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"Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird gekämpft"

von Joseph Hanimann

Paris, 15. März 2021. Mit ihrem Sinn fürs Absurde hätte die von Paris nun auf andere französische Regionen ausgreifende Besetzung von Theatern einen vorzüglichen Stoff für ein Stück von Eugène Ionesco abgeben können. Wenn Schauspieler und Bühnentechniker mit ihrem bloßen Dasein und Herumstehen den Betrieb von Häusern lahmlegen wollen, der aufgrund einer sturen Covid-Politik der Regierung seit über vier Monaten ohnehin praktisch lahmliegt – ist das dann potenzierte Lähmung oder gesteigerter Aktivismus? Von großer Aktion ist auf dem Platz vor dem Pariser Théâtre de l'Odéon in diesen Tagen wenig zu sehen. Die Eingangsgitter sind geschlossen, davor stehen ein paar Schaulustige, dahinter ein paar von den Besetzenden. Will man wissen, worum es ihnen genau geht, muss man sich mit ihnen durch die Gitterstäbe unterhalten wie in einem Gefängnis. Wer hier festsitzt, die Besetzer drinnen oder das von den Sälen ausgeschlossene Publikum draußen, ist die Frage.

Hinter Gitterstäben

Präzise Forderungen hätten sie eigentlich keine, sagt Rébecca Dereims, Schauspielerin und Mitglied der der kommunistischen Partei nahestehenden Gewerkschaft CGT, zwischen den Gitterstäben hindurch. Sie war bei der Besetzung des Odéon von Anfang an dabei. Es gehe vor allem darum, auf die Regierung Druck auszuüben, damit sie nicht nur die großen Häuser irgendwann wieder öffnet und die prominenten Sommerfestivals rettet, sondern auch an die zahlreichen freien Künstler und Bühnentechniker denke, die nach nunmehr einem Jahr Arbeitspause allein nicht mehr auf die Beine kämen. Und darüber hinaus wolle man mit der Theaterbesetzung auch den Kampf gegen Macrons allgemeine Rentenreform fortführen, die durch die Covid-Krise ins Stocken, nicht aber zu Fall gekommen ist.

News Bilder des Tages Paris, France March 5, 2021 - General assembly in front of the Odeon theater following its occupation by the CGT spectacle union. The occupants are calling for the reopening of cultural places, one year after the closure of performance halls, concert halls and cinemas to fight the spread of COVID19 NEWS, THEATRE DE L ODEON, MONDE DE LA CULTURE, REOUVERTURE, SECTEUR CULTUREL, RESTRICTIONS SANITAIRES, OCCUPATION, THEATRE DE L EUROPE, CGT SPECTACLE, LIEUX CULTURELS, MOBILISATION, INTERMITTENTS DU SPECTACLE, ANNEE BLANCHE, CHOMAGE, SANS ACTIVITE, PUBLICATIONxNOTxINxFRA Copyright: xVincentxIsorexParis, 5. März 2021. Das besetzte  Théâtre de l'Odéon  © Vincent Isore via www.imago-images.de

Dass mit so vagen Forderungen der Funke des Protests von Paris auf mittlerweile zwei Dutzend andere Städte überspringen konnte, mag verwundern. Es zeigt aber, wie weit der Frust und mitunter die Verzweiflung in der französischen Theaterszene über das Ausharren ohne jede Perspektive gediehen ist. Entscheidend für die Ausweitung des Protests ist indessen wohl auch die Symbolik des Orts, an dem in den ersten Märztagen alles begann. Das Odéon, 1966 von Rechtsextremisten aus Protest gegen Roger Blins Inszenierung von Jean Genets Stück "Die Wände" gestürmt und 1968 dann von den protestierenden Studenten besetzt, hat im französischen Theatergedächtnis nicht seinesgleichen in Sachen politische Ausstrahlung. Besetzungsaktionen anderer Theater und Konzerthäuser der vergangenen Wochen wie unlängst in der Pariser Philharmonie sind wegen mangelnder Resonanz jeweils schnell wieder ausgesetzt worden. Am Odéon hingegen fand sich die Kulturministerin Roselyne Bachelot schon nach wenigen Tagen zum Gespräch mit den Protestierenden ein. Allerdings nannte sie danach die Theaterbesetzungen "nutzlos" und "gefährlich".

Ringen um Theateröffnungen

Die Theaterleiter zeigen sich mit den Aktionen im Prinzip solidarisch, sorgen sich aber auch wegen des gestörten Arbeitsklimas in ihren Häusern. In dem von Stéphane Braunschweigs geführten Odéon werden die Besetzer nach ihren eigenen Worten eher geduldet als unterstützt, "friedliche Koexistenz" nennen sie es. Die Proben für Christophe Honorés neues Stück "Le Ciel de Nantes", das in diesen Tagen im Odéon eigentlich hätte herauskommen sollen, sind im Hinblick auf eine eventuelle Öffnung in den kommenden Wochen in vollem Gang. Doch werden die probenden und die protestierenden Künstler offenbar nicht recht warm miteinander. Jeder hat seine eigenen Prioritäten. Am 25. März wollen die französischen Theaterleiter sich im Pariser Théâtre du Rond-Point zu einer Absprache über ein gemeinsames Vorgehen zusammenfinden. Sie verlangen einen klaren Zeitplan der Wiedereröffnung mit unterschiedlichen Optionen je nach Verlauf der Pandemie. Der Nationalverband der Kunst- und Kulturveranstalter SYNDEAC beklagt, auf den zu Beginn des Jahres der Regierung vorgelegten Maßnahmenvorschlag zur Öffnung der Häuser bis heute keine Antwort bekommen zu haben.

Von einer zu Beginn des Jahres in Aussicht gestellten sukzessiven Wiederöffnung nach Sparten, angefangen mit den Museen, ist die Kulturministerin nun abgerückt und bevorzugt das Modell "alle gleichzeitig", mit jeweils spezifischen Vorsichtsregeln. Zeitfenster: im Lauf des nächsten Trimesters, lässt sie verlauten. Trotz ihres unermüdlichen Einsatzes und ihres heiteren Naturells, mit dem sie das Milieu bei Laune zu halten versucht, trägt ihre Stimme im Regierungskabinett offensichtlich nicht sehr weit. Faktisch stehen die Zeichen ungünstig. Die Ansteckungsquoten steigen in mehreren Regionen wieder, darunter auch in Paris. Landesweit gilt nach wie vor ab 18 Uhr die Ausgangssperre. Wie sollen die Theater da spielen können? Zumindest für die Schulklassen tagsüber, fordert der Kulturveranstalterverband, auch wenn das ökonomisch nichts bringe, nur um endlich wieder vor Publikum auftreten zu können. Doch auch davon will die Regierung einstweilen nichts wissen. Dennoch kündigte Frau Bachelot am 11. März stolz zumindest ein Sonderhilfsprogramm von 20 Millionen Euro zusätzlich zu den anfangs des Jahres schon beschlossenen 30 Millionen speziell für junge Schauspieler und Künstler an, deren Berufseinstieg in der Ödnis des Krisenjahrs sich verlaufen hat.

Diffizile Arbeitsplatzregelungen

In den Mittelpunkt rückt bei der Auseinandersetzung immer wieder das französische Sondersozialmodell der "Intermittents" für Mitwirkende der Theater-, Tanz- und Musikveranstaltungen sowie des Kinos. Mindestens 507 Arbeitsstunden müssen in den jeweils zehn zurückliegenden Monaten nachgewiesen werden, um ein Anrecht auf Arbeitslosengeld zu bekommen. Da seit einem Jahr im Kultursektor so gut wie nichts lief, wurde der Zähler ausgesetzt und für alle Bezüger bis Ende August 2021 ein Freijahr eingeschaltet. Musiker, Schauspieler und Techniker verlangen nun eine Verlängerung dieser Frist. Die Ministerin hat eine Expertenkommission zur Prüfung dieser Frage eingesetzt und verspricht zugleich, in Notfällen auch Künstlerinnen und Künstler, die kein Anrecht auf den Intermittent-Status hätten, in den Genuss von Mutterschaftsgeld, Kranken oder sonstiger Sozialhilfe kommen zu lassen.

Die Theaterbesetzungen quer durch Frankreich erscheinen jedoch zu unterschiedlich motiviert, als dass daraus eine massive Bewegung in Gang kommen könnte. Waren es am Pariser Théâtre National de la Colline oder am Theater von Limoges vor allem Schauspielschüler, die sich spontan in den Räumlichkeiten breitmachten, so liegen die Aktionen am Théâtre du Nord in Lille, am Opernhaus von Rennes oder am Théâtre National Populaire in Villeurbanne fest im Griff der Gewerkschaft CGT. Sie veranstaltet tägliche Debattenrunden vor den geschlossenen Theatertoren. "Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird gekämpft", war in diesen Tagen vor dem Théâtre de la Cité in Toulouse zu lesen. Auf die Frage, worum gekämpft werde, bekommt man unterschiedliche Antworten. Um möglichst bald wieder spielen zu dürfen, sagen die einen. Um bessere Bedingungen fürs Spielen zu bekommen, antworten andere. Und will man vor dem Pariser Odéon wissen, wie viele sie drinnen denn seien, bekommt man gar keine Antwort, nur die Bemerkung, das brauche niemand zu wissen, und schon gar nicht die Polizei. Was zeigt, dass hinter den geschlossenen Toren sehr unterschiedliche Stücke gespielt werden.


Hanimann Joseph cEnguerrand hfJoseph Hanimann ist Essayist und Kritiker in Paris, seit 1986 Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, danach für die Süddeutsche Zeitung. 2011 gewann er den Berliner Preis für Literaturkritik.