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Das Glück der Nische

29. Dezember 2014. Seit der Gründung von nachtkritik.de sind die Leserkommentare Aufreger und Anreger, Anstoßer und Aufrüttler – und elementarer Bestandteil dieser Seite. nachtkritik.de ist 2007 mit dem Aufruf zur Widerrede, zum Mitdenken, Mitreden und -schreiben angetreten. "Weil wir denken, dass es sich lohnt. Dass es in Kunstdingen kein abschließendes Urteil geben kann, sondern das Gespräch braucht, den Dialog der Leser mit dem Kritiker und den der Leser untereinander", wie es im September 2014 in einer Antwort der Redaktion unter einem Leserkommentar hieß, als nämlich die Kommentarkultur im Netz in einer durch sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger angestoßenen Debatte gerade allgemein geschmäht und gewürdigt, verflucht und verteidigt wurde.

Im Vergleich zu den großen Nachrichtenseiten hat nachtkritik.de das Glück der Nische; das Kommentaraufkommen hält sich in Grenzen. Hier müssen Prüfung und Veröffentlichung nicht an Community-Manager abgegeben werden. Der Umgang mit Kommentaren gehört bei nachtkritik.de zum Redaktionsdienst wie das Redigieren von Texten oder das Erstellen von Meldungen. Auch deshalb, weil wir Redakteurinnen und Redakteure wissen wollen, was von Ihnen, den Leserinnen und Lesern geschrieben wird: weil wir gegebenenfalls reagieren, antworten, moderieren oder mitdiskutieren möchten.

Wie produktiv Leserkommentare, wie fruchtbar dadurch entstehende Diskussionen – mit und ohne Klarnamen – sein können und welche Denkfenster hier immer wieder aufgemacht werden, davon zeugt auch die Kommentarrückschau 2014.

 

Januar

Das Jahr fängt gut an. Eine der klügsten Deutungen von Stefan Puchers Hedda Gabler mit Nina Hoss landet am 6. Januar in der Kommentarspalte – was einmal mehr zeigt, dass Expertentum weder notwendig mit der Veröffentlichungsmöglichkeit in einem namhaften Medium zusammenhängen muss noch von Anonymität per se verhindert wird. Kommentator Guttenberg zeigt sich von der "absoluten Kälte", der "raubtierhaften Präzision" der Hoss'schen Hedda gefesselt. "Eine streng-konzeptionelle Inszenierung, die nichts von den Beliebigkeitsvorwürfen der KritikerInnen hatte. Pucher zeigt keinen Menschen, sondern eine Männer-(Angst-)Projektion im Wandel der Jahrzehnte seit Ibsen (...) einschließlich einer kleinen Etüde über den Wandel der Theaterstile: also Theater über das Theater (das ja auch was mit Projektionen zu tun hat)." Dieser "Nachweis der Historizität von Frauen- und Theaterbildern trägt zur Dekonstruktion von essenzialistischen Pedanterien bei und somit zur Aufklärung." Na, wenn das kein diskutables Analyseangebot ist.

hedda2 560 arno declair uDie Lady als Vamp: Nina Hoss ist Puchers Hedda Gabler, erst bei den Ruhrfestspielen
Recklinghausen, dann im Deutschen Theater Berlin. © Arno Declair

Anlässlich der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft unter dem Motto "Leben, Kunst und Produktion. Wie wollen wir arbeiten?" baten wir die Kommentator*innen Ende Januar: "Schreiben Sie auf, was Sie besonders stört: Was ist ein No-Go an Ihrem oder einem anderen Haus? Wie viel verdienen Sie eigentlich, bei welcher durchschnittlichen Arbeitszeit? Was muss sich ändern, damit Sie wieder lieber arbeiten?"

Die Zahl der ins konkrete gehenden Erfahrungsberichte bleibt überschaubar: Beispiel 1, Beispiel 2. Stattdessen schießen die Kommentatoren sich auf eine mehr oder weniger radikale Kritik der bestehenden Strukturen ein:

"Ich bin der festen Ueberzeugung, dass der deutsche Theaterbetrieb, wie er nun ca seit 100 Jahren existiert, an sein Ende kommen muss. Die Gelder müssen verteilt werden an autonome Zellen", schreibt einer. Ein anderer: "Ganz sicher ist die von dem Staat definierte Regie/Dramaturgietheaterstruktur stärker als die Menschen, die sich in ihr bewegen. Nur wegen dieser Struktur haben oft die charakterschwächsten Menschen das sagen, die Machtgierigen und nicht die Begabten."

Eine Kommentatorin namens Helga findet: "Die soziale Vorbildfunktion, also das Anderssein als die gängige spätkapitalistische Realität generell wie auch im kommerziellen Theater, findet im Stadttheater, öfter als man meint, in den Produktionen statt: Flache Hierarchien, Regisseure, die sich als primus inter pares verstehen, ein Ensemble, das sich unter Führung einem künstlerischen Ziel nähert." Beklagenswert sei anderes "und hier schon oft Gesagtes", bringt Helga die Stimmung im Thread auf den Punkt: "Tarifliche Unterschiede, hohe Belastung, Unflexibilität des existierenden Systems, fehlende Zeit, um sich ernsthaft mit einer Zukunft zu beschäftigen, die etwas anderes bringen muss als den ewigen Kanon zwischen Ibsen, Büchner und Shakespeare runterzubeten."


Februar

Die Enthüllung immer doloserer Machenschaften am Burgtheater Wien und ihre Konsequenzen haben uns das ganze Jahr 2014 über beschäftigt. Unsere umfängliche Chronik der Krise des Burgtheaters, die die Berichterstattung zusammenfasst, wäre ohne die rege Partizipation der Wiener Kommentatoren, allen voran Susanne Peschina, nicht zustande gekommen. Wir danken herzlich für die zahlreichen Hinweise!

Nur einen Monat nach dem signalträchtigen Austritt des Rostocker Volkstheaters aus dem Deutschen Bühnenverein legt sein designierter Intendant Sewan Latchinian seine Bühnenvereinsämter nieder. Es ist die neueste Wendung im Fall Rostock, der als Berg- und Talfahrt auf den Wogen der Kulturpolitik nachtkritik.de das ganze Jahr über beschäftigen wird. Latchinians Schritt wird von zahlreichen Leser*innen gelobt, nicht nur weil damit der Existenzbedrohung des Rostocker Hauses unkonventionell begegnet werde, sondern auch weil hier ganz allgemein die Frage aufgeworfen sei, "ob die automatische kopplung der theatertarife mit denen des öffentlichen dienstes noch zeitgemäß ist", wie Kommentatorin Anne schreibt. Andere User*innen wie Ellen sehen Latchinian dagegen auf einem "gefährlichen Kurs", quasi in den Manchester-Kapitalismus: "Er verläßt das Gremium, in dem er etwas ändern könnte, wenn er denn wöllte und wird Alleinherrscher über Tarife und Mitarbeiter als der Retter des VTR. Das sieht irgendwie nach der bösen Fratze des Kapitalismus aus, so wie ich den noch in der Schule beigebracht bekam. Den Tarif kündigen kann man schnell, aber warum? Vielleicht nur, weil man sich lieber den schwächeren Verhandlungspartner suchen will, den Arbeitnehmer, statt mit der Stadt zu verhandeln, gegen die man schon jetzt nicht weiter kommt?"

Genau diese Pro- und Contra-Diskussion nimmt nachtkritik.de im Februar 2014 mit einer Diskussionsveranstaltung in der Berliner Volksbühne auf, in der Vertreter des Bühnenvereins mit den Rostocker Verantwortlichen an einen Tisch gebracht werden (hier im Videomitschnitt). Die Kommentare streiten sich, ob und was die Veranstaltung gebracht hat – und zeitigen praktische Vorschläge. Auch-Kollege etwa meint: "In Anbetracht der Tatsache, dass am Ende die Kommune oder das jeweilige Bundesland hier Etats erhöhen müssen und das durch deren gewählte Mandatsträger beschlossen werden muß, schlage ich vor, in solchen Fragen ein verbindliches direktplebizitäres Element einzuführen. Dass nämlich die Stadtgesellschaft oder ein Bundesland direkt über eine Erhöhung eines konkreten Theateretats in einer Volksabstimmung entscheidet. So könnte eine Stadt/ ein Land zeigen, was für einen Stellenwert das Theater hat und im Zweifelsfalle seinem Willen Ausdruck verleihen."

Während Latchinian bereits für Rostock streitet, sorgt sein avisierter Nachfolger in Senftenberg, Manuel Soubeyrand, für Aufregung, weil er plötzlich auch für die Intendanz in Pforzheim im Gespräch ist. Senftenberg habe ihn zwar schon im September 2013 mündlich bestellt, aber bis dato noch keinen Vertrag unterschriftsreif vorgelegt, sagt Soubeyrand. "Unangenehm gschaftlhuberisch", findet ein Kommentator Franz, diese Doppelkandidatur, denn "am theater gilt auch ein wort". Kühl kontert "Maxim Gorki": "'ein wort gilt'?? in welcher welt leben sie denn? hätte nur noch gefehlt, dass sie 'unter männern' hinzugefügt hätten. – 'nur wer unterschreibt, der bleibt, möchte ich ihnen entgegnen." Schon vier Tage später unterschreibt und bleibt Soubeyrand in Senftenberg, und es ist Ruhe im Karton: Kein Kommentar zur Meldung vom 25. Januar 2014.

Das Ergebnis des virtuellen nachtkritik.de-Theatertreffens sorgt bei einigen Kommentatorinnen und Kommentatoren wenn nicht für Unmut, so doch für Zweifel. Thomas Rothschild fragt sich etwa, wofür das Ergebnis denn repräsentativ sei: "Für die Einschätzung der deutschen Theaterbesucher? Gar der deutschen Bevölkerung? Der nachtkritik-Leser?" Olaf hingegen fühlt sich wie beim ADAC und fordert "totale Transparenz! Alle Stücke, alle Stimmen und alle Plätze. Ansonsten gute Nacht, Nachkritik! Der Spaß hört irgendwo auf!!!" Später legt er noch nach: "Leider denke ich, dass das das Ende einer guten Theaterseite sein wird. Warum? Weil die Macher die Transparenz scheuen." Redakteur Wolfgang Behrens versucht im Laufe des Threads, seine und der nachtkritik Haut irgendwie zu retten.

Am 7. Februar hat in Dresden am Staatsschauspiel Andreas Kriegenburg mit Die zwölfte Nacht oder Was ihr wollt Premiere. Nachtkritiker Dirk Pilz sieht einen "Szenenschlussverkauf", bei dem auf der Bühne Uniformierte stehen, eine Inszenierung, die es sich in ihrer "Inszenierungswelt gemütlich gemacht hat: oben die Regie, unten das Volk, hier der durchblickerhafte Belehrer, dort die vernebelten Schülerlein".

WasIhrWollt4 560 MatthiasHorn uKapitalistische Uniformierung, Totalisierung, Ideologisierung, Ironisierung? Andreas Kriegenburgs Dresdener Shakespeare "Der zwölfte Tag oder Was ihr wollt" © Matthias Horn

Kommentator Mark S. widerspricht – und vermutet "Tiefe durch entschlossene Oberflächen-Darstellung": Vielleicht ist die Inszenierung "ein zornig-trauriger, schmerzlich-konsequenter Kommentar zu unterdrückenden Gesellschaftssystemen wie derzeit u.a. unter Putin", vielleicht ein Verweis auf die Uniformierung durch den Kapitalismus? Aber, fragt Ketchup und Mayonnaise, "wie kommt Kriegenburg denn nun, Ihrer Meinung nach, auf die kapitalistische Uniformierung, Totalisierung, Ideologisierung, Ironisierung? Und vor allem, warum?" Ist der Abend "platt" oder "mutig"? Oder beides?


März

Armin Petras erklärt in der Zeit, warum er das Aus für das Leipziger Theaterwissenschafts-Institut für einen gravierenden Fehler hält. Wenig Applaus dafür von den Kommentatoren, die sich vor allem an Petras' abgegriffener Formulierung stören, "dass Kultur eben Kapital ist. Ein unveräußerlicher Wert eines jeden Landes in jeder seiner Regionen; nicht nur nach Kosten zu berechnen." Denknotiz fragt, "was wenn Kultur eben NICHT Kapital wäre, sondern das Gegenteil?" Julius Destructivus hält die Rede für Schmuse-Kitsch: "Es wäre redlicher, wenn diese Intendanten mal bei sicher selber anfangen würden... selbstkritischer argumentieren würden. Das würde mehr helfen, dass diese Institutionen wieder ernster genommen würden." Intendantischen Salon-Aktivismus wittert auch @orno. D. Rust wiederum stört der Brief vergleichsweise überhaupt nicht, denn "er nützt gar nichts, aber er schadet eben auch nicht und niemandem. Und ich glaube, Petras verdient – ich meine verdient absolut nicht negativ – für anderes kritisiert zu werden als eine in Anspruch genommene Zeitungsspalte." Woraufhin noch weiter diskutiert wird, warum in den nachtkritik.de-Threads so gerne die hierarchischen Strukturen angeprangert werden.

Die Verfilmung von Tracy Letts Theaterstück "Osage County" kommt in die Kinos. "Großes Schauspielerfutter" heißt es in unserer Filmkritik. Woraufhin Frank-Patrick Steckel die Frage aufwirft, ob sich anhand dieses, aber auch anderer Filme eine Verwandlungsleistung dingfest machen lässt, die in Theaterkreisen Anerkennung finden sollte? "Denn ein Theater ohne das Geheimnis der Verwandlung ist ein totes Theater. ... im august osage county 280 tobis"Osage County": Commercial Realism oder
Schauspielkunst? © Tobis Film
Ein Theater ohne den sich verwandelnden Menschen ist eine Wahrnehmungs-Übung und kein Ereignis", zitiert er an dieser Stelle Bernd Stegemann.

Stegemann antwortet nicht, aber zwischen Steckel und den Kommentator*innen Einer und D. Rust entspinnt sich eine lesenswerte Diskussion über Schauspielleistungen und ihre Unterschiede in Film und Fernsehen. Darüber, dass gewisse Formen schauspielerischer Praxis, "eine Art des berüchtigten psychologischen Spiels", von zeitgenössischen Regisseuren unerwünscht sind, aber im Film ein neues Zuhause haben. Das letzte, durchaus kluge Wort hat wieder D. Rust: "Die schauspielerische Verwandlung kann auf der Bühne nicht vorgetäuscht werden. Sie ist da und sichtbar oder bleibt aus. Punkt. Im Film hingegen kann sie vorgetäuscht werden, weil der Film nicht in Echtzeit abläuft."


April

"Wenn Theater eine Jacke wäre...", kein Aprilscherz – Ein Kommentator kreiert eine Metapher für die Gründe für unsere schnelllebige, überproduzierende Theaterlandschaft. "Welche geheime Macht zwingt uns, fünf schleckt sitzende Jacken beim Super-Sonderpreis-Diskont-Markt zu kaufen, anstatt eine gut sitzende Jacke zu finden? Ist es das Überangebot an billigen Jacken? Oder sind es die Leute, die sagen: 'Der trägt noch immer die gleiche Jacke.'" Weitere Erklärungsversuche schließen sich an: Sind es die "bequem für den Endverbraucher zum Einlesen aufbereitete Discounter-Angebote", oder sind es "zuviele 'Schnell-mal-ne-neue-Jacken-Produzenten' die, weil sie nichts anderes gelernt haben, und weil man günstige Jacken auch immer irgendwie an den Mann kriegt"?

Für hitzige Diskussion sorgt am 14. April 2014 die Meldung, dass Claus Peymann es abgelehnt hat, der Findungskommission für die neue Direktor*in des Burgtheaters beizutreten – denn er könne es nicht ausschließen, sich noch einmal selbst um den Job zu bewerben. Während die meisten Kommentator*innen, zum Beispiel Parzifals Schwester, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, findet Susanne Peschina, inoffizielle Wien-Korrespondentin von nachtkritik.de, den Gedanken gar nicht absurd, ganz im Gegenteil: "Nun geht es ja bei der Neubesetzung des Burgchefs nicht nur um eine Person, deren Seriosität und Fähigkeit, sondern auch wie ein Theater seine Funktion gegenüber dem Publikum sieht. Und da wünsche ich mir sehr dringlich Peymann und seinen Stil zurück", schreibt Peschina. Eine Woche später hat Peymann die Absichten, die er selbst suggeriert hatte, übrigens dementiert.

Anfang April wird auch publik, dass Eva-Maria Voigtländer, designierte Chefdramaturgin des Düsseldorfer Schauspielhauses, zurücktritt. Voigtländer hatte den ersten Spielplan unter Intendant Manfred Weber entworfen, der beim neuen Interims-Intendanten Günther Beelitz allerdings auf wenig Gegenliebe stieß. Dass sie um Auflösung ihres Vertrags bittet, wird von Kommentator Wallenstein mit einem "Bravo" begrüßt: "Alle Zurückbleibenden werden Sie um Ihre schnelle Entscheidung beneiden!" Beelitz bekommt sein Fett weg: "Wo hat denn die Düsseldorfer Politik den Beelitz eigentlich gefunden?", "Ein alter König geht nach Düsseldorf – dabei wird die Monarchie grade abgeschafft." Es gibt aber auch Fürsprecher wie Ludwig, die fragen, was denn eigentlich diese Altersdiskriminierung solle. Gefordert wird, die Öffentlichkeit besser über die Düsseldorfer Ereignisse zu informieren, denn sei es nicht gutes Recht der Öffentlichkeit, Bescheid zu wissen? Die Debatte setzt sich schubweise übers Jahr fort, bis im November Wilfried Schulz als neuer Düsseldorfer Intendant bestätigt wird.

Dass Theaterleute an der Armutsgrenze leben, denken viele – eine Umfrage im April hat es zahlenmäßig bestätigt. Unter der Meldung entspinnt sich ein langer Kommentarreigen, in dem gefragt wird, wer daran schuld sei – oder ob die Theaterarmut gar systemimmanent ist. Verdienstfragen seien zwar im "Real Life" oft immer noch Tabu, was die Verhandlungspositionen nicht gerade stärke. Einige Honorar-Bekenntnisse werden aber in den Kommentaren 14, 16 und 20 ausgepackt. Ein Kommentator erinnert: "Theater ist doch kein Wettbewerb!" Aber: "Da im Theaterbetrieb die künstlerischen Berufe überhaupt nicht geschützt sind, ist das Tor zur Korruption und Vetternwirtschaft weit weit offen."


Mai

Im Magazin des Berliner Theatertreffens begründet Jurorin Daniele Muscionico, warum u.a. Frank Castorfs Inszenierung Reise ans Ende der Nacht eingeladen wurde – mit weitgehend denselben oder aber höchst ähnlichen Worten, wie sie im Programmheft der Inszenierung stehen. Wolfgang Behrens schreibt darüber einen Blog. Zunächst mokieren sich etliche Kommentare noch über das "bisschen Sensationsgeheische", dann fragen sie zunehmend: "Wo bleiben die Konsequenzen?" Drei Tage später tritt Muscionico als Jurorin zurück.

Er ist und bleibt der (Hass-)Liebling der Kommentator*innen: Sebastian Hartmann bringt bei den Ruhrfestspielen sein Vierstunden-Freispiel "Pupurstaub" nach Sean O'Casey heraus und erntet sogleich 70 Kommentare. "Von einem Sebastian Hartmann lasse ich mich als Theaterzuschauer nicht in eine Leibeigenschaft zwingen", wettert Hamlet.62 und löst eine Debatte aus, ob es eigentlich legitim ist, einen Abend weit vor seinem Ende zu verlassen und trotzdem zu urteilen. Auch gibt es hier eines der "Worte (oder Unworte?)" des Jahres zu bestaunen: "regieliche Kompetenzkompensationskompetenz". Der Inszenierung werden nach den Ruhrfestspielen übrigens die Aufführungsrechte vom Suhrkamp-Theaterverlag entzogen, weil von O'Casey kaum etwas wiederzuerkennen sei. Man einigt sich mit dem Schauspiel Stuttgart darauf, dass die koproduzierte Arbeit am Neckar als "Staub. Ein Abend von Sebastian Hartmann" laufen darf.

purpurstaub2 560 ju ostkreuz uHier steht es schon: "Dust" zu Deutsch "Staub" – nämlich auf Sebastian Hartmanns Bühne
zu seiner Inszenierung nach O'Casey. © Ostkreuz


Juni

In der Debatte um die Zukunft des Stadttheaters antwortet der Kulturjournalist Peter Grabowski am 14. Juni auf den Offenen Brief von Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski, in dem dieser Verwendung der Gelder des Solidarbeitrages für den Sektor der öffentlichen Kultur fordert, an dem immer zuerst gespart werde. Grabowski repliziert, überall werde gespart, bloß nicht an Kunst und Kultur. Das eigentliche Problem sei der "Bedeutungsverlust von Theatern und Opern für die Mehrheitsgesellschaft". Diese gucke lieber den realitätshaltigeren "Tatort" oder sei auf Facebook. Der Kommentar bekommt viel Zustimmung, aber auch eine Menge Widerspruch. Stimme das wirklich mit dem Bedeutungsschwund, fragt Bobby, die Theater seien doch voll. Und, fragt Besucher, gehe es im Theater wirklich um "mehr Realitätsbezug", nicht vielleicht doch um Kunst und die interessiere eben nicht alle. Grabowski solle nach Detmold fahren, schreibt Iphigenie, das Theater dort stelle sich seinen Aufgaben. Und Frank-Patrick Steckel weist daraufhin, dass die Politiker, die Grabowski in Schutz nehme, selbst die "Verarmung der öffentlichen Hand" erst geschaffen hätten, die zu den Entscheidungsproblemen führen, ob Straße oder Theater finanziert werden sollte, und zitiert einen Banker, der im Fernsehen gesagt habe, während jahrelang über ein paar hundert Millionen für die Kultur gestritten würde, sei es möglich, "für 'ne Bankenrettung mal eben 100 oder 200 Milliarden über 'n Wochenende..." aufzubringen.

Mit Rückenwind aus dem Gutachten der Münchner Unternehmensberatung Metrum forciert Mecklenburg-Vorpommerns Kulturminister Mathias Brodkorb Theaterfusionen in Mecklenburg-Vorpommern. Noch im Dezember 2014 wird die Zusammenlegung des Theater Vorpommern (Stralsund/Greifswald) mit der Theater- und Orchestergesellschaft Neubrandenburg/Neustrelitz zum "Staatstheater Nordost" besiegelt. Die Debatte dazu läuft bereits im Juni auf Hochtouren: "Ich finde, es ist an der Zeit, dass man auch auf Seiten der Kultur offener wird für strukturelle Veränderungen. Mitdenken wäre wohl eher hilfreich, als immer alles mit dem Totschlag-Donnerbegriff 'Kulturabbau' abzublocken und die komplette Verödung der Städte und Kommunen an die Wand zu malen", kommentiert Bobby die Fusionspläne. Nikolaus Mercks kritischer Kommentar zur Lage in Mecklenburg-Vorpommern führt zu einem Dialog zwischen Nachtkritiker Merck und dem Theaterregisseur Frank-Patrick Steckel. Steckel: "Theater sind Orte, an denen eine Gesellschaft an sich selbst arbeitet, die das auch außerhalb der Theater tut – setzt da Lähmung ein, und sie hat eingesetzt, sie wird nämlich planvoll betrieben (...), dann zappelt und zuckt das Theater noch ein Weilchen gleichsam wie ein Gehängter – und gibt dann vollends den Geist auf, den es zunehmend entbehrt hat." Merck hört darin eine Verschwörungstheorie anklingen und antwortet mit Blick auf basisdemokratische Dynamiken pragmatisch: "Die Leute müssen ihre Interessen vertreten. / Das Publikum muss sein Theater verteidigen."


Juli

Noch gibt es im Norden ein selbstständiges Theater Vorpommern in Stralsund und Greifswald. Dessen Intendant heißt Dirk Löschner. Schon beim Amtsantritt vor zwei Jahren wehte ihm ein rauer Wind entgegen, weil er fast das gesamte Ensemble nicht verlängerte. Anfang Juli mehren sich die Zeichen, dass der Aufsichtsrat des Theaters Löschner abberufen will – wohl wegen gesunkener Zuschauerzahlen. Wenige Wochen später verlautet, dass der Aufsichtsrat die Gesellschafter nicht habe überzeugen können. Allerdings darf Löschner nicht mehr inszenieren, ein Aufsichtsrat tritt zurück. Zwischen einer "vertanen Chance" und "sinnmachender, verantwortungsvoller Entscheidung" pendeln die Kommentare. Manche werden genereller: "Die Kulturkritik MV honoriert lediglich das Spiel von Stoffen, die sie mit ihren Mitteln fassen kann. Sie wünscht sich ein Programm wie das, was in den großen Buchhandlungen des Landes zu sehen ist." Ein weiterer ätzt: "Als avantgardistisch kann man diese bestenfalls im Vergleich zu dem bezeichnen, was in Rostock, Schwerin und Anklam geboten wird." Umut Döluz spricht von einer "Kampagne". Tatsächlich kann man nach Lektüre der Kommentare den Eindruck bekommen, dass die Theaterlandschaft in Meck-Pom ein schwer vermintes Gelände ist.

tretminen imzbwAchtung, kulturpolitisches Gelände mit Tretminen! Quelle: IMZBw

FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier schaut auf die kommende Saison (worauf wir in einer Presseschau verweisen) und sieht das Theater kraft eigenen Verschuldens im Schwinden begriffen, weil es seine Zuschauer nicht "wie in einen fernen, fremden Kontinent" aufbrechen lasse, "geduldig und demütig". Erste nachtkritik.de-Leser wie Hyperion und hermann spenden Beifall dafür, dass Stadelmaier es wage, "dem mainstream entgegenzuschreiben und dafür sogar noch einen greifbaren kompass seines denkens anbietet." Frank-Patrick Steckel mutmaßt hingegen, dass Stadelmaiers Ideal-Zuschauer zum "ästhetischen Gesellschaftstouristen" erzogen werden solle, der nach dem Theaterbesuch "in das gewohnte, krisenfreie und selbstzufriedene Heimaterleben" zurückkehre. "Das, meine Damen und Herren vom Stadelmaier-Fanclub, ist Frankfurt am Mainstream vom Feineren."


August

Am 30. Juli war bei laufender Spielzeit Holk Freytag als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele vom Magistrat der Stadt fristlos entlassen worden: weil er sich über Einsparanordnung des Magistrats hinweggesetzt hat, wie die Kündigung begründet wird. Frank-Patrick Steckel rechnet in einem flammenden Text noch einmal nach: Bad Hersfeld hat neun Millionen Euro in die Ansiedlung von Amazon in Bad Hersfeld gesteckt. Trotzdem fließt der Gewerbesteuererlös nach Luxemburg – u.a. deshalb muss man in Bad Hersfeld jetzt sparen. Es entspinnt sich eine Grundsatzdebatte, in der scharf geschossen wird. Hat Hersfeld Modellcharakter? Rollt demnächst eine Intendantenkündigungswelle durch die Republik? Wird die Freiheit der Kunst auf dem Altar der Ökonomie geopfert? Der wahre Krisengrund sei die "suizidäre Anpassung der Theaterkunst" an Massengeschmack und ökonomische Gegebenheiten, wirft Martin Baucks ein. "Man darf nicht vergessen, dass Theater nur minimales Interesse in der Bevoelkerung hat 0,3%," sagt Sina. Wieder Baucks: "Die Debatte hängt am falschen Haken". Man könne bei kommerziellen Produktionen nicht den Schutz der Freiheit der Kunst im vollen Umfang für sich in Anspruch nehmen. Der Bremer Ex-Intendant Klaus Pierwoß stellt das Fehlen einer Clint-Eastwood-Figur im Bühnenverein fest. Dazwischen postet immer wieder der Sprecher des Hersfelder Ensembles Erklärungen, Rücktrittsforderungen an den Bürgermeister, Links zu Presseberichten und Protestterminen. Und schließlich die Mitteilung, dass Dieter Wedel neuer Intendant in Bad Hersfeld wird.

Für Debattenstoff sorgt auch eine Presseschau, die Positionen von Tilman Krause zu Frank Castorfs Bayreuther "Ring" aus der Tageszeitung Die Welt zitiert. Nämlich dass Castorf Wagners Zyklus geistig und emotional nicht gewachsen sei: Und zwar der Beschränktheiten einer Kunstwahrnehmung wegen, die sich "in provinzieller Fixierung auf Erfahrungen mit der DDR" anmaße, den gescheiterten Sozialismus wie ein Passepartout über andere künstlerische Weltentwürfe zu stülpen. Damit hätten auch andere "Ostregisseure" die Klassiker "verzwergt". "Das stimmt doch in dieser Pauschalität nun auch wieder nicht, oder?", wendet Inga ein. "Krause outet sich damit als mindestens genauso provinziell und kleinkariert wie die von ihm diffamierten Ostregisseure", findet Stefan. Und Guttenberg (der im Verlauf der Debatte zu Höchstform aufläuft) betrachtet Castorfs Analogieschluss Rheingold = Erdöl als "eminenten Beitrag zur Wagner-Interpretation." Richard W. protestiert: Kaum ein Beispiel könnte besser geeignet sein, um zu zeigen, wie derlei vermeintliche "Konkretisierung" oder "Modernisierung" oder "Zeitbezugsbemühung" nur geistige Armut auf der Bühne erzeugen würden. Wieland an Guttenberg: "Wieso haben sie eine so große Angst vor dem, was sie nicht begreifen können?" Wiederum Guttenberg: "Was mir nicht mundet, sind konfuse Schwätzer und Gefühlsrenommisten, die sich in Kunstwerken wie in Wellnessoasen suhlen". Das Wagner-Publikum sei eine Sorte Mensch, hält er an anderer Stelle fest, "um die man lieber einen großen Bogen macht, sozusagen die ästhetische Variante der Islamisten."


September

In Berlin eröffnet das in der Theater-heute-Umfrage frisch zum "Theater des Jahres" gekürte Maxim Gorki Theater mit dem Gewalt-Tanz-Abend Fallen von Sebastian Nübling, der für Nachtkritikerin Anne Peter vor allem als "Auspower- und Abreaktionsritual für die Beteiligten" funktioniert, hinter den selbst formulierten Ansprüchen aber weit zurück bleibt und sich "mit bloßer Energieerzeugung" begnügt. Kommentator Olaf hat hingegen nicht im steifen Premierenpublikum gesessen, sondern in einer Voraufführung mit 120 Schülern und beschreibt "eine Spannung, die weit über den normalen Theaterabend" hinausging. Für ihn ist "das, was dieser Abend an Auseinandersetzung mit männlicher Autorität bot, (...) unbeschreiblich". Kommentare mit Aha-Effekt! Die Kritikerin dankt und wünscht sich fürs nächste Mal die Anwesenheit einer "Premierenklasse" – "damit wir saturierten Kritiker und Null-acht-fuffzehn-Zuschauer es uns nicht zu bequem machen, sondern etwas mitbekommen von der Spannung, die der Abend bei jungen Leuten auszulösen vermag".

Der Rostocker Intendanzstart von Sewan Latchinian ist von kulturpolitischen Querelen überschattet. Während das Auftaktspektakel, der "Stapellauf", von der Mehrzahl der Leserinnen euphorisch begrüßt wird, diskutiert die Bürgerschaft die Streichung von Opern- und Tanzsparte am bisherigen Vier-Sparten-Haus (das Latchinian mit Figurentheater und Bürgerbühne gar zum Sechs-Sparten-Haus ausbauen wollte).

stapellauf titanic 560 thomashaentzschel uUntergang der Titanic oder des Rostocker Volkstheaters? Szenenbild vom Eröffnungsspektakel
der Intendanz Latchinian. © Thomas Häntzschel

Nikolaus Merck fordert den Rostocker Oberbürgermeister in einem Offenen Brief zu einem Bekenntnis zum Volkstheater auf: "Geben Sie Rückenwind." Eine "wunderbare, intelligente und solidarische Initiative", wie eine Rostockerin findet. Während die kritische Gegenseite in Person von Marco Both Sparmaßnahmen anmahnt: "Aber bitte das Maß nicht verlieren. Die Millionen die hier jedes Jahr einfließen fehlen an anderer Stelle."

Das Burgtheater. Die Chronik der Krise ist lang, sehr lang. Im März wird Matthias Hartmann als Burg-Chef entlassen. Im September gelangt eine Liste mit Namen in die Öffentlichkeit, die angeblich als Nachfolger vor der Findungskommission vorsprechen. Es sind Frank Baumbauer (Ex-Schauspielchef der Salzburger Festspiele und zuletzt 2001 bis 2009 Intendant der Münchner Kammerspiele), Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters Berlin), Martin Kušej (Intendant des Residenztheaters München), Wilfried Schulz (Intendant des Staatsschauspiels Dresden), Michael Thalheimer (Regisseur) sowie die damalige Interims-Direktorin Karin Bergmann. Als erster widerspricht Khuon der Meldung – er habe sich nicht beworben. Danach dementieren Kušej und Baumbauer. Für Kommentator*in burgtheater ein "klassischer Eröffnungszug: Namen werden gestreut, um sie zu verhindern, Khuon, Kusej, Baumbauer sind raus", es blieben "'die inneren Kreise des Burgtheaters' - Habsburg reloaded." Sabine fragt sich bei dieser Auswahl dagegen: "wofür überhaupt eine Findungskommission? Diese Namen kann man doch ohne langes Nachdenken in 30 Sekunden auf einen Zettel schreiben – zumal ja anscheinend mit den Kandidaten überhaupt nicht gesprochen wurde." Es wurde dann übrigens Karin Bergmann. Stand immerhin auch auf der Liste.


Oktober

"Wanna Play?", fragte der Performance-Künstler Dries Verhoeven auf der schwulen Dating-Plattform Grindr. Etliche der dort Angemeldeten wollten – fanden dann aber überhaupt nicht lustig, dass sie am Ort des vermeintlichen Dates keinen wilden Lover vorfanden, sondern einen Glaskubus, in dem Verhoeven das Lauf-Publikum drumherum an seinen (verfremdeten) Chats teilhaben ließ. Ein Chatpartner wurde handgreiflich, weniger Tage später wurde das umstrittene Projekt vorzeitig beendet. Die einen erkennen in der Angelegenheit die intendierte Kritik an dem neuen medialen Striptease: "Früher spionierte am Theater Stasi, BND... heute haben wir genug Mittel entwickelt, um uns selber auszuspionieren und auszustellen..." Die anderen kritisieren den Einbruch in die Privatsphäre. Nach dem Abbruch entspinnt sich eine intensive Debatte um Recht vs. Kunst.

nachtkritik.de veröffentlicht Ende Oktober einige unveröffentlichte Kommentare ("Arschlöcher. Alle.") hinter denen IM Lustig den "Schrei des Theaters, von dem Müller immer sprach", vermutet. "dabeigewesen" wiederum stellt allgemeine Überlegungen zum Kommentarwesen auf nachtkritik.de an und schlägt vor: "1. Anmeldung bei nachtkritik, d.h. feste Zuweisung einer Identität an einen Kommentator (sehr gerne anonym, es geht nicht um Identifizierung). 2. Die Möglichkeit schaffen, alle Postings eines Kommentators lesen zu können 3. Die Möglichkeit schaffen, auf einer Skala eine Beurteilung zu einer Inszenierung abgeben zu können (Schulnoten, jedenfalls nicht zu kompliziert)."

Samuel Koch ist im Ensemble der neuen Darmstädter Intendanz. Bei Madame Bovary von Moritz Schönecker wird gefragt: Welche Rolle spielt Samuel Koch, der zum Ensemble gehört? Welche Rolle kann er überhaupt spielen, da er doch im Rollstuhl sitzt? Und: Ist es "beschämend", dass "dass nachtkritik Samuel Koch und sein Handicap als Aufhänger für die Kritik nutzt"?, so ein Kommentar. Ein Redakteur antwortet mit einem Hinweis auf das Dilemma: "Befürwortet man ausdrücklich, dass eine Person of Color Ferdinand spielt, oder bereitet man den Mantel des Schweigens darüber, um eine Andersartigkeit nicht erst zu konstruieren? In der Regel ist die zeitliche Abfolge wohl so, dass die Nicht-Thematisierung erst nach einer weitgehend umgesetzten Gleichberechtigung folgen kann."

prinz von homburg2 560 lena obst uSamuel Koch ist in Darmstadt Kleists Prinz von Homburg © Lena Obst

November

Alles beginnt im November. Das Theater Neumarkt in Zürich meldet nach dem ersten Jahr des neuen Direktoriums von Peter Kastenmüller einen brachialen Rückgang der Besucherzahlen. Daraufhin fordert der Kulturchef des Zürcher Tages-Anzeigers weniger Geld für die festen Häuser und einen Dauer-Wettbewerb der freien Gruppen um das frei gewordene Geld. Die Zürcher Theaterszene versteht diese Intervention, die von der rechten Weltwoche gestützt wird, als Kampfansage mit dem Ziel, das Neumarkt-Theater zu schließen. "Hände weg vom Neumarkt", ruft der Schweizerische Theaterverband genauso wie die freie Szene und das Schauspielhaus Zürich. Nur einer widerspricht: Samuel Schwarz, Kopf der freien Gruppe 400asa, bemerkt, nur weil es die "Weltwoche" sei, die den Theatermachern vorhalte, "dass jedes Neumarkt-Ticket mit 400 Franken subventioniert ist, sind diese Zahlen noch lange nicht unwahr". Schwarz sieht die Theater generell in einer Legitimationskrise, weil es seit dem Rauswurf Christoph Marthalers aus dem Schauspielhaus Zürich keinen Mut mehr habe, Subversion gegen die neoliberalen Machthaber zu betreiben, weil sie zwar "antikapitalistische Lieder" trällerten, aber die Künstler selbst den "knallharten Gesetzen des Dschungelcamps" unterwürfen. Die fehlende "Selbstbestimmung der Künstler" sei auch ein Grund für die Zuschauerkrise.

Schwarz' Thesen lösen eine heftige Kontroverse aus. Ihm wird vorgeworfen, er spiele sich notorisch als Sprecher der Freien Szene auf, meine jedoch immer nur die eigenen Interessen. Schwarz lässt sich nicht beirren und fordert eine neue Ausrichtung auch für das Neumarkt: mehr "Kunst" und "Politik", Eine "progressiv-linke Ausrichtung, NEUMARX", woraufhin ihm "Hetzkampagnen" gegen Andersmeinende vorgeworfen werden. Die nachtkritik.de-Redaktion versteht nicht, wie einer "Hetzkampagnen" lancieren könne, der, anders als seine Kritiker, unter Klarnamen schreibt. Die Antwort: "Kommen Sie mal nach Zürich, dann verstehen Sie was wir meinen", bleibt so vage wie die anderen Vorwürfe gegen Schwarz. Michel Schröder von der Roten Fabrik unterstützt Schwarz. Der habe recht, wenn er fordere, "die traditionellen Förder- und Subventionsstrukturen zu hinterfragen". Die freie Szene brauche "Reformen und mehr Geld", um weiterhin als "kraftvolle Forschungsabteilung" fürs Stadttheater zu wirken. Auch die Zürcher Kulturpolitik werde um Veränderungen nicht herum kommen.

Eine Meldung zu den Ausschreibungskriterien für den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2015 lässt die Wogen hochschlagen. "Die Intendanz Oberender hat sich von Anfang an gegen die Arbeit der Theaterautoren ausgesprochen", kritisiert Kingolf Lück den Kurs des Stückemarkts unter Festspielleiter Thomas Oberender und Theatertreffen-Chefin Yvonne Büdenhölzer, die seit 2012 neuen Schreibformen aus dem Regie- und Performancetheater größeren Platz einräumen. Zahllose Kommentator*innen schließen sich der Kritik an. Die nachtkritik.de-Redaktion muss derweil dem Vorwurf begegnen, ihre Meldung sei manipulativ und meinungsmachend: "So wird die Ausschreibung von vornherein als 'Einknicken vor der Kritik' und 'Schritt zurück' klassifiziert. Dass sie aber auch als weiterer Schritt eines mehrjährigen Reformprozesses gelesen werden kann, bleibt dabei – zumindest von Seiten der Redaktion – außen vor", moniert Jonathan und erhält Antwort vom verantwortlichen Redakteur.


Dezember

Eine frische Inszenierung vom neuen Leipziger Intendanten Enrico Lübbe (Zeiten des Aufruhrs) und sogleich kochen die Emotionen ums Haus hoch: Befürworter sehen einen ruhigen, "ganz auf die Schauspieler, ganz aufs Zuhören" angelegten Abend. Gegner winken ab: "ein Hörbuch. Ohne Fantasie und künstlerische Ideen!" Man kennt diese Streits aus Leipzig (wo zuvor Sebastian Hartmann die Theatergänger*innen polarisierte). Sie wirken bisweilen verbissen, aber sie sind doch auch Ausdruck eines lebendigen, lebhaften Ringens um die Ausrichtung der städtischen Bühne. Denn wo die Theatergänger streiten mögen, da pulsiert ein Haus, da behauptet es sich in den täglichen Relevanzkämpfen. Ob in Greifswald, Köln, Rostock oder eben Leipzig. Auch das Theater des Jahres 2014, das Berliner Maxim Gorki Theater, zog auf nachtkritik.de zahlreiche Debatten an, zeigt sich auch abseits der Bretter als vielstimmig reflektierendes und reflektiertes Haus.

So sind die Vibrationen im Web 2.0 ein Beweis von Frische, von Vitalität und Streitbarkeit: Theater in Zeiten des Aufruhrs. Allen ein lebhaftes, gutes Theater und kontroverse Theaterkultur für 2015!