Lügen lernen

von Shirin Sojitrawalla

21. November 2017. Der Regisseur Jan Bosse soll einmal gesagt haben, dass Joachim Meyerhoffs Theaterkunst letztendlich ein Dialog mit den Toten sei. Das könnte man auch seinen Büchern attestieren, die mit vielen Abschieden kämpfen und bei aller Komik immer auch davon sprechen, dass sich seelische Wunden nicht schließen. Dabei besitzt er ein genaues Gespür für die Kippmomente des Lebens, etwa wenn aus Liebe Rachsucht wird, Zuneigung in Hass springt und der dünne Firnis der Beziehungsherrlichkeit bröckelt.

Gerichtstag über die Ausbeuter der Erde

von Sophie Diesselhorst

14. November 2017. Mit wehendem Haar sitzt Milo Rau auf einem Auto, das über die Schotterpisten der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu holpert – da, wo der Erdboden am reichsten ist, und die Menschen am ärmsten. Schnitt. Wir sehen jubelnde Menschen, die sich in einem Dorf vor ihren Häusern versammelt haben und ihre hoffnungsbrennenden Gesichter dorthin zu richten scheinen, wo eben noch Milo Rau saß. Einen kleinen Moment lang wird dieses Missverständnis in der Luft hängen gelassen und dann aufgelöst – es ist nicht Rau, den sie feiern, sondern der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Vital Kamerhe, mit dem zusammen Rau unterwegs ist und der in der nächsten Szene eine Ansprache hält, in der er um Unterstützung für Raus "Kongo Tribunal" wirbt.

Nur kein Getue!

von Kai Bremer

18. Oktober 2017. Die Lektüre von Wolfgang Englers essayistischen Überlegungen über "Authentizität! Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern" macht manchmal richtig Spaß, weil dieses Buch stilistisch viel wagt: Prägnanz ("Nichts entgeht der Logik der Distinktion.", S. 176), intelligente Metaphern und aggressive Bonmots ("Das Arbeitskleid als Menetekel niederen Seins, ausstaffierter Funktionsfrust, Kleider machen Leute runter." S. 111). Zugleich nimmt Engler für sich ein, da er seine intellektuelle Herkunft aus dem Geist des Materialismus nicht verleugnet: "Urheber dieser Option für das 'Natürliche', 'Naive' war die mittelständische Intelligenz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts." (S. 170) Akademische Besserwisser mögen da einwenden, dass 'Intelligenz' fürs 18. Jahrhundert ein unangemessener wie längst erledigter Begriff ist. Aber Engler macht so – wie auch sonst in diesem Buch – unmissverständlich klar, wo er steht.

Der kuratorische Akt

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Oktober 2017. Kuratieren? Lateinisch "curare" heißt "sich sorgen um". Der Berliner Theaterstreit ist umfassender als die Frage: Chris Dercon – ja, nein, vielleicht, ein bisschen. Und doch entzündet er sich am Begriff des "Kurators", des Sich-Sorgenden. Aber was tun denn die Menschen, wenn sie kuratieren? Ist's sorglose Selbstbedienung am künstlerischen Potential, mutwillige Prekarisierung von Arbeitsstrukturen, Negieren von Macht- und Repräsentations-Fragen zu einem blinden Fleck und ein unkritisches Verhältnis zur Globalisierung und also Hegemonialisierung von Theater – oder doch dieses Sich-sorgen-um?

Aber anders

von Dirk Pilz

12. September 2017. "Außer sich", ein Roman. Das erste Kapitel dieser langen Erzählung heißt "Nach Hause", der erste Satz lautet: "Ich weiß nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es, ich nicht." Ich, das ist hier auch das Buch selbst: Andere Romane mögen wissen, wohin sie das Erzählen führt, dieser hier weiß es nicht, gottlob. Er verirrt sich in Einzelgeschichten, verliert die Figuren vorsätzlich aus dem Blick, stolpert über seine eigenen Sätze, stammelt, schreit mitunter. Ich weiß nicht, wohin es geht: Das Buch ist schon außer sich, wenn es beginnt.

Lautes Vorlesen in Gruppensituationen

von Thomas Rothschild

7. September 2017. Die Aufführungsanalyse ist, möchte man meinen, Domäne des Theaterkritikers. Neben der Stückanalyse – zumal bei Uraufführungen oder bei vergessenen und wiederentdeckten Werken – und der Bewertung macht sie den Kern einer Theaterkritik aus. Über die wünschenswerte Gewichtung dieser drei Bestandteile sind Kritiker und Redakteure unterschiedlicher Auffassung, wie der regelmäßige Leser von nachtkritik.de ohne große Mühe beobachten kann.

Grenzerfahrungen im Land der Mitte

von Friederike Felbeck

10. August 2017. Dieses Buch lohnt es sich von hinten aufzurollen. Am Ende werden beispielhaft transkulturelle Begegnungen zwischen China und Europa vorgestellt. Das mag der zugleich am weitesten fortgeschrittene, aber auch heikelste Moment eines kulturellen Schulterschlusses sein – reich an Chancen und voller unvorhersehbarer Herausforderungen. In packenden, da aus sehr unterschiedlichen Perspektiven entstandenen Beiträgen werden Recherchereisen, Gastinszenierungen in China wie in Deutschland, Koproduktionen – zum Beispiel zwischen den Münchener Kammerspielen und dem unabhängigen Paper Tiger Studio Beijing – vorgestellt oder, aus der Sicht der Dramatikerin Ulrike Syha, wie eine langjährige Beschäftigung mit China in die eigene künstlerische Arbeit einfließt.

Unterkategorien