Wirths Welt

von André Mumot

5. November 2013. ATW. Seine Initialen und die des von ihm ins Leben gerufenen Studienganges sind dieselben. 1982 war es, als Andrzej Tadeusz Wirth in Gießen das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gründete. Aus jener Institution, die FAZ-Wutbürger Gerhard Stadelmaier dann später sehr zu Unrecht als "Unglücksschmiede des deutschen Theaters" bezeichnete, gingen bekanntlich Künstler wie Moritz Rinke, René Pollesch, Rimini Protokoll hervor – allesamt wissenschaftlich sozialisiert mit den Vorstellungen des postdramatischen Theaters, mit Begriffen wie Praxeologie und dem stereometrischen Denken.

Über Wirths Welt und seine Ideen, über sein Leben und Arbeiten gibt es jetzt ein Buch, ein sehr schönes und sehr würdiges. Das schönste daran aber ist ein kurzes Nachwort, in dem Moritz Rinke, sein ehemaliger Student, unter anderem den wunderbaren Satz schreibt: "Fachlich habe ich Professor Wirth nie verstanden."

Staatenodyssee eines europäischen Gelehrten

Aber es geht ja auch nicht nur ums Fachliche: Die "Flucht nach vorn" ist im Wesentlichen ein umfangreiches Interview, das Thomas Irmer mit Wirth geführt hat, eine milde, sehr sachliche und intelligente Konversation über die wild bewegten Stationen eines erstaunlichen Lebenslaufes und die Staatenodyssee eines klassischen europäischen Gelehrten: Angefangen bei der Geburt, 1927, im winzigen Städtchen Wlodawa, an der Grenze des heutigen Weißrusslands zu Polen: Ein privilegiertes Gutshofskind mit patriotischen Eltern erlebt hier einen Alltag wie bei Tschechow, dann Krieg und Flucht und beinahe Deportation ins KZ, die nur durch ehemalige Bedienstete verhindert werden konnte: "Um meine deutschen Freunde zu verwirren, sage ich immer: Wir wurden von Juden gerettet".

cover wirth 190hDann der Versuch, als Intellektueller im sowjetisch besetzten Polen zu überleben, wo er mit seinem Freund Reich-Ranicki Kafkas Romane ins Polnische übersetzt. Als Theater- und Literaturwissenschaftler und Kritiker stattet er der Gruppe 47 regelmäßig Besuche ab, unter anderem in den USA, als Handke seinen großen juvenilen Empörungsauftritt zelebriert. Er ist dann, der Vernunft folgend, gleich dort geblieben, ist zum College-Professor geworden im Amerika der späten 60er Jahre und hat Geschmack gefunden an der Avantgarde, vor allem aber an Robert Wilson. Es geht in diesem Buch sehr oft um Wilsons Ästhetik, auch um Grotowskis "armes Theater" und schließlich, in Gießen, um Pollesch, den vielleicht bedeutendsten Zögling.

Hemmungslos verspielt

Interessanterweise verliert die "gesprochene Autobiografie" immer dann an Schwung und Klarheit, wenn sie in diesen späteren Teilen das Fachliche erreicht, wenn sie von Seminaren als Probe und von universitären Aufführungen ohne Publikum berichtet. Blass bleibt da alles und wenig anschaulich.

Dafür ist der Text hemmungslos verspielt typographiert (Fragen in Grün, Antworten in Rot, eingestreute, kreuz und quer über die Seiten gedruckte Gedichte, Kurztexte, Archivfunde, die wohl stereometrisches Lesen anregen sollen) und im Mittelteil findet sich eine pralle Aufsatz- und Artikelsammlung mit Texten über Grass und Brecht und Wilson und Pollesch und manch anderem. Es ist gut, dieses Buch zu besitzen, und es wird in vielen Studentenregalen seinen angestammten Platz finden. Schon deshalb, weil sich so viele Zeitenwenden in ihm finden und ein so konsequenter Wunsch, nie die Kunst, die Bühne, das Spiel zu verlieren, und nie die Worte darüber, nie die Theorie, nie die Begriffe, die allem eine Form geben, ganz gleich, was passiert.

Der Gruß des schwarzen Schafes

Aber, wie gesagt: Ganz am Ende dann bekommt noch einmal Moritz Rinke das Wort. Der Dramatiker, der in Gießen das schwarze Schaf geblieben ist, der nichts am Hut haben wollte mit dem Distanz schaffenden Spätstrukturalismus und dem Postdramatischen und der sich hier noch einmal wundert: "Warum stand da ein Professor an einer deutschen Universität und wiederholte, ohne ein Wort zu sagen, 20 Minuten eine einzige kurze, schraubende Handbewegung von Robert Wilson? In Berlin war gerade die Mauer gefallen, die Sowjetunion löste sich auf ... aber unser Professor performte eine aus dem japanischen No-Theater entlehnte Handbewegung."

Erst mit Rinkes knappen Erinnerungen aus dem Studium, die etwas gehässig und sehr witzig und schließlich doch sehr zärtlich sind, lassen sich auch Wirths Erinnerungen begreifen, auch die manchmal so distinguiert erhabene Sachlichkeit des Buches: "Ein Verfolgter von Russen, von Deutschen, später sogar von polnischer Repression – ja, da kann man nur nach vorne flüchten", schreibt Rinke, "nach Berlin, nach Amerika ... notfalls sogar auch noch weiter in den Formalismus, in die unverfängliche Zeichendeutung der Oberfläche."

Rinke wohnt jetzt übrigens in einer Berliner Wohnung, in der auch Wirth einmal gelebt hat, und von dort aus verbeugt er sich dann noch einmal. Rührend ist dieser Gruß, weil er nicht schwärmerisch ist, und, stereometrisch gesehen, genau richtig.

 

Andrzej Wirth
Flucht nach vorn. Gesprochene Autobiografie und Materialien, herausgegeben von Thomas Irmer
Spector Books, Leipzig 2013, 330 S., 28 Euro

 

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2008 wurde Andrzej Wirth mit dem Preis des Internationalen Theaterinstituts (ITI) ausgezeichnet. Die Laudatio hielt sein Schüler René Pollesch. Und dies sagte Wirth in seiner Dankesrede.

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