Offener Brief an den Rechten Krieger

von Tine Rahel Völcker

Eine Fiktion, 24. August 2015

Sehr geehrter Herr Menzel, sehr geehrter Rechter Krieger!

Es ist nun ein halbes Jahr her, seit ich im Spiegel-Magazin das erste Mal Ihren Namen las und noch meinte, Sie nicht zu kennen. Der Artikel handelte von Pegida und seinem Dresdner Umfeld, dem vermeintlich intellektuellen Hintergrund. Ich erfuhr von den Gründen Ihrer politischen Enttäuschung, Ihrem Abfallen vom Demokratieglauben, von Ihrer anschließenden Radikalisierung, die in der Gründung des rechten Jugend-Magazins "Blaue Narzisse" mündete. Sie lobten den friedlichen Charakter von Pegida, und ich wurde allmählich stutzig.

Wir haben das Theater, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen

von Philipp Ruch

Berlin, 19. August 2015.

1. Zur Freiheit der Kunst

Der Begriff der Kunstfreiheit wird gerade bei Aktionskunst gerne rein legalistisch interpretiert. Die Kunst sei völlig frei. Sie kann sich aber diskreditieren. Wir haben das mit unseren Arbeiten nicht vor und die Langzeitwirkung unserer Aktionen dürfte davon künden, dass wir der Kunst eher zur Ehre gereichen und ihr zu neuem Recht verhelfen, die Gesellschaft zu verändern. Zumindest der politischen Kunst, die viele Beobachter in dieser Form nicht (mehr) für möglich gehalten haben und jetzt politischer Kunst eine Renaissance attestieren.

Frauen, seid geduldig!?

von Leopold Lippert

Berlin, 16. Juli 2015. Birgit Stögers lustloses, mechanisches Gerammel platzt mitten in die schönste Theaterutopie: In Community, Yael Ronens verspielter Fantasie einer hippiesken Bühnenkommune mit Fahrradstrampelstrom und Kübeldusche (Schauspielhaus Graz, Saison 14/15), wurde gerade noch das Gemeinschaftliche des Theaters mit allerlei philosophischer Unterfütterung beschworen, als Stöger lakonisch befindet, so toll sei das alles auch wieder nicht auf den Stadttheaterbühnen. Und dann spielt sie eben die zweifelhaften Höhepunkte ihres bisherigen bildungskanonischen Rollenlebens nach, in Düsseldorf, Zürich und Graz: Vergewaltigung folgt auf Vergewaltigung, und dank ideenreicher (männlicher) Regisseure darf auch dann drauflosvergewaltigt werden, wenn der Akt im Text bloß angedeutet wird.

Danach die ganze Welt

von Falk Schreiber

Hamburg, 3. Juli 2015. Mein Verhältnis zum Stadttheater hat zunächst einmal mit Sex zu tun. Ich bin in den Achtzigern in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in Ulm, und was über kleine Städte zu sagen ist, sangen schon Lou Reed und John Cale: "When you're growing up in a small town/bad skin, bad eyes, gay and fatty/people look at you funny/when you're in a small town." ("Smalltown", in: Lou Reed/John Cale: "Songs for Drella", 1990) Will sagen: In kleinen Städten gibt es nichts zu wollen, ästhetisch und menschlich. Ob man nun schlechte Haut hat, schwul ist oder dicklich oder anderweitig nicht ins Raster passt. Das abendliche Entertainment der Sechzehnjährigen verantworteten (meist kirchliche) Jugendgruppen und Sportverein, na danke auch. Das Aufwachsen in einer Kleinstadt hätte die Hölle sein können, in den Achtzigern.

Konkurrenz produziert Einsicht

von Andreas Tobler

26. Juni 2015. Kolonialismus, Großspurigkeit, "reichlich vage Sachkenntnisse", "populistische Ressentiments", "lediglich durch den privaten Aufklärungs- und Kunstwillen (...) legitimiert": Die Vorwürfe waren zahlreich und heftig, die Esther Slevogt Ende des vergangenen Monats gegen Milo Raus "Kongo Tribunal" erhob, das der Schweizer Regisseur damals im Ostkongo ausrichtete und das ab heute Abend in den Berliner Sophiensaelen eine Fortsetzung erhält. Erklärtermaßen ist es das Ziel von Raus "Kongo Tribunal", anhand von konkreten Fällen die Ursachen der Misere zu untersuchen, die seit Jahrzehnten den Kongo im Würgegriff hält.

Let's teamwork!

von Esther Boldt

17. Juni 2015. Es herrscht heute eine überraschende Einigkeit darüber, wie ein Haus auszusehen hat und wie ein Spielplan. An der Spitze steht ein Intendant, seltener eine Intendantin, flankiert von Dramaturgen, häufiger Dramaturginnen, gesäumt von Administration und Technik. Man spielt (fast) jeden Abend, im Stadttheater Repertoire, im Freien Theater en suite, und der Letzte macht das Licht aus. Woher kommt diese Gleichförmigkeit, dieses große Einverständnis darüber, wie Theater auszusehen habe, strukturell wie programmatisch, ja, diese Fantasielosigkeit?

Rückkehr in die Provinz?

von Georg Kasch

16. Juni 2015. Wie gut, dass das so klar gesagt wurde: Es waren nicht fachliche, sondern "andere Gründe", die eine Zusammenarbeit unmöglich machen zwischen Karsten Wiegand, dem Intendanten des Staatstheaters Darmstadt, und Jonas Zipf, für eine kurze Spielzeit Chef des Schauspiels. Beide haben Stillschweigen über die Gründe vereinbart.

Finsterer Kunstwille?

von Esther Slevogt

29. Mai 2015. "Das Kongo-Tribunal" hat der Schweizer Theatermacher Milo Rau sein Projekt überschrieben, das heute Abend eröffnet wird. Das Projekt will eine Öffentlichkeit für die verbrecherischen Zusammenhänge herstellen, die zwischen dem internationalen Rohstoffhandel und dem seit fast zwei Jahrzehnten andauernden Kongokrieg bestehen, der nicht nur ein Bürgerkrieg sondern auch ein von multinationalen Interessen getriggerter Wirtschaftskrieg ist.

Es lebe die Freiheit der Kunst!

von Jan Froehlich

28. Mai 2015. Regisseur Frank Castorf, soeben mit seiner Baal-Inszenierung in den Schlagzeilen, hat Theaterstücke immer schon sehr frei neu inszeniert. So besetzte er zum Beispiel 1996 in "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer eine männliche Rolle stellenweise mit der Schauspielerin Corinna Harfouch. Die Inszenierung wurde zu einem grandiosen Erfolg, weil Castorf mit verschiedenen, sehr verfremdenden Einfällen eine wunderbare Parodie auf die von manchen als viel zu harmlos empfundene Darstellung der NS-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat. Unter anderem wurde eine Szene von einem Restaurant in eine Raumstation verlegt. Jedoch: Die Inszenierung hat keinerlei Einwände seitens der Erben hervorgerufen.

Wir sind alle Ensemble

von Thomas Bockelmann

26. Mai 2015. Erinnert sich noch jemand an die Sokal-Affäre? An jenen ehrfurchtsgebietenden Essay mit dem Titel "Transformative Hermeneutik der Quantengravitation"? Frisch erschienen, platzte schon die Bombe. Der Text entpuppte sich bei genauer Lektüre als sinnfreie Collage philosophisch verbrämter Physikbegriffe. Der Physiker Alan Sokal hatte das bei Teilen der Soziologie beliebte Cross-Over von Geistes- und Naturwissenschaft entlarven wollen als das, was er letztlich selber produzierte: elegante, heiße Luft.