Einmal in dem tristen Leben einem Mann mich hinzugeben

von Gabi Hift

11. September 2018. "Siehst du den Mond über Soho?"– "Ich seh ihn, Lieber". – Keinen Pappmond, der von oben herunterfährt, sondern einen, der über dem Wasser aufsteigt, denn wir sind nicht im Theater sondern im Kino. Die Liebesleute, Mackie Messer und seine minderjährige Braut Polly, fahren Boot. Von einer Brücke schaut Brecht, gespielt von Lars Eidinger, auf seine Geschöpfe hinunter und erklärt seinem Begleiter, dem Filmproduzenten Nebenzahl, wie er sich die Szene vorstellt: "Am Ruder: sie", sagt er, und: "Ein oder zwei Monde genügen." Sofort geht pflichtschuldig ein zweiter Mond auf – da ist also hinter der Kamera jemand am Werk, dem dran liegt, Brechts Phantasien akkurat umzusetzen. Man kann ja dran zweifeln, ob Brecht das mit den zwei Monden so wortwörtlich gemeint hat, aber als gleich drauf eine Balletttruppe in weißen Gewändern auf dem Gehweg auftaucht und eine schreckliche Verliebt-im-Mondlicht-Choreographie aufs Pflaster zuckert, gibts nichts mehr zu zweifeln: das kann Brecht nie und nimmer gewollt haben!

Dramatisches Doppel

von Kai Bremer

4. September 2018. Vor knapp zehn Jahren hat der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn die Dramen von Alfred Matusche (1909-1973) neu herausgegeben. Matusche, Arbeiterkind, ursprünglich Radiojournalist, von den Nationalsozialisten kurzzeitig inhaftiert und mit Berufsverbot belegt, begann in den 50er Jahren Theaterstücke zu schreiben. Als Erscheinung eine Art Sonderling, war Matusche für die Theatergeschichte durchaus bedeutend. Sein 1955 im Berliner Deutschen Theater uraufgeführtes Stück "Die Dorfstraße" etwa nahm einige Motive von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" vorweg, Theatermenschen wie Wolfgang Langhoff und Heinar Kipphardt förderten, Kollegen wie Bertolt Brecht, Heiner Müller und Peter Hacks bewunderten ihn. Der Theaterkritiker Martin Linzer schrieb: "Matusche gab in seinen Stücken immer nur einen kleinen Wirklichkeitsausschnitt, sehr genau, hoch verdichtet, in  seiner ganzen Versponnenheit ein wirklicher Dichter. Aber selten gespielt, Matusche versprach keine Breitenwirkung."

Urdeutscher Dickschädel

von Tobias Prüwer

20. August 2018. "Verzeih mir, Hamlet! Verzeiht mir, Dänen! Euer König ist gerächt. Hamlet, mein Sohn! Der Himmel erbarme mich meiner!" - Shakespeares Stoff ist nichts erspart geblieben. Lange galt "Hamlet" in Deutschland als unspielbar. Also kam die Tragödie erst einmal bearbeitet auf die Bühne, zumindest wenn man den Chronisten folgt: Zum bürgerlichen Schmonzette umgekrempelt endet mit einem Happy End. Hamlet überlebt, wird König von Dänemark, der Himmel weint vor Freunde und gibt sein Plazet.

Im Transitraum

von Sophie Diesselhorst

12. Juli 2018. Als Bastionen des Humanismus haben viele Theater sich im "Sommer der Willkommenskultur" inszeniert. Und sich dem Thema Flucht und Migration auch langfristiger verpflichtet, indem sie für ihre Spielpläne nach entsprechenden Stoffen gesucht haben. Der politische Wind hat sich indes gedreht. Auch wenn das Mittelmeer und die zigtausenden auf der Flucht Ertrunkenen und Ertrinkenden gerade mal wieder im medialen Fokus stehen: Die freiwilligen Seenotretter*innen, die zunehmend an ihrer Arbeit gehindert werden, wirken wie Helden eines unrealistischen Action-Films. Und die Flüchtenden selbst werden mehr denn je zur Menschenmasse dehumanisiert, zur Welle, zur Krise – oder gar als "Asyltouristen" verunglimpft.

Ehrenrettung

von Thomas Rothschild

29. Juni 2018. Der Begriff des "Theaterskandals" ist geläufig. Was aber genau bedeutet er? Wo liegt der Skandal? Beim Theater, dem aufgeführten oder verhinderten Stück oder bei der Reaktion darauf? War Arthur Schnitzlers "Reigen" der Skandal, oder war es der Prozess? War Thomas Bernhards "Heldenplatz" der Skandal, oder war es die Kampagne der Presse, der Politik und aufgewiegelter "Patrioten", die das Stück nicht kannten, gegen die Aufführung? Oder ist es erst das Zusammenspiel von Anlass und Reaktion, was den Skandal ausmacht?

Der deutsche Sonderweg

von Thomas Rothschild

25. Juni 2018. Bei den Philosophen, jedenfalls bei jenen, die diese Berufsbezeichnung verdienten, ehe jeder Pseudoklugschwätzer von der Medien Gnaden Philosoph genannt wurde, kam beides zusammen, bildete eine unauflösliche Einheit: die Theorieentwicklung und die Interpretation vorausgegangener philosophischer Gedanken. In der Theaterwissenschaft ist das anders. Da teilen sich die Theoretiker mit den Theaterhistorikern die Disziplin. In Deutschland steht Erika Fischer-Lichte für die Theoriebildung in der Theaterwissenschaft und Manfred Brauneck für die umfassende Theatergeschichtsschreibung. Der Großteil der übrigen Fachvertreter, spezialisiert auf einen engen Ausschnitt aus der Geschichte, beackert ein Leben lang archivarisch ein äußerst begrenztes Feld, einen so genannten "weißen Fleck", der zu Recht weiß geblieben ist, weil er, wie die Verkaufszahlen der einschlägigen Publikationen belegen, keinen Menschen interessiert.

Schweben im Zwischenraum

von Thomas Rothschild

5. April 2018. In dieser überarbeiteten, an der FU Berlin eingereichten Dissertation der japanischen Theaterwissenschaftlerin Mariko Harigai geht es "um das Spannungsverhältnis zwischen Stimmen im Theater, ihren Hörräumen, ihren repräsentierten, bezeugten, imaginierten oder auch halluzinierten Entstehungsorten und um den theatralen Versammlungsort, an den Stimmen uns als Hörende rufen".

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