Im Strudel der Weltprobleme

12. Juni 2024. Lukas Bärfuss hat für das Volkstheater vor dem Kloster Einsiedeln Calderón de la Barcas barockes Welttheater aktualisiert. Die Themen sind dieselben geblieben, die Klimakrise und eine Seuche sind dazu gekommen. Aber mit der barocken Heilsgewissheit geht Bärfuss anders um. Nach Pandemie-bedingter Verzögerung fand jetzt die Premiere statt.

Von Tobias Gerosa

Lukas Bärfuss' Neubearbeitung von "Das große Welttheater", in der Regie von Livio Andreina, im Wallfahrtsort Einsiedeln © Welttheater Einsiedeln

12. Juni 2024. Das Welttheater ist abgesagt. Der Autor – weißer Anzug, Hut und Stock – verkündet es mehrsprachig. König, Schönheit, Armer und Reicher, Bauer und Elender sind zwar schon auf den pompösen barocken Klosterplatz gezogen, auf dem man zwangsweise zur doppeltürmigen Kathedrale aufblicken muss wie ein kleiner Sünder. Aber sie werden nicht gebraucht (so wie die Klosterfassade durch die Raumnutzung weniger dominant wirkt als früher). Der Absage stellen sich Emanuela und Pablo entgegen: Sie, die ungeborenen Kinder, die noch nie spielten, wollen spielen! Und wenn’s sein muss, halt alle Rollen.

So ruft der Autor die Welt heraus – ihre Welt mit ihren Wundern wie der Plattentektonik und den Nordwinden und mit ihren Plagen wie der Pandemie und dem tauenden Permafrost (immerhin im konservativsten Teil der konservativen Schweiz). Wer spielen will, muss damit umgehen. Die Kinder werden in den Strudel der Welt gerissen.

Soziale Installarion

Calderón nutzte 1655 die Metapher der Welt als Theateraufführung mit Gott als Autor, Lukas Bärfuss baut sie in seiner Neufassung nun noch aus. Seit hundert Jahren gibt es die Tradition des Einsiedler Welttheaters vor dem bedeutenden Kloster und wichtigem Wallfahrtsort. 2000 hatte Thomas Hürlimann die erste zeitgenössisch überschriebene Version geschrieben (und in seinem Roman "Der Rote Diamant 2022" die Klosterwelt weitergedacht), 2007 aktualisierte Tim Krohn, und nun Bärfuss. Er dreht die Idee, die Welt als Theater zu beschreiben, eine Drehung weiter und legt die Spielmechanik immer offen.

Das Dorf spielt mit: Szene hier mit der jungen Emanuela © Welttheater Einsiedeln

Bärfuss bezeichnete die Aufgabe als "unmöglich", löst sie aber geschickt: Kritisch, aber nicht verkopft und der ambitionierten, sehr großen Laienbesetzung hervorragend angepasst. Es spielt nämlich fast das ganze Dorf mit – wenn nicht auf, dann hinter der Bühne, im Orchester, dem Chor oder in der Organisation. Nicht umsonst bezeichnet Bärfuss das Einsiedler Welttheater als soziale Installation, in der jede Generation Einsiedelns die Frage danach, welche Rolle sie den spielen kann, will oder muss neu verhandelt, durchhofft und durchleidet.

Die vierfache Emanuela

Emanuela und Pablo müssen zuerst die Rolle der Bauern übernehmen und kämpfen mit Hitze, Sturm und "Viechern". Als Jugendliche dann schwingt sich Emanuela zur Königin auf und vergisst ob der Macht ihren Freund. Regisseur Livio Andreina, Ausstatterin AnnaMaria Glaudemans, Choregraf Graham Smith und der Komponist Bruno Amstad (der Stimmungsmusik, Oper und Rock mischt und auch einen Rap in ziemlich broken english einbaut) arbeiteten laut Programmbuch eng mit Bärfuss zusammen. Wie sich die verschiedenen Elemente zu immer wieder eindrücklichen Bildern fügen, bestätigt das in den kurzweiligen, auf die Züge nach den größeren Städten ausgerichteten 100 Minuten.

WelttheaterEinsiedeln6 1200Mit der Krönung der jungen Königin Emanuela zieht die Macht ein © Welttheater Einsiedeln

Putzig wieseln Kinder als Tiere, machen aber auch die Bedrohung spürbar. Martialisch zieht mit der Rolle als Königin die totalitäre Macht ein. Die Musik, live gespielt und in den Arkaden der Platzumrandung glücklicherweise vom Regen geschützt, das Licht inklusive Nebelschwaden, die im Premierenregen noch drückender wirken (eigentlich spielt man nur bei trockene Wetter) und immer wieder die effektvollen Massenauftritte, schaffen starke Stimmungsbilder, in welchen der oft ziemlich lakonische schweizerdeutsche Text mehr Gedanken- und Handlungsräume für die zentrale Frauenfigur öffnet. Dass sie auch durchaus individuelles Profil entwickelt, ist eine Neuerung von Bärfuss Fassung gegenüber dem rein allegorischen Vorbild, und Lilli Boros als junge Frau kann das auch nutzen.

Umgang mit Macht

Die Jugend geht vorbei (und die dritte Darstellerin übernimmt), es folgt der Aufstand der Armen und Elenden: Priesterlicher Kindesmissbrauch wird angetönt, bevor die Armen die Kirche inklusive der berühmten Schwarzen Madonna plündern und dann statt Gerechtigkeit zu schaffen, mit Glitzer ihren neuen Reichtum feiern und damit die Vernunft vertreiben, bis das Alter (die vierte Emanuela) kommt und das Spiel beenden muss – ihr Spiel und ihre Welt, die neuen Kinder stehen aber schon bereit und wollen auch wieder spielen: Wie wird ihr Welttheater werden?

Bärfuss findet für Emanuelas Ende wieder in stimmiges Bild: Ein Lama holt sie ab. Ein Lama, das so konkret ist wie die Darstellung der Welt mit ihren Problemen durch die Laienmassen vorher und doch eindeutig symbolisch. Dieser Spagat gelingt – vielleicht bis aufs zirkusfinalehafte Schlusslied, dessen Mitklatsch-Refrain "So geit’s i däm schöne Wälttheater/Einisch gwinnt d Muus/Einisch dr Kater" ("So geht’s in dem schönen Welttheater/Einmal gewinnt die Maus/Einmal der Kater") dann platter fatalistisch ist als die Fragen, die er im (Kinder-)Spiel der Theatermetapher vorher aufwirft.

Das große Welttheater
von Lukas Bärfuss nach dem Schauspiel von Calderón de la Barca
Uraufführung
Regie: Livio Andreina, Kostüm- und Raumgestaltung: AnnaMaria Glaudemans, Choreografie: Graham Smith, Musik: Bruno Amstad, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Musikalische Leitung: Susanne Theiler
Mit: Das Spielvolk.
Premiere am 11. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.welttheatereinsiedeln.ch

 

Kritikenrundschau

In Lukas Bärfuss’ Adaption ist niemand mehr, der Gottes' Rolle noch ausüben wollte: "Weder der Bauer, der mühsamen Arbeit überdrüssig, noch der König, dessen Macht sich im Symbolischen erschöpft, noch der Reiche, der ohne den Armen nichts mehr ist", schreibt Salomé Meier in der FAZ (online 15.6.2024). "Wer eine weibliche Emanzi­pationsgeschichte erwartet hatte, muss enttäuscht sein." Emanuela sei hier keine Heldin, sondern ein Mensch, der wie alle anderen irrt und stirbt. "Das Strickmuster der von Rolle zu Rolle wechselnden Emanuela wird einem schnell klar, und es erscheint mitunter etwas grob gestrickt". Fazit: Ein Theater von nicht weniger als weltlichen Dimensionen zu schaffen, verlangt vielleicht nicht nach den intrikatesten dramaturgischen Stickereien. "Was der Autor Lukas Bärfuss und sein Regisseur Livio Andreina dafür bieten, sind immer wieder spektakuläre Bilder vor der imposanten Klosterfassade in Einsiedeln, die von der Musik des großartigen Orchesters getragen werden."

"Die Klosterkirche schafft zwar immer noch eine religiöse Kulisse", aber Gott scheint tot in Bärfuss’ Welttheater, schreibt Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (13.6.2024). Die weiblichen Hauptrollen geben dem neuen "Welttheater" scheinbar eine feministische Ausrichtung. "Allerdings verfallen Bärfuss’ Protagonistinnen in alte Rollen, Ihre Hybris führt zu Umwälzungen und Volksaufständen." Damit ist einerseits für die Massenszenen gesorgt, "die Inszenierung nimmt sich hier eher aus wie ein gruseliges Spiel mit Sowjet-Klischees und Nazi-Kitsch". Fazit: "Ist die Welt, ist das Leben als Geschenk zu verstehen? Das gilt jedenfalls für das 'Welttheater', das nicht nur das lange applaudierende Premierenpublikum beglückte. Es ist offensichtlich eine Freude, die sich die Einsiedler Theatercrew, die dem permanenten Regen heroisch getrotzt hat, auch selber macht.

"Heuer bleibt ohnehin das reine Spiel, befeuert von der Gegenwart, aber letztlich bemerkenswert archaisch", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (8.7.2024). Auf dem Kirchenvorplatz erlebe man, wie die allegorischen Figuren nicht mehr spielen wollen, "sie haben genug". Die Welt trete mit auf ihren Naturerscheinungen oder Naturkatastrophen, "ein zirzensisches Treiben, aus dem ein Strudel choreografierter Bewegung entsteht". Fazit: "Der Schauwert ist enorm, Nebel fließt in Kaskaden herab, die Volksaufläufe sind beeindruckend. Interessant ist dabei, dass bis auf wenige Momente alles sehr ernst ist. Ein eschatologischer Abgesang auf unsere Welt, eine mäandernde Apokalypse, durch die die allerletzten Momente einer Hoffnung wandern. Also doch eine Wallfahrt."

 

Kommentar schreiben