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Theatertreffen: Neues Leitungskollektiv

Marta Hewelt, Carolin Hochleichter, Joanna Nuckowska, Olena Apchel © Jacobia Dahm / Berliner Festspiele

6. Juli 2022. Vier Theatermacherinnen aus Polen, der Ukraine und Deutschland übernehmen ab 2023 die gemeinsame Leitung des Theatertreffens der Berliner Festspiele. Wie die Berliner Festspiele mitteilen, beginnen Olena Apchel, Marta Hewelt, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska Anfang September mit der Planung und Gestaltung des für Mai 2023 geplanten Festivals. Das neue Leitungsteam wurde vom designierten Intendanten der Berliner Festspiele, Matthias Pees, berufen und folgt auf die langjährige Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer.

In einer Stellungnahme betont Matthias Pees, designierter Intendant der Berliner Festspiele, dass das Leitungsteam alle einzelnen Festivalformate zukünftig gemeinsam und gleichberechtigt verantworten wird, diese dadurch stärker miteinander verzahnt und auch die Zusammenarbeit mit der Kritiker*innen-Jury gemeinsam koordiniert. "Zugleich bringen die vier neuen Leiterinnen wichtige, internationale Perspektiven auf die deutschsprachige Theaterlandschaft ein, erweitern damit deren Horizont ebenso wie unsere Sehgewohnheiten und können so dazu beitragen, kulturelle Unterschiede und politische Gräben zu überwinden. Unter ihrer Leitung soll das Theatertreffen stärker mit dem mittel- und osteuropäischen Raum vernetzt werden, mit dem wir schließlich unsere Stadt- und Staatstheaterstruktur mit festen Ensembles, Repertoirebetrieb und freier Szene teilen und gut vergleichbare Arbeits- und Produktionsbedingungen gemein haben. Sie stehen für eine neue Generation von Theatermacher*innen, die grenzüberschreitend, kollektiv und kreativ nach Wegen der nachhaltigen und inklusiven Kunst-, Kultur- und Festivalproduktion suchen."
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Olena Apchel ist Artivistin, Theaterregisseurin, Dramatikerin und Kuratorin von Kunstprojekten, zudem promovierte sie in Kulturgeschichte und -theorie. Sie lehrt im Bereich des zeitgenössischen Theaters und unterrichtet Meisterklassen in Regie, Schauspiel und Bewegung auf der Bühne. Von 2010 bis 2015 lehrte sie an der Staatlichen Kulturakademie in Charkiw. Seit 2014 ist sie als Co-Autorin und Trainerin an der Autor*innenschule für Schauspiel und Darstellende Künste TESTO in Charkiw beschäftigt. Von 2017 bis 2019 war sie künstlerische Leiterin des Akademischen Dramatheaters Lesya Ukrainka Lviv. 2019 und 2020 war sie an der Konzeptentwicklung der Hauptausstellung des Gedenkmuseums totalitärer Regime Territorium des Terrors in Lviv beteiligt. Olena Apchel ist derzeit in der Abteilung für soziale Projekte des Internationalen Kulturzentrums Nowy Teatr in Warschau tätig.

Marta Hewelt ist Geschäfts- und Produktionsleiterin. Sie wurde in Gdynia in Polen geboren und wuchs in Berlin auf. Von 2004 bis 2007 absolvierte sie eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau am HAU Hebbel am Ufer. Danach war sie über zehn Jahre lang in der freien Szene Berlins und überregional als Produktionsleiterin tätig, wobei ihr Schwerpunkt neben dem Künstler:innen-Management auf der Ausrichtung von (internationalen) Festivals und Site-Specific-Produktionen lag. 2014 wurde sie für ein Jahr stellvertretende Geschäftsführerin an der Neuköllner Oper in Berlin. 2015 übernahm sie die Geschäftsführung der schwankhalle in Bremen und initiierte deren Neueröffnung. Mit neuem Konzept eröffnete und leitete sie das Theater zunächst gemeinsam mit Pirkko Husemann und später mit Florian Ackermann bis Juni 2022.

Carolin Hochleichter ist Dramaturgin, Kuratorin, Dozentin und Gründungsmitglied des Kollektivs "Keep It Real". Sie hat Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim sowie Utrecht und Kulturen des Kuratorischen in Leipzig studiert. Noch während ihres Studiums in Hildesheim übernahm sie die künstlerische Leitung für das internationale performing arts festival transeuropa 2003. Von 2004 bis 2007 leitete sie mit Hannah Hurtzig die Mobile Akademie und arbeitete in diesem Zusammenhang mit Joanna Nuckowska in Warschau zusammen. Nach ihrer Zeit als Dramaturgin am Theater Freiburg von 2008 bis 2011 war sie von 2012 bis 2016 Dramaturgin des Festivals Foreign Affairs der Berliner Festspiele. 2017 bis 2020 war sie als Kuratorin für die Ruhrtriennale und 2019 zusätzlich als Co-Kuratorin für das internationale Programm des Athens Epidaurus Festival tätig. 2020 übernahm sie die künstlerische Leitung für den Bewerbungsprozess der Stadt Hildesheim als Kulturhauptstadt Europas 2025. Zusätzlich arbeitet sie regelmäßig als Produktionsdramaturgin, unterrichtet an verschiedenen Ausbildungsinstituten im Bereich Dramaturgie und ist seit 2021 Mentorin für Regie an der Akademie für darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg.

Joanna Nuckowska ist Programmleiterin, Kuratorin, Kulturmanagerin und Gründungsmitglied des Kollektivs Culture for Climate. Sie war zweimal Fellow des amerikanischen ISPA-Fellowship-Programms und lehrte als Gastdozentin an der Theaterakademie und der Universität für Gesellschafts- und Geisteswissenschaften in Warschau. Sie arbeitete 13 Jahre lang am Nowy Teatr Kulturzentrum in Warschau, wo sie die Positionen der Vizedirektorin und der Leitung der Abteilung Produktion und Internationale Beziehungen innehatte. Zudem war sie Kuratorin verschiedener disziplinübergreifender Projekte, wie der Summer Camp Art Academy, des Showcase-Projekts Generation After und des International Festival New Europe. Zusammen mit Carolin Hochleichter arbeitete sie zwei Jahre lang an dem Projekt "Mobile Akademie Warschau 2006".

Weitere Informationen zur Festivalplanung werden den Berliner Festspielen zufolge auf einer Pressekonferenz zum Beginn der Intendanz von Matthias Pees im Oktober bekannt gegeben.

(Berliner Festspiele / geka)

 

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Kommentar: Undeutliche Signale – Die Ernennung der neuen Theatertreffen-Leitung wirft Fragen auf (7/2022)

Meldung: Matthias Pees wird Intendant der Berliner Festspiele (9/2021)

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Kommentare  
Theatertreffen-Leitung: Alleinstellungsmerkmal
4 Kuratorinnen mit dezidiert unterschiedlichen Perspektiven, neben einer siebenköpfigen Jury? Klingt so, als würde dem TT nun endlich sein Alleinstellungsmerkmal als Leistungsschau der "bemerkenswertesten" aka "besten" Theaterproduktionen im deutschsprachigen Raum ausgetrieben. Freuen wir uns auf ein weiteres ambitioniert kuratiertes internationales Theater-Festival. Ich bin gespannt darauf, wie es sich von den zahlreichen anderen Festivals in anderen Städten unterscheiden wird.
Theatertreffen-Leitung: What's new?
Ich sehe vier weiße Frauen. What's new? Schade. Dennoch viel Glück. Schön, dass die Leitung geteilt wird, obwohl Yvonne Büdenhölzer, nach meinem Kenntnisstand, sehr teamorientiert gearbeitet hat.
Theatertreffen-Leitung: Peinlich
Eine nicht nachvollziehbare Besetzung, die wiedermal nur dem Zeitgeist hinterherläuft, statt konzeptionell Akzente zu setzen. Die aufgeworfenen Fragen stellen sich tatsächlich. Leider reagiert die Kritik auch hier nur so empfindlich, weil sie selbst in Frage gestellt wird. Das ist ein bisschen peinlich.
Theatertreffen-Leitung: Gemischte Teams besser
Und wieder Mal stellt sich die Frage: Gilt die Erkenntnis, dass in Bezug auf die Geschlechterdiversität gemischte Teams besser funktionieren plötzlich nicht mehr?
Theatertreffen-Leitung: Aufgabenverteilung
Die Gruppe sieht wirklich spannend aus, tolle Persönlichkeiten, und ich bin sehr gespannt auf die Entwicklung des Festivals.

Allerdings war nach meinem Kennntnisstand das Theatertreffen-Programm mit ihren vielen Formaten bereits ziemlich gut miteinander verzahnt, gab es auch schon diverse Perspektive im Leitungsteam und wurde auch sehr teamorientiert miteinander gearbeitet. Nur gab es eine klare Aufgabenverteilung: 10er-Auswahl, Internationales Forum, Stückemarkt, Diskurs. Sich um allen Aspekten des TT zu kümmern, ist für eine Person fast unmöglich, es wird doch auch im neuen Team eine Aufgabe- und Verantwortungsverteilung geben müssen. (Auch weil es in einer großen Organisationsstruktur wie Berliner Festspiele wahrscheinlich klare Ansprechpartner braucht.) Es wäre transparent, eine eventuelle Aufgabenverteilung zu gegebener Zeit auch öffentlich zu machen. Es würde mich interessieren, ob das der Plan wäre, oder ob die Gruppe als Kollektiv 'alles' zu verantworten haben wird.

Es interessiert mich auch, ob Programme wie Stückemarkt und Internationales Forum verschwinden oder beibehalten bleiben?

Ich persönlich hoffe, dass das weltweit einmalige System mit der Kritikerjury nicht ausgehölt wird, und das Theatertreffen kein weiteres kuratiertes Festival werden wird, auch wenn dieses Leitungsteam wahrscheinlich ein fantastisches Programm zusammenstellen würde. Auf jeden Fall gutes Gelingen!
Theatertreffen-Leitung: Dilemma der Repräsentation
#2 + #4: Immer was zu mäkeln. Wie vier Menschen die vollständige Diversität einer Gesellschaft repräsentieren sollen (in Sexualität, Gender, Herkunft, Erfahrung, Alter, Gesundheit, Bildung, Klasse, phänotypischen Merkmalen, neurologischer Diversität, kultureller Diversität, usw.) bleibt rätselhaft. Und selbst wenn all das vertreten wäre, bleibt fragwürdig, ob die entsprechenden Personen auch wirklich angemessene Vertreter*innen ihrer jeweiligen Gruppe sind oder ob sich die Menschen der angeblich repräsentierten Gruppe zum Beispiel inhaltlich gar nicht repräsentiert fühlen und mit den Repräsentant*innen gar nicht so viel zu tun haben (wollen). Das Dilemma der Repräsentation durch die Eindimensionalität der Debatte.
Auch wenn beide Kommentator*innen sicherlich unterschiedliches wollen, eines fällt auf: geht es wirklich um das Ganze oder nur um die EIGENE Repräsentation? Wenn nämlich Leitungsteams die Partikularinteressen einer ganzen Gesellschaft repräsentieren sollen, na dann viel Spaß. Da werden auch 50 Personen nicht reichen.

Ich jedenfalls wünsche diesen vier Menschen alles Gute und viel Erfolg. Die Wahl klingt spannend, der Kollektivgedanke interessant und die mitgebrachten Perspektiven vielversprechend.
Theatertreffen-Leitung: Resilientere Lösungen
Ja, ich wünsche dem Team auch alles Gute und nein, ich will nicht partikular repräsentiert werden. Aber mir fällt auch auf, dass es nach den alten weissen Männern nun mit jungen weissen Frauen auf den Chefsesseln immer noch/ wieder ziemlich homogen aussieht und das finde ich schade, weil divers aufgestellte Teams einfach resilienter sind.
Kommentar Theatertreffen-Leitung: Exil
Warum nicht mal ein Theatertreffen ohne deutschen sondern mit ausländischen Produktionen, die wegen Autokratien, Diktaturen usw. in den Heimatländern nicht gezeigt werden können? Theatertreffen goes Exil! Die Kritikerjury sollte sich mal Videos aus Iran, Ukraine, China, Gaza usw anschauen :)
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