Den Mainstream entern

Raúl Krauthausen im Interview mit Esther Slevogt

5. März 2021. Das Videoportal TikTok hat in Deutschland ein Kulturförderprogramm aufgelegt. Insgesamt 5 Millionen Euro sollen Kulturinstitutionen "beim Einstieg in die digitale Kommunikation und dem Erreichen neuer Zielgruppen" unterstützen, wie es in der Ausschreibung heißt. Zur Förderung eingereicht werden können "Projekte, die sich mit dem Thema Diversität künstlerisch auseinandersetzen und kulturelle Teilhabe ermöglichen". Geförderte Institutionen werden verpflichtet, ihre Aktivitäten mit mindestens acht Videos pro Monat auf TikTok zu begleiten. Taugt Tiktok als kultureller Vermittlungskanal? Wir haben via Zoom kurz bei Raúl Krauthausen nachgefragt, der zur Jury gehört. Der studierte Kommunikationswirt ist Inklusions-Aktivist (u.a. Gründer der Sozialhelden) und Medienmacher. In dieser Eigenschaft hat er die Internetseite Leidmedien.de gegründet, einen Online-Ratgeber für Sprache und Behinderung. Krauthausen bloggt und bespielt mit großem Erfolg (und enormen Follower:innenzahlen) verschiedene soziale Medien wie Twitter und Instagram. Und Tiktok natürlich.

 

Raúl Krauthausen, Sie haben 142.700 Follower auf Tiktok – das ist mehr als der Berliner Tagespiegel täglich an Auflage hat. Wie kamen sie auf TikTok?

Ich bin skeptisch, was Followerzahlen angeht. Das erst einmal vorausgeschickt. Nicht, dass sie falsch wären, aber ich würde sie nie gleichsetzen mit der Zahl von Leser:innen einer Tageszeitung. Es bedeutet eine ganz andere Aufmerksamkeitsqualität, ob man Zeitung liest oder 15 Sekunden ein Tiktok-Video anschaut. Ein Alleinstellungsmerkmal sozialer Medien ist aber, dass es Medien der Menschen sind: Jede und jeder kann ein Video hochladen und damit Reichweiten erzeugen – wenn der Algorithmus es zulässt. Aber es wird nicht mehr darüber von heteronormativen, weißen, nicht behinderten Männern in Chefredaktionen darüber entschieden, was Öffentlichkeit bekommt und was nicht. Wie ich auf TikTok kam? Weil ich ein neugieriger Mensch bin, es war eine Challenge für mich, mich damit auseinanderzusetzen. Ein TikTok-Video zu produzieren, ist sehr aufwändig. Also, wenn man's gut machen will. Es braucht sehr viel Arbeit und Aufmerksamkeit.

Krauthausen Raul 1200 privatRaúl Krauthausen  © Anna Spindelndreier, 2020

TikTok hat gerade eine 5 Millionen Euro schwere Kulturförderung ausgeschrieben. Gefördert werden sollen Projekte, die sich mit dem Thema Diversität künstlerisch auseinandersetzen und darüber kulturelle Teilhabe ermöglichen. Sie gehören der Jury an. Was versprechen Sie sich von diesem Programm?

Auf sozialen Plattformen wird viel Bodyshaming betrieben, das heißt, viel läuft über normierte Schönheitsideale, denen zu entsprechen einen großen Druck erzeugt. Dem etwas entgegenzusetzen, fand ich ein wichtiges Anliegen. Was ich gleichzeitig mit Sorge betrachte ist, dass dieser ganze Vielfaltsdiskurs in Deutschland eigentlich immer unter Ausschluss von Menschen mit Behinderung stattfindet. Da wird dann gesagt, Vielfalt und Diversity betrifft Fragen von Gender, Migration, Transmenschen und auf jeden Fall POC. Aber Behinderung taucht in der Regel als Kategorie, wenn überhaupt, als letztes auf. Und da haben ich mir gesagt, ok, lass uns doch gucken, wie wir diesen Aspekt Behinderung in den Vielfaltsdiskurs hineintragen und nach vorne bringen können. Es gibt großartige TikToker mit Behinderungen, die großartige Sachen machen, aber niemals im Mainstream Platz finden würden. Schauen Sie sich mal die Accounts von Drag Syndrome, Zach V and Pat, Abigail, the Advocate oder Cynthia Pura's an.

Geförderte Projekte müssen mindestens acht Videos im Monat auf TikTok veröffentlichen. Inwiefern können die Ergebnisse der Kulturförderung auf TikTok nachhaltig sein?

So nachhaltig wie andere Förderungen auch. Das ist ja ein großes Problem, dass solche Onetime-Events und -Förderungen nicht reichen, um Vielfalt im Kulturbereich online und offline zu fördern und auszubauen. Aber es kann vielleicht für viele zu einem Denkanstoß werden. Vielleicht werden interessante Sachen entstehen. Vielleicht werden neue Leute entdeckt. Auf jeden Fall wird die Sache Aufmerksamkeit und Zuschauer:innen generieren, die mit dem Thema konfrontiert werden.

Es gibt auch Kritik an der Plattform: u.a. dass TikTok Datenklau im großen Stil und Shadowbanning von Inhalten betreiben würde. Kritiker:innen könnten dem Förderprogramm Imagekosmetik vorwerfen? Was würden sie einer solchen Kritik entgegnen?

Ich würde sagen, dass das zu einfach gedacht ist. Kann sein, dass TikTok eine chinesische Datenkrake ist. Aber was ist mit amerikanischen Datenkraken wie Facebook oder WhatsApp? Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Bestimmt hat das Programm auch mit Imagepolitik zu tun. Aber ich finde erstmal gut, dass sie das Thema aufgreifen und auch mit Leuten umsetzen, die sich in dem Bereich ernsthaft auskennen. Und kritisch sind. TikTok weiß, dass ich mir nicht den Mund verbieten lasse.

Ich finde auch, wir müssten die Debatten allgemein führen, nicht auf diese eine Plattform beschränken. Phänomene wie Shadowbanning gibt's auch bei Instagram, es gibt sie bei Twitter und Facebook. Da werden Körper von Frauen ohne Behinderung, fast halb nackt, vom Algorithmus durchgelassen. Wenn die gleiche Art von Nacktheit von einem behinderten Körper gezeigt wird, wird das als anstößig gesperrt. Das ist ein Problem. Aber eben auch ein Problem von Instagram und ich finde es schwierig, wenn sich die ganze Kritik nur auf TikTok konzentriert, obwohl alle Plattformen solche Praktiken verfolgen, aber damit davonkommen. TikTok hat zugesagt, das Problem zu lösen und das glaube ich jetzt erst mal, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist.

Eine allgemeine Frage zum Schluss: Welche Meilensteine muss die Kultur nehmen, damit mehr Menschen daran teilhaben können?

Schritt eins wäre Barrierefreiheit – von Zuschauersälen und Bühnen gleichermaßen. Es reicht nicht, einen Rollstuhlplatz im Zuschauerraum einzurichten, oder Ober- und Untertitel im Theater zu haben. Es muss auch barrierefreie Bühnen geben. Und es muss barrierefreie Ausbildungsstätten geben für Kunst, Malerei, Schauspielerei, Gesang, Tanz, all das muss barrierefrei möglich sein. Wir müssen inklusive Theater- und Kunstsettings wollen. Es geht nicht mehr darum, Leute davon zu überzeugen, dass das wichtig ist. Diese Stufe müssen wir hinter uns lassen. Jetzt geht es ums Durchsetzen.

 

Raúl Krauthausen wurde 1980 in Lima / Peru geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Er studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin sowie Design Thinking an der School of Design Thinking des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts. Bekannt geworden ist er vor allem durch die von ihm erfundene Wheelmap, eine weltweite digitale Landkarte barrierefreier Plätze, die von Usern erstellt wird, sowie sein "Undercover- Heimexperiment" und den Protest gegen das Bundesteilhabegesetz. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Grimme Online Award.

https://raul.de

 

 

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