Abschiedsknutscher aus tiefstem Herzen

4. Juli 2024. Nach dieser Spielzeit übergibt die derzeitige kollektive Leitung am Theaterhaus Jena turnusgemäß die Geschäfte. Mit einem Open Air-Ausflug in die Frühromantik und in den Salon von Caroline Schlegel-Schelling verabschieden sich Lizzy Timmers und das Ensemble vom Publikum.

Von Marlene Drexler

"Carol. Shakespeare in Jena" von Lizzy Timmers und dem Theaterhaus-Ensemble © Joachim Dette

4. Juli 2024. Goethe hat Höhenangst. Mit vornehmer Rüschenbluse und ausladenden, rosa gemusterten Pluderhosen steht er an der Balustrade. Eigentlich war der Großdichter (gespielt von Nikita Buldyrski) gerade in die Rezitation des Erlkönigs vertieft. Dann beginnt er plötzlich hysterisch zu schreien. Höhenangst ist eher ungünstig bei dem auf dem Theatervorplatz aufgebauten Bühnenbild: ein halbrundes Stahlgerüst, das auf verschiedenen Ebenen bespielt wird.

Goethes Bewältigungsstrategie heißt: Konfrontation. Hat er vielleicht in einem Selbstfindungs-Workshop auf La Gomera gelernt, der alte Hipster. Wobei dieser Goethe gleichzeitig auch ziemlich Gangster sein kann, wenn er zum Beispiel einen Diss-Track über das benachbarte Weimar rappt. Eine Mischung, die ebenso auf den Rest seiner Freundesgruppe zutrifft, zu der unter anderem auch der Schriftsteller Novalis (Anna K. Seidel), der Naturphilosoph Schelling (Linde Dercon) und dessen Geliebte und spätere Ehefrau Caroline Schlegel-Schelling (Pina Bergemann) gehören.

Stückentwicklung in Kollektivarbeit

Für das Theaterhaus Jena stehen die Zeichen bei diesem Sommer-Open Air auf Abschied. "Carol. Shakespeare in Jena" ist die letzte Produktion der deutsch-niederländischen Truppe, die zuletzt Lizzy Timmers künstlerisch geleitet hat. Ab Herbst gibt es am Theaterhaus nach sechs Jahren turnusgemäß ein neues Leitungsteam. Das Ensemble macht bei diesem letzten Aufschlag das, worauf es mittlerweile spezialisiert ist – zu einem Thema mit lokalem Bezug recherchieren, die Ergebnisse in den Zauberhut werfen und als weißes Kaninchen wieder hervor hoppeln lassen. Wobei auch diese Stückentwicklung wieder in Kollektivarbeit entstanden ist.

Carol Jena 1 CJoachimDette uZu Höhenangst führende Tribüne vor dem Theaterhaus Jena © Joachim Dette

Die inhaltliche Grundidee mutet für ein Sommer-Open Air zunächst unerwartet bieder an. "Carol. Shakespeare in Jena" porträtiert die sogenannten Frühromantiker, die sich um 1800 in Jena versammelten. Ihr favorisierter Debattierort: die Wohnung von Caroline Schlegel-Schelling und ihrem Mann, dem Philologen und Übersetzer August Wilhelm Schlegel. Jena war hier übrigens kein Zufall. Wie man an dem Abend erfahren kann, waren sich verschiedene Herzogtümer uneins, wer für die dortige Universität zuständig ist. Als Nebenprodukt herrschte dort zu jener Zeit ein gewisses Zensur-Vakuum.

Rolle der Frau um 1800

Bevor das Publikum durch allzu viele Denk-Verrenkungen abgehängt werden könnte, wird in der Jenaer Produktion auf einen philosophischen deep dive verzichtet. Vielmehr richtet sich der Fokus auf den nonkonformistischen Lebensstil des intellektuellen Zirkels rund um Caroline Schlegel-Schelling. Wer offene Liebesbeziehungen heute noch als progressive Speerspitze versteht, dem sei gesagt: Sorry, aber aus Jena betrachtet, ist das Modell längst verstaubt. Denn offenbar war es auch in der Goethe-Clique normal, dass jeder jedem mal am Ohr knabberte. Der Unterschied zu heute: Damals war das tatsächlich revolutionär und mindestens für Frauen mit einem großen Risiko verbunden.

Das Jenaer Ensemble spielt die historischen Figuren zwar an ihre Vorbilder angelehnt, stattet sie aber auch munter mit eigener Fantasie und menschlichen Makeln aus. Die Biografie der titelgebende Heldin Caroline Schlegel-Schelling lädt zum Nachdenken über die damalige Rolle der Frau ein. Obwohl sich manch einer ihrer berühmten Zeitgenossen wegen ihrer rhetorischen Fähigkeiten vor einem Wettstreit der Worte mit ihr scheute, hat sie selber keine eigene Schrift veröffentlicht. Schriftstellerin zu sein schickte sich für Frauen damals nicht. Ein Umstand, den der Abend mit einem von der Figur Caroline vorgetragenen, hymnenhaften Song illustriert, in dem sie aufzählt, was sie alles ist: Mutter, Lover, Salonnière. Eine (funktions-)unabhängige Rolle fehlt. Da waren die Jenaer Frühromantiker dann doch in ihrer Zeit verhaftet.

Charmante Selbstbezüglichkeit zum Arbeitsende

Apropos Musik: Der Abend wird von einer Live-Band begleitet. Das macht Laune, hat Regisseurin Lizzy Timmers aber auch ein wenig zu sehr dazu verleitet, große Emotionen hauptsächlich mit Gesang und Tanz abräumen zu lassen. Mitunter entsteht dadurch auch ein leichter Trash-Überhang.

Carol Jena 4 CJoachimDette uAbschiedsfeier des Ensembles © Joachim Dette

Aufmerksamkeit bündeln können dagegen immer wieder spezielle Momente von Beiläufigkeit, in denen die Spielerinnen und Spieler auch mal aus der Rolle fallen. Leon Pfannenmüller und Pina Bergemann unterhalten sich einmal etwa über ihr Arbeitsende in Jena und fragen sich, ob es zwischen ihnen vielleicht doch noch romantische Gefühle geben könnte. Schon in der zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladene Produktion "Die Hundekot-Attacke" hat die Jenaer Truppe bewiesen, dass selbstreferentielles Theater ziemlich charmant sein kann. Auch wenn man am Ende dieses Abends vielleicht ein paar lose Fäden zu viel in der Hand hält, wird eines spürbar: "Carol" ist ein Abschiedsknutscher an das Jenaer Publikum, der aus tiefstem Herzen kommt.

Carol. Shakespeare in Jena
Regie: Lizzy Timmers, Bühne: Maarten van Otterdijk, Kostüme: Bettina Kirmair, Dramaturgie: Hannah Baumann, Dramaturgie-Assistenz: Anton Conrad, Regie-Assistenz: Kathrin Gütlin, Elisa Szakinnis, Ausstattungsassistenz: Carolin Pflüger, Komposition und musikalische Leitung: Moritz Bossmann, Live-Musik: Moritz Bossmann, Kristina Koropecki, Liv Solveig Wagner, Wilhelm Hinkel.
Von und mit: Pina Bergemann, Nikita Buldyrski, Henrike Commichau, Linde Dercon, Mona Vojacek Koper, Leon Pfannenmüller, Anna K. Seidel.
Premiere am 3. Juli 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

"Dem Ensemble und Regisseurin Lizzy Timmers gelingt es, den nonkonformistischen Lebensstil der Frühromantiker unterhaltsam auf die Bühne zu bringen. Von Goethes Höhenangst über Novalis Blütenstaubfragmente bis Shakespeares Versmaß ist alles dabei. Und nebenbei wird ganz spielerisch biografisches und historisches Wissen vermittelt", berichtet Ulrike Kern in der Thüringer Allgemeinen (5.7.2024) und ruft dem Ensemble des Theaterhauses zu: "Danke für diese überraschende Inszenierung und die vergangenen sechs tollen Jahre."

"Der Charakter eines Potpourris ergibt sich schon aus dem Ansatz, den Abend gemeinsam zu gestalten", berichtet Tobias Prüwer für die Deutsche Bühne online (4.7.2024). "Viele Ideen sind wohl aus Improvisationen entstanden", registriert der Kritiker und lobt die "Spielfreude des Ensembles". Ein "schöner Einfall" sei der Einbau von "Romeo und Julia" im Schnelldurchlauf. "Auf Tiefe ist das nicht angelegt, das wissen die Spielenden selbst am besten." Stattdessen: "Noch einmal soll geballte Ensemblepower auf der Bühne zu erleben sein, bevor sich die sichtlich emotionalen Spielerinnen und Spieler beim Publikum bedanken."

Die Geschichte der Caroline Schlegel werde eng mit der Stadt Jena verknüpft, so Katrin Ullmann in DLF Fazit (3.7.2024). Kein Biopic, sondern assoziative Szenen rund um den Jenaer Kreis werden erzählt. "Der Abend ist sehr sehr musikalisch, er ist voller großer Gefühle,flapsig, klug und auch sehr witzig." Auf Unterhaltung und auf Effekte werde gebaut, einmal werde auch Romeo und Julia re-enactet mit großen Albernheiten und viel Lust. "Ein erklärtes Abschiedsstück und eine Liebesbekundung an die Stadt.

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