Im Strudel der Leistungsgesellschaft

von Dirk Pilz

Juli 2008. Als im Juni 1797 Schiller eine frühe Fassung von Goethes "Faust" liest, wird ihm schwindelig. Denn für die "hoch aufquellende Masse" dieses Stoffes, schreibt er an den Freund, wüsste er "keinen poetischen Reif", der ihn zusammenhält. Goethe bedankt sich für die "Bemerkungen" und verspricht, dafür Sorge zu tragen, dass beide Tragödienteile "anmutig und unterhaltend sind und etwas denken lassen". Er hat sein Versprechen gehalten: Der "Faust" ist auch ein im besten Sinne unterhaltendes Stück Theaterliteratur.

Am besten Bemerkenswert

von Hartmut Krug

Berlin, Juni 2008. Berichte von der Juryarbeit für das Theatertreffen gleichen nicht selten folkloristisch-ethnographischen Schilderungen. Da ist von überfüllten Zügen und einsamen Hotelaufenthalten, von Termin-Hetze und Reise-Stress, von Publikumsirritation oder (natürlich falschem) Abonnentenjubel die Rede. All das aber unterscheidet sich nicht vom Alltag eines reisenden, normalen Theaterkritikers. Was die Reisearbeit der Theatertreffen-Juroren besonders macht, das ist vor allem der auf jedem einzelnen Juror lastende Erklär- und Rechtfertigungsdruck. Er droht nicht nur von der gesamten Fachszene, die die endgültige Auswahl kommentiert, kritisiert  und analysiert, sondern jeder Juror empfindet ihn von Anfang an, gegenüber sich selbst und gegenüber den Jurykollegen.

Ein Kuckuck kann keinen Preis erwarten

von Andrzej Wirth

Halle, 29. Juni 2009. Ein Institut in einem zentralen europäischen Theaterland zelebriert im Rhythmus der Triennale seine Eigenart: Hier wird das Theater – gut oder schlecht, weil Theater der Welt nicht immer Welttheater ist – ernst genommen. Diesmal geschieht es in Halle an der Saale, wo sich die einzige dramatische Szene in Brechts Oeuvre ereignet hat: In "Mutter Courage" trommelt sich die stumme Kathrin in den Tod, um die Stadt vor dem schwedischen Überfall zu warnen.

Der gehörlose Sohn des Musiklehrers

von René Pollesch

Halle, 29. Juni 2008. Ich würde mich als Teil des Lebenswerkes von Andrzej Wirth bezeichnen, für das er heute diesen Preis erhält, und als solches spreche ich zu Ihnen.

Der oder das Teil des Lebenswerkes, das hier jetzt eine Laudatio hält, sieht eines Tages zu, wie die Zuhörerreihen oder auch Zuschauerreihen eines Hörsaals im Philosophicum II der Justus-Liebig-Universität in Gießen weggeflext werden. Endlich! Um Platz für eine Probebühne zu schaffen. Ein Theater ohne Publikum!