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Tobias Wellemeyer – Theater Magdeburg, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2008, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Andreas Kriegenburg: Das letzte Feuer, Thalia Theater Hamburg

In Andreas Kriegenburgs kongenialer szenischer Installation zu Dea Lohers "Das letzte Feuer" drehen reale Wohnräume, Menschenbehausungen eines Stadtviertels um eine leere, lediglich mechanische Mitte. Der endlos gegen eine solche Zeit- und Daseinsmetapher anlaufende Schauspielerchor verdichtet gedankenmusikalisch kunstvoll und mit tief erschütternder Glaubwürdigkeit die heillosen, nach der eigenen Verantwortung forschenden Selbstberichte der schicksalhaft verbundenen Figuren zu einem Sehnsuchtsrauschen ihrer zerfallenden Gemeinschaft – der Suche nach einem Code, nach einer Formel des Zusammenhalts, nach einem Kern und Sinn des Lebens.

 

Andrea Breth: Verbrechen und Strafe, Salzburger Festspiele

In matten Dämmerungsräumen, geöffnet in nie betretene Fernen, werden glanzlose Leben gelebt, trübe Erinnerungen bewegt, halbbewußte Regungen befolgt. Der Glaube an die glückschaffende Kraft des Menschen glimmt an diesen ausgefrorenen Orten nur noch als eine diffuse Hoffnung auf künftige Erlösung. Sich sein eigenes Stück herausschneiden aus der Fülle, die die Welt doch bereithält (für die anderen zumindest, denn das hat man beobachtet), mitbrennen, bevor das Feuer Leben erlischt. Die Mühen dieser Daseinsarbeit verkrüppeln die Figuren, und sie schlagen immer wieder um in eine gleichsam objektive Komik. Breth, Wonder und ihre Schauspieler übersetzen den Roman in eine Kaskade kafkaesker Rebellionen. Sie beschreiben den Mord und die Übernahme der Schuld als ungeheueren Befreiungsversuch aus dem Geist der Depression, der quälenden Erschöpfung. Doch es geschieht: nichts. Jens Harzers Raskolnikow ist und will nichts besonderes, nichts fremdes oder großartiges. – Er fordert dieses Leben, diese Welt, das ganze Universum heraus, die Existenz ihrer Gesetze zu beweisen, ihre Wirklichkeit zu beglaubigen. Er will nicht viel mehr als jeder Mensch: heim in die Geborgenheit und in den Frieden.

 

Lesen Sie weiter, was Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin) 2008 besonders beeindruckte.