Mit diebischem Vergnügen

von Thomas Rothschild

12. Februar 2016. Er war ein sehr österreichischer Schauspieler. Wenn er einen Regisseur hatte, der ihn an die Kandare nahm, einer der größten. Wenn er sich, allzu oft, an den Boulevard verschwendete, immer noch ein begnadeter Komödiant. Dass er darüber hinaus ein liebenswerter und intelligenter Zeitgenosse war, fällt im Theaterbetrieb nicht ins Gewicht. Für seine Umwelt hat es Bedeutung – zumindest so sehr wie sein Talent. Und dann die Stimme, die Sprachfärbung: Wahrscheinlich muss man Österreicher sein, um ihr zu verfallen.

Lohner Cover 180Verwandlungsschauspieler

Als der Tod von Helmuth Lohner bekannt wurde, sagte Otto Schenk: "Mein halbes Theaterleben ist weg. Ich habe keinen Partner, der auch nur so ähnlich ist. Unser Zusammenleben war ein ständiges miteinander Theaterspielen. Ich kann das Loch gar nicht schildern, das er jetzt in mein Leben reißt."

In der Tat: Helmuth Lohner und Otto Schenk bildeten ein kongeniales Schauspielerpaar wie Walter Matthau und Jack Lemmon oder Gert Voss und Ignaz Kirchner. Dabei hatten sie technisch wenig gemeinsam. Lohner war der Verwandlungsschauspieler par excellence, in den unterschiedlichsten Genres daheim, während Otto Schenk – und darauf beruht ein nicht geringer Teil seiner Popularität – in jeder Rolle Otto Schenk blieb. Das wurde 1997 augenfällig in der Salzburger Inszenierung von Raimunds Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", in der Lohner als Alpenkönig Astragalus mit diebischem Vergnügen nicht so sehr den Menschenfeind Rappelkopf, dessen Gestalt er annimmt, wie eben Otto Schenk imitierte.

Mit dem Herzen geschrieben

Eva Maria Klinger, als langjährige Fernsehmoderatorin in Österreich weltberühmt und den Lesern von nachtkritik.de als frühe Wiener Korrespondentin in Erinnerung, hat nun eine Biografie Helmuth Lohners veröffentlicht. Im Einleitungskapitel nimmt sie sich vor, "das Prinzip der gemessenen Distanz einzuhalten", um gleich hinzuzufügen: "Es wird nicht leicht." Ganz ist es ihr nicht gelungen. Zu gut hat sie den Gegenstand ihrer Darstellung gekannt, als dass sie nicht doch mitunter eher persönlich als sachlich klänge.

Die Lebensbeschreibung folgt dem chronologischen Schema. Selbstaussagen ergänzt Klinger mit Zitaten von Weggefährten und aus Kritiken. Nach Anfängen in der österreichischen Provinz und sehr bald am Theater der Josefstadt zieht es den Wiener nach Deutschland. Kurioserweise sucht man im Rollenverzeichnis vergeblich nach den Inszenierungen, für die Oscar Fritz Schuh Lohner nach Klingers Angaben 1954 nach Berlin geholt hat.

Von Kortner zu Langhoff

Lohner reüssiert kurz darauf auch in Zürich und Basel und pendelt rastlos zwischen Deutschland, der Schweiz und Wien. Er ist bereits ein Star der Bühne, des Films und des Fernsehens, als er 1965, gerade 32 Jahre alt, neben Christiane Hörbiger als Luise in der Regie von Fritz Kortner den Ferdinand in "Kabale und Liebe" spielt. Eva Maria Klinger erwähnt ein "unschätzbares Fernsehdokument" von der Probenarbeit zu dieser Inszenierung, vergisst aber, dessen Autor zu nennen: Es ist kein Geringerer als Hans-Jürgen Syberberg. Übrigens: auch die Kritiken, bei denen Klinger nur die Medien nennt, haben Autoren.

Ausführlich beschreibt Eva Maria Klinger unter Einbeziehung von zeitgenössischen Rezensionen Lohner in jenen Rollen, in denen er sich seinen Bewunderern unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt hat: als Sir Andrew Bleichenwang in der Regie von Otto Schenk bei den Salzburger Festspielen 1972, einer Sternstunde der Komödiantik, die vom Klamauk so weit entfernt ist wie Was ihr wollt von "Charleys Tante"; als Titus Feuerfuchs, vier Jahre später ebenfalls bei den Salzburger Festspielen, mit dem sich Lohner einmal mehr als einer der großen – manche mögen meinen: musealen – Nestroy-Spieler profiliert hat; dann, völlig entgegengesetzt (ein Verwandlungsschauspieler eben) als Hofreiter in Schnitzlers "Weitem Land", den er gleich mehrmals aus der begründeten Überzeugung heraus verkörpert hat, dass der "Hofreiter die böseste Männerfigur (sei), die je geschrieben wurde"; als Nörgler in Hans Hollmanns für die Wiener Festwochen wieder aufgenommenen Basler Fassung der "Letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus; als Sala in Thomas Langhoffs Salzburger Inszenierung von Schnitzlers "Einsamem Weg" – neben Heinz Bennent als Julian Fichtner; auch als Jedermann, zu dem Klinger ausführlich Sunnyi Melles zitiert, die aber mehr über sich als über Lohner redet.

Direktor an der Josefstadt

1997 wird Lohner als Nachfolger von Otto Schenk Direktor des Theaters in der Josefstadt. Seine Biografin schildert die Änderungen, die er sich für das mit seiner besonderen Tradition (und seinem Publikum) gealterte Haus vornahm und auch zum Teil realisieren konnte, sowie die Probleme, die er zu bewältigen hatte und die Kompromisse, die er eingehen musste. Lohners Liebe zum Musiktheater, die er niemals so ausleben konnte wie sein Freund Otto Schenk, kommt ebenfalls zur Sprache.

Manchmal zuckt man zusammen. Wenn Eva Maria Klinger etwa Edward Bonds "Trauer zu früh" ganz ohne Distanzierung "pervers" nennt. Oder wenn sie von Lohners dritter Ehefrau Ricarda Reinisch schreibt: "In Helga Rabl-Stadlers Modehaus Resmann Couture hat sie dafür ein schwarz-weißes Sommerkleid von Yves Saint-Laurent gekauft." So genau wollten wir es gar nicht wissen. Aber es ist eben nicht leicht, sich bei der Biografie einer heimlichen Liebe ganz heraus zu halten.

Eva Maria Klinger
Nie am Ziel. Helmuth Lohner. Die Biografie.
Amalthea, Wien 2015, 256 Seiten, € 24,95

 

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