. Als im Juni 1797 Schiller eine frühe Fassung von Goethes "Faust" liest, wird ihm schwindelig. Denn für die "hoch aufquellende Masse" dieses Stoffes, schreibt er an den Freund, wüsste er "keinen poetischen Reif", der ihn zusammenhält. Goethe bedankt sich für die "Bemerkungen" und verspricht, dafür Sorge zu tragen, dass beide Tragödienteile "anmutig und unterhaltend sind und etwas denken lassen". Er hat sein Versprechen gehalten: Der "Faust" ist auch ein im besten Sinne unterhaltendes Stück Theaterliteratur.

Am besten Bemerkenswert

von Hartmut Krug

Berlin, Juni 2008. Berichte von der Juryarbeit für das Theatertreffen gleichen nicht selten folkloristisch-ethnographischen Schilderungen. Da ist von überfüllten Zügen und einsamen Hotelaufenthalten, von Termin-Hetze und Reise-Stress, von Publikumsirritation oder (natürlich falschem) Abonnentenjubel die Rede. All das aber unterscheidet sich nicht vom Alltag eines reisenden, normalen Theaterkritikers. Was die Reisearbeit der Theatertreffen-Juroren besonders macht, das ist vor allem der auf jedem einzelnen Juror lastende Erklär- und Rechtfertigungsdruck. Er droht nicht nur von der gesamten Fachszene, die die endgültige Auswahl kommentiert, kritisiert  und analysiert, sondern jeder Juror empfindet ihn von Anfang an, gegenüber sich selbst und gegenüber den Jurykollegen.