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Die Dummheit – Friederike Heller rechnet mit Rafael Spregelburd
Menschendrama mit Lachmuskelbeanspruchung
von Tomo Mirko Pavlovic
Stuttgart, 13. Juli 2007. Sie zocken. Sie bluffen. Sie schießen. Korrupte Cops. Jaulende Mafia-Killer. Frustrierte Platzanweiserinnen. Knutschende Kunsthehler. Ein unsichtbares Band verbindet sie, führt sie zusammen, eine blinde Gier nach ein bisschen Geld, Glück und Sinn. Es gibt einen Augenblick an diesem Premierenabend in Stuttgart, da ist man wie die anderen.
Da ist man wie einer aus diesem überdrehten, brüllenden, schwitzenden und keifenden Menschenknäuel auf der Bühne. Einer von denen, die irgendetwas von der Welt um sie herum verstehen wollen und eine Panne nach der anderen produzieren. Man jagt ihr schon im Geiste nach, der Weltformel von Professor Finnegan, nach deren Gesetzmäßigkeiten das ganze Theater gestrickt ist. Und die als Botschaft auf einer Videokassette zwischen all diesen Irren und ihren Motelzimmern herumschwirrt wie ein grellbunter Luftballon, dem die Luft ausgeht. Wenn man nur die Lorenzsche Gleichung endlich hätte! Dann würde man vielleicht kapieren, weshalb in Las Vegas der Teufel los ist.
Apokalypse mit Mathe und Moral
Apropos Teufel. Rafael Spregelburds "Die Dummheit" ist der, von Friederike Heller im Theater im Depot inszenierte, vierte Teil seiner "Heptalogie des Hieronymus Bosch". Und obwohl sich das Stück des vielfach ausgezeichneten argentinischen Regisseurs und Dramatikers wie ein amüsant-intelligenter Genre- und Zitatencocktail aus Actionthriller, Screwball-Comedy, Telenovela und Science-Fiction-Trash betrachten lässt, schwebt doch über allem Treiben das Damoklesschwert einer subtilen, moralinsauren Anklage.
Las Vegas, die Stadt des Lasters und der irdischen Gelüste, ist auch ein Ort der Gottlosigkeit, wo die Glücksritter unserer Zeit im Casino das vermeintliche Heil im Jetzt suchen. "Die Lorenzsche Gleichung sagt nicht nur die Zukunft voraus, sondern verifiziert auch die Vergangenheit", brabbelt der entrückte Wissenschaftler Finnegan vom Videoband in ein verwüstetes Motelzimmer hinein und spricht allen Hobbyastrologen aus der Seele, die schon immer Religion mit Mathematik verwechselt haben. Die Weltformel gerät zur Standpauke. Auch wenn ständig die Rede von Quanten, Mandelbrotmengen, d’Alembert und Lichtgeschwindigkeit die Rede ist – die Struktur hinter den absurden Dialogen bleibt eine wohlbekannte: nämlich die der anvisierten Apokalypse. Ein geschlossenes System, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die darin wütende Todsünde führt alle Protagonisten ihrer gerechten Strafe zu: dem Ruin, dem Tod.
Theatralische Kettenreaktion
Die Regisseurin Friederike Heller konnte sich aus dieser doppelbödigen Pseudophysik des Rafael Spregelburd nicht recht befreien und lässt die Inszenierung zwischen flirrender Tempokomödie und tragischer Milieustudie des American White Trash zweieinhalb Stunden lang auspendeln. Sie verlässt sich dabei ganz auf den überbordenden Text und ihre über weite Strecken sehr solide agierenden Schauspieler. Technische Effekthascherei ist nicht ihr Ding. Nur behutsam arbeitet sie mit verzahnten Parallelszenen, um das Geschehen zu beschleunigen. Zumeist erzählt sie die Geschichten linear, als eine sich steigernde Kettenreaktion. Die Nummernrevue hilft dem Zuschauer, die einzelnen Schicksale der Figuren wieder zu erkennen, niemand verzettelt sich. Eine Ordnung, die aber zu Lasten der Dynamik geht.
Aus dem Kino gepresste Konzentrate
Mandy Rudski, Peter Sikorski, Thomas Eisen, Elisabeth Findeis und Rainer Philippi schlüpfen dafür in 24 Rollen und haben nichts als eine Doppeltür, einen Monitor mit Willkommensgrüßen der jeweiligen Absteige sowie einen dicken, honigfarbenen Dreisternehotelteppich zum Herumtollen. Die klar gezeichnete Karikatur ist dabei ein legitimes Mittel, Unterschiede auf der Bühne herzustellen. Philippi zum Beispiel: Sein säbelbeiniger Motorrad-Polizist Zielinsky mit hängender Al-Bundy-Kinnlade, Wichtigtuer-Helm und Porno-Sonnenbrille ist einfach perfekt angelegt, eben weil er wie ein aus dem Kino gepresstes Konzentrat aller großmäuligen Hollywood-Cops daherkommt. Auch die Findeis als dubiose Kunsthändlerin Emma Toogood in prallengem Nadelstreifenkostümchen gefällt, bedient sie doch subtil-erotisch die an gängigen Gangsterbrautklischees geschulten Männerphantasien, ohne auch nur einmal einen verdächtigen Quadratzentimeter Haut zu zeigen.
Traurige Wissenschaft
Man spielt sich ein, wirft sich die Pointen wie kleine Softbälle sicher zu, auch wenn die mal gar nicht so weich sind, wie sie immer tun. Und wenn endlich alles rhythmisch zu tanzen beginnt, die sinnlosen Sätze, die kaputten Figuren unter ihren tollkühnen Perücken, rollt Mandy Rudskis Ivy Posgate ein ums andere Mal ins hoteleigene Trümmerfeld: Ein querschnittsgelähmtes, sprachloses Mädchen, von dem wir nicht genau wissen, ob es etwas von dieser fröhlichen Wissenschaft hört oder versteht. Aus ihrem Mund schäumt es meistens eklig und ihr mahnender Blick wirkt seltsam verdreht, wie ihr rechter Krüppelfuß und auch wenn sie nichts sagt, liest man doch aus ihren Augen: "Dummheit".
Spätestens an dieser Stelle ist Schluss mit lustig, drückt die Regie den vom Autor mitgelieferten dramaturgischen Notausknopf im Falle einer allzu heftigen Lachmuskelbeanspruchung. Wär' ja noch schöner, wenn am Ende eine gottverlassene Mathematik über unser kleines Menschendrama triumphieren würde.
Die Dummheit
von Rafael Spregelburd
Inszenierung: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Dramaturgie: Marcel Luxinger.
Mit: Thomas Eisen, Elisabeth Findeis, Rainer Philippi, Mandy Rudski, Peter Sikorsk.
www.staatstheater.stuttgart.de
Kritikenrundschau
Jürgen Berger hat in der Süddeutschen Zeitung
(16.7.) viele Momente gesehen, in denen Regisseurin Friederike Heller
auf der tragikomischen Seite des Lebens zum Stück findet. Dennoch sei
der Abend dumm gelaufen. Berger resümiert, dass die Komödie noch nicht
ihr Ding zu sein scheint. "Man fragt sich, ob hier einfach das Stück
nicht zur Regisseurin passte, oder warum sonst diese Inszenierung nie
bis zu dem Punkt vordringen konnte, an dem aus der Mühe der
Probenarbeit eine Leichtigkeit auf der Bühne entsteht." Heller mache es
zwar auf keinen Fall falsch, wenn sie einfach zwei Türen auf die Bühne
stellt und an die Wand ein Telefon montiert. "Vierundzwanzig Figuren
und die überbordende Phantasie des argentinischen Allrounders sind
genug, da braucht es keine Bühnenbildorgie. Will die Regisseurin, die
mit ihrer Inszenierung von Peter Handkes "Untertagblues" am Wiener
Burgtheater schlagartig ins Rampenlicht rückte, dem Affen dann
allerdings Zucker geben, wird eine mühselige Veranstaltung aus der
Stuttgarter Inszenierung."
Auch Roland Müller überlegt in der Stuttgarter Zeitung
(16.7.), dass es ein lustiger Abend hätte werden können, "mit Trash,
Satire, Ironie und ohne tiefere Bedeutung, auch wenn Spregelburd in
seinem wuchernden Stück die menschliche Habgier geißeln will." Aber, es
werde kein lustiger Abend, zumindest nicht durchgehend. "Das Stück
kokettiert mit der Chaostheorie und übersetzt sie in eine aberwitzige
Seifenoper, in eine klamaukig überdrehte Telenovela mit schrillen
Typen, die sich durch eine vielfach miteinander verschränkte Handlung
kämpfen", schreibt Müller und kann das Stück nicht so richtig
gutheißen. Die Regie von Heller aber auch nicht: "Obwohl stark gekürzt,
ist die von Friederike Heller inszenierte "Dummheit" noch immer viel zu
geschwätzig - und mit zweieinhalb Stunden auch entschieden zu lang, um
als schnelle, die Genres parodierende Comedy zu funktionieren. Schade,
denn die fünf Akteure geben ihr Bestes."
Ähnlich beschreibt es auch Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten
(16.7.): bei allem Bemühen, die "Balance zwischen Kalauerei und
philosophischer Hintergründigkeit zu halten, gerät der Rhythmus der
Inszenierung immer wieder ins Stocken." Schade sei, "dass die
Regisseurin und ihr Dramaturg sich entschieden haben, nicht auf den
Charme des grotesk ausufernden, im Original 90-Seiten-Geredes zu setzen
(und die Zuschauer mit einem Vierstundenabend herauszufordern). Sie
haben sich aber auch nicht durchringen wollen, konsequenter zu
streichen und nurmehr die absurde Zufallsmaschine komisch heißlaufen zu
lassen."
In der taz (18.7.) schreibt Claudia Gass,
dass zwar das Kunststück gelänge, Transparenz in die
Unübersichtlichkeit der Handlung zu bringen. Aber zufrieden ist auch
sie nicht. Einerseits seien die Figuren des Stücks ein Problem, sie
"bleiben nichtssagende Klone gesellschaftlicher Typen, die Salven
sprachlicher Banalitäten wie aus dem Maschinengewehr abfeuern.... Die
aggressiven Ausbrüche der Figuren, ausgelöst durch Kleinigkeiten,
sollen vermutlich vermitteln, dass unter der Oberfläche des alles
beherrschenden Strebens nach materiellem Gewinn doch noch so etwas wie
die Suche nach Sinn gärt." Und auf Dauer wirke die exaltierte
Absurdität, mit der Friederike Heller die Szenen zuspitzt eher
enervierend als dass sie das Innenleben der Figuren näher bringe.
"Vielleicht hätten ein paar Momente des Innehaltens, ein Raum für
Zwischentöne, da mehr erreichen können. So wirkt das Stück letztlich
überkonstruiert."






