Der Eigenbrötler

von Lena Schneider

Edinburgh 30. August 2007. Er habe ein Schmetterlingshirn, sagt Neil Doherty unvermittelt, "a butterfly mind". Wir streifen durch die Irrgänge der "Arches", auf der Suche nach einem ruhigen Ort für unser Gespräch. The Arches, ein Theater in bunkerartigen Hallen unter der Glasgower Central Station, eignet sich gut für Irrgänge. Fensterlos, düster, undurchsichtig. "Es fällt mir schwer, voraus zu denken, meine Gedanken sind immer überall." Tatsächlich ist Doherty sprunghaft im Gespräch, assoziativ, oft lässt er Gesten, Geräusche, kurze Momente der Stille, erklären, was er sagen will. Sätze, die nicht funktionieren, lässt er offen. Wir biegen um zwei weitere Ecken und landen in einem fensterlosen Probenraum. Über unseren Köpfen rattert ab und an ein Zug vorbei. Er sagt, das Beste, was an Theater in Schottland momentan entstehe, stamme von hier.

Geschichtsloses Foto-Theater

von Wolfgang Behrens

Berlin, 25. August 2007. In Christoph Rüters Filmporträt über die Schauspielerin Angela Winkler "Sei einfach und stolz" (2004) gibt es einen seltsam bezwingenden Moment. Winklers Lebensgefährte Wigand Witting erzählt, dass ein Kritiker ihr anlässlich von Peter Zadeks "Mutter Courage"-Aufführung am Deutschen Theater Berlin (2003) vorgeworfen habe, sie spiele im Grunde gar nicht. Witting bestätigt das nüchtern: "Angela kann gar nicht schauspielern." Daraufhin bricht Angela Winkler in ein frohes, entwaffnendes Lachen aus – "Ja, stimmt! Ich kann gar nicht schauspielern" – und lässt ihren Blick nach innen gleiten, wo er sich mutmaßlich in unendlichen Tiefen verliert.

Der Entdecker des westdeutschen Nachkriegstheaters

von Hartmut Krug

Berlin, 24. August 2007. Schwerlich hätte sich die Theaterbegeisterung des Hamburger Oberschülers zu einer lebenslangen Profession ausgewachsen, wäre er Anfang der sechziger Jahre nur auf den hohen Kunstton im Deutschen Schauspielhaus und das biedere Bedeutungspathos im Thalia Theater angewiesen gewesen. Doch mein Wochenende gehörte damals Bremen: Samstags und sonntags ging es mit der Bahn in eine andere Theaterwelt. In Bremen lebte und atmete das Theater. Hier war Theater keine vom Alltag abgekoppelte Feierlichkeit, sondern eine kunstvolle Befragung und Bebilderung (auch meines) Alltags. Hier war was los.

Potenzierung des Grauens

von Hans-Christoph Zimmermann

22. August 2007. Die Darstellung des Terrors im Konzentrationslager gehört seit Ende der Nazizeit zu den großen Tabus der Kunst. Je größer der Abstand zum historischen Ereignis, desto löchriger wurde allerdings das Verdikt. Ob Paul Celan, Primo Levi, Martin Sherman, Frank Beyer u.v.m., später dann mit emphatischen Diskussionen auch in Populärformaten wie der Fernsehserie "Holocaust" oder Art Spiegelmans "Mouse"-Comic. Jetzt zeigte die niederländische Theatertruppe Hotel Modern ihre Figurentheater-Produktion "Kamp", zu deutsch "Lager", über Auschwitz bei den Salzburger Festspielen und löste – auch bei Kritikern – begeisterte Reaktionen aus. Warum eigentlich?