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Peymannbeschimpfung – eine Uraufführung von Rimini Protokoll
"Sehr geehrtes Schwein"
von Tomo Mirko Pavlovic
Stuttgart, 22. September 2007. "Man sollte Ihnen die Zähne einschlagen, Sie Arschloch!" – "Vergasen sollte man Dich, am besten mit Chlor oder Phosgen!" – "Mörderische Drecksau!" – "Du bist eine Bestie in Menschengestalt!" – "Du Pestbeule!" Ein Mann in Schwarz amüsiert sich. Manchmal wundert er sich. Aber er bleibt stets locker. Und lächelt milde von der großen Leinwand herab. Close-up: Claus Peymann.
Der Intendant des Berliner Ensembles liest unhöfliche Briefe, die ihn meinen. Noch einmal. Dreißig Jahre danach, nachdem ihn die Wut auf seinen vermeintlich öffentlichen Spendenaufruf für die Zahnsanierung des inhaftierten RAF-Mitglieds Gudrun Ensslin per Post erreichte. 600 Briefe sind es, mit denen sich wackere Bürger aus aller Welt mächtig Luft verschaffen und sich schreibend in eine aus heutiger Sicht bizarre Pogromstimmung gegen den damaligen Schauspielchef am Stuttgarter Staatstheater hochschaukeln. Und genau diese papierne Flut voll Hass und Mordgier war das Ausgangsmaterial für ein Training namens "Peymannbeschimpfung" unter der sportiven Aufsicht von Helgard Haug und Daniel Wetzel.
Mitwipp-Hits aus der Stammheim-Zeit
Ein Training à la Rimini. Für das luzide Spiel mit der Mimesis sind wieder Experten des Lebens gefragt. Mit einem schmunzelnd vor sich hinlesenden und sich quasi selbst beschimpfenden Spezialisten für die Kunst allein, ist es nämlich nicht getan. Also haben Haug und Wetzel dieses Mal neben den gefilmten Peymann verschiedene Sektionen des Turnvereins Stammheims auf die Bühne gebeten, von der Jazzdance-Gruppe über die Wirbelsäulengymnastik bis hin zu den Joga-Freundinnen. That's live.
Einatmen. Ausatmen. Strecken. Dehnen. Durchdrücken. Vom Band ertönt mal Abba, auch Queen, und passend zum dynamischen Step-Aerobic der Disco-Feger "Hands up" von Ottawan. Hits zum Mitwippen aus einer Zeit, als Ensslin und die anderen im Hof der Justizvollzugsanstalt Stammheim ihre Runden drehten. Das Leben nebenan, das ging trotzdem weiter. "Wir werden weich in den Knien und richten nun Wirbel für Wirbel auf", empfiehlt Frau Ernst über das Kopfmikrofon ihren Entspannungsgenossinnen aus dem Joga-Kurs und erzählt dann dem Publikum, wie sie in der Verwaltung des Gefängnisses arbeitet und dass die Linie 15 zur Endstation Stammheim fährt. Peymann blendet sich plötzlich ein, übertönt Frau Ernst, es fallen wieder Worte wie "Schwein" oder "Esel" auf die skurrile Sportschau herab wie giftiger Regen aus längst vorbeigezogenen Wolken.
Google zeigt, wo die Beschimpfer wohnen
Aber, wie gesagt: Das Leben geht weiter. Einatmen. Ausatmen. Sie führen vor, wie sie ihren Alltag bewältigen nach Feierabend, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Echte Menschen. Stuttgarter, die in atmungsaktiven Stoffen schnaufen, stottern, schwäbeln und zufälligerweise in der Nähe der Justizvollzuganstalt wohnen. Oder sich erinnern, so wie Rolf Otto. Er ist der langgediente Rüstmeister des Staatstheaters, der nicht nur für das Waffenarsenal verantwortlich zeichnet, sondern auch die Causa Peymann aus eigener Erfahrung ans Licht bringt, grantelnd, paffend, mit Pistolen hantierend und unter einer zweiten Leinwand stehend, auf der die Adressen der jeweiligen Briefeschreiber mit Hilfe der Suchmaschine Google Maps als Satellitenbilder herangezoomt werden. Immer wieder zeigen Finger aus dem Publikum auf die Satellitenbilder. Auf die kleine Welt von oben.
Das ist Theater von unten. Ein legitimer Ansatz. Und meistens funktioniert es auch. Aber nicht an diesem Abend. Zwar inszeniert Rimini-Protokoll wieder einmal Lebensgeschichte als Selbstzitat und Laien begegnen ihrer eigenen Biografie wie einer fremden, gebrochenen Rede, wodurch der eigentümliche Eindruck der Künstlichkeit und Unsicherheit entsteht. Doch der Rhythmus stimmt nicht. Die überraschenden narrativen Wendungen sowie Perspektivwechsel fehlen einfach.
Freizeitgruppen tanzen alles nieder
Die Dramaturgie folgt zu durchsichtig dem monotonen Auf und Ab einer zu großen Zahl von Freizeitgruppen, die das zertrampeln und niedertanzen, worauf man sich gerne konzentriert hätte: Die minimalen Verschiebungen zwischen dem "Als-ob" einer Rolle und ihrer Auslöschung durch einen authentischen Vortrag. Den Part der Zeremonienmeister im Auftrag der Kunst müssen letztlich Peymann und Google übernehmen, und manch eine Briefzeile offenbart sogar einen gewissen, wenn auch klassisch anmutenden Kunstanspruch: In der Anrede "Sehr geehrtes Schwein" eines Briefes aus Karlsruhe vermischen sich hoher und niederer Stil aufs Humorvollste, was sogar Peymann zum Lachen bringt.
Ein weiterer Höhepunkt ist eine Irritation. Rüstmeister Otto wollte drei Schüsse abgeben, und zwar genau dann, wenn die Leiterin der Jazzdance-Gruppe Frau Baur-Mantel vom einstündigen Stau in der Freihof-Straße am 18. Oktober 1977 berichtet, von dem Tag, als die Nachricht vom Freitod der RAF-Inhaftierten die Runde machte. Doch es fällt kein Schuss, der einzige symbolische Knalleffekt verpufft. Eine kleine Premieren-Panne. Und eine Kunst-Pause, die Rimini nicht hätte besser arrangieren können. Nach einigen Sekunden fährt Frau Baur-Mantel fort. Dann geht es irgendwie weiter, und die Stuttgarterin erzählt noch, wie sie nach dem Stau einkaufen war. Einatmen. Ausatmen.
Peymannbeschimpfung
Konzept und Regie: Helgard Haug, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll). Mit Mitgliedern des Turnvereins Stammheim, Rolf Otto, einem gefilmten Claus Peymann sowie 600 Briefen aufgebrachter Bürger.
www.staatstheater.stuttgart.de
Kritikenrundschau
Peter Kümmel in der Zeit (27.9.) begreift
Claus Peymann als "so etwas wie den abwesenden Schirmherrn" von
"Endstation Stammheim" und die "Peymannbeschimpfung" von Rimini
Protokoll als den "späten Gegenschlag des Intendanten gegen seine
Kesseltreiber". Unterhalb von Peymann indes spiele sich auf der Bühne
"etwas Anrührendes ab: das Dasein". Das Credo, schreibt Herr Kümmel,
von Rimini Protokoll "könnte lauten: wenn ein Mensch auf die Bühne
kommt, bringt er die welt mit herauf, auis der er stammt". Neben Tieren
und Kindern, so zeigten es die Riminis, stelle auch jeder Laie auf der
Bühne jeden Profi in den Schatten. "Der Laie wirkt durch
Deplatziertheit, durch Auslieferung".
Die Idee des Abends, Kopplung der Briefzitate mit Auftritten
des TV Stammheim ist auch "sein Problem", schreibt Hans-Dieter Schütt in einem langen und lesenswerten Artikel im Neuen
Deutschland (25.9.). "Verzichtet" werde "auf
die Erhellung damaliger Geisteszustände", wie "die Aufreizung
und das Alltägliche, die Hysterie und das Bewahren der Fassung" zusammengingen. Die kurzen
Statements der Turner stellten "der hochtrabenden Revolutionsgier einiger" die "Kultur
des deutschen Alltags" entgegen, "die nichts wusste und nichts wissen wollte
von Klassenkampf und Weltbefreiung". Nur wirke das Ganze auf Dauer zu
eintönig. Es fehle der besondere Zugriff auf die "einzelne,
unverwechselbare Biografie, die so alltäglich wie aufregend, die so banal wie
just darin so abenteuerlich ist".
In der Berliner Zeitung (25.9.) fasst Dirk Pilz noch einmal
das Stuttgarter Kapitel von Claus Peymanns
Arbeitsbiographie zusammen: "Wirklich weg aber war er eigentlich nie.
Vor dreißig Jahren hat er in Stuttgart den 'Faust' gemacht, und die Leute
sprechen noch immer davon". Neben der in Stuttgart offenbar unersättlichen
Peymann-Lust schüre der Abend auch die ebenso "unersättliche Lust am
Skandalösen". Da falle es nicht wirklich ins Gewicht, dass Rimini
Protokoll "diesmal die vorgeführten
Laien … ihrer Hilflosigkeit überlassen", dass "das Hüpfen und
Geschichtleinerzählen mehr an peinvolle Silberhochzeitsdarbietungen erinnert
und damit also eigentlich die Grundidee dieses mit der Authentizität des
Faktischen jonglierenden Theaters verraten wird".
Katrin Bettina Müller rekapituliert in der taz (25.9.) noch
einmal die Atmosphäre "konservativer Empörung", aus der die Hassbriefe an
Peymann abgesandt wurden: "Aus einem abseitigen, von Fanatismus und
Rachefantasien geprägten Raum, voller Pedanterie und Lust an grausamen Details
kam dieses Sprechen". Frau Müller weist auch völlig zu Recht auf die
"theaterhistorische Pointe" dieser Inszenierung hin, die darin besteht, dass Claus Peymann, "der
dem postdramatischen Theater, wie es Rimini Protokoll pflegt, sehr misstrauisch
gegenübersteht", hier, wenn auch bloß als Videoabbild seiner selbst, inmitten
"der größten Gruppe von Alltagsspezialisten auftaucht, die Rimini Protokoll
bisher auf die Bühne brachte", dabei ist doch nichts "so undramatisch auf der Bühne
anzuschauen wie eine Gruppe älterer Damen beim Yoga".
Peter Michalzik schreibt in der Frankfurter Rundschau (24.9.) über die "Peymannbeschimpfung" von
Rimini Protokoll und das Ärgernis, dass Claus Peymann in seinem Videoauftritt "heute
kein Wort von damals lesen kann, ohne es als Blatt an seinem revolutionärnarzisstischen
Lorbeerkranz zu sehen". Dennoch: in dem "Training" von
Rimini-Protokoll, schreibt Michalzik, arbeiteten alle an einer
Vergegenwärtigung, "die in dem schroffen Nebeneinander von schäumendem Hass,
JVA-Mauern und der guten Laune des TV Stammheim wahrscheinlich kongenial" sei.
Im Zusammenprall von "deutschem Alltag und Wahnsinn" stehe "Stammheim wieder,
normal, banal, mental, vor uns."
Eckhard Fuhr, Feuilleton-Chef der Welt (24.9.), eröffnet seinen Artikel über die Stuttgarter
RAF-Kunst-Woche mit der überraschenden Bemerkung: "Das Theater ist eine
bewaffnete Einheit". Er erzählt dann von einer aus dem Stuttgarter Fundus
verschwundenen Pistole, die "bei dem Überfall der RAF auf die deutsche
Botschaft in Stockholm" auftauchte. Allerdings seien der Waffenmeister und
Peymann auf der Videowand in der Inszenierung "so etwas wie die letzten
Theater-Mohikaner". Rimini Protokoll, schreibt Fuhr, "wollen das Theater
überhaupt hinter sich lassen und ohne Schauspieler auskommen". Die Frage nach
der "moralischen oder politischen Funktion des Theaters", beantworteten sie, indem
sie das Theater "dispensieren" und "die Bühne den Laien, dem Alltag, der
gesellschaftlichen Normalität" überließen".
Till Briegleb hat für die Süddeutsche Zeitung
(24.9.) das Grab von Baader, Ensslin und Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof
besucht, "ein schönes Grab". Vier Aktenordner mit Schmähbriefen an Claus Peymann hätten
Rimini Protokoll als Ausgangspunkt für eine "ihrer typischen Dokumentarkomödien"
genommen. Die bei Rimini Protokoll üblichen "Experten" kamen
diesmal vom Turnverein Stammheim von 1895. Der Verein "versammelt das gesamte
ordinäre Daseinswissen einer normalen Gemeinde". Aus dem Gegensatz von Gruppen,
die Yoga, HipHop, Standardtänze und Tischtennis üben, und der bösen Post an
Peymann entwickle der Abend "seine bizarre Komik, die allerdings mit der
Wiederholung stark an Unterhaltungswert verliert".
Nicole Golombek schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (24.9.) vom Szenenapplaus für die "Jazzdance- oder auch
Tischtennisperformances". So richtig mag sie sich für die Dokumentarkomödie
offenbar icht erwärmen. "Einzelne berichten über den Alltag in dem Ort mit dem
berühmten Gefängnis". Verbunden würden die Szenen durch die "Lebenserzählung einer
Frau, an der sich deutsche Geschichte von der NS-Zeit bis heute nachvollziehen
lässt". "Eine subversive Note" erhielt der abend durch "drei
angekündigte Schüsse, die der Rüstmeister dann doch nicht abgab". Letztlich war
nicht mehr zu erfahren, beschwert sich Frau Golombek, als die bekannte
Tatsache, dass es parallele Lebenswirklichkeiten auf engem Raum gibt.






