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Friedrich Schirmer – Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2008, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Welches – Theatererlebnis? 2008? Spontan fallen mir zwei ein, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Der Weibsteufel von Karl Schönherr in der Inszenierung Martin Kušejs am Wiener Akademietheater ist das eine. Man weiß gar nicht, wo anfangen. Bei der großen Musikalität des Abends, seinem Rhythmus, seiner Dynamik? Bei dem luziden Spiel der Darsteller, die dem Reißer Schönherrs eine Art Metaphysik des Begehrens einverleiben? Ein seltenes Ereignis: die analytische Kraft des Regisseurs und ihre physische Beglaubigung durch die Schauspieler verschmelzen zu einem Theater mit einer ganz besonderen Wahrhaftigkeit.

Das andere Theatererlebnis ist, an unserem Haus, die Inszenierung Volker Löschs von Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? nach Peter Weiss' "Marat/Sade". Eine Form von Wahrhaftigkeit ganz anderer Art: die Verwandlung eines Kunstwerks von 1964 in ein Stück Wirklichkeit des Jahres 2008. Aus dem Stilmittel "Laienchor" wird eine Sonde zur Erforschung der gesellschaftlichen Wirklichkeit Hamburgs, deren Wirkung und emotionaler Kraft sich kein Zuschauer entziehen kann – und die wohlhabenden Hamburger bleiben selbst dann dabei, wenn sie ihre Anwälte einschalten.

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