Die teuflische Lust am Mittelmäßigen

5. Mai 2021. "Schreiben ist wie Kryptowährung, wenn man früh genug eingestiegen ist, geht's einem gut damit. Aber die Zeit des großen Schreibens liegt einfach zurück", sagt Bonn Park. Und doch ist er Theaterautor geworden, der für seine eigenen Regien und Stückentwicklungen zur Feder greift. Und dafür lustvoll populäre Filmgenres ausschlachtet: Krimi, apokalyptische Action, Horror. Über das Schreiben im Horizont von Hollywood, über die Diskriminierung der jüngeren Generationen und über Deutschlands teuflische Lust an der Mittelmäßigkeit spricht Bonn Park mit nachtkritik.de-Redakteur Christian Rakow.

Gewöhnliche Grenzüberschreitungen?

27. April 2021. Was ist los an den Theatern?, fragen sich die Beobachter*innen derzeit allmedial. Dort, wo sonst die Kunst im Zentrum steht, wird derzeit vor allem diskutiert. Konflikte brechen auf, deren Bearbeitung seit Jahren dringlich ist. Spätestens seit #MeToo ist’s eine Binse: Gerade an den Theatern, an denen man sich moralisch auf der Seite des Guten, Wahren und Schönen wähnt, hält sich zäh eine sexistische, rassistische und diskriminierende Atmosphäre. Deutlich machen das die aktuelle Debatten um das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatsballett Berlin oder die Volksbühne.

Marode moralische Anstalt

von Esther Slevogt

21. April 2021. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche werden einzelne Ereignisse plötzlich zu Triggerpoints. Zwar brechen aus ihnen die unhaltbaren Verhältnisse noch einmal besonders schmerzlich hervor. Gleichzeitig wirken sie auf die bis dahin weitgehend unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle wirkenden Veränderungsprozesse wie Katalysatoren. Denn sie markieren den Punkt, an dem die Prozesse unumkehrbar werden. Der Fall Ron Iyamu könnte so ein Triggerpoint sein: Ein junger Mann, der an einem renommierten Institut eine Ausbildung zum Schauspieler macht, gerät in den real existierenden Theaterbetrieb hinein und erlebt dort im Rahmen und im Namen der Kunstproduktion Dinge, die ihn existenziell angreifen. Versuche, seiner Not innerhalb der Strukturen, in denen sie sich ereignen, Ausdruck zu verleihen, scheitern immer wieder. An Indolenz, an Ignoranz und der nicht hinterfragten Gewissheit des Betriebs, die künstlerischen Produktionsbedingungen (und die eigenen Absichten) seien die bestmöglichen. Wer mit ihnen in Konflikt gerät, ist selber schuld, ist zu schwach, nicht gut genug, führt gar Böses im Schilde. Als der Schauspieler schließlich mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit geht, werden die Risse, die das System längst hat, plötzlich unübersehbar. Aber fangen wir von vorne an.

Pfauen mit Vergangenheit

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. April 2021. "Was das Publikum selber betrifft, so dürften wir nicht vergessen, dass ein Teil der Zürcher, die das alte Schauspielhaus nachträglich als ihr Schauspielhaus bezeichnen, sich täuschen: Damals (ich erinnere mich) war es ein Emigranten-Juden-Marxisten-Theater. Entdeckt haben sie es als Ruhmesblatt nach dem Krieg; als unser Schauspielhaus liebten sie es; je schwächer es wurde." Das schrieb Max Frisch 1969 in seiner "Rede zum Zürcher Debakel". Mit Zürcher Debakel meinte er den Rausschmiss des Intendanten Peter Löffler und des Regisseurs Peter Stein mit jenem Ensemble (Bruno Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever), das dann in Berlin an die Schaubühne ging.