Fantasien über Amerikas Zukunft

29. Juni 2024. In einer düsteren Zukunft spielt Margaret Atwoods Roman "The Handmaid's Tale". Anhand des Berichts einer Magd werden die Ereignisse rekonstruiert. Die dystopische Geschichte wurde vor vielen Jahren als Oper vertont. Jetzt hat Peter Carp das Stück am Theater Freiburg inszeniert.

Von Jürgen Reuß

"The Handmaid's Tale" frei nach Margaret Atwoods Roman, Musik von Poul Ruders, Libretto Paul Bentley, von Peter Carp am Theater Freiburg inszeniert © Paul Leclaire

29. Juni 2024. Zur deutschen Erstaufführung der Oper "The Handmaid's Tale" nach Margaret Atwoods gleichnamigem Roman sind sowohl der dänische Komponist Poul Ruders als auch der britische Librettist Paul Bentley nach Freiburg gereist. Diesem direkten Kontakt des Produktionsteams um Regisseur Peter Carp und Dramaturgin Tatjana Beyer mit den beiden verdankt das Publikum im Programmheft zwei aufschlussreiche Einblicke in die Leitprinzipien von Komponist und Librettist.

So sagt Ruders: "Ich habe mich ans Klavier gesetzt und gedacht: 'Ich muss das Publikum packen.'" Und Bentley beschreibt die Notwendigkeit, die zum Teil großen Zeitsprünge in der Romanvorlage für die Oper zu erklären als: "Es ist so, als würde man einen Bühnenarbeiter mit einem großen Schild rausschicken." Nimmt man dazu noch Atwoods beharren darauf, dass sie nichts geschrieben habe, "was wir nicht gerade tun oder ernsthaft beabsichtigen zu tun", hat man die Pflöcke für die Freiburger Inszenierung ziemlich gut beschrieben.

Best-of apokalyptischer Ereignisse

Der vom Librettisten hinzugedichtete Prolog empfängt das Publikum mit der eingeblendeten Einladung zu einem Symposium im Jahr 2195 n. Chr. Offenbar ist der extrem patriarchale Gottesstaat Gilead untergegangen und auf die folgende Geschichte wird auf rein historischem Interesse zurückgeblickt, da man die Aufzeichnung einer der als Gebärvieh gehaltenen Mägde gefunden wurde.

Szenen mit einer Art Videozusammenschnitt auf einer Konferenz in "The Handmaid's Tale" © Paul Leclaire

Begleitet von "packendem" Orchester wird also für uns Syposiumsgäste mit einem Videozusammenschnitt einer Art Best of Pressefotos der jüngsten apokalyptischen Ereignisse von Flüchtlings- und Hungertoten über Natur- und Kriegskatastrophen bis zur Erstürmung des Kapitols darauf eingestimmt, dass alles, was nun folgt, irgendwo zwischen IS, Iran und Trumpwiederwahl angesiedelt sein wird.

Bericht aus dem Umerziehungslager

Wie dann der gesamte Report der Magd, strukturiert als Präludium im Umerziehungslager für Mägde und in zwei Akten, ausgebreitet wird, lässt sich wohl am treffendsten als elegant bis smooth beschreiben. Die Drehbühne (Kaspar Zwimpfer) rotiert mit imposanten Zwischenwänden unerbittlicher Trostlosigkeit von klösterlicher Umerziehungsfolter zur Wand der Gehängten, in die Gemächer des Kommandanten, die Gräue realsozialistischen Ansteheinkaufsvergnügens und taucht von dort, wenn nötig durch einfachen Lichtwechsel in die Vorgeschichte und kann alle Ebenen ebenso einfach mischen und durch Wanddurchbrüche kombinieren. Das funktioniert so reibungslos, dass die knapp drei Stunden mit einer Pause nach dem 1. Akt trotz der eigentlich beklemmende Story in gewisser Weise runtergehen wie Öl.

TheHandmaidsTale4 1200 Paul LeclaireLila Chrisp und Inga Schäfer als Offred in "The Handmaid's Tale" © Paul Leclaire

Die Musik stützt dieses seltsame Gefühl, weil sie im Grunde wie Filmmusik zu Blockbustern funktioniert und die Emotionen des Publikums gleich mitorchestriert. So bekommt die "Tante" genannte Ausbilderin der Mägde einen derart schrillen Sopran, dass das Trommelfell vor solch stechender Umerziehungsfolter vor Gnade winselt, während das anrührende Duett der nach ihrem Halter benannten Magd Offred und ihrem früheren Ich tatsächlich dazu verleitet, die "ein oder andere Melodie aus der Aufführung" mitzusummen, wie sich Komponist Ruders für seine Oper wünscht.

Die ganze Oper erhält eine mehr oder weniger komplett durchgetriggerte Dramaturgie, bis in die Kostüme (Gabriele Rupprecht): Die Ausbildertante erinnert an eine zwischen Hitler und Stalin gestählte Alice Weidel, die Mägde übernehmen die Ikonografie der Verfilmung, die Vorputschzeit tritt im Campuslook auf.

Durchorchestriert bis ins Detail

Das ist alles gut gemacht, gut umgesetzt, trägt das Publikum gut durch die Story, aber es bleibt auch so ein Gefühl der Glätte. Weder bei den Schicksalen der Protagonistinnen, noch bei der Musik hakt man so richtig ein. Einerseits leuchtet die Charakterisierung des Komponisten als "Richard Strauss des Computerzeitalter-Orchesters" ein, andererseits bleibt am stärksten im Ohr, wenn Ruders Amazing Grace zitiert. So weiß der Opernabend durchaus zu beeindrucken, hinterlässt aber weniger, als man vermuten könnte.

The Handmaid's Tale
von Poul Ruders und Paul Bentley nach Margaret Atwood
Deutsche Erstaufführung
Regie: Peter Carp, Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis, Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Light-Design: Diego Leetz, Chordirektor: Norbert Kleinschmidt, Dramaturgie: Tatjana Beyer, Charlotte Maskelony.
Mit: Inga Schäfer, Katerina Hebelková, Margarita Vilsone, Jin Seok Lee, Alina Kirchgäßner, Junbum Lee, Glen Cunningham, Anja Jung, Lila Chrisp, Natasha Sallès, Cassandra Wright, Roberto Gionfriddo, Melissa Serluco, Karen Job, Philharmonisches Orchester Freiburg, Opernchor des Theater Freiburg, Statisterie des Theater Freiburg.
Premiere am 28. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater.freiburg.de

Kritikenrundschau

"Das Schöne an Peter Carps Regiearbeiten ist auch hier einmal mehr: Hier gilt es dem Werk und einer detaillierten Zeichnung der Figuren - aber nicht den Allüren des Interpreten," schreibt Alexander Dick in der Badischen Zeitung (1.7.2024). "Angefangen bei der von Atwood vorgegebenen Farbsymbolik, derzufolge die 'Mägde' nun mal ganz in Rot gekleidet zu sein haben über die Symbole dieses totalitären Staates - das 'Auge Gottes', das für totale Überwachung steht: Diese Welt hat nichts, aber auch gar nichts, was einen Funken Hoffnung schöpfen lässt."Aus Sicht des Kritikers "vibriert dieser Abend geradezu". Dafür sorge die Musik ebenso, wie ihre Interpretation durch Orchester, Chor und Sänger*innen.

Peter Carp inszeniere "so solide wie erwartbar, indem er das reaktionäre Setting in eine umfassende Biederkeit übersetzt: etwa mit den uniform-roten Kleidern für die Mägde und Wächterinnen, die Assoziationen zu KZ-Angestellten wecken, oder mit der wenig überraschenden Haftanstalt als Kulisse." Es fehlt diesem Kritiker "eine Regie, die sich um starke, auch unkonventionelle Bilder müht. Einzig jene eingeschobenen Szenen, in denen Desfred sich vom Bühnenrand aus an ihre kleine Familie erinnert, wirken eindringlich." Dass die Aufführung dennoch sehenswert ist, verdankt sich Hayer zufolge "der Komposition von Poul Ruders. Sie erzeugt Tiefensog, wo die Bildebene an der Oberfläche kratzt."

Kommentare  
The Handmaid's Tale, Freiburg: Frage
Eine Frage an die Redaktion: Ist das jetzt neu, dass Nachtkritik auch Opernpremieren bespricht? Bislang gab es ja meist nur dann Opernbesprechungen, wenn es darin einen gewissen Schauspielanteil gab oder wenn Herr Castorf in Bayreuth gastierte oder es ein besonderes Festspiel-Highlight war. Hier scheint es sich der Beschreibung nach allerdings um eine reine Opernproduktion gehandelt zu haben, oder habe ich was übersehen? Warum also die Besprechung? Das ist übrigens ganz wertfrei gemeint.
MfG
The Handmaid's Tale, Freiburg: Antwort
Okay, keine Antwort der Redaktion ist auch eine Antwort.

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Lieber Fragender,
zunächst: auch Redakteur*innen sind nicht 24/7 online und im Dienst.
Zu Ihrer Frage: nachtkritik.de bespricht Opern in der Regel nur, wenn Schauspielregisseur*innen hier debütieren oder mit interessanten Projekten Ausflüge ins Musiktheater / in die Oper machen. Es gibt aber auch Fälle, da interessieren uns Stoffe und Bearbeitungen, das war etwa im Fall der "Handmaid's Tale" so. Aber auch der Krasznahorkai-Stoff "Melancholie des Widerstands" an der Berliner Staatsoper gehört in diese Kategorie. Oder "Messeschlager Gisela" an der Komischen Oper Berlin. Wenn Bögen zwischen den Genres Oper und Schauspiel aber auch in populärerer Formate geschlagen werden.
Herzliche Grüsse aus der Redaktion, Esther Slevogt
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