Heimsuchungen einer Großstadt

29. Juni 2024. Fünf junge Menschen ziehen durch die Stadt, verfolgt von der Live-Kamera, düster, dystopisch, mit viel Ohnmacht und Wut. "Dämonen" heißt der Abend, den Sebastian Nübling und Boris Nikitin jetzt mit Spieler*innen des Maxim Gorki Theater erarbeitet haben – als Live-One-Shot durch verwundete Stadt- und Lebens-Geschichten.

Von Elena Philipp

Boris Nikitins und Sebastian Nüblings Berliner Version von "Dämonen" am Maxim Gorki Theater Berlin © Ute Langkafel / Maifoto

29. Juni 2024. "Diese verdammte Stadt ist eine Kriegsstadt, die von innen aussieht wie ich: zerstört." Auf Englisch schreit Gorki-Spieler Kinan Hmeidan diesen Satz in die Berliner Nacht, brutal klingen die Wörter: war, destruction, loss, chaos. Zweieinhalb Stunden ist Hmeidan da mit seinen vier Kolleg*innen schon auf den Straßen der Stadt unterwegs, in U-Bahn-Schächten, Parkhäusern, Einkaufszentren; zwischen cremeweißem Klassizismus, Fassaden mit Einschusslöchern oder Stein gewordenem Nationalsozialismus.

Für das Maxim Gorki Theater haben Hausregisseur Sebastian Nübling und sein Kompagnon Boris Niktin ihre Basler "Dämonen" aus dem Jahr 2022 adaptiert. Drang aus den damaligen Besprechungen der Geist freudvoller Anarchie und rotziger Spielfreude, gepaart mit wütender Suche nach Identität, kommt die Berliner Version düster bis dystopisch daher. Die Stadt ist kein Spielplatz mehr, sondern nur Kulisse. Das Individuum: verloren.

Live auf der Straße

Dabei beginnt alles voller Leichtigkeit. Nach der Einstimmung im Theatersaal – Kinan Hmeidan zählt von 1 bis 15, die Sekunden, die der Livestream gleich zeitverzögert auf der Leinwand projiziert wird –, leistet sich das Ensemble mit den Kamerapersonen eine Verfolgungsjagd im Hinterhaus. Kostümiert im Agentenstil der Men in Black-Filme, eilen die fünf Spieler*innen Treppen hinauf, drücken sich um Ecken, schlagen Türen hinter sich zu. Allein bleibt die Kamera zurück. Einmal bellt ein aufgeschreckter Hund. Dann trudelt das Live-Bild im Vertigo das Treppenhaus hinunter, während im Saal der Big Band-Sound dynamisch anschwillt. In den ersten Reihen grassiert nach zehn Minuten Fangenspiel leichte Übelkeit. Bis die Kamera, zum Bühneneingang hinaus, auf die Straße taumelt und optisch wie akustisch Ruhe einkehrt.

Startpunkt im Theater: Kinan Hmeidan zählt den Countdown © Ute Langkafel / MAIFOTO 

Zwischen Tramgleisen, die in der Abendsonne silbern glänzen, läuft Flavia Lefèvre in schnellem Schritt geradeaus. Die tragbare Kamera, geführt von Robin Nidecker und Jelin Nichele, folgt ihr, über die Dorotheenstraße bis zum Reichstagsufer und zur S- und U-Bahnstation Friedrichstraße. Leer ist die Stadt, ein Auto wartet, ein Passant dreht ab, als er dem Tross begegnet. Vor der Weidendammer Brücke Richtung Friedrich Stadt Palast erzählt Kinan Hmeidan mit Blick ins Objektiv und damit ins Publikum, wie er diese Strecke mehrere Monate lang täglich gelaufen ist. "Busfahren konnte ich nicht, Tramfahren fahren auch nicht." Langsam, in seinem Tempo, musste er die Stadt durchqueren – aus Syrien geflüchtet, jagten ihn die Dämonen des Krieges? Diesen Subtext fügt man interpretatorisch hinzu, wenn man weiß, dass Hmeidan im Exil Ensemble des Gorki zu spielen begann, bevor er dort fest engagiert wurde.

Hinter den Fassaden

Stadt der traumatischen Geschichte(n): Meret Mundwiler berührt eine Hausfassade und erzählt vom Beratungsgespräch bei einer Organisation für Sterbebegleitung, Linda Vaher deutet auf ein Gebäude, in dem angeblich diskret ein Großteil der Waffenproduktion Deutschlands gemanagt wird. Und als Tim Freudensprung über Wirksamkeit nachdenkt, seine Möglichkeit, auf die Realität einzuwirken, und sinniert, dass gegen das Gefühl der Ohnmacht nur Steinewerfen hilft, läuft er gerade am Wohnhaus der Ex-Kanzlerin Angela Merkel vorbei.

Montage-Effekte wie dieser ergeben sich in "Dämonen (Berlin)". Doch Distanz zur Umgebung bleibt: Minutiös geplant ist die Route, der Text gescriptet, wie in Basel; doch anders als dort kommt es in Berlin kaum zu Interaktionen. Security begleitet vielmehr das Spieler*innen-Quintett, wie der Pressesprecher erzählt – auf dem Alexanderplatz, wo die "Dämonen"-Spieler*innen auf mehr Menschen treffen, gab es bei Probedurchläufen wohl unangenehme Begegnungen.

V.l.n.r.: Tim Freudensprung, Linda Vaher, Kinan Hmeidan, Meret Mundwiler, Flavia Lefèvre © Ute Langkafel /MAIFOTO

Berlin, die raue Stadt; hässlich, deprimierend, wunderschön, schreit Hmeidan, dessen Rufe auf ein Echo aus sind und doch verhallen. So wie die Suada von Tommy, die dieser täglich durch seine Straße gerufen haben soll, bevor er verschwand: "Gott verdammt, die Scheiße. Die Scheiße muss verrecken", brüllt an seiner Stelle die nach kurzer Umkleidepause im Gorki-Van als Clowns kostümierte Truppe, als sie über den Potsdamer Platz tobt. Gut, dass sich die Kamera inmitten all dieser theatralen Verzweiflung in langen Sequenzen künstlerisch verselbständigt.

Risse in der Realität

Filmisch erschließt sie Berlin als Schauplatz dieses an Sebastian Schippers "Victoria" erinnernden One-Shots. Im U-Bahnhof Museumsinsel mit seinen Säulen und der blauen Sternen-Decke wird das Bild farbig, das Gelb der U-Bahn leuchtet, das Rot der Notrufsäule, und die Perspektive kippt um 90 Grad: Wer eben auf dem Boden lag, steht an die Wand gelehnt.

Zwischen den Säulen gähnen Abgründe, in die die Protagonist*innen zu stürzen drohen – ein "Inception"-Moment. Nahe der Mall of Berlin dreht sich das Bild gar um 180 Grad, die Spieler*innen scheinen über die Decke zu laufen, unter ihnen wird der nachtblaue Himmel zum Fluss. Godard lässt grüßen. Und die "Dämonen", die Unruhegeister der Stadt, kommen zur Ruhe; der Riss in der Realität schließt sich. Bildlich scheint hier auf, was die Spieler*innen in ihrem Text bestreiten: Die Wunden einer kaputten Stadt können heilen.

Dämonen (Berlin)
von Boris Nikitin und Sebastian Nübling
Regie: Boris Nikitin und Sebastian Nübling, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: Ursula Leuenberger, Musik: Matthias Meppelink, Live-Kamera und Cinematography: Robin Nidecker, Jelin Nichele, Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy.
Mit: Tim Freudensprung, Kinan Hmeidan, Flavia Lefèvre, Meret Mundwiler, Linda Vaher.
Premiere am 28. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

"Obwohl die Präsenz des Ensembles auf der Bühne fehlt, bekommen die Filmbilder, bekommt die Reise durch die Nacht einen eigenen Drive und Rhythmus. Nur: Inhaltlich kann der Abend mit diesen exquisiten Bildern nicht mithalten", so Barbarba Behrendt vom RBB (29.6.2024). Die Inszenierung wirke wie das Gastspiel einer ortsfremden Truppe, die ausschließlich Touristen-Orte kenne und bashe. "Mit der Realität der Menschen, die hier leben, hat das wenig zu tun."

Von einem "seltsamen Zwitter aus strikter Weltabgewandtheit und manischer Suche in ihr" schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (1.7.2024)."Die meiste Zeit nämlich laufen die Spieler in ziemlicher Ignoranz gegenüber ihrer Umwelt durch die Stadt. Und man vergisst auch den alles und nichts durchkauenden Text, den der Co-Regisseur Boris Nikitin den fünf mitgegeben hat. Neben der Wut auf 'all die Scheiße' ist darin vom Sterben als Befreiungsakt die Rede, von vermissten Personen, vom Elend des Erinnerns und dem Nichtdazugehören. Gut gemeint, aber doch nur aufgesetzter Weltschmerz."

Kommentare  
Dämonen, Berlin: Ungewöhnliches Live-Theater-Film-Projekt
Der jungen Frau im Sommerkleid wird dann doch etwas mulmig zumute, als sich ihr fünf seltsame Gestalten, ganz in schwarz gekleidet, mit zwei Kameramännern im Schlepptau in der U 5 zwischen Alexanderplatz und Schillingstraße nähern. Erst versucht sie, weiter durch den Feed auf ihrem Display zu scrollen, sucht dann aber doch Sicherheitsabstand.

Zunächst stumm hastet das Quintett durch die verwinkelten Gorki-Gänge, macht sich im Special Agents-Look auf in die Stadt, Richtung Touri-Hotspots. Im Gegensatz zu der jungen Frau, der sie allzu dicht auf die Pelle rückten, nehmen die meisten Berliner Passanten kaum Notiz von den sonderbaren Vögeln, die an ihnen vorbei flanieren.

Geschichten von Verfall und Tod werden skizziert. Um innere Dämonen und Krankenhausaufenthalte geht es, um Fälle von Vermissten. Realität und Fiktion mischen sich, immer wieder tauchen die tatsächlichen Vornamen der Performer in diesen Schilderungen auf. Eine kleine Irritation schleicht sich ein, als sie von der Sterbehilfeorganisation erzählen, die angeblich in einem Haus ihren Sitz hat, an dem sie vorbei schlendern: in Deutschland ist diese Praxis verboten, in der Schweiz anerkannt. Eine kleine Hommage ans Original? Ein Überbleibsel aus der Schweizer Produktion?

Mit diesen Fremdkörpern spielt der Abend. Herausragend ist die Virtuosität, mit der Nidecker/Nichelle ihre Kameras tanzen lassen, die Perspektiven wechseln und im U-Bahnhof Museumsinsel ein Ballett der am Boden liegenden Spieler inszenieren, die auf dem Kopf zu stehen scheinen. Von dort geht es durch die historische Mitte Berlins, in die zwei Diktaturen eingeschrieben sind: zwischen Prachtbauten und Brachen, zum in der Euphorie geplanten, nie lebendig gewordenen Sony Center, zum sanierungsbedingt geschlossenen DDR-Premieren-Kino International und dem trubeligen Alexanderplatz legen sie viele Kilometer zurück, meist zu Fuß, selten in U-Bahn oder Sammeltaxi. Die Anzüge weichen Clownskostümen, auf den letzten Metern zurück ins Gorki Theater geht die Blaskapelle „Hastetöne“ voran.

Langer Applaus heißt das Ensemble dieses ungewöhnlichen Live-Theater-Film-Projekts willkommen zurück: Schlaglichter auf ein sehr diverses Themen-Potpourri bot dieser Abend. Mal unterhaltsam, mal düster, mal etwas redundant, immer hervorragend gefilmt. Vieles wird nur angerissen, die für die Berliner Version geplante Verbindung zwischen den inneren Dämonen der Figuren und den historischen Dämonen, die im Stadtbild zu spüren sind, schimmert ab und zu zwischen den Zeilen und Szenen durch. Hier hätte das ambitionierte Projekt jedoch noch mehr Potenzial gehabt.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/06/29/daemonen-berlin-gorki-theater-berlin/
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