In der Ideologiefalle

von Sophie Diesselhorst

4. September 2019. Astrid Lindgren. Während des zweiten Weltkriegs klebte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin ausgeschnittene Zeitungsschlagzeilen in ihr Tagebuch und dichtete die Lebenswirklichkeit der von diesen Schlagzeilen Betroffenen hinzu. So kolportiert es Philipp Ruch, Gründer und künstlerischer Leiter der Aktionskunst-Gruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), in seinem neuen (zweiten) Buch – und ist völlig begeistert. "Wir alle müssen" (wie Lindgren) "die Säuglinge sterben sehen", so Ruch auf den letzten Zeilen des Buches, dessen hitziger Ton zum Titel passt: "Schluss mit der Geduld".

"Er muss mir recht geraten"

von Georg Kasch

Berlin, 2. Juli 2019. Loben ist eine Kunst. Eltern wissen das. Kritiker*innen auch. Wer alles akklamiert, läuft Gefahr, die Maßstäbe zu verwischen, die Wertschätzung zu entwerten. Wer aber zu wenig lobt, zerstört. Wirklich? "Der Tadel meiner Mutter war der Kraftstoff, der meinen intellektuellen und emotionalen Motor speiste", schreibt C. Bernd Sucher in seiner Doppel(auto)biografie "Mamsi und ich". Klingt ja erst mal gut.

Jenseits der Privilegien

von Esther Boldt

11. Juni 2019. Für wen ist Theater eigentlich da? Wer sind diejenigen, die ihre Geschichten und Themen auf die Bühne bringen, an welches Publikum richten sie sich und welches Selbstverständnis hat sie prägt? Es sind große, bohrende Fragen, die der Sammelband "Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen" stellt, veröffentlicht von der Dramaturgin und Kuratorin Elisa Liepsch, dem Aktivisten Julian Warner und von Matthias Pees, Intendant des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm. Aber diese Fragen sind ebenso wichtig wie notwendig. Das Buch entstand im Kontext der Festivalreihe "Afropean Mimicry and Mockery", die von 2014 bis 2016 am Mousonturm stattfand. Beschäftigten sich die Festival-Macher*innen zunächst mit dem deutsch-afrikanischen Austausch, so rückte immer stärker die Frage in den Blick, inwiefern Kulturinstitutionen permanent Strukturen reproduzieren, die weiße Künstler*innen und eine bestimmte, etablierte Ästhetik stets bevorzugen und andere Protagonist*innen ausgrenzen.

"Nur spielen reicht nicht mehr"

von Georg Kasch

6. Juni 2019. Urlaub, Seenplatte, Herzogtum: Wer an die kleine Stadt Neustrelitz im östlichen Mecklenburg denkt, hat selten zuerst das Theater auf dem Schirm. Dabei wird dort seit knapp 250 Jahren gespielt. Im Landestheater – außen 20er-Jahre-Klassizismus, innen Charme der frühen DDR – residiert ein Mehrspartenhaus mit Oper, Schauspiel, Ballett, Orchester und Bürgerbühnenformaten. Deutsche UNESCO-Stadttheaterlandschaft in der Nussschale. Und wie an vielen größeren Häusern zeigt sich auch hier der tägliche, unterfinanzierte Kampf um die kulturelle Vielfalt, um das Publikum, aber auch um Details wie Saumfassungen und Akzente im Klavierauszug.

It's the economy, stupid!

von Falk Schreiber

29. Mai 2019. Ohne Superlative geht es nicht. Also wird Milo Rau im Klappentext des Bandes "Das geschichtliche Gefühl" mit hymnischen Pressezitaten gewürdigt, als "einflussreichster" (Die Zeit), "interessantester" (De Standaart) oder "ambitioniertester" (The Guardian) Theatermacher der Gegenwart. Was inhaltlich zwar wenig aussagt, aber zumindest klarstellt, dass Rau sehr international wahrgenommen wird, im durch Sprachgrenzen eingehegten Sprechtheater bis heute eher unüblich. Anders ausgedrückt: Ob Rau als Künstler nun wirklich interessant ist oder nicht, ist nicht das Thema, wichtig ist, dass man es hier mit einem prototypisch europäischen Künstler zu tun hat. Und die Tatsache, dass Rau aus der Schweiz stammt, einem Land, das schon immer über Sprachgrenzen hinwegdenken musste, ist für diese Einschätzung womöglich auch nicht irrelevant.

Trommelfeuer der Erinnerung

von Christian Rakow

Berlin, 15. Mai 2019. An einschlägigen Berliner Orten wie dem Alexanderplatz oder dem Checkpoint Charlie stößt man auf wackere Händler, die mit Souvenirs einer versunkenen Epoche ihren Unterhalt verdienen. DDR-KFZ-Kennzeichen finden sich dort auf den Tischen, Matrjoschkas, Fähnchen und natürlich zuhauf Militärkram, Abzeichen, Offiziersmützen, Gasmasken. Als Objekte einer Erinnerungskultur haben sie längst ausgedient. Ihren zweifelhaften Wert beziehen sie aus der maximalen Distanz zum Herkunftskontext. Wer hier kauft, muss über die NVA oder die Rote Armee so wenig wissen wie über Trabis oder Demonstrationen am 1. Mai mit Arbeiterfähnchen. Die jeglicher Signifikanz beraubten Gegenstände funktionieren allenfalls noch als blasse Marker einer exotischen Andersheit. Eine eigene Sprache haben sie nicht mehr.

Etwas Besseres als den Theatertod finden wir überall

von Esther Slevogt

24. April 2019. So was nennt man wahrscheinlich Künstlerpech. Gerade erst wurde der Lebkuchenmann auf der Probe des Weihnachtsmärchens am Seil in die Höhe gezogen, da mahnt ein Techniker auch schon die gewerkschaftlich verordnete Ruhezeit an. Der Regisseur will weiterprobieren. Wenigstens diese Szene noch. Schließlich ist das hier ja kein Amt, sondern ein Theater. Aber er kann sich nicht durchsetzen. Die Bühne leert sich. Bloß der Lebkuchenmann zappelt noch in der Luft. Keiner fühlt sich zuständig, den Ärmsten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ruhezeit eben.

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