Tragödie im Hitparaden-Takt

11. September 2022. Johan Simon entthront zur Saison-Eröffnung die griechischen Götter am Schauspielhaus Bochum – mit Musik von Christoph Willibald Gluck. Es wird gelitten, gestorben und wiederbelebt.

Von Andreas Wilink

"Alkestis" am Schauspielhaus Bochum in der Regie von Johan Simons © Birgit Hupfeld

11. September 2022. Rainer Maria Rilkes Gedicht "Alkestis" spricht von der Abkehr. Die Wiederkehr lässt es aus. Es erzählt davon, dass die Toten – und Todgeweihten – in ihrem neuen Wesen befremdet sind gegenüber den Lebenden und, "dass jenes Lager, das da drinnen wartet, zur Unterwelt gehört". Also, dass in der Liebe und durch die Vereinigung der Liebenden eine Sterbespur gezogen ist. Anders gesagt: das Absolutum. Euripides' ursprüngliche Tragödie hingegen relativiert das Unbedingte. Auch Christoph Willibald Glucks Oper "Alceste" aus dem 18. Jahrhundert gibt ein irdisches Heils- und Glücksversprechen. Wer's glaubt! Johan Simons ist das zu hoch und heilig. Er rüstet ab, profaniert, gewährt Rabatt – kulant und generös mit sich und mit uns.

Was bisher geschah

Der thessalische Königspalast steht ambulant da als Campingplatz mit Wohnmobil, Zelt, Wäscheständer, ein paar Kästen Bier und – sehr casual – einem bunten Haufen Gott und Mensch. Nur der spiegelnd blanke Metallsteg auf der Bühne des Schauspielhauses Bochum gibt sich zu erkennen als installatives Objekt von Johannes Schütz.

Admetos muss sterben. Die Götter wollen es, die leicht zu kränken sind oder Laune haben, mit den Menschenkindern zu spielen, sie zu prüfen oder wegen eines Frevels zu strafen. Doch Apollon, listig wie sonst Hermes, offeriert einen Ausweg: Falls jemand anderer für ihn freiwillig den Tod auf sich nehmen würde, ist König Admetos frei. Die greisen Eltern lehnen ab. Die kurze Frist, die ihnen bleibt, ist ihnen teurer als die Spanne Leben, die der Sohn erwarten darf. Admetos verstößt sie dafür. Nur seine Ehefrau Alkestis willigt ein und fordert von ihm als Schwur und Schuldigkeit, dass niemand ihren Platz einnehme, er ihren beiden Kindern keine Stiefmutter ins Haus bringe und sie deren Hass aussetze. Admetos willigt ein, überzeugt, dass mit dem Schmerz ohnehin seine Lebensfreude dahin sei, und nimmt den schlechten Ruf in Kauf, der ihm fortan anhängt. Alkestis, eine Gegenschwester zur vielgeliebten Eurydike, hört am Rande des Grabes des Todes "schwarze Flügel schlagen".

Sneaker statt Kothurnen

Dies alles ist ruckzuck berichtet, abgehandelt, erledigt. Schon die Tragödie macht wenig Wesen davon. Johan Simons setzt noch eins drauf. Die serienmäßig umgangssprachliche, ja hemdsärmelige Übersetzung trägt kräftig dazu bei, indem sie nicht auf Kothurnen wandelt, sondern in Sneakers auftritt. Ebenso wenig vornehm retardierend erscheint der Gesang. Motive aus Glucks "Alceste" trägt ein vierstimmiger weiblicher "Chor" ohne opernhafte Attitüde vor, begleitet von einem Instrument. Dass der Protestant Simons dafür die sakrale Himmels-Orgel wählt, ist als würde das Göttliche herbeizitiert, um es dann ab- und auszuweisen.

Steven ScharfElsie de BrauwAnn GöbelDominik Dos- ReisEin Wohnwagen in einem bunten Haufen Gott und Mensch © Birgit Hupfeld

Admetos und Alkestis sind bei Steven Scharf und Anne Rietmeijer ein Paar, das die Hände nicht voneinander lassen kann und sich für das ewige Adieu zurecht macht wie für eine Bottleparty. Er: langmähnig schlunzig in unerotischer Unterwäsche und kirmeshaft blinkenden Leuchtschuhen. Ein antiker Liliom, dessen emotionales Treuebekenntnis sich wie aus dem Drehbuch einer Soap anhört. Sie: auf Stiefeletten staksend, während sie ihren Abschied scheinbar herunterrechnet zu kleinen rührenden Gesten, mit denen sie an den Kleidern ihrer Kinder nestelt. Lukas van der Lühe als der Tod – mit Knickebein und schiefer Maske – pocht unerbittlich auf Recht und Vertrag und will "nicht um seine zweite Leiche gebracht" werden.

Olympische Fallhöhe

Als es ans Sterben geht, macht diese Alkestis sich ihren Reim darauf mit einer Hitparaden-Melodie. Die Griechin Vicky Leandros singt "Nein, sorg dich nicht um mich, du weißt, ich liebe das Leben" – Rietmeijer hopst und strampelt sich durch den Song. Bevor die Inszenierung die Saison in Bochum eröffnete, war sie im Theater von Epidauros zu sehen, wo der Kontrast von Spielort und Spielweise eine quasi olympische Fallhöhe hergestellt haben dürfte. Bei Simons rutschen Drama, Elegie und Leidenspathos ins Schräge. Er umkleidet sie mit Trash. Und verabreicht sie als Entertainment-Droge, die an den einsam zurückgebliebenen Admetos verpulvert wird. Liebe, Schmerz und Verlust verwandeln sich für ihn in einen Popsong über "Loneliness, Emptiness, Hopelessness, Helplessness".

EnsembleLeichenwagen mit Motorschaden auf der Bühne von Johannes Schütz © Birgit Hupfeld

Während Elsie de Brauw (hier in der Rolle der Amme, die Statthalterin würdiger Theaterkultur) sich als Iokaste in Simons' "Ödipus, Herrscher" dem monströsen Schicksal und ihrer Opferrolle als Mutter und Ehefrau widersetzt und verweigert, sich den Tod von eigener Hand zu geben, äußert sich der Protest von Anne Rietmeijers Alkestis als rein formaler Widerstand. Thanatos murkst am Motorschaden seines Leichenwagens herum, der ordentlich Dampf ablässt, in dessen Schwaden Alkestis ins Leben zurückkehrt.

Nicht weiter ernst zu nehmen

Herakles hat sie befreit, den es in das Trauerhaus geführt hat und der von Ademet, der ihm sein Unglück verschweigt, gastfreundlich aufgenommen wird. Der Zeus-Sohn und Halbgott ist bei Pierre Bokma ein alternativer Rucksack-Tourist und Späthippie-Philosoph ("Denke also sterblich. – Alles ist nichts weiter als eine einzige Katastrophe") und darin Mann der Stunde. Aber auch nicht weiter ernst zu nehmen. Er kämpft Thanatos nieder und bringt Alkestis (unkenntlich) zurück. Admetos, der die Anwesenheit der schönen Fremden zunächst abwehrt, kann dann vor der geretteten – noch stummen – Alkestis sein Glück kaum fassen.

Johan Simons hat die Götter entthront, den Tod suspendiert, das Eheglück mit einer Leine voll Buntwäsche in die Mangel genommen, die Hochkultur auf Normalmaß gestutzt. Kein Vorhang, der zugehen könnte, aber viele Fragen offen.

Alkestis
von Euripides
Übersetzung aus dem Englischen (Anne Carson) von Susanne Winnacker, mit musikalische Motive nach Christoph Willibald Gluck.
Regie: Johan Simons, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Greta Goiris, Video: Voxi Bärenklau, Lichtdesign: Bernd Felder, Sounddesign: Will-Jan Pielage, Dramaturgie: Susanne Winnacker.
Mit: Pierre Bokma, Elsie de Brauw, Dominik Dos-Reis, Ann Göbel, Stefan Hunstein, Victor IJdens, Anne Rietmeijer, Steven Scharf, Lukas von der Lühe. Gesang: Antonia Busse, Luzia Ostermann, Natalija Radosavljevic, Sarah-Léna Winterberg, Orgel: Christopher Bruckman und Boris Gurevich.
Premiere am 10. September 2022
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

Kritikenrundschau

Von der Handlung sei an diesem Abend "noch sehr, sehr viel" übriggeblieben, findet Stefan Keim im WDR (12.9.2022). Simons gehe an den Abend "mit einer großen Leichtigkeit" heran. Vor allem die verwendeten Popsongs zeigten unsere "Unfähigkeit, solche tragischen Gefühle wirklich auszudrücken". Das habe den Kritiker in aller Doppeldeutigkeit "sehr überzeugt", zumal es "im Hintergrund unglaublich komische, beiläufige Szenen" gebe.

Steven Scharf treibe "die Widersprüche seiner Figur auf schwindelerregendes Niveau" und hinreißend sei, wie er "die gestischen Dissonanzen zuspitzt, schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (12.9.2022). Anne Rietmeijer sei in der Titelrolle "kongenial". Selten, so der Kritiker, sei "Ausweglosigkeit so physisch abgebildet" worden, wie wenn Rietmeijer einen Schlager von Vicky Leandros in "einen nicht enden wollenden, immer ekstatischeren Tanz" übersetze. 

"Vielleicht hätte man dabei sein müssen, als diese Inszenierung im Amphitheater von Epidauros gespielt wurde", denkt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (14.9.22) nach. Bei der dortigen Premiere im Juli hätten "die warmen argolischen Lüfte" und "die Aura des Jahrtausende alten Aufführungsortes" möglicherweise "die Ungereimtheiten", die der Kritiker in Simons` Inszenierung ausmacht, "weniger erheblich erscheinen lassen". In der "Fünfzigerjahre-Atmosphäre des Bochumer Schauspielhauses" indes "verläppert diese Saisoneröffnung an einem Abend, der nicht recht tragisch sein will und dem es zur wirklichen Komik an Witz fehlt".

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