Reminiszenz an "Berlin, einig Theaterstadt" aus Anlass der 25. Wiederkehr der deutschen Vereinigung, mit Blick auf die Theatertagebücher von Michael Eberth.

von Nikolaus Merck

7. Oktober 2015. Im November 1995 fährt der Chefdramaturg des Deutschen Theaters (DT) Michael Eberth ins sibirische Omsk. Mitten im russischen Winter begegnet ihm ein Theaterwunder.

Wunder

Das Stück "Moskauer Küchen" von Julij Kim erzählt vom privaten Leben in der Breschnew-Zeit und könnte, so befindet der gelernte Westler Eberth, der seit 1991 versucht, das ehemalige Staatstheater der DDR auf "West-Niveau" zu bringen, auch in Berliner oder Warschauer Küchen spielen. Es ist die 113. Vorstellung. Ausverkauft. Nach der Pause verwandelt sich die Bühne. In einer Landschaft aus ewigem Eis halten die Schauspieler brennende Kerzen in den Händen. Sie singen ein Lied vom "Ewigen Gedenken der Verstorbenen". Eberth "schießen Tränen in die Augen". In seinen "Berliner Theatertagebüchern" notiert er: "Es war ein Singen der Trauer ... In ihrer Schlichtheit, die ich nur ergreifend nennen kann, kam mir die Szene mit einer Wucht entgegen, die ich mit nichts vergleichen kann, was ich jemals auf einer Bühne gehört und gesehen habe." Eberth telefoniert begeistert nach Berlin, seinem Intendanten Thomas Langhoff sagt er: "Es ist ein Wahnsinn, wie die hier Theater spielen!"

Krise

Als Michael Eberth nach Sibirien aufbricht, steckt das Berliner Theater in der Krise. Das Schiller Theater im Westen ist seit zwei Jahren abgewickelt, sein letzter Ko-Direktor Alexander Lang, zurückgekehrt an sein Stammhaus DT, feiert vor allem Misserfolge. Die Inszenierungen von Jürgen Gosch aus Bochum werden zum Berliner Theatertreffen eingeladen, was Gosch zur gleichen Zeit in Berlin versucht, erntet Verrisse. Überhaupt befindet sich das DT, zwei Jahre zuvor von der Fachzeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt, im Sinkflug. Die Inszenierungen von Thomas Langhoff finden zwar großen Anklang beim Publikum, aber ästhetisch hat das DT seine führende Stellung in (Ost-)Berlin eingebüßt. An der Schaubühne im Westen bereitet Andrea Breth ihren Absprung vor. Heiner Müller, nach dem Weggang von Peter Zadek Alleinherrscher im Berliner Ensemble, liegt im Sterben, das Maxim Gorki Theater sucht unter Bernd Wilms nach Orientierung. Nur Frank Castorf an der Volksbühne feiert Triumphe. Dreimal pilgert der von Castorfs Frechheiten faszinierte Michael Eberth in "Pension Schöller / Die Schlacht", die "Austreibung des heiligen Ernstes", die "Veralberung der Ideale der Gründergeneration der DDR" raubt ihm den Atem. "Genial." Das sehen nicht alle seiner Weggefährten so. Der einflussreiche Kritiker Peter Iden beschimpft Castorf in der Frankfurter Rundschau als "Irren".

Dantons Tod DT 1981 560 Bundesarchiv Bild 183 Z0420 027Ein Foto aus großer Zeit: "Dantons Tod", Regie: Alexander Lang, Deutsches Theater Berlin 1981.
Mit (von links): Inge Keller, Christian Grashof, Margit Bendokat, Günter Sonnenberg.
© Bundesarchiv Bild 183 Z0420 027, CC BY-SA 3.0 de

Sabotage und Fluchtgedanken

Dass sich die Kategorien in schändlichster Verwirrung befinden, hatte Eberth da bereits schmerzhaft erfahren. Ein Jahr, nachdem er 1991 sein Büro in der Reinhardtstraße bezogen hatte, denkt er das erste Mal an Flucht. Intendant Thomas Langhoff, für den er bei acht Inszenierungen (im Westen) den "Lotsen durch die Gemütslagen der westlichen Welt" gespielt hatte, hört nicht mehr auf seinen Rat. Die "SED-Schlangen" in der Direktionsetage sabotieren seine Arbeit und kontrollieren seine Post, seine Stück-Vorschläge (bevorzugt Werke seines Studienfreundes Botho Strauß und neue britische Stücke) fallen bei Kritik und Publikum durch, der Schauspieler Eberhard Esche, "Superstar" des DT in der "Regime-Zeit", nennt Eberth vor versammelter Mannschaft einen "Feind des Deutschen Theaters".

cover einheit 140 eberthTerminatoren im Schrott

Wenn man Michael Eberths "Einheit. Berliner Theatertagebücher 91–96" zur Hand nimmt, ist es ratsam, sich die Gefechtslage der Jahre unmittelbar nach der Vereinigung noch einmal vor Augen zu führen. Die Ankunft im Westen ist schwierig für die DDR-Bürger, neoliberale "Terminatoren" (Thomas Oberender) und Scharlatane ziehen durch den Osten und richten zugrunde, was die DDR noch nicht zugrunde gerichtet hatte. Das zehntgrößte Industrieland der Welt hat sich zum größeren Teil als Schrotthaufen entpuppt. Die Menschen verlieren ihre Arbeit, die Mieten steigen, die Zukunft ist unsicher. Auf die Arroganz der west-dominierten Öffentlichkeit, welche Dableiber in der DDR vornehmlich als seelisch beschädigte Duckmäuser oder 'rote Socken' ansieht, reagieren die Ostmenschen mit Rückzug und Ostalgie, einer (im Westen) als Verklärung der Vergangenheit missverstandenen Regung, im Kern jedoch der Versuch, gegen die Hegemonie westlicher Sichtweisen auf dem Eigenwert des in der DDR gelebten Lebens zu bestehen. Während der Westen in Politik und Wirtschaft klar gesiegt hat, entbrennt ein Deutungskampf auf dem Feld der Kunst. Westkritiker stellen im Deutschen Literaturstreit die Integrität von DDR-Autoren wie Christa Wolf in Frage. Auch im vereinigten Theaterwesen gilt es plötzlich nicht mehr als ausgemacht, dass das viel gerühmte Theater der DDR auf einer Stufe stand (mindestens) mit Peter Steins Schaubühne oder den Münchner Kammerspielen.

Ein feste Burg

Im Mittelpunkt dieser vornehmlich innerbetrieblich und von Kritikern ausgetragenen Auseinandersetzung steht das Deutsche Theater. Es bildet zu Beginn der neunziger Jahre eine feste Burg der DDR-Identität, mit einer Art 'Uns kann keiner'-Haltung, die sich von dahergelaufenen Besserwessis bestimmt nichts vormachen lassen will. Immerhin hatten hier in den vergangenen dreißig Jahren die weltberühmten Aufführungen von Benno Besson, Adolf Dresen und Alexander Lang stattgefunden, Schauspieler*innen dieser Inszenierungen stellen noch immer das Gros des legendären DT-Ensembles. Und sind es nicht die 'eigenen Leute' gewesen, Regisseure wie Ruth Berghaus, Manfred Karge, Thomas und Matthias Langhoff, Einar Schleef, Alexander Lang und allen voran Heiner Müller, die in der jüngeren Vergangenheit für wesentliche Impulse im West-Theater gesorgt hatten? Was die Verteidiger des Status quo im rot-samtenen Schatzkästlein in Berlin-Mitte nicht bedenken: Längst hat sich ihr Publikum verändert. Nicht mehr das Einverständnis im ironischen Wetzen des Stachels gegen die Macht im Staate und ihre alt gewordene Ideologie verbindet Bühne und Parkett. Dort sitzen nämlich inzwischen zu guten Teilen die Bürger aus West-Berlin, die sich vom traditionsbewussten DT vor allem erhoffen, sie mit allen Zumutungen ästhetischer Neuerung zu verschonen.

Eberth selbst erhellt diesen Hintergrund nur spärlich. Auch die Zeit prägende Ereignisse wie der erste Irak-Krieg 1991 oder die marodierenden völkischen Horden, die in Rostock, Mölln und Solingen Häuser anzünden und in Hoyerswerda und anderswo 'Ausländer' durch die Straßen jagen, kommen bei ihm nur ganz am Rande vor. Zu tief steckt der Dramaturg in den Deutungs- und Hegemoniekämpfen am DT.

Gulf War PhotoboxJanuar 1991, der Westen führt Krieg gegen Saddam Hussein im Irak. Michael Eberth schreibt: "Die arabischen Scheichs, Diktatoren und Könige entfalten mit den Milliarden, die wir ihnen fürs Öl bezahlen, eine Herrschaft der Willkür, und leiten den Widerstand dagegen in ein Ressentiment gegen Israel um. Man möchte hoffen, dass die Völker Arabiens über kurz oder lang die eigene Macht realisieren." © wikipedia / Acdx – Own work, based on File:WarGulf_photobox.jpg

Seele suchen

Aufs Genaueste beschreibt das Buch, was einem Westler widerfahren konnte, wenn er sich ungeschützt in den Osten verirrte (der Berichterstatter weiß ein wenig davon, weil er, ein Vereinigungsgewinnler, zur selben Zeit als Dramaturg am Schweriner Theater anfing).
Eberth kommt als Besserwessi, der weiß, was und wie an der Heiligen Burg Deutsches Theater gespielt werden muss. Nämlich neue Stücke, die eine neue Zeit in sich fassen und widerspiegeln. Und das ohne Äußerlichkeiten, ohne bei einem "entleerten Virtuosentum" Zuflucht zu nehmen, sondern einlässlich, die Seele und die eigenen Traumata erkundend, suchend, nicht schon im Vorhinein Bescheid wissend. Dass er selbst, der Alt-68er, der zu Beginn der 70er Jahre am Frankfurter Theater am Turm den Intendanten Felix Müller gestürzt, Tai Chi- und Marxismus-Kurse eingeführt und Mitbestimmung am Theater probiert hatte (und damit gescheitert war), selbst Jahre und Jahrzehnte benötigt hatte, um zu solchen Einsichten zu gelangen, und dass es also ein Ding der Unmöglichkeit sein könnte, was er von seinen biographisch sehr anders geprägten Berliner Kolleg*innen verlangt und erhofft, entgeht ihm.

Widersprüche

Dabei verstrickt sich der 1993 gerade 50 Jahre alt gewordene Schwabe aus Lindau seinerseits vehement in Bewusstseins-Widersprüche. Wofür er selbst wenig kann, es sind die Widersprüche seiner Epoche. "Das Alte geht nicht mehr, und das Neue geht auch nicht", brüllt Katharina Thalbach im Thomas-Brasch-Film Domino (1982) einmal vom Rang des alten Hebbel Theaters. Der Satz bringt die Situation Mitte der 90er Jahre auf den Punkt. Castorfs Erfolg zeigt an, dass das hergebrachte Litertaturtheater, in dem die Erfolgsregisseure mit immer neuen Interpretationen den Klassikern zu Leibe rückten, allmählich an sein Ende kommt.

Gegen die bei Castorf bewunderte Zertrümmerungslust einerseits und die "Ironie der Negation" (Eberth) andererseits, den der "Zerfall des Regimes" in den Aufführungen der ersten Garde der DDR-Regisseure bewirkt hatte, hilft auch keine schauspielerische "Selbst-Veredelung" à la Schaubühne. Das schwant Eberth, als er ein Angebot von Andrea Breth, die Seiten zu wechseln, ablehnt. Während er den Schauspielern noch "Seelensuche" verordnen will, weiß er doch schon, dass "kostbare Sätze, kostbare Gefühle, kostbares Verharren der Spieler in kostbaren Räumen" nicht mehr genügen kann für ein Theater, das wesentlich sein will für seine Zeit.

Vielleicht auch deshalb erklärt er, der sich in seinen Tagebüchern als ein Zerrissener zwischen Ost-Erfahrung und Westtheater-Biographie zeigt, damals dem Jungdramatiker Moritz Rinke, fürs Deutsche Theater könne er nur Stücke akzeptieren, die "die Gesellschaft anklagen". Doch ausweislich der Tagebücher, in denen diese Szene nicht vorkommt (wir verdanken sie Rinkes Artikel-Sammlung in Der Blauwal im Kirschgarten von 2001), ist diese im Garten einer Lichterfelder Villa vorgebrachte Selbstgewissheit wohl eher vorgetäuscht.

Kunstwerk auf dem Hügel

Vielleicht zeigt diese Forderung nach politisch wirksamer Stückware auch, wie der geläuterte Linke, der, kunstkonservativ geworden, das Theaterheil nicht mehr in der Entlarvung falscher gesellschaftlicher Verhältnisse zu finden glaubte, sondern auf Menschen-Erkundung und Trauer-und-Schmerz-Bezeugen insistierte, quasi in den Hinterzimmern seines eigenen Bewusstseins sich abermals 'ein Stück weit' gewendet und dem östlichen, jede Macht unterwandernden Spielen genähert hatte. Kunstwerk auf dem Huegel 280 Dismemberment Anish Kapoor AntoniaSchwer erreichbares Kunstwerk auf dem Hügel – "Dismemberment" von Anish Kapoor in Neuseeland. © galacticsearch.blogspot.comEs dauert seine Zeit, bis Eberth erkennt, dass nicht allein die Barden, wie er die schweren Spieler des DT-Ensembles, die Böwe und Körner oder den Komödianten Grashof nennt, sich seinen Anfeuerungen widersetzen, auf der Bühne seelensucherische "Trauerarbeit" für ihr vermeintliches Anpasslertum in der DDR zu leisten. Genauso verhindert dies die Regie-Obrigkeit, die "Ost-Boys" Alexander Lang oder Thomas Langhoff. Es hat sie schlicht nie interessiert. Thomas Langhoff, dessen Vater Wolfgang Langhoff das DT als Intendant von 1946 bis 1963 geleitet hatte, bis ihn seine Genossen aus dem Amt vertrieben, hatte ihm zwar angekündigt, das Deutsche Theater sei das beste der Welt, bloß, dass Langhoff gar nichts am Haus zu verändern wünschte, weder das Ensemble noch die Leitung und schon gar nicht die Spielweisen – für diese Erkenntnis braucht Eberth Jahre.

Und schlimmer noch. Auch auf der anderen, quasi der westlichen Seite zerbersten Gewissheiten. Eberth muss erleben, wie der Studienfreund Botho Strauß mit seiner Forderung nach einer "neuen Demut gegenüber dem Werk" ihn angreift. Doch anders als Strauß, der einen Kreuzzug führt gegen die Ost-Kultur, gegen den "Atheismus, das Unterdrücken des Romantischen" und den Blick wieder heben will "zu einem schwer erreichbaren Kunstwerk auf dem Hügel", dämmert es Eberth, dass sie selber, die Rebellen von '68, die Traditionen und 'unverbrüchlichen Werte' der Alten entlarvt und unwiderruflich abgeräumt hatten. Jetzt betrauern die kritischen Intellektuellen von einst ihren Erfolg und versuchen, die Schuld für den Bruch des bürgerlichen Überlieferungszusammenhangs den Ostkünstlern in die Schuhe zu schieben.

Die Größten der Generation

Aber die Widersprüche fressen sich wie Säure auch durch die hehren Worte eines Botho Strauß. "Überall die Jagd nach Geld, Geld, Geld" notiert sich Eberth, aus Omsk zurückgekehrt in den Westen, und erlebt ziemlich fassungslos, wie die alten Freunde und Kampfgefährten, wie Claus Peymann, Botho Strauß und Gert Voss, "diese Größten meiner Generation", im Pokern um Uraufführungen und Verträge sich als geldgierige "egozentrische Opportunisten" erweisen.

 Und immer toller tanzen die Aporien. Denn nicht nur die anderen "West-Boys", Eberth selbst macht sich in den Zwängen lächerlich, unter denen er im Tagebuch eloquent ächzt. Völlig entnervt von seinen aussichtslosen Bemühungen um eine der Zeit angemessene, "erwachsene" Weise, Theater zu spielen, kündigt er am DT. Langhoff beschwört ihn zu bleiben, weicht aber der Auseinandersetzung weiterhin aus und inszeniert lieber Opern außerhalb. Erst als Eberth einen Blick auf sein Bankkonto wirft – es steht tief in den 'Miesen' – und seine Frau, die Schauspielerin Lena Stolze, kategorisch erklärt, sie denke gar nicht daran, allein für den Unterhalt der Familie zu sorgen, lenkt der Chefdramaturg ein und verlängert seinen Vertrag um ein weiteres Jahr. Was werden die Kolleg*innen in der Dramaturgie damals gedacht haben, nachdem er ihnen, ja, dem ganzen Haus schon feierlich seinen Abschied verkündet hatte?

Freunde der Baracke

Die endgültige Erkenntnis, die Weltverhältnisse nicht mehr mit den überkommenen Gewissheiten analytisch auf einen Nenner bringen zu können, steht am Ende des Buches. Sie geht einher mit dem im Grunde einzigen Erfolg des Planers und Lenkers des DT. Eberth gelingt es, nach eigenen Aussagen (auch andere Zeitgenossen pochen in dieser Sache auf Urheberschaft), ein junges Team für die frisch renovierte Baracke – eine dritte, kleine Spielstätte – zu installieren. Mit neuer künstlerischer Linie. Neue zeitgenössische Dramatik, vornehmlich aus Großbritannien steht auf dem Programm, und die Freiheit, in Sachen Spielweisen experimentieren zu dürfen, wird verbrieft. Unterstützt wird der Chefdramaturg dabei ausgerechnet von seiner ärgsten Feindin, der stellvertretenden Intendantin, der 'SED-Schlange', die später wegen Stasi-Verstrickungen ihr Amt quittieren muss. Finanziell ermöglicht wird die Baracke durch den "Freundeskreis" um Deutsche Bahn-Chef Heinz Dürr, dessen Gründung sich Eberth widersetzt hatte. Warum, hatte er gefragt, soll man sich einen "solchen Verein" aus "Professoren, Chefärzten, Gerichtspräsidenten, Staatssekretären" an den "Hals zu holen", der das DT als "Stätte der Repräsentation ihres Weltbilds" betrachten und nicht zögern würde, "schamlos auf den Kurs" des Hauses einzuwirken? Wenn nun jedoch just die Feinde des Neuen dem Neuen den Weg ebnen, welche Gewissheiten behalten dann noch Gültigkeit?

All you need is love?

Michael Eberths Tagebücher eröffnen so nicht nur einen kurzweiligen Blick hinter die Kulissen des Theaters, sie sind auch das Zeugnis einer paradigmatischen Verwirrung der westlichen Intellektuellen nach dem nicht eingetretenen "Ende der Geschichte" nach Ableben des Bürosozialismus. Sie dokumentieren, wie ein Selbstgewisser in Ungewissheit stürzt und verwandelt (?) daraus auftaucht. Eine Fibel über das Zerbrechen alter Glaubenssätze, an deren Stelle keine neuen treten. Allenfalls die Revitalisierung sehr alter, menschlicher Einsichten.

In einem Resümee seiner Situation befragt sich Eberth einmal selber: "Die Schauspieler ... zu lieben, sie in jeder Form der Verwandlung zu lieben – wäre das Lebenskunst? Dass ich's nicht kann, weil ich durch ihre Maskeraden das Schlagen des nackten, von den Verirrungen der Vergangenheit aufgewühlten Herzens durchtönen hören will, ist das meine Krankheit?"

Gefragt, was der Grund dafür sei, dass manche Menschen in der Nazizeit Juden versteckt hätten, die große Mehrzahl jedoch nicht, antwortet Alexander Kluge: "Die Liebe." In Omsk antwortet der Regisseur des Dramatheaters auf die Frage nach dem Geheimnis seines Theaters: "Ljubow." All you need is love.

Ein halbes Jahr nach Eberths Reise nach Sibirien gastiert das Omsker Dramatheater mit "Moskauer Küchen" im Deutschen Theater. Das Gastspiel wird ein Fiasko.

 

Michael Eberth 
Einheit. Berliner Theatertagebücher 91-96 
Alexander Verlag, Berlin 2015, 344 Seiten, gebunden 24,90 Euro, als eBook 14,99 Euro.

 

Mehr zu Michael Eberth auf nachtkritik.de:

- Im Juli 2012 schrieb Eberth zum Tod der Schauspielerin Susanne Lothar

- Im September 2010 schrieb Eberth im Rahmen der Stadttheaterdebatte über das Stadttheater im Zeitalter seiner Beschleunigung

- Im März 2008 schrieb Eberth zum Theater der Yasmina Reza

 

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