Aktenzeichen EHP 054 ungelöst

von Leonie Krutzinna

Göttingen, 27. März 2013. Wenn es in Göttingen derzeit ums Theater geht, dann weniger um künstlerische als um betriebswirtschaftliche Belange. Von "nachhaltiger Haushaltskonsolidierung" ist da die Rede oder von "Synergieeffekten". Im Sommer 2012 unterzeichneten der damalige niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann und der Göttinger Oberbürgermeister Wolfgang Meyer den "Zukunftsvertrag". Der Inhalt: Schuldenerlass für Sparkurs. Göttingen muss bis 2020 einen ausgeglichenen Haushalt aufweisen, im Gegenzug wird der Stadt mit 113 Millionen Euro die größte Entschuldungssumme gewährt, die in Niedersachsen je bewilligt wurde.

Das damit auf den Weg gebrachte Entschuldungshilfeprogramm (EHP) zwischen Stadt und Land sieht, als Ratsbeschluss "EHP 054", u.a. eine "Neuorganisation der Theaterlandschaft in Göttingen" vor. EHP 054 – ein verwaltungssprachlich-verklausulierter Euphemismus für eine angestrebte Monokultur? Aber bedeutet "neu" wirklich gleich "schlecht"? Und klingt Theaterlandschaft bezogen auf das vermeintlich provinziell-gemütliche Studentenstädtchen Göttingen in ortsunkundigen Ohren nicht erst einmal positiv? Was blüht ihnen also, den Göttingern?

Lebendige Theaterlandschaft Göttingen

Um zunächst einmal mit Vorurteilen aufzuräumen: Göttingen hat tatsächlich eine lebendige Theaterlandschaft. Heinz Hilpert, erst Oberspielleiter und in der Nazi-Zeit dann Nachfolger des vertriebenen Max Reinhardt als Intendant am Deutschen Theater Berlin, verpasste dem traditionsbehafteten Stadttheater am Wall in den 1950er Jahren nicht nur Berliner Theaterschwung, sondern auch gleich den Namen der großen Schwester: Deutsches Theater Göttingen (DT). Mit dem Theater im OP hat die Stadt eines der größten Studententheater Europas und überdies eine lebendige freie Szene, etwa mit dem migrationsbewegten boat people projekt oder dem Dokutheaterkollektiv Werkgruppe II. Und schließlich ist da noch das 1957 gegründete, kommunal geförderte Privattheater "Junges Theater" (JT). Hier werden Rotwein und Bier mit in den Theatersaal genommen und der Verzicht auf roten Samt und bildungsbürgerliche Etikette lockt vor allem das junge Publikum ins Haus – jung im ambitionierten, nicht im jugendlichen Sinn.

JTGoettingen 560 JTGoettingen uKrisengeschütteltes Stehaufmännchen: Das Junge Theater Göttingen © Junges Theater Göttingen

Nicht zuletzt tat sich das Junge Theater auch mehrfach als krisengeschütteltes Stehaufmännchen hervor. Nach einer ersten Insolvenz übernahm Andreas Döring 2004 das Haus und etablierte eine neue Struktur: ein Förderverein als privater Träger plus Aufsichtsrat. Das funktionierte, die Besucherzahlen stiegen stetig. Doch dann geriet es 2010 erneut in eine wirtschaftliche Notlage: Eine Mitarbeiterin veruntreute Gelder in Höhe von 300.000 €. Das fiel zwei Jahre lang niemandem auf, bis plötzlich keine Gehälter mehr gezahlt werden konnten.

Die Kunst bleibt auf der Strecke

Nach dem Betrugsskandal wurden Schadensersatzklagen erhoben, gegen Döring, gegen die Buchhalterin und gegen den Aufsichtsrat. Das Arbeitsgericht entschied 2011, dass Döring, dessen Mitarbeiter sich in einem Offenen Brief für ihn einsetzten, für den Schaden nicht haftbar gemacht werden kann. Gegen den damaligen Aufsichtsrat wird hingegen immer noch ermittelt, ihm gehörte u.a. die Göttinger Kulturdezernentin Dr. Dagmar Schlapeit-Beck (SPD) an.

Nichtsdestotrotz leitete Schlapeit-Beck jüngst auch die Findungskommission zur Nachfolge des jetzigen DT-Intendanten Mark Zurmühle. Sie sitzt heute zwar nicht mehr im Aufsichtsrat des JT, dafür aber in dem des DT, wie auch ihr Parteikollege Oberbürgermeister Meyer. Theater ist in Göttingen eben immer auch eine politische Angelegenheit. Das ist sicher kein Einzelfall, nur werden in der niedersächsischen Provinz in der Diskussion um die Zukunft von DT und JT verschiedene Rollen durch dieselben Akteure besetzt. Hier wird Theater um Theater gemacht – und die Kunst bleibt auf der Strecke. Das Verfahren zur "Neuorganisation der Theaterlandschaft in Göttingen" erscheint dabei ironischerweise so selbstreferentiell wie es sonst nur das Theater sein kann.

Synergieeffekte?

Soweit der erste Akt. Den Konflikt in diesem Drama entfacht, wie vielerorts, das fehlende Geld. Auf der politischen Bühne spielen: Oberbürgermeister Meyer, Andreas Döring und Mark Zurmühle. Fehlt noch Erich Sidler, der designierte Nachfolger Zurmühles, aber der tritt erst später auf. Eigentlich sollten sich 2012 alle Beteiligten an einen runden Tisch setzen, das DT, das JT und die Politik, um über ein neues Theatermodell zu verhandeln, das dann in der Spielzeit 2013/14 in Kraft treten sollte. Hier kommen die "Synergieffekte" ins Spiel: Die Neuorganisation wird als "rechtliche Zusammenführung des Jungen Theaters mit dem Deutschen Theater unter Beibehaltung der künstlerischen Eigenständigkeit des Jungen Theaters" gehandelt. Aber was genau heißt "Zusammenführung", was heißt "künstlerische Eigenständigkeit"?

DTGoettingen 560 MichaelaOswald uDie große Schwester: das Deutsche Theater Göttingen © Michaela Oswald

Um mögliche Optionen zu prüfen, wurde der Deutsche Bühnenverein Nord mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. In der Folge wurden verschiedene Organisationsmodelle diskutiert, darunter die Mutter-Tochtergesellschaft, die Teilfusion, die Idee einer gemeinsamen Theaterholding und der Abschluss eines Kooperationsvertrags. Mit welchem Modell die Rechnung aufgeht, sollte eigentlich 2012 feststehen, doch die durch das EHP gestellte Hausaufgabe wurde nicht gemacht.

Alleingänger DT

Als Erster hat Zurmühle den Stift hingelegt und seine Überlegungen zur Kooperation von DT und JT eingestellt, da sein Intendantenvertrag nicht verlängert wurde. Dabei sollte diese Zusammenarbeit doch während seiner letzten Göttinger Spielzeit bereits realisiert werden. Die Rolle der DT-Intendanz möchte Zurmühle auf der kulturpolitischen Bühne fortan nicht mehr spielen. Die Geschäftsführung des DT erklärte gegenüber nachtkritik.de, sie warte nach der veränderten personellen Situation auf einen "Weisungsbeschluss" der Stadt, wie jetzt weiter zu verfahren sei. Die Spielzeitplanung 13/14 sei unterdessen abgeschlossen und "das JT in dieser Planung inhaltlich nicht berücksichtigt".

Dieser Alleingang des DT hat für den Alleingänger selbst offensichtlich keine Konsequenzen, betroffen ist zuvorderst das JT – und zwar, in Relation zum Gesamtetat beider Häuser, massiv. Im Ratsbeschluss heißt es: "Sollten die Verhandlungen über eine verstärkte Zusammenarbeit scheitern, werden die Budgets der beiden Häuser um die eingeplanten Einsparbeiträge gekürzt", doch faktisch trägt das JT die in EHP 054 festgelegten diesjährigen Einsparungen in Höhe von 60.000 € allein. Diese Summe entspricht dem gesamten Produktionsetat des JT für eine Spielzeit. Als Begründung führt die Stadt an, dass das DT auch sparen müsse, in diesem Jahr 100.000 €, und beruft sich dabei auf einen anderen Beschluss, nämlich auf EHP 52, der besagt, dass sich das DT im Jahr 2013 aus seinen Gewinnrücklagen an Bauunterhaltungskosten beteiligen müsse.

Politik spielt beide Häuser gegeneinander aus

Proportional zum Etat gesehen sind diese unterschiedlichen Sparauflagen nicht gerade fair, ist die Bezuschussung des DT durch die Stadt doch viereinhalb mal so hoch wie die des JT. Statt produktive Kooperationsgespräche zu befördern, spielt die Politik beide Häuser gegeneinander aus. "Das JT will dem DT keinen Cent wegnehmen", betont Döring vor diesem Hintergrund. Er kritisiert, dass es keine Regularien für den Fall gebe, dass es zu keiner Einigung kommt. "Deshalb geht mein Vorwurf an die Politik, die das Spiel so benannt und so erfunden hat."

Unklarheiten darüber, wer nun künftig am runden Tisch sitzt, gibt es unterdessen auch auf Seiten des JT. Wie jüngst bekannt wurde, wechselt Andreas Döring ab der Spielzeit 14/15 ans Schlosstheater Celle. Zwar entsorgt dieser – anders als Zurmühle – damit seine kulturpolitische Verantwortung nicht gleich mit, doch eine zweifache Umbesetzung scheint unumgänglich: Nach Aussage des Aufsichtsratsvorsitzenden geht nicht nur Döring, auch die kaufmännische Geschäftsführerin Miriam Winterstein verlässt das JT bereits zum Ende dieser Spielzeit.

Als würde die Konfliktlösung durch die Neubesetzungen nicht schon genug erschwert, fallen die Beteiligten häufig auch noch aus der Rolle. Es erfordert zugegebenermaßen auch schauspielerisches Talent in den verschiedenen Szenen, in den Aufsichtsräten, den Kulturausschuss-Sondersitzungen und den Findungskommissionen, den jeweils richtigen Text parat zu haben – so dass bestimmte Überlegungen, die man im Aufsichtsrat diskutierte, im Rat der Stadt nicht eindeutig als Ideen, sondern eher als verbindliche Vorschläge kommuniziert wurden. Leider zeigen sich die Darsteller mitunter auch ganz unterschiedlich informiert. Plötzlich heißt es, JT-Intendant Döring verlasse das JT schon im Sommer 2013 und putziger noch: Das DT habe schon einen geeigneten Kandidaten für die JT-Führung. Für das JT war diese Information neu, für das DT übrigens auch.

Mehr Theater, mehr Zuschauer

Die schlimmsten Vorurteile hat der Oberbürgermeister, nachdem DT und JT vornehmlich über Pressemitteilungen kommunizierten, aus dem Weg geräumt: Es sei nicht seine "Absicht, das Junge Theater platt zu machen". Man favorisiere das Modell "Fusion". Wann Döring nach Celle geht, werde noch entschieden; dass Erich Sidler zur Spielzeit 14/15 ans DT kommt, steht hingegen bereits fest. Dieser hält das DT für ein "Stadttheater im besten Sinne", zur "Neuorganisation der Theaterlandschaft" äußert er sich bei seiner ersten Pressekonferenz allerdings noch nicht konkret. Vorerst scheint er kein Anhänger der Monokultur zu sein: "Je mehr Theater desto besser".

In puncto "mehr Zuschauer" sorgen in Göttingen derzeit übrigens vor allem die Studierenden für vorbildliche Kulturpolitik. So hat der AStA mit verschiedenen kulturellen Einrichtungen ein Kulturticket ausgehandelt. Das gibt es seit einigen Monaten analog zum Semesterticket für die Bahn: Knapp 8 € zahlt jeder Student pro Semester, d.h. etwa 400.000 € kommen den teilnehmen Institutionen jährlich zugute. Im Gegenzug gibt es freien Eintritt in Theater und Museen. Niedrigschwelliger können Kulturangebote nicht sein – ein Modell, das sich bereits in Lüneburg oder Mainz bewährt hat und auch für andere Städte mit hohem Studentenanteil taugen könnte. Der Plan jedenfalls geht auf: Die Ränge im DT und JT bleiben selten leer. Erfolgreich ist die Maßnahme dabei nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ: Sie lockt zusätzlich zu den ohnehin theateraffinen Germanistik-Studenten auch junge Menschen ins Theater, die bisher kaum damit in Berührung gekommen sind und es jetzt z.B. als Alternative zum Kino entdecken. Dieses Publikum ist eines mit enormem Potenzial und bereit, sich fürs Theater gewinnen zu lassen. In die Lebenswelt dieser Menschen muss das Theater vordringen, wenn es seine Ränge auch in Zukunft füllen will.

Der Boden also ist fruchtbar. Doch das Aktenzeichen EHP 054 bleibt vorerst ungelöst. Es ist zu hoffen, dass die Entscheidungsmacht künftig bei denen liegt, denen etwas am Theater liegt. Theater im Sinne von Kunst, nicht von Politzirkus. Denn Diversität in der Theaterlandschaft Göttingen heißt: Zwei Häuser, zwei Intendanten.

Göttinger Theaterlinks

www.dt-goettingen.de
www.junges-theater.de
www.thop.uni-goettingen.de
www.boatpeopleprojekt.de
www.werkgruppe2.de

 

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Zuletzt hat Andreas Döring am Jungen Theater Der große Gatsby inszeniert. Die letzte Nachtkritik aus dem Deutschen Theater Göttingen gab's zu Zur Sache! von andcompany&Co.

Für das Göttinger Online-Magazin Litlog hat die Autorin Leonie Krutzinna ein Interview mit Andreas Döring geführt.

 

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