Vom Wetter in der Raumlochwelt

von André Mumot

28. April 2010. Einfach mal kurzfassen. Thomas Thieme zum Beispiel sagt: "Alle reden, Brack arbeitet." Großartig, so ein Satz. Zumal er einer Künstlerin gewidmet ist, die derartig berühmt ist fürs Minimale. Und Thieme, der sich für seine "Büchner/ Leipzig/ Revolte"-Inszenierung von Katrin Brack eine gelbe Girlandenwelt hat entwerfen lassen, äußert noch ein paar weitere schöne Sätze zum Thema: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was ein Bühnenbild sein soll. Alles, was es nicht sein soll, entwirft Katrin Brack. Kein Milieu, kein Bildkommentar, keine lauwarme Atmosphäre, aber auch keine künstliche Kälte."

Thieme ist nicht der einzige Laudator, dessen warme Worte sich jetzt in einem eindrucksvollen "Theater der Zeit"-Bildband nachlesen lassen. Luk Perceval schwärmt von der fantastischen Erfahrung, "mit einer Bühnenbildnerin zusammen alt zu werden" - und Weggefährte Dimiter Gotscheff spricht die "liebe Katrin" direkt an, um ihre "Raumlöcher" zu rühmen: "Du förderst und öffnest die ganze kriminelle Energie des Schauspielers. Ohne Netz springen sie lustvoll und entfalten ihre grenzenlose und dreckige Phantasie. Du schaffst den Raum für das dionysische Gemetzel-Gelächter, was Voraussetzung für die Entstehung der substantiellen Stille ist: Da, wo die Wahrheit aufscheint."

Räume von klimahafter Präsenz

Neben einem sachlichen Interview mit der allseits Gepriesenen, haben die Texte, die Herausgeberin Anja Nioduschewski hier versammelt, den grundsätzlichen Vorzug, dass sie knapp und klar formuliert sind - Elogen natürlich, aber solche, die sich lesen lassen und denen man, vor- und zurückblätternd, gern zustimmen möchte. Dabei herrscht Einigkeit: Wo die Bühne immer unbebauter wird und auf Sitz-Möblierung verzichtet, wo sie sich mit Niederschlägen aus Konfetti, aus Ballons, aus Schnee und auch aus nieselnder Nässe füllt, wo nur Nebel durch die Leere wabert, wird das Bühnenbild zum teilnahmslosen Mitspieler. Regisseuren und Schauspielern zwingt es seine wetterartige Präsenz unbarmherzig auf, tauscht Kulissen-Halt gegen etwas Besseres - gegen Ausdrucksfreiheit.

Wie das aussieht, dokumentiert der Hauptteil des Buches in anschaulich atmosphärischen Bildstrecken. Angefangen mit Gotscheffs Krankenzimmer Nr. 6 von 2010 kann man sich chronologisch zurückarbeiten bis zur Brackschen Ausstattung von Percevals "Schlachten" anno 1999. 30 Bühnenbilder, wiedergegeben in Fotos, die deshalb so effektiv sind, weil sie immer auch Akteuere zeigen: Die Räume "aus Licht, Luft und Zeitvergehen" (Stefanie Carp) finden ihr eigentliches Dasein erst, wenn sie bespielt werden und mitspielen dürfen.

Es lässt sich also noch einmal (oder - auch nicht verkehrt - zum ersten Mal) betrachten, wie ein geduldiger Blumentopfwald den nacktbäuchigen Bruno Cathomas in sich aufnimmt, wie sich gigantische Ventilatoren von Fabian Hinrichs Antigone erklettern lassen, wie ein ganzes Ensemble in verlorener Enthemmung ein Schaumbad nimmt, wie ein anderes zwischen warmen Glühbirnen Beziehungsgesten ausprobiert und wie nachdenklich zu Boden gesunkene Luftballons einem Menschen im Eisbär-Kostüm zu Füßen liegen. Ach, es muss auch schön sein in diesen kargen Welten. Almut Zilcher jedenfalls, die sich in den Nicht-Landschaften des Buches immer wieder ausmachen lässt, muss es wissen: "Du kannst ersticken", sagt sie, "abkotzen, erfrieren, verwesen, erstarren, vereisen, du schwebst auf Wolken, tanzt, tanzt, im Hochnebel, in Schaumfontänen (...) du feierst in ihren Räumen das Leben."


Katrin Brack. Bühnenbild/Stages.
von Katrin Brack
Theater der Zeit, Berlin 2010, 252 Seiten, 28 Euro.

 

 
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