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Das Blau der Gauloises

von Ute Nyssen

4. Februar 2014. Paris im Winter. Im Licht des fortlaufend milden Wetters ist die Stadt überwältigend in ihrer Schönheit. Der Himmel leuchtet in ganz unwirklichen Farben. Ist das echt oder unecht? Fragen, die von außen auch ins Theater wirken. "Ravel", im sympathischen Privattheater Artistic Athévains im 11. Arrondissement, passt zu dem irrealen Licht der Stadt. Vielleicht hat das Blau der Abenddämmerung, die Stunde zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, die Regisseurin Anne-Marie Lazarini und den Ausstatter Francois Cabanat inspiriert, den gesamten Bühnenraum mit allen Lebensrequisiten des Komponisten Maurice Ravel blau anzustreichen. Konkret ist es das Blau einer Packung Gauloises, der Zigaretten, die Ravel bis zu seinem Tode 1937 exzessiv rauchte. Die Inszenierung von Jean Echenoz' gleichnamigem Roman, 2006 erschienen, umkreist die letzten zehn Lebensjahre des Musikers.

Brüchiges Ich

In diesen Jahren reist Ravel durch die ganze Welt. Auf der Bühne nimmt er einfach seinen blauen Koffer und bedient eine Spielzeugeisenbahn. Doch mit dem rauschenden Erfolg beginnt auch seine quälende Schlaflosigkeit. Immer häufiger registriert er "Löcher" im Gedächtnis. Der Dichter Jean Echenoz lässt Ravel von Beginn an ausschließlich als "er" von sich sprechen. Dieses "er" statt "ich" verweist als ein mögliches Indiz von Selbstentfremdung ganz beiläufig auf die Gehirnkrankheit, an der er sterben wird. Aber zugleicht unterstreicht es, dass "sein" Ravel eine von ihm erfundene, irreale Figur ist, die dem echten Ravel seine Fremdheit belässt.

ravel1 marion duhamel Farbe der Sehnsucht: Blau. "Ravel" am
Artistic Athévain © Marion Duhamel
Der Schauspieler Michel Ouimet bekommt es mit disziplinierter Nervosität, sparsamen Gesten, fast unbeweglichem Gesicht wunderbar hin, sowohl die Einsamkeit als auch die Eleganz Ravels auszudrücken. Er ist mager, sehr bleich geschminkt, und wenn er bei einem Spritzer von Swing am Klavier die Hüften entsprechend bewegt, elektrisiert er als Tänzer. Ebenso gekonnt agieren als Verwandlungskünstler Coco Felgeirolles und Marc Schapiras in zahllosen Figurenskizzen.

Doch ohne den Musiker und vielfach preisgekrönten Jazzpianisten Andy Emler wäre der zauberhafte Abend nicht vorstellbar, der mit dem Prix du Syndicat de la Critique ausgezeichnet wurde. Er spielt seine ganz eigenen, heutigen Kompositionen, nur gelegentlich streift er Ravel, Strawinsky, Debussy. Einmal greift Michel Ouimet ein Thema auf, und singt à capella Ravels "L'enfant et les sortilèges". Ein brüchiger, reizvoller Augenblick. Auch Andy Emler beschwört "seinen" Ravel, wird bejubelt.

Sog ins Vergangene

Obwohl Jean Echenoz das Problem der selten adäquaten Bühnenadaption von Romanen mit einer ganz eigenen, neuen Form gemeistert hat, fehlt etwas. In der schimärischen Schönheit des Abends verweist nichts auf unsere heutige Wirklichkeit. Und das betrifft nicht nur diese Inszenierung. Der Sog des französischen Theaters ins Vergangene scheint derzeit zu überwiegen. Es verfügt über hervorragende Schauspieler und mehr phantasievolle, sensible, zeitbewusste Regisseure denn je. Aber trotz der hoch entwickelten Bühnenmittel ist das, was es produziert, der Inhalt im engeren Sinn (des Texts) oder sehr erweiterten Sinn (popkultureller Remix), zumeist nur die neue Sicht auf etwas Altes.

Äußerlich gesehen findet diese Beobachtung schon in den Spielplänen der drei großen subventionierten Theater-Flaggschiffe ihre Bestätigung. Das Théâtre de l'Odéon, das Théâtre de la Colline setzen weitgehend auf klassisch Solides. Und in der Comédie Francaise wird dieser Hang geradezu parodiert mit einer Ausgrabung: "Psyché", Tragikomödie und Ballett in fünf Akten aus dem Jahr 1671, ein gemeinsamer, früher Schnellschuss von Molière und Corneille. Diese Wahl verstärkt noch den Eindruck der Altbackenheit des Gesamtprogramms. Denn wen um Gottes willen soll die Intrige der eifersüchtigen Göttin Venus gegen die Sterbliche Psyche noch interessieren? Leider produzierte die bemühte Regie von Véronique Vella trotz einiger gelungener Bilder inhaltlich rein gar nix. So bleibt es beim Genuss des immer von neuem imponierend schönen Theaterraums.

Versöhnung der Künste

Mit heiterer Schönheit (und Tod) lockt auch ein von der Pariser Presse gefeierter Abend im Théâtre Bouffes du Nord, das seit 2010 gleichermaßen Musik und Schauspiel dient: "Le crocodile trompeur (Das betrügerische Krokodil) / Dido et Énée", ein Hybrid aus Theater und Oper, nach Henry Purcell und anderem Material, das im Juni 2014 auch bei den KunstFestSpielen in Hannover gastieren wird. Vor einer Plane hält ein junger Mann im Smoking einen Vortrag über die Harmonie der Sphären; weniger, um philosophisch oder gar musikwissenschaftlich in den Abend einzuführen, als um mit Lust am Nonsens auf dessen Stil, dessen Aufbau zu verweisen.

Die jungen Regisseure Samule Achache und Jeanne Candel sind beide Schauspieler. Achache arbeitete unter anderem bei der Truppe d'ores et déjà von Sylvain Creuzevault, und Candel, die auch tanzt, bei Arpàd Schilling. Mit dem auf Anhieb erfolgreichen Collectif la vie brève gründete sie ihre eigene Compagnie. Beiden geht es um Improvisation, sowie den Wechsel zwischen den verschiedenen Sparten der darstellenden Kunst. Beim "Crocodile trompeur" besteht ihre Truppe denn auch vorwiegend aus Musikern und nur wenigen Schauspielern, aber das lässt sich in der Aufführung kaum auseinanderhalten. Denn alle spielen Theater, und singen einzeln und im Chor.

lecrocodiletrompeur 560 victor tonelli x"Le Crocodile Trompeur" © Victor Tonelli

Die im Smoking beherrschen vom Kontrabass bis zum Fagott höchst virtuos Purcells Instrumentarium, geben sich klassisch gekleidet, kommen aber aus der Jazzszene – und an manchen emotionalen Stellen wird ein zorniges Schlagzeugsolo eingelegt. Die Schauspielerin im glänzend grünen langen Kleid, Judith Chemla als Dido, spricht erst gar nicht, sondern singt nur ihre Lyrics, so klar wie die Nachtigall im Tal.

Einem Fake aufgesessen

Die Regisseure haben Purcells Story sehr genau untersucht, und wenn sie uns viel Abakadabra vormachen, so sind sie nah dran an der zutiefst höhnischen Tragödie. Der Vorhang geht auf, die Trümmer der Stadt rauchen noch. Dido, die Königin von Karthago, hat sich in den aus Troja eingewanderten Aeneas verliebt, er sich in sie. Doch er steht unter Druck. Eigentlich soll er im Auftrag Jupiters in Italien Rom gründen. Diesen Befehl nutzen heimtückisch drei Hexen im Smoking, die Dido und Karthago übel wollen. Als Mogelpackungen von Jupiter und Merkur reiben sie Aeneas seine Berufung unter die Nase. Er ist hin und her gerissen. Doch Dido sieht nur die falschen Krokodilstränen statt der echten, schickt ihn fort und stirbt an gebrochenem Herzen.

Die Regie öffnet mit dem Wechsel von Unterbruch und Rückkehr zur Handlung die Augen für den Kern der Geschichte. Dass nämlich Aeneas einem Fake aufsaß und sich damit zugleich selbst betrog. Das Bühnengeschehen spiegelt diesen Aufklärungsversuch mit den Mitteln des desillusionierenden Theaters gegenüber der Oper, in Einlagen à la Marthaler, sowie in der Choreographie. Alle Mitwirkenden bilden immer wieder einen Kreis, streben auseinander, finden wieder zurück zu einer Art Gesamtkörper.

Ein aufregender Abend, bemerkenswert im Timing der Stimmungswechsel, auf beglückende Weise der Liebe huldigend – und das lässt sich als eine spezifisch französische Qualität ansehen, immer noch, Krise hin, Krise her. Wir in unserem Jammertal Gegenwart allerdings kommen auch hier nur im allerweitesten Sinne vor. Aber nicht allein mit seiner Schönheit, sondern ebenso mit seinem Witz lässt sich dieses Theater auch als Gegenentwurf und Form des Widerstands begreifen.

Und dann "Township Stories"

Jedenfalls war der Eindruck nachhaltiger als die Bemühung zweier Inszenierungen mit heutigen Texten im Théâtre du Rond Point: "Perplexe" von Marius von Mayenburg in der Regie von Frédéric Bélier-Garcia und "Elisabeth ou l'équité" (Elisabeth und die (soziale) Gerechtigkeit) von Eric Reinhardt in der Regie von Frédéric Fisbach. Trotz guter Schauspieler sollen sie hier nur Erwähnung finden, um zu zeigen, dass auch Gegenwartsdramatik auf den Pariser Bühnen läuft. Aber neues Leben bringen beide Stücke nur wenig in die Bude. Das gelingt schon eher mit Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" am Théâtre de l'Odéon in der Regie von Jean Bellorini. Mit seiner Compagnie Air de Lune aus Toulouse breitet sich ein erfrischend südliches Temperament aus; dem Stück gewinnt Bellorini mit der Herausarbeitung des Muttermotivs bei Shen Te neue Aspekte ab.

Der Beweis von der Notwendigkeit und nicht allein der Schönheit eines heutigen Theaters – inhaltlich, künstlerisch, dramaturgisch, soziologisch – blieb einem Gastspiel aus Südafrika vorbehalten, Mpumelelo Paul Grootbooms "Township Stories" im Théâtre de la Villette des 19. Arrondissements. Verantwortlich zeichnete das Festival d'Automne, dessen globales Angebot, in allen Sparten hervorragend kuratiert, seit über 40 Jahren den Pariser Herbst vergoldet. 2013 lag der Schwerpunkt bei Südafrika, der Tod Nelson Mandelas trug zur Aktualität bei.

Folgen der Apartheid

Es ist das zweite Theaterstück des südafrikanischen Autors und Regisseurs Grootboom, das er bereits 2006 schrieb. Vor seiner Arbeitswut und der daraus resultierenden schwindelerregenden Masse von Theater- und Fernsehtexten kann man nur den Hut ziehen. Erst recht vor der Qualität seiner Inszenierungen.

In einem Interview in Libération vom 17. Dezember 2013 erinnerte Grootboom daran, dass die Townships "unter politischen Gesichtspunkten errichtet wurden; um die Schwarzen zu erniedrigen, und ihnen jede Hoffnung auf Fortschritt zu nehmen". Angesichts der heutigen Verhältnisse dort, mit ausufernder Arbeitslosigkeit, Kriminaliät, Alkoholismus, ist die Erfindung der Townships, wie Grootboom sarkastisch fortfährt, "das am tiefsten nachwirkende Erfolgsergebnis des Apartheid Regimes". 

Niemand jedoch hätte sich vor 20 Jahren ausmalen können, dass eine Truppe von zwölf grandiosen afrikanischen Schauspielern und ihr Autor die Gegenwart so erschreckend wie mitreißend auf die Bühne bringt. Und man fragt sich, ob das Stück wohl je von weißen Schauspielern nachgespielt werden wird.

Der Sohn des Kommissars

Der Abend beginnt mit dem Fund der Leiche eines jungen Mädchens. Grootboom lädt das Krimischema der polizeilichen Ermittlung von Beginn an vielfach auf, denn gesucht wird nicht nur nach einem Mörder, sondern nach den Motiven eines Serienmörders und schließlich nach dessen Werdegang. Die Untersuchungsmethoden des bulligen Kommissars sprechen Bände über das vorherrschende Rechtsempfinden. Einem Beschuldigten versengt er schon mal mit einem Feuerzeug zur Erpressung eines Geständnisses die Hoden.

townshipstories 560 x"Township Stories" © Théâtre de la Villette

Mit ihm wird das Klischee vom blindwütigen King Kong aufgebaut. Doch dann sehen wir ihn in der Rückblende. In glücklichen Zeiten. Zärtlich mit seiner Frau und dem kleinen Sohn. Sie stirbt, er erträgt es nicht, vergeht sich zum Ersatz sexuell am eigenen Sohn, ihre Engelserscheinung vor Augen. Der Sohn, Klassenbester, wehrt sich, vergeblich. Aber er schöpft Hoffnung in der Liebe, bis sich zwischen ihn und das junge Mädchen deren Mutter schiebt. Unter dem Vorwand, dessen Unschuld retten zu wollen, drängt sie sich mit eigenen sexuellen Interessen auf. Er "nimmt" sie, aber sie wird sein erstes Racheopfer. Andere Sexualmorde folgen. Der Betrachter ist konfrontiert mit Zwängen und Qualen von antiker Vehemenz. Abgebaut und denunziert aber werden die Township-Klischees, nicht die Figuren.

Besondere Körperlichkeit

Grootboom ist ein unerbittlicher Analytiker, doch alles, was er sichtbar macht, ist bloß die Spitze des Eisbergs. Sicher setzt er die Kunstmittel sowohl der Pop- als auch der Hochkultur ein. Manches spielt sich stumm ab, die sprachliche Formulierung übernimmt ein Song. Ein weiteres zentrales Demonstrationsmittel von Empfindung beruht auf dem provozierenden Einsatz aller Körperteile, vor allem der Frauen, die in einem äußerst disziplinierten Bewegungsspiel, kein Tanz, ihre Lockarbeit ausüben. Immer mit V-Effekt – hier zu verstehen als physische Distanzierung vom Körperausdruck.

Die Strenge und Genauigkeit der Aufführung schafft einen extrem reizvollen Kontrast zur wüsten Handlung, beispielhaft in der Schlussszene. Der geschändete Sohn zieht ruhig seine Plastikhandschuhe an, dann packt und vergewaltigt er seine neueste Beute, um sie unter abgezirkelten Stößen schließlich zu erwürgen. In einem kalten, wohlkalkulierten Orgasmus. Man schwankt zwischen echter Angst und Bewunderung für die darstellerische Leistung. Die Schauspieler mischen sich während der Vorstellung auch ins Publikum und am Ende spenden sie den gleichen Applaus. Wir waren auch gemeint mit diesem Theater von und für Zeitgenossen. 

 

Ute Nyssen
Dr. phil., Bühnenverlegerin, mit Jürgen Bansemer Gründung eines eigenen Theaterverlags. Herausgeberin mehrerer Buchausgaben, u.a. mit Stücken von W. Bauer, E. Jelinek, B. Behan, Th. Jonigk. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Rundfunk.