Das ist nicht zu verantworten

Hamburg, 14. September 2010. Friedrich Schirmer, Intendant des Deutschen Schauspielhaus Hamburg, hat zum 30. September 2010 um Aufhebung seines Vertrages gebeten. Die Pressestelle des Schauspielhauses teilt mit, dass Reinhard Stuth (CDU), neuer Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, diesem Wunsch stattgegeben hat. Schirmers Vertrag, der eine Laufzeit bis zum Ende der Spielzeit 2014/2015 hatte, wird damit vorbehaltlich der Zustimmung des Aufsichtsrates des Deutschen Schauspielhauses aufgelöst.

"Ich sehe mich zu diesem Schritt veranlasst", schreibt Schirmer, "weil ich den vom Aufsichtsrat des Deutschen Schauspielhauses beschlossenen Wirtschaftsplan für die Spielzeit 2010/2011 angesichts der aus meiner Sicht gravierenden Unterfinanzierung des Theaters als Geschäftsführer nicht verantworten kann. Ich habe die Kulturbehöre schon seit Jahren auf die bestehende Unterfinanzierung hingewiesen. Bei meiner Vertragsverlängerung im Jahr 2008 war mir eine Erhöhung der Mittel, insbesonder auch zur Fortsetzung der richtungsweisenden Arbeit des Jungen Schauspielhauses, zugesagt worden. Diese finanziellen Zusagen konnten in der Spielzeit 2009/2010 und in der begonnenen Spielzeit 2010/2011 nicht aufrechterhalten werden. Vielmehr musste in dem laufenden Haushalt eine beschlossene Kürzung des Zuschusses von 330.000 Euro umgesetzt werden.

Aus meiner Sicht führt die Kombination aus Unterfinanzierung, nicht eingehaltenen finanziellen Zusagen und zusätzlicher Kürzung dazu, dass das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg diese Spielzeit nicht mit einem ausgeglichenen Haushalt beginnen kann. Die Fortführung meiner Arbeit ist mir unter diesen Umständen nicht möglich."

Kultursenator Reinhard Stuth erwiderte laut Spiegel online, "dass das Deutsche Schauspielhaus wie alle anderen staatlichen Bühnen ausreichend finanziert ist, auch wenn aufgrund der Haushaltssituation nicht alle in der Vergangenheit gemachten Zusagen einzuhalten waren". Zugleich bedauerte er den Rücktritt: "Ich habe großen Respekt vor seiner Leistung und danke ihm für seine hervorragende Arbeit in und für Hamburg in den letzten Jahren. Seine Bereitschaft, auf Ansprüche aus seinem bestehenden Vertrag zu verzichten, ist sehr honorig."

Schirmer habe versichert, dass sein Rücktritt die laufende Spielzeit nicht beeinträchtigen werde, sagte Stuth: "Die Saison 2010/11 ist vollständig geplant." Interimistisch wird der Kaufmännische Geschäftsführer, Jack Kurfess, die Leitung des Hauses übernehmen.

Friedrich Schirmer ist seit 2005 Intendant des Hamburger Schauspielhauses.

(dip)

 

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Presseschau

Kaum hat Friedrich Schirmer seinen Rücktritt als Intendant des Schauspielhauses Hamburg bekannt gegeben, schon wird über die Hintergründe spekuliert. In der Süddeutschen Zeitung vom 15. September 2010 schreibt Till Briegleb (wie am Nachmittag zuvor bereits auf deren Internetseite), die von Schirmer als Rücktrittsgrund angegebenen Sparbeschlüsse seien schon im November 2009 politisch entschieden worden und stellten auch "kein Fiasko dar, das zu einem derartig radikalen Schritt zwingt. Tatsächlich dürften ihn sehr private Gründe, einhergehend mit dem künstlerischen Niedergang des Hauses, den Schirmer zu verantworten hat, zu diesem Schritt bewogen haben." In den fünf Jahren seiner Intendanz sei es ihm "nie gelungen, die hohen Ansprüche, die an dieses Theater gestellt werden, zu erfüllen". Das einst berühmte Haus stehe mittlerweile "am Rande der Bedeutungslosigkeit".

Auch Gerhard Stadelmaier konstatiert in der FAZ (15.9.2010), Schirmer habe das Haus "ins läppisch Verkrampfte" manövriert. Der Rücktritt sei aber, ebenso wie der Kürzungsfall Karlsruhe, vor allem ein "fatales Signal": "Die öffentlichen Haushalte schrumpfen oder frieren ein, die Schuldenbremse wirkt inzwischen auch als Theaterbremse. Und die Bremsspur signalisiert, was Bremsspuren immer signalisieren: ein Unglück."

Peter Michalzik berichtet in der Frankfurter Rundschau (15.9.2010), anders als Briegleb, das die massiven Einschnitte, mit denen Schirmer seinen Rücktritt erklärt, sich erst aus dem vergangene Woche durch den Schauspielhaus-Aufsichtsrat beschlossenen Wirtschaftsplan ergeben. Doch auch Michalzik bezeichnet Schirmers Intendanz als, "nun ja, glücklos. Die großen Namen, bis auf wenige Ausnahmen, wollten nicht bei ihm arbeiten. Selbst Sebastian Nübling, der am Schauspielhaus eine herausragende Rolle spielen sollte, tauchte nicht mehr auf. Mit neuen Regisseuren und auch mit seinen Schauspielern war Schirmer, nun ja, glücklos." Wie der neue Hamburger Kultursenator, Reinhard Struth "davon sprechen konnte, dass man nun ausreichend Zeit habe, einen Nachfolger zu suchen", ist für Michalzik "jetzt sein größtes Amtsgeheimnis". Schließlich sei die Ausgangslage für die Nachfolgerfindung "denkbar schlecht": "kein Geld, keine Vorbereitungszeit, kein Vertrauen."

Petra Schellen
gibt in der taz-Nord (14.9.2010) zu ihren Informationen über den Zeitpunkt des Sparbeschlusses auch eine Quelle an: die Kürzungen um 330.000 Euro, die ab sofort umgesetzt werden müssten, seien "laut Kulturbehörden-Sprecher Karl-Olaf Petters (...) bereits Ende 2009 beschlossen" worden. Kürzlich habe der Hamburger Senat bereits die Sanierung der Schauspielhaus-Bühnenmaschinerie auf Mitte 2012 verschoben, "obwohl der TÜV Nord erhebliche Bedenken angemeldet hatte". Und auch "der vollständige Ausgleich der Tarifsteigerungen für die Theaterbediensteten" sei ein stetiges Streitthema gewesen. Auch weist Schellen auf bestimmte Asymmetrien im Haus hin: "Während Schirmers Regisseurs- und Stückauswahl in den letzten Jahren als immer mittelmäßiger gegolten hatte, hatte das von Klaus Schumacher geleitete Junge Schauspielhaus - erklärtes Hätschelkind von Ex-Kultursenatorin Karin von Welck - Ruhm und hohe Auslastungszahlen eingestrichen." Schellen erinnert jedoch auch noch einmal daran, wie Schirmer von Welck "öffentlich in die Schranken gewiesen" habe, als sie 2008 Volker Löschs "Marat"-Inszenierung kritisiert hatte.

Michael Laages hält den Rücktritt angesichts der Finanzlage für beinahe unausweichlich, wie er im Deutschlandradio Kultur (Fazit, 14.9.2010) zu Protokoll gab: "weil die Mitteilung über diese Kürzung eine kleine Hamburger politische Hakelei gewesen ist". Eigentlich hätte man "über die Finanzierung des laufenden Haushaltes spätestens Ende der vorigen Spielzeit" reden müssen, doch Karin von Welck, die damals noch amtierende Kultursenatorin, habe den Termin auf diese ersten Tage der neuen Spielzeit verschoben. Erst jetzt sei dem Schauspielhaus also offenkundig mitgeteilt worden, "dass es nicht nur einige der zugesagten Stützungen von außerspielplanmäßigen Projekten (...) so nicht geben werde", sondern auch, dass es "die angehäuften Schulden, also die Defizite aus dem vergangenen Jahr, und das ist immerhin knapp eine Million, jetzt möglichst schnell abbauen solle". Hieraus ergebe sich nun der überraschend hohe Eingriff in den laufenden Etat. "Dass ein Intendant einen Eingriff in einen laufenden Etat nicht von heute auf morgen machen kann, das darf man als bekannt voraussetzen."

Für Stefan Grund trägt der neue Kultursenator die Verantwortung für Schirmers Rücktritt, wie er auf Welt-online (15.9.2010) begründet. "Stuth hätte die Politik seiner Amtsvorgängerin Karin von Welck nur fortschreiben und das Theater einmalig mit 250.000 Euro entschulden müssen", eine Maßnahme, die Schirmer seit Mai von der Kulturbehörde in Aussicht gestellt worden war und die jetzt offenbar nicht mehr zum Tragen kommen soll. Eine solche "kleine kulturpolitische Feuerwehr-Aktion" gehöre "in Sparzeiten zu den Pflichtübungen, soll nicht aus kleinen Brandherden ein Flächenbrand entstehen". Schirmer sei "von der Politik immer wieder enttäuscht und vertröstet" worden, "obwohl er sein Theater in den letzten beiden Jahren erfolgreich führte". Auch die ursprüngliche Zusage von 20 Millionen Euro "für dringende Sanierungsmaßnahmen - eine neue Bühnentechnik samt Turm - (...), um die drohende Schließung wegen technischer Mängel zu vermeiden", war kurz vor Spielzeitbeginn um ein Jahr verschoben worden. Die "in der Politik gepflegte Formel, die Elbphilharmonie ginge nicht zu Lasten anderer Kulturangebote", wird für Grund "immer unglaubwürdiger": 323 Millionen Euro Bauzuschuss, aber auch "Millionen Euro Programmgelder, die schon jetzt, ohne Konzertsaal, jährlich für das Programm ausgegeben werden" - da sollen 250.000 Euro für das Schauspielhaus "angeblich nicht mehr vorhanden" sein? Vor diesem Hintergrund mute Schirmers Entscheidung "ehrenvoll" an. Er verlasse sein Amt "aus einer Position der Stärke".

In der Theaterwelt habe Schirmers Rücktritt "Erstaunen, Verwunderung und auch Empörung hervorgerufen", schreibt Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (15.9.2010). "Man lässt dieses Theater, sein Ensemble und seine Zuschauer nicht im Stich", laute die einhellige Meinung. "Zumal in einer politisch brisanten Situation, in der der neue Senat bereits mehrfach geäußert hätte, verschiedene Kulturinstitutionen seien verzichtbar oder müssten mit Kürzungen rechnen." Das hält Seegers für ein "fatales Signal, möglicherweise sogar gefährlich für das Theater". In der Geschichte des Schauspielhauses habe es immer wieder Rücktritte und Streit mit dem Senat gegeben, "meist im Zusammenhang mit Finanzkrisen": 1968 Egon Monk, 1970 Hans Lietzau, 1978 Ivan Nagel, 1984 Niels-Peter Rudolph, 1989 Peter Zadek, 1991 Michael Bogdanov. "Dass sich die Stadt nicht darüber klar ist, welche Form von Theater sie sich wünscht - lieber anspruchsvoll? eher billig? -, darüber lamentieren Theaterleiter in Hamburg seit Jahrzehnten."

Für Maike Schiller, die ihren Kommentar ebenfalls im Hamburger Abendblatt (15.9.2010) veröffentlicht, ist der Vorgang "so ungewöhnlich wie empörend". Es sei legitim, wenn ein Intendant vorzeitig aus seinem Vertrag gehe oder gegen Sparpolitik protestiere. Problematisch ist für sie allerdings der Zeitpunkt. Schirmer habe es "sich (und den anderen) in seiner scheuen, menschlich sehr sympathischen, aber im Theaterbetrieb oft kontraproduktiven Art nicht leicht gemacht" und sich anders als sein Vorgänger Stromberg oder seine Thalia-Kollegen Khuon und Lux "in der Stadt praktisch nicht existent" gezeigt, sich kaum in Debatten eingemischt. Da wäre ein Rücktritt oft genug konsequent gewesen. Wenn jedoch Unterfinanzierung tatsächlich der Grund für den Rückzug sein sollte, "warum dann jetzt, sofort, zum Beginn der laufenden Spielzeit, noch vor den Sparbeschlüssen"? Der plötzliche Schritt lässt sie "Verantwortungsgefühl und jeglichen Respekt vermissen - gegenüber dem Publikum, gegenüber den Mitarbeitern, gegenüber dem Theater, gegenüber der Stadt". Was die Nachfolgersuche angeht, zeigt sich Schiller pessimistisch: "Wer auch nur ansatzweise Ahnung vom Theaterbetrieb hat, weiß, dass kein Intendant ohne Vorbereitung ein solches Haus stemmen kann. Selbst wenn der Senator ad hoc einen Nachfolger aus dem Hut zaubern könnte, bliebe diesem haarsträubend wenig Zeit für eine Programmplanung und Teambildung, die dem Ruf und der Bedeutung des Deutschen Schauspielhauses angemessen wäre."

Katrin Ullmann erinnert im Berliner Tagesspiegel (15.9.2010) noch einmal an Schirmers erste Hamburger Spielzeit: Er wollte "Delphine fangen, die Odyssee neu erfinden und das ganze Meer – zumindest als thematischen Schwerpunkt – auf die Bühne kippen. Das alles hat nicht wirklich geklappt und ist nun fast fünf Jahre her." Auch Ullmanns Meinung nach ging es seit Schirmers Antritt "künstlerisch nicht mehr richtig voran" am traditionsreichen Schauspielhaus. "Eine wirre Beliebigkeit durchstreifte die Spielpläne, Inszenierungen mit Amateuren (zuletzt Frühlings Erwachen in der Regie von Daniel Wahl) eröffneten die Spielzeit und verärgerten die Presse, ein wahlloses Zusammensein von Schauspielern, Regisseuren und Leinwandgästen wurde Ensemble genannt".


Falk Schreiber
spricht auf seinem Blog Bandschublade (15.9.2010) ganz ähnlich wie Till Briegleb von "ästhetischer Bedeutungslosigkeit": "Es gab Erfolge, sicher, es gab auch grauenhafte Flops, vor allem aber gab es unglaublich viel Mutloses. Und weil Schirmer die Kritik an dieser Mutlosigkeit nicht mehr aushielt, macht er jetzt einen Strich." Dabei sei etwa die jüngste Premiere, Penthesilea, bei der Kritik recht gut weggekommen. Normalerweise brauche ein Intendant mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit und "wie die Stadt da einen Nachfolger für Schirmer finden soll, ist schleierhaft. Zumal der Markt mehr oder weniger leer gefegt ist: (...) wer ans Schauspielhaus passen könnte, hat sich erst frisch neu gebunden und ist entsprechend nicht verfügbar." Dennoch nennt Schreiber einige für ihn denkbare Kandidaten: Jens Hillje (Dramaturg, vor einem Jahr aus der Leitung der Berliner Schaubühne ausgeschieden), Klaus Schuhmacher (Leiter der erfolgreichen Jugendsparte Junges Schauspielhaus, "interne Lösung", "eigene Regiearbeiten eher wenig visionär"), Sebastian Nübling (Regisseur, der unter Schirmer mehrfach erfolgreich inszenierte; "allerdings dürften es andere Handschriften schwer haben, neben ihm zu bestehen"), Elmar Goerden, Regisseur und ehemaliger Intendant in Bochum, scheiterte "mit ganz ähnlichen Rezepten wie Schirmer"), Barbara Mundel (Intendantin in Freiburg, "Lösung aus der Provinz", wenn auch "jenseits aller Provinzialität", weil mit "postdramatischem Hintergrund"; allerdings vertraglich gebunden). Möglich wären auch Michael Thalheimer, Sebastian Hartmann, Matthias Lilienthal, "und wahrscheinlich in dem Moment schon wieder verbrannt, wie sie genannt sind. (...) Eine letzte Möglichkeit spukt diversen Kulturpolitikern sicher schon im Kopf rum: Die Schließung des Deutschen Schauspielhauses."

"Wie kann es sein, dass Kulturpolitik und Theaterszene nach wie vor so tun, als hätte man es auch in diesem Fall wieder nur mit Personal- oder Einzelfallproblemen zu tun?", fragt Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 16.9.2010). Die Szene reagiere, wie sie immer reagiert. "Bloß keine zu großen Fässer aufmachen und womöglich die grundlegenden Finanz- und Personalstrukturen der Stadttheater in Frage stellen, die nicht unter ein paar hunderttausend Euro mehr oder weniger, sondern unter erheblichen Verkrustungen leiden. Bloß nicht laut ansprechen, was längst alle wissen: So wie die Stadttheater durch tarifliche und politische Zwänge arbeiten müssen, wird immer mehr verhindert, wozu sie da sind – Theater zu machen." Und man glaube dabei allen Ernstes, "dass das Verteidigen des Status Quo dem Schutz der Stadttheaterlandschaft dient. Vorsorglich kehrt man deshalb alle grundsätzlichen Probleme unter den Filzteppich, obwohl alle wissen, dass in den kommenden Jahren regelrechte Theaterschließungswellen zu erwarten sind."

Petra Schellen porträtiert rückblickend den zurückgetretenen Intendanten auf der Meinungsseite der taz (16.9.2010). Schirmer habe stets Rückgrat bewiesen, scheibt sie, "zumal wenn er, der gern mal unvermittelt aufbraust, hin und wieder Querdenkerisches auf die Bühne brachte: Volker Löschs 'Marat' zum Beispiel, in dem Hartz-IV-Empfänger Hamburger Millionärsnamen verlasen. Für solche Ausbrüche aus dem sonstigen Kleist-Jahnn-Einerlei stand Schirmer dann auch gerade. Vehement verwahrte er sich damals gegen den Versuch von Hamburgs Kultursenatorin, die Lesung zu verhindern. Mit der gleichen Vehemenz hat er am Dienstag das Handtuch geworfen." Im Kulturteil der gleichen Zeitung schreibt Katrin Bettina Müller: "Sein Rücktritt ist ein alarmierendes Signal, nicht nur für Hamburg, sondern für die deutsche Theaterlandschaft. Denn die Hansestadt ist ja längst nicht die Einzige, die bei den Kommunalausgaben auch an der Kultur spart. Das Theater in Oberhausen soll ab 2011 mit einer Million weniger im Jahr auskommen, in Essen sollen sieben Millionen bis 2013 gespart werden, und das, obwohl sich in beiden Städten die Theater im Aufwind und in der Verjüngung befinden. In Wuppertal und Moers, zwei weiteren hochverschuldeten Städten im Ruhrgebiet, stehen sogar Schließungen der Theater an. Es wird noch dicker kommen."


 

Weitere Stimmen ...

... aus der Politik

Christel Oldenburg (kulturpolitische Sprecherin der SPD) findet Schirmers Entscheidung "nachvollziehbar". Sie werfe "einen Schatten auf die Kulturmetropole Hamburg". "Die Stadt hat Schirmer und seinem Haus in der Vergangenheit zu viele Hängepartien zugemutet." (zitiert in der Hamburger Morgenpost, 15.9.2010)

Für Anna Gosche (kulturpolitische Sprecherin der Hamburger FDP-Fraktion) ist Schirmers Rücktritt ein Alarmsignal, dass "nicht folgenlos bleiben" dürfe. Hamburg brauche ein Strukturkonzept für die Kultur, das "Qualität und Bestand der gesamten kulturellen Leuchttürme der Stadt sichert". (zitiert in der taz-Nord, 14.9.2010)

Norbert Hackbusch (kulturpolitischer Sprecher der Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft): "Das ist ein Zeichen für die dramatische Situation, in der sich die Hamburger Kultur befindet. (...) Alle 'Kulturellen' müssen sich auf Schlimmes gefasst machen." (zitiert in der Hamburger Morgenpost, 15.9.2010)

... aus der Theaterwelt

John Neumeier (Hamburger Ballettdirektor) fordert von der Kulturbehörde mehr Verantwortung und die Einhaltung von Budgetversprechen: "Durch meine mehr als 40-jährige Erfahrung als Ballettdirektor in Frankfurt und Hamburg glaube ich, etwas von der Verantwortung gegenüber einem Ensemble, einem Haus und einer Ballettschule zu kennen. Aber wenn man von Verantwortung spricht, muss man auch von der Verantwortung der Politik, der Politiker und insbesondere der Kulturbehörde gegenüber den Künstlern reden", sagte Neumeier. Zu der künstlerischen Leistung von Schirmer wolle er nicht Stellung nehmen, er könne jedoch sehr gut nachvollziehen, "dass Stress, Depression und ein Gefühl von Ausweglosigkeit durch nicht gehaltene zuvor ausgehandelte Vertragsversprechungen entstehen können". Dies beziehe sich insbesondere darauf, wenn zusätzlich noch Kürzungen des zugesicherten Budgets hinzukämen. (zitiert vom ZDF-Theaterkanal, 18.9.2010)

Joachim Lux (Intendant des Thalia-Theaters Hamburg) bedauert den "überstürzten Rücktritt" Schirmers, offenbar seien ihm "die ökonomischen Schwierigkeiten (...) unüberwindbar" erschienen. "Tatsächlich geraten immer mehr Kulturinstitute in Hamburg in die Schraube von latenter Unterfinanzierung plus drohenden neuen Sparvorgaben. Hinzu kommen die Tariferhöhungen, die wir anders als andernorts selbst auffangen müssen, sowie eine Stagnation der Etats seit beinahe 20 Jahren." Allerdings tue er sich mit den vielen Rücktritten der letzten Zeit auch schwer, "denn es gibt immer auch eine Verantwortung für die Mitarbeiter, die man zurücklässt". Lux warnt vor einer erneuten Schließungsdiskussion um das Schauspielhaus: "Damit spart man kein Geld. Das Gegenteil (siehe Schillertheater Berlin) wäre der Fall. Was nottut, ist eine Unterstützung der Kultur seitens der Politik, was vor allem bedeutet: solide Finanzierung." Außerdem müssten sich die Kulturinstitutionen "spartenübergreifend noch enger zusammenschließen und gegenseitig stärken". (zitiert im Hamburger Abendblatt, 15.9.2010)

Jürgen Flimm (ehemaliger Intendant des Thalia-Theaters) ist "konsterniert, dass Friedel Schirmer sein Theater so Hals über Kopf im Stich lässt. Ich verstehe seinen Ärger sehr wohl, aber es gibt auch noch eine übergeordnete Ebene. Vergleicht man die Etatsumme des Schauspielhauses mit der des Thalia-Theaters, schneidet die Kirchenallee nicht so schlecht ab. Der neue Kultursenator muss nun zeigen, was er draufhat. Einfach wird das nicht. Vor allem ist Diskretion geboten." (zitiert im Hamburger Abendblatt, 15.9.2010)

Frank Baumbauer (ehemaliger Intendant des Schauspielhauses) hat wenig Verständnis: "Das macht man doch nicht mit dem größten deutschen Sprechtheater. Man drückt sich nicht aus der Verantwortung. Da scheint eine Hamburger Krankheit im Gange zu sein, erst von Beust und von Welck, jetzt Schirmer. Das Schauspielhaus braucht jetzt eine solide durchdachte Lösung. Der Kultursenator braucht gute Berater." (zitiert im Hamburger Abendblatt, 15.9.2010)

Ähnlich Matthias Hartmann (Intendant des Wiener Burgtheaters): "Mit dem Amt ist eine große Verantwortung verbunden. In einer politisch prekären Situation, in der die Mittel knapp werden, kann man das Theater nicht willkürlich persönlichen Entscheidungen aussetzen." Er hofft, "dass die Politiker sich weiter dazu bekennen, dass Hamburg eine Kulturmetropole bleibt". (zitiert im Hamburger Abendblatt, 15.9.2010)

Amelie Deuflhard (Intendantin Kampnagel Hamburg) zeigt sich "sehr überrascht". "Wir arbeiten alle am Rande des finanziellen Limits, und irgendwann geht es eben nicht mehr. Seine Entscheidung zu bewerten, fällt mir schwer, ohne die genauen Rahmenbedingungen zu kennen. Fest steht aber, dass dieser Rücktritt auch eine große Unsicherheit ins Haus bringt. Jetzt müssen sehr schnell Sicherheiten geschaffen werden." (zitiert in der Hamburger Morgenpost, 15.9.2010)

 

 
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