Eingequetscht im Tunnelblick

von Michael Wolf

12. Februar 2019. Eine Zeit lang erzählte Clemens J. Setz jedem, der es hören wollte, Zahlen stellten sich ihm farbig dar. Die Drei sei grün, die Sieben transparent gelb. In seinem Buch "Bot" gestand er: "Ich bin ein Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt." Es fiele leicht, hierin nur die Bemühung zu erkennen, als bunter Hund des Literaturbetriebs zu reüssieren. Der Erfolg des Sechsunddreißigjährigen ist nicht ohne das schillernde Bild zu denken, das er dem Feuilleton gern zum Ausmalen überlässt.

Soll man ihn freisprechen?

von Gabi Hift

Berlin, 10. Februar 2019."Reptil!", "Hersteller künstlicher, eitler und unnützer Bücher!" – so und noch ärger hat Bertolt Brecht über Thomas Mann gelästert. Vor 15 Jahren stand dieses Reptil im Zentrum eines Dreiteilers "Die Manns – Ein Jahrhundertroman", der so erfolgreich war, dass die Familie Mann seitdem als so etwas wie die deutsche Königsfamilie gilt. Und nun hat sich der Schöpfer dieses Dokudramas, Heinrich Breloer, für sein neues Projekt ausgerechnet den ausgesucht, der seinen ersten Helden so gehasst hat.

Der Regisseur an der Playstation

von Wolfgang Behrens

23. Januar 2019. Auf S. 106 des anzuzeigenden Buches musste der Rezensent dann doch einmal laut aufseufzen. Der Regisseur Armin Petras sagt da: "Schleef ist der größte Unbekannte der deutschen Theatergeschichte. Egal welchen Zuschauer man fragt, kein Mensch kennt Schleef, niemand. Weder im Osten noch im Westen." Er hat ja recht, es ist schon so. Es gibt im Hinblick auf den Theatermann und Universalkünstler Einar Schleef eine Art Insider-Kreis: diejenigen, die ihn erlebt und mit ihm gearbeitet haben; diejenigen, die sich von seinen Arbeiten haben entzünden lassen; diejenigen, deren eigene Arbeit von ihm inspiriert ist. Die Schleef-Rezeption ist seit dem frühen Tod des Künstlers im Jahr 2001 weitestgehend in dieser "Gemeinde" verblieben, größere Kreise hat sie kaum gezogen.

"Ich bin ein Anderer in mir, den muss ich fragen"

von Andreas Wilink

Einar Schleef, geb. 17. Januar 1944 in Sangerhausen, gest. 21. Juli 2001 in Berlin. Frühe Erfahrungen waren der Arbeiteraufstand 1953, die Flucht seines älteren Bruders aus der DDR, die eigene Sprachhemmung, zwei lange Krankenhausaufenthalte wegen Tuberkulose und nach einem schweren Unfall sowie die durch ihn vereitelte Flucht der Eltern kurz vor dem Mauerbau. Schon vor dem Abitur bestand er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die er trotz Relegation mit Diplom bestand. Er wurde Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste, Berlin. Ihm wurden Ausstattungen an Benno Bessons Volksbühne und am Berliner Ensemble der Ruth Berghaus anvertraut. Dort wird er zum Regisseur. Seine Strindberg-"Fräulein Julie" machte 1975 Skandal. Eine Projektvorbereitung in Wien brachte ihn 1976 dazu, nicht in die DDR zurückzukehren. Es bleibt bei schwierigen Arbeitsbedingungen, großen Theater-Pausen, Konflikten, Abbrüchen, Kündigungen. Parallel entstehen literarische Werke (darunter "Gertrud" und "Totentrompeten"). 1985 holte ihn Günther Rühle ans Schauspiel Frankfurt und hält zu ihm trotz heftiger Widerstände. In den 90-er Jahren folgten Inszenierungen u.a. am Berliner Ensemble, darunter "Wessis in Weimar", wiederum begleitet von Kontroversen mit Autor Rolf Hochhuth und den Co-Intendanten Peter Zadek (contra) und Heiner Müller (pro); ebenso drei Inszenierungen an Claus Peymanns Burgtheater, darunter die gefeierte fast siebenstündige Uraufführung von Elfriede Jelineks "Das Sportstück" (1999). Viermal wurde Einar Schleef zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Der imperfekte Körper

von Georg Kasch

4. Januar 2019. Es gibt nicht viele autobiografische Bücher, bei denen man Richtung Showdown mitfiebert und über die Seiten rast, auch wenn das Ende bekannt ist: Miriam Maertens, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich, hat ihre Lungentransplantation überlebt, klar, andernfalls hätte sie "Verschieben wir es auf morgen" nicht schreiben können. Trotzdem kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, wenn Maertens schildert, wie ihr zunehmend die Luft wegbleibt, vor allem bei den Proben zu und den Aufführungen von Faust 1-3 im stickigen Keller.

Endlich im Klassiker-Himmel?

von Kai Bremer

3. Januar 2019. Die im Netz gut zugänglichen Volltext-Versionen von Goethes "Faust" (zum Beispiel hier) präsentieren den Klassiker bisher in Fassungen, die im Hinblick auf die Zuverlässigkeit des Textes mindestens problematisch sind. Meist sind sie sogar fehlerhaft. Zwar sind das nur selten Fehler, die einen faustischen Geist aus der Fassung bringen. Aber zumindest für Leser*innen, die sprachlich sensibel etwa auf Betonungen und Akzentuierungen achten, weil sie an den performativen Dimensionen von Goethes Tragödie interessiert sind, für solche Leser*innen waren die Fassungen im Netz bislang unbefriedigend. Für sie dürfte in Zukunft www.faustedition.net das Nonplusultra sein – zumal sie Teil einer von den Herausgebern Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis "Hybridausgabe" genannten Edition ist, die zugleich auf dem guten alten Papier in zwei Varianten erschienen ist.

Wie es in der Brust schlägt

von Shirin Sojitrawalla

26. November 2018. Was ließe sich als Nachtkritikerin von Theodor Fontane lernen? Wenn man bedenkt, dass nachtkritik.de gegründet wurde, um die "Einbahnstraße der Kritik für den Gegenverkehr zu öffnen", funktionieren die Theaterkritiken von Theodor Fontane wie Sackgassen. Es geht ihm nicht darum, ein Gespräch zu beginnen, sondern einen Abend fertig zu besprechen. Auch sonst würde man manch eine Kritik, die er verfasste, heutigen Rezensenten um die Ohren hauen: zu viel Inhaltsangabe, zu wenig Beschreibung, zu viel Blabla. Doch Fontane schrieb nicht heute, sondern in einer Zeit als Theaterkritiker noch Stammplätze im Parkett besaßen und sich am Schreibtisch vorkommen durften wie auf einem Thron.

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