Kollektiver Tinnitus

von Stefan Bläske

Mannheim, 29. Januar 2014. Dramaturgenwitze, deren angestammter Platz die Theaterkantine ist, suggerieren häufig, dass Dramaturgen einfache Sachverhalte unnötig kompliziert machen und möglichst wortreich beschreiben. Nun kamen rund 40 Referenten und 280 Teilnehmer in die Arbeiterstadt Mannheim zur Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft, die Klassentreffen und Kontaktbörse in einem ist, Impulsgeber und Profilierungsplattform, Fortbildungs- und Vernetzungsprogramm. Wollte man das den Witzen zugrunde liegende Klischee bedienen, ließe sich behaupten, dass Vorträge und Diskussionen, parallele Panels und Open-Space-Stuhlkreise dieser mit "Leben, Kunst und Produktion. Wie wollen wir arbeiten?" betitelten Zusammenkunft wortreich stets das eine sagten, abwechselnd larmoyant, engagiert, verbittert oder galgenhumorig: "Ach, zuviel Arbeit für zuwenig Geld."

dg-tagung uRund 280 Teilnehmer und 40 Referenten hatte die Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft, die vom 23. bis 26. Januar am Nationaltheater Mannheim stattfand. © Andreas Neumann

Die AXT (tanzt?)

Es ist das Seufzen des ewigen Studenten Trofimow, derweil im schönen, aber 'nutzlos' gewordenen Kirschgarten die Äxte tanzen. Während einst die Axt im Haus den Zimmermann ersparte, "ersparen" Kämmerer ihrem Haushalt nun Gehaltsanpassungen, einzelne Sparten oder gleich ganze Häuser. Und drohen mit dem Damoklesschwert "Schuldenbremse 2020". Zugleich wird Schillers Begriff der "moralischen Anstalt" hochgehalten, etwa in der Begrüßungsrede von Peter Kurz, dem kulturengagierten Oberbürgermeister, der 2014 in Mannheim auch "Theater der Welt" beheimatet.

Unabhängig von "armen" oder "reichen" Kommunen wachsen ringsum die Skrupel angesichts "unmoralischer" Arbeitsbedingungen von Theatermenschen. Initiativen wie art but fair oder die Rede des Burgtheaterbilleteurs sind die Speerspitzen eines Eisbergs, das Thema der dg-Tagung liegt also im Trend. Natürlich sind "Leben, Kunst und Produktion" so umfänglich, dass vier Tage Konferenz ebenso wenig ausreichen wie der nun folgende wortreiche Artikel, zu dessen Lektüre sich im Übrigen empfiehlt, Peter Lichts "Das Ende der Beschwerde" zu hören.

Das WIR (entscheidet?)

Die Komplexität von "Wie wollen wir arbeiten?" beginnt schon beim Titel. Wer soll dieses "Wir" sein, wenn Produzenten und Konsumenten von Theater zwar einerseits relativ "homogen" sind, wie die Debatten um fehlende Inklusion im exklusiven Theatersystem nahelegen? Wenn aber andererseits die Diversität und Heterogenität zwischen Theatermachern hoch ist: zwischen Zürich und Zwickau, Staatstheater und "freier", d.h. anders abhängiger Szene, und selbst innerhalb eines Hauses? Was haben ein outgesourcter Billeteur und ein Staatstheaterintendant (mit Spitzenverdienst bei gleichzeitigen Nebenjobs und Inszenierungen in anderen Städten) gemeinsam, was ein Freelancer-Veranstaltungstechniker, ein Orchestermusiker, ein unbefristeter Personalsachbearbeiter, ein Lokal- oder Nachtkritiker, ein Opernstar, ein Praktikant? Was die, die "drin" sind, mit denen, die "draußen" sind?

dg-tagung-i uTraurig treffende Graphiken – die Wanderausstellung "brenne und sei dankbar" von Gesche Piening © Andreas NeumannIm begehrten kreativen Bereich, bei Dramaturgen, Schauspielern, Regie- und Ausstattungsassistenten ist die Verteilungsungerechtigkeit absolut irrational: Junge, bestens ausgebildete ebenso wie langjährig erfahrene Kollegen sind arbeitslos, andere hamsterradeln bis zum Umfallen, produzieren Output bis zum Burnout. "brenne und sei dankbar" ist der treffliche Titel von Gesche Pienings Wanderausstellung, die die Arbeits- und Lebensbedingungen freier Tanz- und Theaterschaffender auf Basis von Zahlen aus dem "Report Darstellende Künste" in traurige Grafiken übersetzt – etwa die 33 Prozent Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern oder die laut KSK durchschnittliche (!) Rente von 447 (West) und 408 (Ost) Euro nach 45 Versicherungsjahren.

Die Tagung versucht von all dem zu handeln: Das "Wir" meint primär die anwesenden Dramaturgen, zugleich aber auch die ganze (exklusive) Gesellschaft mit der sich öffnenden sozialen Schere, mit Flexibilisierung und Prekarisierung, Bonzen-Bankern und arbeitslosen Akademikern.

Die ARBEIT (macht Spaß?)

Entsprechend begann die Tagung mit "Geschichten der Arbeit" aus soziologischer, psychologischer und schließlich aktivistischer Perspektive. Ein historischer Parforceritt von Streikforscher Torsten Bewernitz führte vom Pyramidenbau über "Hege-, Pflege- und Liebesarbeit" bis hin zur Just-in-time-Produktion im Toyotismus. Axel Haunschild, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft, ließ in seinem erhellenden Vortrag über Arbeitsbedingungen im Kreativsektor Schlagworte prasseln wie Neotaylorisierung, McDonaldisierung, multiple Jobholding, Authentizitäts- und Kreativitätsimperativ. Schlecht oder unbezahlte Arbeiten bewirken eine "Selbstselektion" im Kunstbereich, "Bohème-Lebensstil" und Glaube an Berufung statt Beruf gehen einher mit dem "erschöpften Selbst" (Alain Ehrenberg) im Gefühl permanenten Ungenügens. Die 'Kreativen' inszenieren sich mit Laptop in Hängematte oder Caféatmosphäre, so dass Arbeit wie Urlaub aussieht. "Doing the work is fun. Finding the work is the job."

Arbeit ist Spaß, lautet das Ideal, und so klingt es zunächst interessant, wenn Journalist Thomas Vašek statt für "mehr Freizeit" für mehr "gute", "erfüllende", "dem Menschen entsprechende" Arbeit plädiert. Schon richtig, die "dualistische Trennung" von Leben und Arbeit polemisch als "Work-Life-Bullshit" abzukanzeln, aber es ist dann doch irgendwie Intellektuellen-Bullshit, wenn jemand im Rampenlicht von "Selbstentfaltung in der Arbeit" schwadroniert und schlicht ignoriert, dass am Ende der Tagung irgend jemand auch den Müll rausbringen und die Toiletten reinigen muss.

Die UTOPIE (lacht?)

Als Utopie künftiger Lebens- und Arbeitswelten genügt nicht die Hoffnung auf "gute Arbeit für alle" und erst recht nicht die Verschleierung der Differenz von Lohnarbeit und Freizeit. Nein, es müsste schon um die (teilweise) Entkoppelung von Arbeit und Einkommen gehen. Es ist die Utopie "Grundeinkommen", und eine ihrer Missionarinnen ist Adrienne Goehler, die gemeinsam mit dem Drogeriemärkte-Eigner Götz Werner "1000 € für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen" publizierte. Ihre Gewährsmänner sind Thomas Morus, Montesquieu und John Stuart Mill. Goehler argumentiert, die Umstellung müsse keine Angst machen, wo doch von zehn Menschen ohnehin nur vier der Erwerbsarbeit nachgingen. Einer beziehe Sozialhilfe/Arbeitslosengeld, zwei Renten oder Pensionen, und drei seien mitfinanzierte Angehörige (Kinder, Partner, etc.). (Dazu nun vielleicht "Das Lied vom Ende des Kapitalismus"?)

In der illustren Runde "Utopiestation: Leben ohne Lohn – Utopie Grundeinkommen" saß auch Daniel Häni, Initiator der Schweizer Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Medienwirksam hatte er bei deren Einreichung im Oktober 2013 ein beeindruckendes Bild inszeniert: mit einem Kies(!)kipper wurden acht Millionen Fünfrappenstücke auf dem Berner Bundesplatz ausgeschüttet.

Hier geht es also wirklich um was, um gesellschaftliche Veränderung, Politik, Revolution, "Kopf oder Zahl". Wenn man aus der Utopiestation dann in eine Theatervorstellung huscht, etwa Marianna Salzmanns "Hurenkinder Schusterjungen" in der Uraufführungsinszenierung von Tarik Goetzke, in der es um "eine Wohngemeinschaft mit revolutionärem Grundgefühl" gehen soll, muss man schon an Sinn und Zweck derart ernstgemeinter, aber belangloser Als-ob-Theaterspielereien zweifeln. Trotzdem nun zurück zum System Staats- und Stadttheater, zum Ist-Zustand, zum Sollen und Wollen.

Das WACHSTUM (geht weiter?)

Eigentlich sind wir ja gegen Wachstum, haben – den täglichen Mantras der Börsen-Ideologen in den Nachrichten trotzend – begriffen, dass Wachstum nicht das Ziel sein kann. Wir applaudieren beim Eröffnungsvortrag dem (für Richard Sennett eingesprungenen) Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech, der das "Ende der Wachstumsparty" ausruft und eine "Postwachstumsökonomie" für alternativlos hält. Aber dass nun ausgerechnet die Theater schrumpfen sollen, finden wir doch irgendwie schade … Tun sie es überhaupt, gibt es nicht zugleich einen Wettbewerb des 'höher, schneller, weiter'?

Die Schaubilder dazu, beruhend auf den Statistiken des Deutschen Bühnenvereins, liefert der Überraschungs-Star der Tagung: Autor, Blogger und Digitalberater Ulf Schmidt fordert ein "agiles Theater", eine Auseinandersetzung mit "Digitalien" und dem vernetzten Menschen ebenso wie neue Modelle der Autorenschaft (wie schon in seinem Beitrag zum "Writers' Room"). Sein thesenreicher Vortrag ist hier zu finden und ab nächster Woche überarbeitet auch auf nachtkritik.de, an dieser Stelle sei darum eine Beschränkung auf Schmidts Ausgangsdiagnose erlaubt.

Demnach gibt es in den zwei Jahrzehnten zwischen 1990/91 und 2010/11 zwar eine fast gleichbleibende Auslastung der Theater von ca. 70 Prozent, zugleich gingen die Theaterbesuche aber von 6,15 auf 5,25 Millionen zurück. Dies ist zu erklären mit einer deutlichen Veränderung der Spielorte und Veranstaltungsformate. Die Zahl der Spielstätten hat sich fast verdoppelt (von 480 auf 839) und die Besucher pro Veranstaltung haben sich reduziert von 282 auf 225. (1974/75 waren es in der BRD angeblich sogar 464.) Die Entwicklung wird deutlich beim Blick auf die Vorstellungszahlen nach Sparten: Während die Veranstaltungszahl bei Opern/Operetten spürbar zurückgeht, steigt sie in Schauspiel und Tanz leicht und im Kinder- und Jugendtheater stark an. Vor allem aber gibt es eine Verdreifachung im Bereich "Sonstiges" von 6.551 auf 18.595 Veranstaltungen! Die statistischen Unsicherheiten außen vor lassend bestätigt das ja auch der Blick in die Spielpläne: eine enorme Zunahme an "theaternahem Rahmenprogramm", an Lesungen, Matineen, Diskussionen, Festivals, Serienformaten, Partys.

Das KERNGESCHÄFT (nervt?)

Diese Entwicklung sorgt naturgemäß für einen Anstieg der Arbeit und ist bei den Kämmerern unter den Intendanten und Geschäftsführern nicht gern gesehen, weil das Verhältnis von Aufwand und Einnahmen "ineffektiv" ist. Sie fordern aus ökonomischen Gründen eine Rückbesinnung aufs "Kerngeschäft", aufs große Haus, auf Abo-Buster. Sie planen "Vorbühnenstücke", die auch bei knapper Dispo spielbar sind, machen musikalische Produktionen, Klassiker, Weihnachtsmärchen und Kinderstücke, am besten so, dass sich pro Tag mehrere Vorstellungen im großen Haus ansetzen lassen. Natürlich stets mit Pause, weil der Pachtvertrag mit dem Caterer das zwecks Häppchenverkauf vorschreibt. So verkommt Theater, dieses Just-in-Time-Unternehmen, zur totalen Dienstleistungsmaschinerie.

Die Gegenposition lautet: Wir brauchen mehr von diesen "kleinen Formaten". Die "nah" sind und "echt" und "direkt" und kein Vierte-Wand-Guckkasten-Abspulprogramm, das immergleich vorbeirattert wie ein Kinofilm. Die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen, einen unmittelbaren Austausch ermöglichen, Künstler, "Experten" und Zuschauer zusammenbringen, usw. Wir brauchen mehr Formate, in denen man ausprobieren kann, experimentieren, scheitern, eben Kunst machen.

Das Problem: Abteilung Kunst will das eine, Abteilung Kommerz fordert das andere, und Abteilung Marketing zusätzlich die Vermittlung durch Einführungen, Publikumsgespräche und sonntägliche Matineen. Und eigentlich finden wir ja auch (fast) alles gut und richtig, in unserer Dienstleistungsmentalität, die sich die Augen reibt angesichts des luftigen Spielzeithefts der Volksbühne mit dem Warhol-Zitat "the more information you get the less fantasy you have".

tagungdg2 560 stefanblaeske uDie "Wellnessoase" der Tagung im Mannheimer Theaterfoyer, mit Volksbühnenleporello: "Ich will nicht arbeiten". © Stefan Bläske

Was also tun, und was nicht lassen? Faktisch leisten die Theater immer mehr mit immer weniger Mitarbeitern (die Belegschaften schrumpfen, die festen Ensemblemitglieder sind von drei- auf zweitausend zurückgegangen). Der Eigenfinanzierungsanteil der Theateretats hat sich zwischen 1991/92 und 2010/11 von 13,2 Prozent auf 18,4 Prozent erhöht. Logisch, dass damit Überforderung und Überarbeitung einhergehen. Insbesondere in den Dramaturgien, bei denen nebenbei auch noch das Antragsschreiben für Drittmittel und Kooperationen gelandet ist – am besten um Töpfe anzuzapfen, die eigentlich für die viel ärmere freie Szene gedacht sind.

Das SYSTEM (wackelt?)

Der andere 'Held der Tagung' war erwartungsgemäß Matthias Lilienthal, der zur Abschlussdiskussion "Wie können – oder müssen – wir zukünftig arbeiten?" angeradelt kam. Wie groß die Neugier zu erfahren, was er für Theater der Welt plant und was für die Münchner Kammerspiele. Und wer bekannte sich in den Pausen nicht alles zu diesem Traum: mit IHM an die Kammerspiele! Die ER liebenswert als "Edelpuff" bezeichnet. Sein Versuch, eine Mischform auszuprobieren mit dem Ensemble im Zentrum und freien Gruppen als Regisseuren, ein Miteinander aus Kammerspielern und Kollektiven wie Gob Squad, werde laut Lilienthal durchaus kompliziert, kompromissreich und vor allem "ökonomischer Wahnsinn". So ist zu hoffen, dass der Versuch im Edelpuff gelingt und Vorbild sein kann für andere Häuser.

Es wird derzeit ja von allen Seiten daran gearbeitet, die Mauern "Stadttheater versus freie Szene" abzubauen, allen voran von der Bundeskulturstiftung mit dem Doppelpass-Programm. (Das Theaterkollektiv Turbo Pascal berichtete entsprechend von ihrem Mitarbeiterprojekt am Theater Freiburg und seiner Erfahrung: "Als Kollektiv durch die Strukturen des Hauses toben."). Eine ästhetische Öffnung und Beeinflussung zwischen den "Systemen" ist weithin erwünscht, aber auch hinsichtlich der Arbeitsstrukturen kommt es (womöglich nicht immer willentlich) zu Annäherungen: wenn Theater vermehrt mit Gästen, also "freien Schauspielern" arbeiten, die dann "familienartig" mit Regieteams von Haus zu Haus reisen; wenn Ensembles so klein werden und so eng mit Hausregisseuren arbeiten, dass sie fast zu "Kollektiven" zusammenwachsen; wenn Stadttheater zu Koproduzenten und Festivalveranstaltern werden; wenn sich 'feste' Intendanten und Dramaturgen an 'freien' Koproduktionshäusern beim Engagement von Künstlern dem Verhalten von Stadttheaterleitungen annähern; wenn freie Gruppen einen ähnlichen "Wanderzirkus" betreiben wie Landesbühnen, nur halt ein bisschen internationaler und glamouröser, dabei aber ähnlich familienunfreundlich. (Nun könnte passen: "An meine Freunde vom leidenden Leben".)

tagungdg3 560 stefanblaeske uUnterschiedliche Themenvorschläge und Gruppenbildungen für den Open Space "Wie wollen wir arbeiten?" © Stefan Bläske

Also: Wir wollen mehr Freiheiten, mehr (und gerechter verteiltes) Geld, Selbstbestimmung, ein Sonnendeck, keine Sorgen ums berufliche Fortkommen, kurz: "Kunst von glücklichen Künstlern". So abstrakt kann man sich schnell einigen. Konkret aber bleiben die Einschätzungen zum real existierenden Sollen und zum utopischen Wollen so divers und individuell wie das Theatersystem und die darin strampelnden Persönlichkeiten.

Die SAUNA (knistert?)

Eine wunderbare Sammlung von Positionen zum künstlerischen Arbeiten findet sich übrigens im Radioprogramm des Nature Theater of Oklahoma. Das Gespräch etwa zwischen dem OK-Theater und Gob Squad bietet interessante Vorstellungen von kollektiven und hierarchischen Entscheidungen, von Theater als Leistungssport, Lebenskunst oder Familienunternehmen. Und nebenbei auch eine kleine Soziologie der Sauna.

Eine Sauna bildete auch das heimliche Zentrum der in Zusammenarbeit mit dem Nationaltheater Mannheim und zeitraumexit veranstalteten Dramaturgentagung. Nur ein Bruchteil der Konferenzteilnehmer hat zwar tatsächlich genackedeit, aber darauf kommt es ja nicht an. Als Theatermensch weiß man um den pfallersch-interpassiven Mechanismus des "delegierten Genießens". Auch Menschen, die nie ins Theater gehen, finden ja gut und richtig, dass es Theater gibt, dass man reinkönnte, wenn man wollte, dass andere es tun und drüber reden. Auch so funktioniert Kulturpolitik.

Der Wellness-Kultur und Arbeitnehmer-Fiterhaltungsmentalität entsprechend (dazu nun am besten Peter Lichts "Wettentspannen") gab es neben der mobilen Sauna von Hamster Damm auch täglich "Yoga ohne Umziehen", eine Wellness-Oase mit Liegestühlen und plätscherndem Brunnen, Filmvorführungen ("Work hard/play hard" und "Sometimes we sit and think and sometimes we just sit"), einen "Workshop zum Nichtstun" mit Choreograph Jochen Roller, Feldforschung zur Zeitverschwendung mit der geheimagentur, reichlich Buffet und Alkohol beim traditionellen Verlegerempfang und zum "Ausklang" eine Meditation der Stille.

Die STILLE (übertönt?)

So endete die Tagung mit einer Stunde Schweigen. Und auch zuvor war es schon erstaunlich still geworden: nach dem Bericht von Ulrich Khuon und Nicola May aus der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins ebenso wie nach der "Elefantenrunde" mit Barbara Mundel, Marion Tiedtke (deren "Vortrag zum Überleben der Theater als Ort der Kunst" nachtkritik.de letzte Woche veröffentlichte), Matthias Lilienthal, Rolf Bolwin und Moderator Franz Wille.

War alles gesagt, oder war's schlicht Erschöpfung nach vier vollen Tagen? Ein dg-Vorstandsmitglied vermutete einen "kollektiven Tinnitus", eine "Rückkopplung", weil man selbst zum sezierten Gegenstand geworden sei. Und vielleicht machte sich tatsächlich eine Ohnmacht breit: so intensiv über die Arbeitsbedingungen in Theater und Gesellschaft gesprochen zu haben und doch zu ahnen, dass sich die Hamsterräder am nächsten Tag weiterdrehen, als sei nichts gewesen. So eifrig die Missstände angeprangert, Utopien und Hoffnungen geäußert zu haben und doch zu wissen, dass man schon bald wieder bis Mitternacht am Kopierer stehen oder einen unbezahlten Hospitanten damit beauftragen wird. Traurig wär's, wenn sich durch die Tagung zwar das Bewusstsein, aber nicht das Sein ändern würde. Insofern: An die Arbeit, "Leben, Kunst und Produktion" zu verbessern. In dieser Reihenfolge.

 

Stefan Bläske forschte und lehrte als Theaterwissenschaftler an der Universität Wien, schrieb als Korrespondent aus Wien und anderswo für nachtkritik.de, arbeitete in der Dramaturgie des Residenztheaters in München und ist derzeit Lehrer und Mentor an der Münchner Otto Falckenberg Schule.

 

 

Wir möchten die Diskussion auf nachtkritik.de gern weiter führen und fragen deshalb Sie, unsere am Theater beschäftigten Leser: Was stört Sie an Ihrem Haus? Was muss sich ändern, damit Sie wieder lieber arbeiten? Antworten können Sie hier – der Theater-Kummerkasten.

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