Der Fiskus - Staatstheater Braunschweig
Das Sehnen der Finanzer
von Christian Rakow
Braunschweig, 18. Januar 2020. Es gab Autoren, die zeigten uns die neun Höllenkreise (Dante), den Horrorkeller des Fritzl (Jelinek) oder den hässlichen Schlund eines Grundschul-Elternabends (Lutz Hübner). Felicia Zeller aber führt uns dorthin, wo's wirklich wehtut: zum Fiskus. Es ist der gestrenge Moloch, dem jeder KSK-Tagelöhner einmal im Jahr bibbernd die Einkommensnachweise entgegenstreckt. Nirgends geht es für Künstler mehr ans Eingemachte.
Poesie der Verwaltung
Felicia Zeller hat, wie sie in einer Braunschweiger Zeitung ausplauderte, ein wenig bei Finanzämtern recherchiert, Bücher wie "1000 legale Steuertricks" gelesen und ansonsten ihr Ding gemacht, also fabuliert. Und herausgekommen ist eine herrliche kleine Innenansicht der Finanzbehörde. Für die Poesie der Verwaltungsapparate hat Zeller ohnehin ein Händchen. Ihr Blick in den alltäglichen Wahnsinn des Jugendamts "Kaspar Häuser Meer" ist bereits ein Klassiker des Gegenwartstheaters. Unvergessen die packende, sprachmusikalische Uraufführung von Marcus Lobbes in Freiburg 2008.
Musikalisch ist "Der Fiskus" ebenfalls angelegt. Schon weil einer der hier versammelten Steuerbeamten Reiner – der einzige Mann im Stück – in seiner Freizeit Songs für den Gospel-Chor komponiert und immer mal ein breites "O Lord" in seine Rede streut. Und weil sich Zeller natürlich treu bleibt mit einem stark rhythmisierten Text, in dem die Sätze regelmäßig abreißen, wenn die poetisierte Amtssprache allzu sehr mit der Floskel flirtet. Ein Text, der sich flächig ausbreitet, der schwadroniert und monologisiert, der aber auch – selten genug in der neuen Dramatik – anrührende Figuren und pointierte Dialoge kennt.
Von Steuersündern und Fatma
Da gibt es Elfie, die mit ihrem Kollegen Reiner eine tragikomische Ehe nach Steuerabschreibungsmodellen führt. Zwei, die sich bei der Trennung den unvergesslichen Satz sagen: "Ich reiche die Scheidung / Auch wenn es mich sehr traurig macht / Schluss mit dem Splitting!" Oder die neue Chefin des Ladens, Nele, die sich ihre Dates über eine "High-Society-Partner-Vermittlungs-Seite" organisiert und dann aufpassen muss, dass sie nicht bei Steuersündern landet. Immer wieder schwirrt die Spürnase Fatma mit den Worten "Watma hier kommt Fatma" herein und berichtet von ihren Entdeckungen im Außendienst.
Im Zentrum des Büros befindet sich Bea, kalauernd Bea M. Tinnen benamst, der der Aufstieg in die Führungsebene versagt blieb, obgleich sie, wie sie alle wissen lässt, doch die höchste Qualifikation besitzt. Bea zieht den ganz dicken Fisch an Land und deckt einen millionenschweren Steuerbetrug auf, der deutlich auf die CumEx-Geschäfte anspielt. Jetzt wird sie mit Klagen aus Anwaltskanzleien überzogen und muss sich vor Nele rechtfertigen, warum sie ihre Fälle nicht "qualifiziert durchwinkt". Aber sie bleibt widerständig. Zumal es hier auch gilt, der anderen Seite, also den Karrieristen, den Männern mit ihren Millionen, den Mansplainern die Stirn zu bieten.
Zarter Hauch der Entsagung
Saskia Petzold gibt dieser Bea eine fabelhafte Zähigkeit und trockenen Humor vom Feinsten, der über alle Ehrbeschneidungen hinweghelfen soll. Ihre Bea ist der Inbegriff der duldungsfähigen Beamtin, beinahe selbstironisch an ihrer berufsmäßigen Nüchternheit und Kontrolliertheit nagend. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, im "Kapitalistenkindergarten" auszumisten, und nur heimlich, ganz heimlich träumt sie davon, die Seiten zu wechseln und in der Schweiz den großen Reibach zu machen.
Überhaupt weht bei allem Humor ein zarter Hauch des traditionsreichen Beamtentums mit seinem Pathos der Entsagung durch das Stück. Die Heldinnen mögen spröde Aktenprosa quasseln, ihr Sehnen gilt doch dem Gemeinwohl, der hehren "Steuergerechtigkeit". Selbst dort, wo sie privat im Kleinklein der eigenen Steuererklärung einen schmalen Vorteil suchen wie Reiner (Tobias Beyer) und Elfi (Larissa Semke).
In der Braunschweiger Uraufführung in der kleinen Spielstätte Aquarium durch den Spielstättenleiter Christoph Diem kommt Zellers "Der Fiskus" wie Unplugged-Theater daher. Der Raum hat in dieser Saison eine Einheitsbühne, ist als Kleingartenanlage eingerichtet mit Pergola, Gewächshaus und Kunstrasen auf dem Boden (Bühne: Sabine Mader). Ein paar Drehstühle und Aktenkartons stehen wohl eigens für diese Produktion herum. Sonst vertraut man ganz aufs unmittelbare Spiel der Akteure, umringt vom Publikum.
Wer hört uns?
Gertrud Kohl stammelt sich als Nele wundervoll durch die elliptischen Gebilde der Zeller-Prosa, Larissa Semke ist als leises Hascherl Elfi ständig bereit, jede ihrer älteren Kolleginnen offensiv zu bewundern. Tobias Beyer stiehlt sich als Reiner sehr laid-back zu Gospel-Jams davon. Und als rätselhaftes Feenwesen Fatma schwirrt Naima Laube mit Mikroportverstärkung und Halleffekt umher.
Kleine Längen schleichen sich gegen Mitte des Stückes ein. Da täten Striche im einen oder anderen Monolog doch gut. Aber das Zusammenspiel hat Drive. Und zahllose memorable Repliken. Elfi: "Alles ist gesagt." – Bea: "Aber wer hat es gehört?" Zeller hat uns nicht die Hölle, sondern die Schönheit der Verwaltung aufgewiesen. Selten wirkte der Fiskus anmutiger.
Der Fiskus
von Felicia Zeller
Uraufführung
Regie: Christoph Diem, Bühne: Sabine Mader, Kostüme: Anne Buffetrille, Dramaturgie: Holger Schröder.
Mit: Gertrud Kohl, Saskia Petzold, Larissa Semke, Tobias Beyer, Naima Laube.
Premiere am 18. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-braunschweig.de
Kritikenrundschau
Die Inszenierung gehe temporeich und pointensicher über die Bühne, so Martin Jasper von der Braunschweiger Zeitung (21.1.2020). Was Zellers Stoff letztlich über eine Satire frustrierter Beamtenseelen erhebe? "Sie zeichnet auch ein letztlich sympathisches Bild einer Schicksalsgemeinschaft lauter charakterlich lädierter Davids gegen die Finanz-Goliaths und ihre Helfershelfer." Zwar sei es kein großes Stück, die Handlung eher karg, die Verbal-Artistik nicht frei von Überdeutlichkeiten, Längen und Redundanzen. Doch es schwinge ein heiliger Zorn der Autorin darüber mit, "dass die Reichsten dieser armseligen Welt sich um ihren Beitrag am Ge- meinwesen herumlügen".
Sprachlich-musikalisch sei "Fiskus" "nicht so funkelnd" wie Zellers Hit "Kaspar Häuser Meer", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (31.1.2020). "Gelungen ist es trotzdem." Allerdings komme Christoph Diem in der Uraufführung dem Stück mit "mauen Inszenierungsideen" nicht bei. Auf Bürodrehstühlen seien die Schauspieler vom Regisseur ohne viele Spielmöglichkeiten dem Text und den Blicken ausgeliefert. "Eine besonders furiose Truppe ist es nicht."
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neben dem wohl guten Unterhaltungswert auch aktuelle Wahrheiten dezent darstellt.
Da hat das Staatstheater Braunschweig mit dem Zeller
Stück bestimmt ein gutes Gespür auch für die Zeichen der Zeit bewiesen.
Ich würde es mir sehr gern ansehen, leider ist meine
Anreise aus dem hohen Norden dafür etwas zu weit.