Wenn’s aus der Seele quillt

18. Mai 2024. Raserei prägte die "Faust"-Inszenierung, die Felix Rothenhäusler vor knapp zehn Jahren in Bremen ablieferte. Nun hat er eine Soloversion für den wandlungsfähigen Schauspieler Siegfried W. Maschek geschaffen. Und findet in 75 Minuten des Pudels Kern.

Von Andreas Schnell

"Faust" am Theater Bremen in der Regie von Felix Rothenhäusler © Jörg Landsberg

18. Mai 2024. Ganz unaufgeregt kommt er auf die Bühne, barfuß, schwarze Hose, schwarzes Achselshirt, ein rätselhaftes Lächeln auf den Lippen: Siegfried W. Maschek ist Faust, Mephisto, Wagner und ein bisschen Gretchen. Felix Rothenhäusler, ab der kommenden Spielzeit Intendant am Theater Freiburg, ist bekannt dafür, seine Stoffe gründlich umzukrempeln, zu entschlacken, zu konzentrieren – wobei er das mit dem "Faust" vor rund zehn Jahren schon einmal und ganz anders und eigentlich gar nicht minimalistisch tat. "Faust hoch zehn" hieß damals seine mit gleichsam homöopathischen Methoden hergestellte Potenzierung, diesmal ist der Text purer Goethe.

Goethe, gründlich aufgemischt

Allerdings haben Rothenhäusler und Stefan Bläske das Material gründlich aufgemischt. Kein Vorspiel auf dem Theater, kein Prolog im Himmel, keine Gretchenfrage, jedenfalls nicht in der Reihenfolge und nicht mit dem bekannten Personal. "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten...", geht es zwar ganz klassisch los, und man wird zumindest als Nichtexperte nach rund 75 Minuten kaum einen der zahllosen sprichwörtlich gewordenen Goethe-Verse vermissen.

Dieser "Faust" hat allerdings eine andere Melodie, einen anderen Rhythmus und ein anderes Tempo als herkömmliche Inszenierungen: Maschek, der in den vergangenen fast 25 Jahren in Bremen seine Wandlungsfähigkeit schon oft unter Beweis gestellt hat und auch in "Faust hoch zehn" dabei war, trägt dieses "Faust"-Cut-up ganz allein vor, als Textfläche, körperlich nahezu regungslos, maßvoll modulierend.

Unabänderlicher Lauf der Dinge

Immer wieder umspielt jenes melancholische Lächeln seinen Mund. Während dann und wann Jan Grosfeld aus dieser oder jener Ecke die Bühne betritt, mal mit Vogelmaske, mal als Bär, stumm; hinten auf der Bühne eine große Mondsichel auf- und wieder abfährt. Mal rieselt Schnee herab, mal regnet es, regelmäßig erklingt "Happy birthday", und immer wieder geht in stoisch unbarmherziger Regelhaftigkeit die Sonne auf.

Faust 1 CJoergLandsberg uMit leisem Lächeln: Siegfried W. Maschek © Jörg Landsberg

Es ist der unabänderliche Lauf der Dinge, gegen den auch der unermüdlich strebende Faust nichts ausrichten kann. Da mag zwischendurch ein üppiger Vorhang wallen, um wenig später zu Boden zu fallen, da mag ein Konzertflügel hereingerollt werden, da mag Maschek kurz das "Gretchen am Spinnrade" angesungen haben, mittendrin zündet sogar eine Konfettikanone.

Verschobener Abschied

Die Raserei aus "Faust hoch zehn" ist einer erschöpften Resignation gewichen. "Wir sehnen uns nach Offenbarung", aber das Streben bleibt vergeblich. "Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!" Maschek ab – ins Dunkel.

Eine geradezu weltgeistige unfreiwillige Pointe: Eigentlich hatte dieser "Faust" die Abschiedspremiere für Siegfried W. Maschek sein sollen. Er ist seit der Spielzeit 2001/02 am Theater Bremen. Doch "Wasserwelt. Das Musical", Mascheks eigentlich vorletzte Premiere, musste in die kommende Spielzeit verschoben werden. So hat der Lauf der Dinge auch noch diesen schön geplanten, doppelten Abschied durcheinander gebracht.

Faust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne und Kostüme: Katharina Pia Schütz, Chefmaskenbildner: Derek Halweg, Musik: Jan Grosfeld, Licht: Norman Plathe-Narr, Dramaturgie: Stefan Bläske.
Mit: Siegfried W. Maschek, Jan Grosfeld.
Premiere am 17. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde und 15 Minuten

www.theaterbremen.de

 Kritikenrundschau

"Mascheks Vortrag fließt geschmeidig dahin, lässt zur Ruhe, zum Text kommen, feiert so den Formulierungszauber und Gedankenreichtum – vielleicht als Trotz gegen eine Bildungspolitik, die „Faust“ als Schulstoff für überflüssig hält," schreibt Jens Fischer in Die Deutsche Bühne (18.5.2024). "Zum Verständnis aber wäre es hilfreicher gewesen, den Text nicht nur abzuliefern, sondern ihn sprachlich zu verlebendigen und spielerisch in Bilder zu übersetzen, was Maschek an dem Stoff interessiert. Seine darstellerische Zurückhaltung irritiert umso mehr, da er als stets sympathisierender, tiefenscharf-empathischer Durchdringer seiner Rollen zu einem Publikumsliebling in Bremen geworden ist. Sein Abschieds-'Faust' ist eine hübsche, eher anstrengende Kunstübung."

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