Lob des Kollektivs

von Falk Schreiber

2. April 2020. Gob Squad, Schnauzen-Schwadron. So heißt keine Theatergruppe, so heißt vielleicht eine Band (tatsächlich existiert eine uninteressante dänische Hardrock-Gruppe dieses Namens). Aenne Quiñones beginnt entsprechend ihr Buch "What are you looking at?" über das britisch-deutsche Performancekollektiv mit einer Anekdote: 1992 seien Lou Bottomley, Sarah Thom, Adam King und Sean Patten aus Nottingham zum Glastonbury Festival gefahren, als Theaterstudent*innen hätten sie die Performance Stage mitbespielt und dafür freien Eintritt aufs Gelände gehabt, und noch auf der Autobahn sei ihnen klargeworden, dass man als Festivalact einen griffigen Gruppennamen bräuchte. Die Geburtsstunde Gob Squads, eine Schnapsidee. Schön.

Spektakuläre Spekulanten

von Georg Kasch

24. März 2020. Klingt wie ein Drehbuch-Exposé, ist aber Teil deutscher Geschichte: Zwei jüdische Brüder entscheiden sich, zum Theater zu gehen, werden Autoren, Dramaturgen, Regisseure – und schließlich die dominierenden Theaterdirektoren Berlins. Parallel zu Max Reinhardt bauen sie ein umfangreiches Netz an Bühnen auf, die sich auf Unterhaltungskomödien und Operetten spezialisieren. Sie füllen die größten Häuser der Stadt, zu den Premieren mit Stars wie Richard Tauber, Fritzi Massary und Gitta Alpár strömt tout Berlin; selbst Hollywood-Größen wie Charly Chaplin lassen sich blicken.

Wider die Aktualisierungspetersilie

von Janis El-Bira

22. März 2020. Der schlichteste und kürzeste Witz auf Kosten des von Opernfans gern geschmähten "Regietheaters" geht so: "Hat dieser Siegfried nicht ein wunderbares Organ?", fragt da die eine den anderen. – "Ja", antwortet dieser, "und singen kann er auch!" So viel ist klar: Die Schockwerte von einst, die dem Bildungsbürgertum im Opernparkett den Schleier des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs vom Gesicht reißen wollten – sie sind selbstverständlicher Mainstream geworden.

Der Windmühlenkämpfer

von Thomas Rothschild

27. Februar 2020. Gattungen haben ihre Gesetze. Alfred Kirchner verstößt gleich gegen zwei, deren Einhaltung das Attribut des Untertitels "Autobiografische Splitter" zu fordern scheint: Er erzählt in der dritten Person, nicht von einem Ich also, sondern von einem Alfred, und er schert sich nicht um die Chronologie. Jedes Kapitel setzt neu zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt ein, und so versammelt "Der Mann von Pölarölara" eine Reihe von relativ autonomen Geschichten.

Veronika beschließt zu lieben

von Michael Wolf

25. Februar 2020. Noch vor allen Figuren tritt der Erzähler selbst auf. "Die Verpflichtung 'jedes wirklichen Kulturmenschen' ist, das zu schildern, 'was sich niemals ereignet hat. Schreibt Oscar Wilde. Und genau das mache ich", so lauten die ersten Sätze des neuen Romans "Weiter." des Regisseurs und Schriftstellers Thomas Jonigk. Die Fiktion ist seinem Alter Ego Flucht aus der nicht näher beschriebenen, aber offenbar unerträglichen Existenz: "Ein Ausweg. Eine Überlebensstrategie." Diese Parallelwelt erschafft er in einer erstaunlich klischierten Schreib-Szene: mit Bleistift und Anspitzer bewaffnet im Café sitzend. Gleich auf der ersten Seite wird klar: Dieses Buch möchte unbedingt Literatur sein, auf keinen Fall aber zeitgenössische.

Männer im Schnee

von Silke Horstkotte

11. Dezember 2019. Es wird Winter in Norwegen. Schnee fällt, die Öfen werden angeheizt, das Fleisch wird gepökelt, die Laugenfische aufgehängt. Der alte Maler Asle kehrt von einer Einkaufstour zurück in das abgelegene Dorf Dylgja – und fährt, einer plötzlichen Eingebung folgend, sofort wieder in die Stadt, um nach seinem alkoholkranken Namensvetter Asle zu sehen, der ebenfalls Maler ist. Tatsächlich erweist sich die Sorge als begründet, denn der andere Asle ist bewusstlos im Schnee zusammengebrochen. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo er von da an im Delirium Tremens zittert, während der erste Asle sich liebevoll um seinen Hund kümmert.

Arbeit, nichts als harte Arbeit

von Sascha Westphal

21. November 2019. "Kein Kunstzentrum hat uns je gefragt: 'Könnt ihr religiöse Kunst machen?'" Das ist erst einmal nur eine simple Feststellung, ein Zitat aus einem der über 80 Podcasts, die Kelly Copper und Pavol Liška unter dem Titel "OK Radio" von Juli 2012 bis Dezember 2013 mit Regisseur*innen und Choreograph*innen, Performer*innen und Künstler*innen, geführt haben. Doch selbst in der gedruckten Form schwingt in dieser Aussage noch ein deutlich vernehmbarer Unterton mit: Das Bedauern in Pavol Liškas Stimme ist zu hören.

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