Jenseits der Wut

16. Juni 2024. Kim de l'Horizons "Blutbuch" wird derzeit an vielen Bühnen adaptiert. Der Roman hat als Initiationstext in kürzester Zeit Bedeutung gewonnen. Welches besondere Anlehnungsbedürfnis an das Buch herrscht, das zeigt auch "Mein Blutbuch" am Schauspiel Essen, das Aline Bosselmann mit Heranwachsenden erarbeitet hat.

Von Martin Krumbholz

"Mein Blutbuch" nach Kim de L'Horizon von Aline Bosselmann inszeniert am Schauspiel Essen © Lukas Zander

16. Juni 2024. Es ist die letzte Produktion in der Casa, der dem Grillotheater benachbarten Nebenspielstätte, die aufgegeben wird und irgendwann durch adäquate Räumlichkeiten ersetzt werden muss. Die ausladende Raumbühne der Casa eignet sich besonders gut für Stückentwicklungen. Hier hat vor längerer Zeit Nuran David Calis seine "Homestories" gezeigt, in denen vornehmlich postmigrantische Jugendliche von ihren Sozialisationserfahrungen in einer signifikant zweigeteilten, postindustriellen Stadt mitten im Ruhrgebiet erzählten.

Kommt man heute am Essener Hauptbahnhof an, erfährt man als erstes, dass es die Heimatstadt des Fußballers Leroy Sané ist. Auch an der aktuellen Produktion "Mein Blutbuch" des Stadt-Ensembles Plus sind postmigrantische junge Menschen beteiligt. Vor allem aber handelt es sich um elf Menschen, die einem Open Call gefolgt sind, sich als queer definieren, das "Blutbuch" von Kim de l'Horizon gelesen haben und es als Initiationslektüre betrachten, die ihnen hilft, sich mit ihrer Queerness auseinanderzusetzen.

Gegen die binäre Welt

"Mein" Blutbuch, das heißt: Man eignet sich diesen autofiktionalen Text in gewisser Weise an, um Eigenes wiederzuerkennen, Erfahrungen abzugleichen, sich ermutigt zu fühlen. In seiner Frische und Spontaneität erinnert der aktuelle Abend durchaus an die historischen "Homestories", er ist aber naturgemäß (noch) spezieller, bunter und frecher. Heute wie seinerzeit wird das Ergebnis von vielen Gleichgesinnten gefeiert und bejubelt.

Mein Blutbuch2 1200 Lukas Zander uÜberdrüssig vom eigenen Kampf, eng angelehnt an den Roman: "Mein Blutbuch" am Schauspiel Essen © Lukas Zander

Bereits die Kostüme von Hanna Trakowski dementieren in beeindruckender Weise jenen "Binaritätsfaschismus", wie es in aphoristischer Zuspitzung einmal heißt. Einer der elf jungen Leute bemerkt zwar, er käme sich vielleicht ein bisschen komisch vor, als Mann Frauenkleider zu tragen, andererseits würde er so zweifellos das Feminine an sich selbst besser akzentuieren können.

Historische Bezüge

Die Bemerkung provoziert ein gewisses Stirnrunzeln bei den anderen, alles in allem aber herrscht Einigkeit vor: Es geht in erster Linie darum, sich als queerer Mensch nicht ausgegrenzt zu fühlen, sich nicht rechtfertigen zu müssen. Nicht leiden und nicht wütend sein zu brauchen, sondern einfach zu leben wie alle anderen. Queere, heißt es gegen Ende, seien weder Teufel noch Engel. Sie seien normal wie alle. Auch sei es ein Unterschied, ein Geschlecht "zu haben" oder ein Geschlecht "zu sein", wie es die "christlich-zentraleuropäische Kultur" zu verlangen scheine.

Mein Blutbuch3 1200 Lukas Zander uIm Open Call zusammengefunden: Die elf Spieler*innen in "Mein Blutbuch" © Lukas Zander

Der Abend in der Regie von Aline Bosselmann erlaubt sich historische Exkurse: Erinnert wird etwa an sogenannte "Hexen" wie Agnes Bernauer oder Catherine Repond, die vor 600 bzw. 300 Jahren von Staats wegen bestialisch ermordet wurden, nur weil Männer ihr Geschlecht aus diffusen Gründen als Bedrohung empfanden. An anderer Stelle werden "autoritäre Tendenzen" in der klassischen Literatur ausgemacht. Der gute alte Goethe, natürlich ein exemplarischer Binaritätsfaschist, wird ausdrücklich benannt: Die unangekränkelte Schönheit seiner Sprache erweckt, eben weil alles an ihr so klar und eindeutig definiert zu sein scheint, ein gewisses Unbehagen.

Anlehnungsbedürfnis an den Roman

Ein wenig überrascht es, wie eng der Abend sich dann doch an die Vorlage von Kim de l'Horizon hält. Zwar waren die elf Beteiligten eingeladen, von sich selbst zu erzählen und eigene Texte einzubringen. Das haben sie auch getan, aber das Anlehnungsbedürfnis an einen in kürzester Zeit quasi kanonisierten Initiationstext war offenbar (noch) stärker als das jeweils eigene Mitteilungsbedürfnis. Ein Mitwirkender meint sogar, er wolle gar nicht "politisch" sein, denn politisch zu sein, heiße, sich selbst zu erklären. Mag sein, aber gern hätte man, über den Versuch einer Romanadaption hinaus, noch viel mehr und auch noch Persönlicheres über die Elf, über ihr Glück oder auch ihr Unglück, ihren Kampf erfahren, selbst wenn sie seiner bisweilen überdrüssig sind.

Wenn übrigens ein außenstehender Kritiker über diesen sehr eigenen Abend schreibt, auch ohne Noten zu verteilen, aber doch jemand, der mit den "autoritären Tendenzen" der klassischen Literatur sozialisiert wurde, ohne bisher daran allzu großen Anstoß zu nehmen, dann geschieht auch das nicht voraussetzungslos. Dies näher zu erörtern, fehlt hier allerdings der Raum.

Mein Blutbuch
nach Kim de l'Horizon, von und mit dem Stadt-Ensemble Plus, in einer Fassung von Aline Bosselmann und Ceren Kurutan
Regie: Aline Bosselmann, Bühne: Hannah Ali, Kostüme: Hanna Trakowski, Dramaturgie: Ceren Kurutan, Choreografie: Sami Antonio.
Von und mit: Jan Bednorz, Klara Marie Drees, Diyar Ghanem, Darius Hartwig, Jonathan Hornung, Mayla James, Knut Kolckmann, Laura Mangala, Denis Okatan, Elijah Pouwels, Hanna Schürenberg, Merriell Woods.
Premiere am 15. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-essen.de

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