Verdammt, ich lieb Dich!

18. Mai 2024. Am Schauspiel Köln geht die elfjährige Intendanz von Stefan Bachmann zuende. Die letzte Premiere ist ausgerechnet, mitten in deutschen Unwetterwarnungen, "Ein Sommernachtstraum". Inszeniert vom Shakespeare-Kenner Jan Bosse.

Von Dorothea Marcus

"Ein Sommernachtstraum" am Schauspiel Köln © Birgit Hupfeld

18. Mai 2024. Launig plaudert das Premierenpublikum noch im Carlsgarten – jenem schönen Vorhof der Fabrikhalle Carlswerk, die Stefan Bachmann als Interimsort für das Schauspiel Köln von einer öden Brache in einen urbanen Gemeinschaftsgarten und sommerlichen Wohlfühlort verwandelt hat. Dass er dies geschafft hat, noch dazu auf der sogenannten falschen Rheinseite von Köln im Stadtteil Mülheim, ist mit Sicherheit eins seiner großen Vermächtnisse. Mitten durchs Publikum bahnt sich ein dampfender Partybus mit Live-Band drauf. Heraus springen pastellfarbene Glitzerwesen mit Platau-Sneakern und Kuscheltier-T-Shirts. Sie sind die Hofgesellschaft, in der im "Sommernachtstraum" von Shakespeare alle Liebeswirren angelegt sind.

Liebesdroge: Glitzerpulver

Herzog Theseus will Hippolyta heiraten, während der tyrannische Egeus seine Tochter Hermia mit Demetrius zur Ehe zwingen will. Doch mit Verachtung straft Hermia den Verlobten, Schauspielerin Rebecca Lindauer knallt ihm beim Wegdrehen immer wieder ihre lila Clutch-Bag ins Gesicht. Ihr Lover Lysander (Justus Maier) scheint mit langen Haaren und zartgelber Frottee direkt einer Boyband entsprungen. Sie proben die Teenager-Revolution, springen verwegen in den Bandbus und fliehen in den Wald – manchmal muss ein Techniker helfen, das Lenkrad zu richten. Hinterher zieht das Publikum, zelebriert den kleinen Abschiedsrundgang durch die Theaterkulissen, vorbei an Gabelstaplern, Euro-Paletten und besorgten Aufsehern bis zu den Sitzplätzen. 

 Sommernachtstraum 3 CBirgitHupfeld uDer Zauberwald als Holzstapel © Birgit Hupfeld

Auf der Bühne wartet schon das Elfenpaar Titania und Oberon, als giftgrünes, zotteliges Zwillingspaar gekleidet (großartige Kostüme von Kathrin Plath). Aus ihrer kindischen Eifersucht entsteht das Chaos, das die heteronormativen Zwangsvorstellungen der Hofgesellschaft ad absurdum führt. Die von ihnen eingesetzte Liebesdroge, Glitzer-Pulver, führt zu absurden Neu-Amouren und Mesalliancen, zu Stalking und Übergriffen.

Liebesmusical in dystopischem Bühnenbild

Ein grandioses, apokalyptisches Bühnenbild hat Moritz Müller für die Inszenierung von Jan Bosse geschaffen: Der bei Shakespeare so magische Zauberwald ist hier zum imposanten Scheiterhaufen echter gefällter Bäume geworden, einmal stürzt ein Müllhaufen von der Decke, während ein Sternenhimmel blinkt und ein Riesengestirn sich zu nähern scheint wie im Film "Melancholia". Ist das ein letzter Abenteuerspielplatz der Spezies Mensch kurz vor dem Untergang? Doch fast zu tiefgründig scheint dieser Gedanke, während das Ensemble in künstlichen Glitzerklamotten aufgekratzt darauf herumklettert. Eher pflichtschuldig sagt Marek Harloff als Titania die Klimawandel-Anspielungen im Shakespeare-Text auf, von den Menschen, die keine Jahreszeiten mehr erkennen und der Welt, die irre geworden ist. 

Sommernachtstraum 2 CBirgitHupfeld uEinhorn-Esel Zettel (Bottom) (Bruno Cathomas) und Titania beim live gefilmten Liebesspiel © Birgit Hupfeld

Doch letztlich ist die Weltuntergangsmetapher der Bäume an diesem Abend eher ein stark verdrängtes, untergründiges Warnzeichen – stattdessen wird ein poppiges Liebes-Musical gefeiert. Als Puck mit grünem Spitzbart springt Stefko Hanushevsky ins Publikum und gibt ein Schlager-Popsong-Medley zum Besten, von "Love is in the air" bis "Verdammt, ich lieb dich".  Wer mit wem und wer nicht – da verliert man bei Shakespeare und auch bei Jan Bosse leicht den Überblick. Kreischend und irgendwie bedauernswert hetzt Katharina Schmalenberg als verhärmte Helena ihren Liebesobjekten hinterher – oder wehrt sich vor ihren seltsamen, plötzlichen Übergriffen.

Mit guter Unterhaltung gegen die Spaltung

Und dann gibt es noch den dritten Handlungsstrang: die Theatergruppe aus Handwerkern, die im Wald probt, und hier auch die Band vom Beginn ist. Sehr lustig tyrannisiert der Regisseur im Cowboyhut (Peter Knaak) seine Schauspieler, die stets Text und Regieanweisung verwechseln, boulevardesk wird der Theaterbetrieb auf die Schippe genommen. Bis Zettel, bei Jan Bosse mit Original-Shakespeare-Namen Bottom benannt – nicht in einen Esel, sondern in ein Einhorn verwandelt wird. Es ist eine Paraderolle für Bruno Cathomas, der in Nacktsuit und mit anzüglich geschwenktem Regenbogenschweif zu komödiantischer Hochform aufläuft. Im rot angeleuchteten Geheimgang unter dem Baumhaufen, per Live-Video übertragen, trifft er sich mit Titania zum erotischen Liebesspiel.

Sommernachtstraum 6 CBirgitHupfeld uTheaterspielende Handwerker in Gelbmännern © Birgit Hupfeld

In der Neuübersetzung von Gabriella Bussacker und Jan Bosse wird flott gekalauert, reimen sich "Lippen" und "nippen", "verlassen" auf "hassen", "Spaltung" auf "gute Unterhaltung", verirrt sich aber auch mal ein Faust-Zitat in den Text. In existentieller Verwirrung und postkoitaler Melancholie stammelt Cathomas Zettels berühmten Monolog, doch für noch mehr Tiefe ist an diesem Kölner Abschiedsabend – trotz melancholischer Liebeslieder – leider kein Platz.

Bunt, lustig und ideenreich ist er, eine Feier der "Liebe", die sich als Buchstaben auch auf den gelben Overalls der Bandmitglieder findet. Doch was das sein soll in Zeiten der Spaltung – und wie wir dahinkommen – darauf findet dieser pralle, aber letztlich doch auch etwas belanglose Abend leider keine Antwort.

Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare, bearbeitet und übersetzt von Gabriella Bussacker und Jan Bosse
Regie: Jan Bosse, Bühne/Video: Moritz Müller, Kostüme: Kathrin Plath, Komposition: Carolina Bigge, Arno Kraehahn.
Mit: Bruno Cathomas, Stefko Hanushevsky, Marek Harloff, Peter Knaack, Rebecca Lindauer, Justus Maier, Katharina Schmalenberg
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause
Premiere am 17. Mai 2024

schauspiel.koeln

 Kritikenrundschau

"Der leichtgewichtige Abend ist schnell verflogen", urteilt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (21.5.24, €). "Andere Inszenierungen der Ära Bachmann werden sehr viel länger im Gedächtnis bleiben." Zwar seien die Liebeswirren "von außen betrachtet enorm unterhaltsam". Aber "Abgründe tun sich an diesem Abend keine auf", findet der Kritiker.

Dieser "Sommernachtstraum" sei "ein großer Spaß, und doch von vielen dunklen Tönen durchsetzt", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (21.5.24, €). Bisweilen frage man sich: "Kann man vieles des hier Gezeigten anno 2024 unkommentiert über die Bühne gehen lassen? (…) Und bei all den klugen Streichungen, die Jan Bosse und Gabrielle Bussacker dem 600 Jahre alten Text angedeihen ließen: Wären nicht auch die plumpen Gags über Loch und Spalte in der Mauer verzichtbar gewesen?" Letztlich empfiehlt der Kritiker aber, "alle dunklen Gedanken" wegzuwischen, "trübe Tage" gebe es schließlich noch genug.

 

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