Zuschauen, wie es vergeht

von Katrin Bettina Müller

Berlin, 11. Juni 2009. Der Raum war eng geworden zuletzt, ein schmaler Streifen Bühne, der knapp ein Aneinander-Vorbei der Schauspieler zuließ. Ihre Körper rückten bis zur Verknotung zusammen, die Stimmen legten sich polyphon übereinander im Chor. Idomeneus, die, wie man seit gestern weiß, letzte Inszenierung von Jürgen Gosch, bestach wieder wie so viele seiner Inszenierungen der letzten Jahre durch das Weglassen von allem Überflüssigen. Wie man sich da konzentrieren konnte, wie man den gewundenen Sätzen, die Roland Schimmelpfennig seinem der Antike entlaufenen Personal in den Mund legte, folgen konnte bis in die feinen Verästelungen, mit denen sie ihre Geschichte wieder und wieder neu interpretieren und verschiedene Varianten ausprobieren. Was da alles an Bildern im Kopf entstand, umspannte mit ungeheurer Leichtigkeit den Zeitraum von alten Mythen bis in eine Gegenwart, die mit großen Erzählungen, Kriegern und Helden so ihre Probleme hat. Es war lustig und es war reflexiv auf der Höhe der Zeit.

Das Erbe deutscher Kleinstaaterei

7. Juni 2009. Eben bekomme ich eine Mail von Peter Uehling, Musikkritiker der Berliner Zeitung. Sie hebt an mit der Frage: "Behrens, hast du diesen Wisch auch bekommen?" Mit dem Wisch meint Uehling eine Resolution der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins.

Radikaler Brechtianismus

15. Mai 2009. Es ist ein Glaubenssatz der wohlsituierten Theaterkritik, dass mit dem Regisseur Volker Lösch ein böser Posaunenengel des Agitprop-Theaters die Bühnen in Stuttgart, Hamburg und Dresden und jetzt auch des Theatertreffens erobert hätte. Was soll das heißen, Agitprop? Agitation? Propaganda? Aber für was und wen? Die Feuilletons der Meinung machenden Gazetten wollen wissen, der Lösch propagiere plumpen Anti-Kapitalismus.

Als ob dort vor allem Affen leben

von Petra Kohse

Berlin, 13. Mai 2009. Ein passenderer Ort wird in Berlin kaum zu finden sein: Das Goethe Institut stellte sein europaweites Theaterprojekt "After the Fall" am Mittwoch im ehemaligen "Haus des Reisens" am Alexanderplatz vor. Genauer: Im 12. Stock des 1971 erbauten Hochhauses, in dem zu Ostzeiten das Reisebüro der DDR und Interflug residierten. Insgesamt gibt es 17 Geschosse. Aber schon im 12., aus den Räumen des Week-End-Clubs heraus, suggeriert ein einziger Blick auf Berlin mehr Urbanität, als sich unten und in Echtzeit im Laufe eines ganzen Jahres erfahren lässt. Draufsicht also, und zwar nicht nur hier, sondern vor allem anderswo.