Lebensvollzug als Kunstvollzug

von Wolfgang Behrens

Halle, 26. April 2008. Man kennt diese Bilder. Sie stammen von Musikern, Sängern, Schauspielern oder Regisseuren, die plötzlich entdecken, dass ihre Kreativität noch gar nicht ausgelastet ist. Und dann dilettieren sie in Aquarellfarben und lassen beglückt ihre Mitwelt an den meist gar nicht so beglückenden Ergebnissen teilhaben. Bei Einar Schleef, dem in erster Linie als "Regietitan" zu Ruhm Gekommenen, liegt der Fall entschieden anders.

Nicht nur, weil die Malerei seine ursprüngliche, seine erste Profession war – er nahm ihr Studium 1964 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee auf, musste es aber ein halbes Jahr später zwangsweise abbrechen, da er einem Lehrer der Schule nicht ganz unberechtigt, aber taktisch unklug das Wort "Scheiße" ins Ausstellungsbuch schrieb. Nein, bei Einar Schleef liegt der Fall anders, weil er Kunst nie als bloß kreativen Auslass verstand.

Disziplin für den drängenden Stoff

Er begriff die Kunst als großen existentiellen Einheitsraum, in dem er und vor allem für den er arbeitete: Lebensvollzug als Kunstvollzug – und umgekehrt. Ihm stellte sich nicht die Frage, wie er in den verschiedenen künstlerischen Disziplinen am besten zu brauchbarem Material kommen könne. Schleef suchte sich die Disziplin für den ohnehin schon andrängenden Stoff.

Die Öffentlichkeit lernte den Universalkünstler Schleef zuerst als Regisseur, Bühnenbildner und Autor, später auch als Schauspieler kennen. Vor zwei Jahren trat dank einer Ausstellung der Akademie der Künste Berlin der Fotograf hinzu. Nur vereinzelt hatte man dagegen bisher Gelegenheit, vom Maler Schleef zu erfahren: Die Kestner Gesellschaft Hannover gewährte 2002 erste Blicke auf ein augenscheinlich gewichtiges malerisches Werk, versäumte es aber, einen ebenso gewichtigen Katalog zu erstellen.

Die Stiftung Moritzburg in Halle (Saale), die seit 2004 den Bildernachlass des 2001 verstorbenen Künstlers beherbergt, holt dies nun alles nach: In einer wahrhaft monumentalen Schau wird der Maler Schleef in unübersehbarer Größe aufgerichtet, und – vielleicht noch wichtiger – durch einen nobel ausgestatten und vom Kurator Michael Freitag klug eingeleiteten Katalog im Kunstverlag DuMont wird das Œuvre auch dauerhaft einer noch uninformierten Fachwelt zugänglich gemacht.

Ruinöse Traurigkeit untergegangener Einkaufswelten

Der Raum, in den die Stiftung Moritzburg die Ausstellung hineingewuchtet hat, hätte Schleef wohl gefallen: die im leergezogenen Zustand geradezu gespenstisch weitläufige Etage eines ehemaligen Karstadt-Kaufhauses. Ein paar Überbleibsel – "Vielen Dank für Ihren Einkauf" – gemahnen mit ruinöser Traurigkeit an die untergegangene Einkaufswelt.

Quer zu der nahezu unendlich wirkenden Längsachse des Raumes haben die Leipziger Ausstellungsarchitekten Katrin Steinert und Daniel Bitterling neun 18 Meter lange Stellwände eingezogen, an denen die gezeigten 90 Gemälde und 250 Zeichnungen allen Platz haben, ihre Kraft zu entfalten.

Denn kräftig sind die Bilder zweifellos. Mit einer an den klassischen Expressionismus erinnernden Farbpalette bewältigte Schleef großformatig sowohl zeitgeschichtliche Themen – im sogenannten "Deutschland"-Zyklus aus den späten 80er und frühen 90er Jahren tauchen die Mauer ebenso auf wie schutzschildbewehrte Polizeireihen – als auch mythische Sujets, etwa Motive aus der Nibelungensage oder der Antike.

Regelmäßige Raster, hintergründige Ornamentik

Wer Analogien zu Schleefs Theaterarbeit sucht, wird sie in dem architektonischen, sich klarer Geometrien bedienenden Furor finden, mit dem sich der Maler wie auch der Regisseur seine Stoffe aneignete. Das Kreuz etwa, das auf einigen Gemälden (wie in einigen Aufführungen) auch als reales Symbol erscheint, bietet vielen Bildern (wie Bühnenbildern) in Form markant sich Bahn brechender Achsen einen gliedernden Außenhalt.

Manche Bilder stehen auch in direktem Zusammenhang mit Schleefs Inszenierungen: Die radikalen Raumlösungen, die er für seine legendären und umstrittenen Frankfurter Aufführungen "Mütter" (1986) oder "Vor Sonnenaufgang" (1987) fand, hat er im Malerischen nachvollzogen: Eine von Schleef oft beschworene Konstellation – der die Senkrechte im geometrisch definierten, leeren Raum behauptende Mensch – wird in einem Gemälde wie "Tempeltreppe und Götter" unmittelbar anschaulich. Dieses Bild ist zudem über und über mit Schrift bedeckt, die sowohl als literarischer Kommentar zum Bildinhalt als auch als mehr oder weniger hintergründiges Ornament gesehen werden kann.

Die Integration von Schrift ins Bild hat Schleef auch an anderer Stelle sehr weit getrieben, nicht zuletzt in seinen "Tagebuchbildern" aus den 80er Jahren, die in einem regelmäßigen Raster mit ebenso grobem wie sachlich sezierendem Pinselstrich schlaglichtartig und fast comichaft den Ablauf eines Tages festhalten. Dem beiläufigen Detail – einer Tasse, einer Schere, einem Eis am Stiel – kann in diesen Bildern eine geradezu aufdringliche Präsenz entwachsen, unterstützt durch einen flächigen, das modellierende Raffinement scheuenden Farbauftrag.

Die Stille längst vergangener Gespräche

Der Höhepunkt der Hallenser Ausstellung – von der Inszenierung sowohl wie vom künstlerischen Gehalt – ist der Zyklus "Klage". 18 hochformatige Einzelbilder zeigen in bohrendem Wiederholungszwang Silhouetten von Menschen in Telefonzellen, den Hörer in der Hand, den Kopf meist wie Trauernde zum trostlosen Zwiegespräch mit der Ferne geneigt.

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1. Klage, 2. Tempeltreppe, 3. Tagebuch                                    (c) VG Bild-Kunst Bonn

Die Zellenwand bildet den dunklen Rahmen, aus dem heraus in matten grau-grünen oder giftig grau-gelben Tönen das Zelleninnere wie unter einem Milchglasschleier hervorleuchtet. Die Ausstellungsarchitekten präsentieren diese 18 Bilder randscharf ausgeleuchtet, nur mit dem leeren abgedunkelten Raum als Hintergrund: ein Chor der Einsamen, der bedrückend aus der Schwärze herausdrängt.

Aus Schleefs Biographie wissen wir, wer auf diesen Bildern mit wem telefoniert: der in den Westen Gegangene mit dem im Osten Verbliebenen. Kurator Michael Freitag ist überzeugt, dass mindestens mit dieser Serie ein kunstgeschichtlich substantieller Beitrag Schleefs vorliegt: Niemand habe, so schreibt er im Katalog, "in der zeitgenössischen Kunst ein so eindringliches Bild für die Entfremdungen dieser Epoche gefunden".

Der "Klage"-Zyklus, so wie er in Halle präsentiert wird, kann jedenfalls seine Wirkung nicht verfehlen: Erschüttert lauscht man in die intime Stille längst vergangener Gespräche, deren Nachhall bis heute unerlöst im Telefonnetz zwischen Ost und West festhängt.


Einar Schleef. Der Maler.
Eine Ausstellung aus dem Bildernachlass im ehemaligen Karstadtgebäude Mansfelder Straße 15, Halle (Saale), 26. April bis 20. Juli 2008. Ausgerichtet von der Stiftung Moritzburg. Konzeption: Michael Freitag.
Katalog: Einar Schleef. Der Maler, hrsg. von Michael Freitag und Katja Schneider. DuMont Verlag 2008. 34 EUR in der Ausstellung, 49,90 EUR im Buchhandel.

www.einar-schleef.de

 
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