Figaros Hochzeit - Düsseldorfer Schauspielhaus
Zaungäste am flachen Teich
21. Mai 2023. Open-Air-Theater im Mai? Komme keiner mit dem Klimawandel. In Düsseldorf hat der Spaß auf dem Theater-Vorplatz inzwischen kleine Tradition. Diesmal treibt's Regisseur Andreas Kriegenburg bunt mit Beaumarchais' Komödienklassiker. Ein Vergnügen, bei dem das Publikum sogar größer ist als die Zahl der Ticketkäufer.
Von Gerhard Preußer

21. Mai 2023. Der Gustaf-Gründgens-Platz vor dem Düsseldorfer Schauspielhaus ist eigentlich nur eine Betonplatte über einem riesigen Parkhaus, grau, zugig, trist und leer. Aber er ist ein zentraler, prominenter Platz in der Düsseldorfer Innenstadt. Schauspielhausvorplätze sind auch anderswo (Bochum, Berlin usw.) als Spielflächen entdeckt worden – keine Schwellenangst des Publikums ist zu befürchten.
So nutzt man in Düsseldorf seit drei Jahren die graue Fläche vor dem schönen Haus am Ende der Spielzeit für Freilichttheater. Doch der Platz bleibt diesmal, was er ist, ein Ort zufälliger Begegnungen. Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Pierre-Augustin de Beaumarchais' "Figaros Hochzeit" spielt mit dem Ort, der Ort spielt mit.
Dazu muss aber die alte Komödie aus dem 18. Jahrhundert völlig umgebaut werden. 1778 geschrieben, wegen Einsprüchen der Zensur erst 1784 unter dem Titel "La Folle Journée" uraufgeführt, war sie das sensationelle Erfolgsstück vor der französischen Revolution. Nur Mozarts Oper, die Zweitverwertung des Stoffs, hat seinen Ruhm dann übertroffen. Kriegenburg schiebt die ganze Heiratsintrige ins Heute. Nicht Graf und Diener, sondern Softwareunternehmer und Programmierer sind Almaviva und Figaro. Dass solche Zeitverschiebungen immer irgendwie schief sind, alle Motive ins Rutschen kommen, ist unvermeidlich, in diesem Falle aber ohne Belang. Um folgerichtige Handlungskonzeption geht es sowieso nicht.
Verwirrung, die den Verstand übersteigt
Also das Wichtigste in Kürze: Der Graf will ein Rendezvous mit der Zofe Susanne am Tag ihrer Hochzeit mit seinem Diener Figaro arrangieren. Zunächst kommt Figaro auf die Idee, zum Schein auf dieses Ansinnen einzugehen, Susanne aber heimlich auszutauschen. Das misslingt, die Begegnung kommt nicht zustande. Schließlich organisieren die Gräfin und Susanne selbst ohne Wissen Figaros einen Kleidertausch und gehen auf den unsittlichen Antrag des Grafen ein. Doch auch diesmal geht im dunklen Park alles schief, weil sich der junge Cherubino einmischt. Eine komplizierte Geschichte, deren Wendungen kaum ein Zuschauer folgen kann. Aber das ist der Spaß: Verwirrung, Tollheit, die den Verstand beschäftigt, aber doch übersteigt.
Wer mag da drinnen sein? Sophie Stockinger, Florian Lange © Thomas Rabsch
Diese bizarre Geschichte um Macht und Liebe lässt sich auch noch bei der Belegschaft der Dating-App-Firma erkennen. Aber die Bühne ist der Platz. Es gibt einen kleinen flachen Teich, eingerahmt von Laufstegen. In der Ecke steht ein Dixi-Klo, ein Hot-Dog-Verkäufer radelt mit seinem Karren herbei, die originalen kleinen Fontänen des Platzes sprudeln zwischen den Beinen der Darsteller. Und immer wieder laufen skurrile Passanten (Statisten) über den Platz: Rollatorschieber, Nonnen, eine Freiluftyogagruppe, eine Frau mit Hund, eine Einradfahrerin, schwarzbebrillte Kofferträger, eine flüchtende Braut, verfolgt vom Bräutigam. Zufälliges Aneinandervorbeigehen wie in Handkes "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten". Aber auch ganz reale ungecastete Enten und Tauben flattern herbei und völlig unberechtigte Zaungäste sehen zu. Ereignisse von geringer Bedeutung, aber doch erheblicher Komik. Die Zerstreuung der Aufmerksamkeit des Publikums bewirkt auch eine Intensivierung. Man muss auf dem Quivive sein, um alles mitzubekommen, was sich auf dem Platz ereignet.
Hochbetrieb auf dem Dixi-Klo
Die Inszenierung hat keine Angst vor groben Späßen. Antonio der Gärtner (Andreas Grothgar) ist ein "running gag", er kämpft mit dem Gartenschlauch, sprüht Figuren in die Luft, verheddert sich im Laubbläser, verteidigt seine Blumen mit der Schusswaffe. Der flache Teich bietet immer wieder Anlass für Fehltritte und Reinfälle. Marzelline (Judith Rosmair) nutzt ihn auch als Ersatzklo. Das Dixi-Klo dient so oft als Versteck, dass man gar nicht mehr wirklich verfolgen kann, wer gerade darin steckt. Beim Hochzeitsfest gibt es ein durchchoreographiertes Liegestuhlchaos. Alle Register des szenischen Klamauks werden bedient.
Nils David Bannert, Cathleen Baumann, Sophie Stockinger, Valentin Stückl © Thomas Rabsch
Beaumarchais’ Sottisen ("Ohne Anlass trinken und zu jeder Jahreszeit lieben zu können, ist das Einzige, was den Menschen vom Tier unterscheidet.") funkeln manchmal durch den aktualisierten Text, in dem von Influencern, TikTok oder Weinstein und MeToo die Rede ist. Die Frauen sind klug und frech, die Männer dümmlich und dreist. Wie schon bei Beaumarchais.
Wo die vierte Wand Luft ist
Und manchmal wird der Text so unwichtig, ist die Situationskomik so heißgelaufen, dass ein Dialog mit blablabla und blublublub ausreicht, um die Handlung voranzutreiben. Dabei ist die grobe Lustbarkeit auch ironisch fein gewitzt. Figaro (Florian Claudius Steffens) durchschaut sich immer selbst und fühlt sich "gefangen in einer Seifenoper". Im Eingangsmonolog erklärt Susanne (Pauline Kästner), die PR-Managerin der Firma, dem Publikum, dass sie als einzige die imaginäre vierte Wand durchbrechen darf. Wo schon die drei anderen Wände doch nur Luft und Wind sind!
So bietet das ebenso entspannte wie aufgekratzte Ensemble enthemmtes Großstadt-Freilufttheater. Allerdings bleibt auch die Erfahrung: Wie kann eine milde Maiennacht so kalt doch sein. Und das Publikum klatscht sich warm.
Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag
Komödie von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, Bearbeitung von Andreas Kriegenburg auf Grundlage der deutschen Übersetzung von Wolfgang Kaus
Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Harald Thor, Kostüm: Andrea Schraad, Licht: Christian Schmidt, Dramaturgie: Robert Koall. Mit: Florian Claudius Steffens, Pauline Kästner, Florian Lange, Cathleen Baumann, Judith Rosmair/Friederike Wagner, Andreas Grothgar, Sophie Stockinger, Valentin Stückl, Matthias Buss, Alexander Wanat, Nils David Bannert, Damen und Herren der Statisterie.
Premiere am 20. Mai 2023
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.dhaus.de
Kritikenrundschau
"Wenn auch die Winde auf dem Gründgens-Platz ganz schön wehen, so lohnt sich - trotz Schwächen - der Ticketkauf", schreibt Michael-Georg Müller in der Westdeutschen Zeitung (22.5.2023). Das Open Air Gesamt-Erlebnis vergesse der Besucher so schnell nicht. "Perfekt wäre es, wenn das Ganze doch nur 30 Minuten kürzer dauern würde!"
Die Inszenierung sei "vom Typ Schenkelklopfer, und es macht eine Riesenfreude, sich dem für einen Abend hinzugeben, wo doch morgen schon wieder das echte Unheil drohen kann", schreibt Sema Kouschkerian in der Rheinischen Post (22.5.2023). "Feinsten Klamauk" gebe es an diesem Abend zu erleben, und mit Blick auf den sonstigen Spielplan: "Wer am Theater die Vielfalt schätzt, kommt in Düsseldorf auf seine Kosten."
Dass der im Abendlicht schimmernde Bau zur Kulisse werde, "ist ein schöner Einfall, und auch die übrige Umgebung wird im räumlichen Detail hübsch zur Geltung gebracht", so Patrick Bahners in der FAZ (25.5.2023). Ansonsten buchstabiere Kriegenburg Fäkalhumor im Bildwitz aus. "Aber in der von uns besuchten Aufführung griff der Himmel ein, bereinigte durch einen Regenguss das Klima und machte dem Klamauk mit einer nachhaltigeren Pointe ein Ende, als sie Kriegenburg mutmaßlich auch in der zweiten Hälfte zu bieten gehabt hätte."
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Zu Figaros Hochzeit gestern Abend kann ich also dieses Gute sagen: diese Inszenierung hat mir zu denken gegeben! Und der Denkprozess wird sich noch fortsetzen, denn es ist ein Theaterabend, der bei mir noch fortwirken wird. Im Moment kann ich schon mal sagen, dass es das schlechteste Theater war, das ich in den letzten 35 Jahren gesehen habe. Ein Tiefpunkt, so was wie "absolut Null", an dem ich ab jetzt messen kann. Danke also dafür.
Zunächst einmal war es ein Fehler davon aus zu gehen, dass Andreas Kriegenburg eine spritzige Sommerkomödie auf einem Theatervorplatz inszenieren könnte. What were they thinking, habt ihr euch mal was von Kriegenburg in den letzten 10 Jahren angesehen? Die Idee, den Inhalt des Stücks in einen Technologiekonzern und damit ins Heute zu verlagern, führt hier nur dazu, dass das Heute ins muffige Gestern verlagert wird, weil ja die Grundanlage bleibt, der Graf der Graf, das Heiratsversprechen das Heiratsversprechen, etc. Überhaupt spielen der Konzern, die Dating-App-Idee, die ja allerhand intellektuelles und szenisches Potential hat, einmal erzählt überhaupt keine Rolle mehr. Die Bühne ist in ihrer Breite und Offenheit natürlich eine große Herausforderung. Der damit begegnet wird, noch breiter zu inszenieren, im Hintergrund allerlei Mätzchen zu platzieren, die vielleicht vom Vordergrund ablenken sollen? (Hallo Forest Gump, Sister Act, Men in Black, Jackass, Matrix... die 90er Jahren haben angerufen und wollen ihre Filme zurück.) Dafür ist auf dem Platz random Zeug platziert, billig und ohne ästhetische Idee. Rechts und links der Bühne befinden sich zwei große LED-Wände, auf denen vor Stückbeginn die Charaktere wie auf Quartettkarten vorgestellt werden. Und auf denen ab dann zweieinhalb Stunden lang ausschließlich zwei unterschiedliche Bildschirmschoner laufen! Im Hintergrund steht das Schauspielhaus mit seiner beeindruckenden, weißen Fassade. Auf die dann im Laufe des Abends mit modernster Lichttechnik Farbverläufe projiziert werden, noch ein Bildschirmschoner! Ton: natürlich sind alle mikrofoniert, eine Riesenherausforderung sowieso, hier aber nochmal mehr, weil alle andauernd und ausdauernd schreien. Lichtblick ist der einsame Musikant mit Gitarre. Die SchauspielerInnen. Nun, das ist jetzt halt gar nicht mehr witzig. Man sieht ihnen an, dass sie alles, was ich oben beschreibe, wissen. Und sie geben viel, vielleicht alles, folgen der Spielanleitung "überdreht, aufgekratzt", sie werfen sich in die flachsten Flachwitze, in die zotigsten Zoten. Das Timing sitzt nicht, die "Witze" zünden nicht, die Sonnenliegen-Marthaler-Kopie verpufft, egal, Kopf hoch, Brust raus. Das nötigt mir Respekt ab, und ist meiner Meinung nach auch dafür verantwortlich, dass ungefähr 27 ZuschauerInnen hin und wieder lachen (Alkohol hilft) und es zum Schluss einen freundlichen Applaus gibt, der auf die Sekunden genau solange anhält bis Musik und Applausordnung enden. Nun ja.
Dazu noch in Mikroports schreiende SchauspielerInnen, die wie wild herumrennen. Die Handlung interessierte da schon lange keinen mehr.
Den riesigen Platz hat der Regisseur auch nicht in den Griff bekommen, ab und an liefen ein paar Statisten von rechts nach links, auch das sollte witzig sein (mit Riesenteddybär oder echtem Hund). All das war eine krasse Unterforderung des Publikums. Schlechtestes altmodisches Boulevardtheater.
Vielleicht sollte man hier aber auch mal den Intendanten benennen. Wilfried Schulz hielt bei der Premiere vorab eine Ansprache, die so schlicht war, dass man nicht glauben möchte, dass dieser Mann einem berühmten Theater vorsteht. Immer wieder fallen mir auch Kleinigkeiten am Haus auf, bei denen ich mich frage, wie das einem Intendanten nicht auffallen kann.
Nur als Beispiele: Warum merkt keiner, dass die Premierenpartys nie funktionieren, weil der Raum zu groß ist? Warum baut man auf den Vorplatz eine Breitbandtribüne, bei der sich stets mindestens ein Drittel des Publikums den Hals verrenkt? Eine halbrunde Arena wäre doch auch gegangen... Warum gibt es auch an wirklich langen Theaterabenden nichts Gescheites zu essen? Wie soll man je die Toiletten finden? Lacht nur, ich weiß ja, das ist Kleinkram.
Aber es gehört ja zur Leitung eines Hauses auch dazu, und vielleicht sind das einfach Zeichen dafür, dass jemand seinen Job zu nachlässig erledigt - auch im Künstlerischen.
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Dieser Kommentar wurde in gekürzter Form veröffentlicht, da Teile davon nicht unserem Kommentarkodex entsprachen. Dieser kann hier eingesehen werden: www.nachtkritik.de/impressum-kontakt.
Ein ganz ganz schlimmer Abend!
Ohne echten Witz - nur krampf!
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(Lieber Christian Werner,
unsere Pressespiegel bilden eine Reihe von Referenzmedien ab, nicht alles, was zu einer Inszenierung geschrieben oder gesagt wird. Wir haben kein Interesse daran, eine Inszenierung anhand der Zusammenstellung des Pressespiegels besser oder schlechter dastehen zu lassen.
Mit herzlichen Grüßen aus der Redaktion
jeb)