Was soll das Theater?
Aufruf zur Gründung einer neuen Volksbühnenbewegung

von Guillaume Paoli

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Berlin, 28. September 2016. Berlin, so wird uns erzählt, ist wieder eine geteilte Stadt. Nein, damit ist nicht die Schere zwischen arm und reich gemeint. Auch nicht die rechts-links Polarisierung. Die Teilung sei eine kulturelle. Auf der einen Seite stehe das alte Berlin, lokalpatriotisch, rückwärtsgewandt, populistisch, ängstlich und negativ. Auf der anderen Seite die kosmopolitischen, kreativen, coolen, wirtschaftsfreundlichen und überaus positiven Neuberliner. So minoritär diese Schicht noch ist, sie verkörpere die Zukunft der Stadt, dementsprechend werden alle aufgefordert, sich nach ihr zu richten.

Ganz andere Muskeln

27. September 2016. Das Ensemble des Berliner Staatstballetts soll einen neuen Intendanten bekommen. Die Wahl der Berliner Kulturpolitik fiel auf das Duo Sasha Waltz und Johannes Öhman. Und die Kritik folgte umgehend. Das Ensemble des Berliner Staatsballetts lehnt insbesondere Waltz ab.

Antwort an die Schnellvernichter

von Uwe Eric Laufenberg

16. August 2016. Es ist ein großes Glück, dass wir in einer Demokratie leben, in der die Worte frei sind, man also so gut wie alles denken und sagen kann. Auch schnell und unbedacht. Und es ist ein Glück, dass die Kunst frei ist und sich nicht, nach welchem Wort auch immer, richten muss und ihre Unabhängigkeit behaupten kann. In Zeiten, in denen in benachbarten Demokratien dieses Recht auf Freiheit in Wort und Kunst zurückgedrängt wird, ist es wichtig, diese Grundvoraussetzung unseres Tuns zu betonen.

Hauptstadt der Frustration

von Esther Slevogt

21. Juli 2016. Nein, er bereue nicht, im Herbst 2014 "Ja" gesagt zu haben, als Tim Renner ihn angerufen habe, um ihm die Intendanz der Berliner Volksbühne anzutragen. Wie zur Untermauerung zieht Chris Dercon aus dem Revers eine Streichholzschachtel mit dem Aufdruck "Still Alive" hervor – sie stammt aus der letzten Volkbühnen-Streichholzschachtel-Kollektion des verstorbenen Chefbühnenbildners Bert Neumann. Doch so recht mag man das an diesem Abend im Berliner Roten Rathaus nicht glauben. Der Mann sieht angeschlagen aus.

Dann gibt’s ein Problem

20. Juli 2016. Normalerweise ist das so: Beginnt ein neuer Intendant, sinken erst mal die Zuschauerzahlen. Nach der Schnupperphase geht’s dann wieder bergauf. In Stuttgart, einem der größten und bedeutendsten Häuser der deutschsprachigen Theaterszene, zeichnet sich aber gerade das Gegenteil ab: Dort muss sich Intendant Armin Petras nach einem fulminanten Start nach seiner dritten Spielzeit Gedanken machen, ob wirklich alles optimal läuft. Die ersten Kritiker laufen Sturm, die Zuschauer bleiben weg.

Ausräucherungsfantasie

von Esther Slevogt

18. Juli 2016. So, so. Unser Berliner Staatssekretär für Kultur möchte also ein Theater ausräuchern. Es handelt sich um das Berliner Ensemble, dessen Intendant zur Zeit noch Claus Peymann heißt. Im Zuge der umstrittenen Ernennung des belgischen Museumsmannes Chris Dercon als Nachfolger des Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf hatte Peymann im April 2015 in einem Interview mit der ZEIT Staatssekretär Tim Renner als "leeres nettes weißes Hemd" bezeichnet. Renner sei einer "dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben". Und Renner müsse weg. Das ist natürlich nicht schön. Keiner möchte so etwas über sich lesen. Doch ein derart angesprochener Politiker von Format täte gut daran, das nicht persönlich zu nehmen und sich schon gar nicht zu Rachefantasien hinreißen zu lassen.

Im Kulturkampf

29. Juni 2016. Seit einigen Tagen tobt der Streit wieder erbittert. Chris Dercon soll im kommenden Sommer die Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz als Intendant übernehmen. Dercon, ein Museumsmann, ein polyglotter Elegant, den sogenannten Panzerkreuzer am Luxemburg-Platz, irgendwie das Bollwerk der Theaterlinken, auch wenn der Kapitän gelegentlich im Keller Ernst Jünger liest und die Antisemiten Carl Schmitt und Louis-Ferdinand Céline zitiert. Kulturkampf-Stimmung in Berlin, Berlin-Bashing im bundesdeutschen Feuilleton, heissa, juchhe. Es ist eine Debatte, die womöglich nur Verlierer kennt. Es gibt Gründe genug, sich herauszuhalten. Aber die Widersprüche treiben um. Dabei hat die Redaktion von nachtkritik.de überhaupt keine einheitliche Meinung, wie auch bei elf Redakteur*innen und vielen, vielen prägenden Autor*innen-Persönlichkeiten. Aber natürlich gibt es Positionen, einige werden hier präsentiert. 

Theater heißt Warten?

von Sabine Leucht

München, 18. Juni 2016. "Ja glauben Sie denn, dass das die Menschen in Deutschland interessiert? Irgendwas mit einer syrischen Königin und alten Steinen?" Spätestens der betont herablassende Ton dieser Frage und die rüde Art, wie Moderator Peter Arun Pfaff danach den Gesprächsfaden zerreißt, legen den Schalter auf Theater um: Bislang sah es so aus, als würde man an den Münchner Kammerspielen einer Diskussion über die antike Stadt Palmyra und die Zerstörungskultur des IS beiwohnen, zu dem das transkulturell engagierte Netzwerk "Göthe Protokoll" den (Post-)Migrations-Soziologen und Autor Erol Yildiz, die Archäologin und Syrienspezialistin Adelheid Otto und eine deutsch-syrische Regisseurin geladen hat, die hier am Haus eine Arbeit über Zenobia, die antike Herrscherin Palmyras, vorbereitet.

Die Hütte brennt

9. Juni 2016. Vom Theater Trier hörte man jahrelang wenig. Jetzt überschlagen sich die Nachrichten. Die einen sind vielversprechend: Künstlerisch setzt das Haus unter Intendant Karl Sibelius seit dieser Spielzeit offenbar Maßstäbe und wirbelt die Stadttheaterroutine ordentlich durcheinander. Parallel aber sinken die Zuschauerzahlen und steigen die finanziellen Defizite, gibt es Personalquerelen und Entlassungen (gerade musste der Schauspielchef gehen). Jüngste Entwicklung: Wegen der Finanzsituation des Hauses wurde Sibelius ein Verwaltungsdirektor an die Seite gestellt.

Wir werden nicht neutral bleiben!

von Matthias Brenner

Halle, 1. Juni 2016. Nach den Landtagswahlen, am 16. März, erreichte uns eine E-Mail des Geschäftsführers der Historischen Kulturanlagen Bad Lauchstädt, in der er uns mitteilte, dass er keinerlei politische Kundgebung oder Manifestationen weder für noch gegen die aktuelle Politik, politische Gruppierungen oder Parteien dulden werde. "Das Goethe-Theater Bad Lauchstädt steht strikt unter dem von Richard Wagner geprägten Motto 'Hier gilt’s der Kunst'."

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