Die Pläne des in Berlin abwesenden Herrn Lilienthal

5. Januar 2014. Matthias Lilienthal und Chris Dercon reisen auf Arte TV eine knappe Stunde lang durch die Londoner Nacht. Der designierte Boss der Münchner Kammerspiele und ehemalige Chefdramaturg der Volksbühne Ost unter Frank Castorf schätzt den früheren Chef des Münchner Haus der Kunst und jetzigen Hausmeier der Tate Modern in London außerordentlich. Der tote Christoph Schlingensief ist ein gemeinsamer Orientierungsmensch, die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Kapital ein gemeinsames Thema.

 

19. März 2015. In der Zeit erscheint ein Gespräch mit Frank Castorf. Der Chef der Volksbühne Ost spricht davon, dass die Berliner Kulturpolitik seinen Abschied wünsche, er dagegen wäre gerne noch länger, am liebsten lebenslang, an der Volksbühne geblieben. Am 31. März meldet nachtkritik.de, dass der Berliner Senat den Vertrag mit Castorf bis 2017 verlängert hat. Dann soll Schluss sein.

 

20. März 2015. Im Fernsehsender 3sat bestätigt der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, dass Frank Castorf 2017 die Intendanz der Volksbühne abgeben soll. Umgehend beginnt die Nachfolgediskussion.


26. März 2015. Der Berliner Tagesspiegel verrät, dass der Leiter der Tate Modern in London, der Belgier Chris Dercon, als Castorfs Nachfolger im Gespräch sei, "kein Intendant, ein Kurator". "Was sich hier ankündigt, ist eine Neuordnung der Theaterlandschaft."


27. März 2015. Was, bittschön, solle der zweifellos brillante Chris Dercon mit einem Theater, fragt Die Welt. Kuratoren gebe es in Berlin längst im Überangebot. "Warum nicht endlich den Mut zum Tanzhaus haben?" Und die Berliner Zeitung sähe die Diskussion gern grundsätzlicher geführt: "Wie wäre es, über die Zukunft des Theaters, über den Spagat von Weiterentwicklung und Bewahrung, ausnahmsweise nicht anhand von Personalfragen zu diskutieren, nicht in bloßen Karriere- und Machtkategorien?"

 

31. März 2015. Die Süddeutschen Zeitung schreibt: "Die Entscheidung für Dercon wäre ein wagemutiger Coup". Unter dem aus der bildenden Kunst kommenden Kurator könne die Volksbühne ein Labor bleiben, das die Grenzen der Künste testet. Mit etwas Glück könnte der Neubeginn an der Volksbühne "an die Suchbewegungen und Ästhetik" des Castorf-Theaters "der letzten Jahrzehnte anknüpfen". nachtkritik.de meldet, dass der Berliner Senat den Vertrag mit Castorf nur bis 2017 verlängert.

 

1. April 2015. Auftritt Claus Peymann. In einem Offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller nennt Peymann den Kulturstaatssekretär Tim Renner "die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts". Chris Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf zu machen, sei grundfalsch. Man müsse sich der besonderen Geschichte des Hauses bewusst sein. "Vernetzten Blödsinn gibt es schon genug".

 

2. April 2015. Einen Tag später kontert Tim Renner in einem Interview mit dem Berliner Sender Radio Eins. Peymann sei nicht mehr der Jüngste. Man müsse Verständnis haben, der Mann sei wütend, weil auch sein Vertrag am Berliner Ensemble 2017 auslaufen solle.

Kritik an Renners Plänen zu einem "Weiterdenken" der Konzeption der Volksbühne kommt von der Bundesregierung. Monika Grütters' Sprecher Hagen Philipp Wolf warnt vor Doppelstrukturen bei den Berliner Kultureinrichtungen: "Außerhalb von Berlin könnte dann die berechtigte Frage entstehen, ob das hohe (finanzielle) Engagement des Bundes noch vertretbar ist."

 

4. April 2015. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nimmt Chris Dercon Stellung zu den Gerüchten, dass er Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne werden solle. Er habe auch in London noch "jede Menge zu tun". Aber es sei "gut, viele Zukunftsoptionen zu haben. Berlin ist eine davon."

 

9. April 2015. In einem Gespräch mit der Zeit fragt Claus Peymann, was den netten Herrn Dercon für die Leitung eines Theaters qualifiziere? "Gar nichts." Niemand käme in England auf die Idee, dem Direktor der New Tate ein Theater anzutragen. Tim Renner wisse vom Theater nichts, er habe "keinerlei Geschichtsbewusstsein, keinen Hintergrund".

 

10. April 2015. In der Welt kontert Ulf Poschardt Peymanns Forderung "Der Renner muss weg", indem er sie umkehrt: "Der Peymann muss weg". Castorf und Peymann seien in Berlin "seit Jahrzehnten in Amt und gut bezahlten Würden. Ihnen zu Füßen liegen Journalisten, die jene oft verödete Theaterlandschaft in ihrem Sosein als ihren intellektuellen Referenzboden verstehen".

Tim Renner, schreibt Der Tagesspiegel, müsse sich als Quereinsteiger erst einmal street credibility in der Hochkultur erwerben. Er presche mit seinen Volksbühnenplänen vor, statt erst einmal mit dem Bund, dem Geldgeber der Berliner Kultur, darüber zu reden. Viel wichtiger wären andere Vorhaben. Der gesamte Bereich Tanz und Performance müsse in Berlin neu geordnet werden.

Die Berliner Zeitung fragt, ob Tim Renner überhaupt begreife, womit er es beim Gesamtgroßkunstwerk Volksbühne zu tun habe. Für Chris Dercon sei die Volksbühne "der falsche Ort". Gerüchteweise wolle Dercon den Tanz stark machen, aber für den Tanz brauche Berlin "ein finanziell besser ausgestattetes Tanzfestival" und feste Ensembles, nicht jedoch "mehr große Gastspielorte".

 

13. April 2015. Die Berliner Morgenpost sagt voraus, weil Tim Renner "auf Führungsteams" setze, würden Ende April wohl mehrere Namen als Castorfs NachfolgerInnen genannt.

Zeit Online begrüßt die Aussicht, Chris Dercon könne etwas werden in Berlin. Dort führten unangreifbare Künstlerfürsten Selbstgespräche auf der Bühne, während draußen vor der Tür der Kapitalismus in Rekordtempo ihre Stadt umkrempele. "Die Gegenwartskunst verhandele das "Nebeneinander der Weltanschauungen, der Kunstbegriffe, die Ambivalenz der Bedeutungsangebote und Selbsterzählungen" sehr viel "klüger und selbstverständlicher" als das "anti-bürgerlich-bürgerliche Theater" in Deutschland.

 

14. April 2015. Die taz beobachtet den Auftritt von Kulturstaatssekretär Tim Renner vor dem Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Er plane "kein weiteres Festspielhaus", sondern "ein Haus, das vom Experiment lebt". Er wolle außerdem das "Ensemble wieder groß machen".

 

15. April 2015. Der Tagesspiegel sieht im Gorki Theater, der Schaubühne von Thomas Ostermeier oder dem Staatsschauspiel Dresden "prägende neue Bühnen", die von "der Vitalität des Ensembleprinzips" zeugten. Mit einer Aneinanderreihung eingekaufter und fremd produzierter einzelner Events sei mehr nachhaltige Profilierung schwerlich zu erreichen.


16. April 2014. Die Süddeutsche Zeitung findet, dass der Museumsmann Dercon an der Spitze eines der größten deutschen Theater nur sinnvoll sei, wenn die Volksbühne kein Theater bleiben solle. Es käme einem "Paradigmenwechsel" gleich, wenn "ein experimentierfreudiges Sprechtheater zu einem Ort für alles Mögliche" gemacht würde. Das "neoliberale Modell eines von einem Kurator mit Einzelprojekten bespielten Angebots" habe Matthias Lilienthal mit dem HAU geschaffen. Es wäre sinnnvoller, die vorhandenen Strukturen besser auszustatten, als neue zu schaffen.

In der Zeit meldet sich der viel gescholtene Tim Renner zu Wort. Warum werde in einem Neuanfang so gerne das Risiko und so selten die Chance gesehen?, zumal in der Volksbühne "die von Peymann und Chor so gefürchtete Verschränkung der Künste" seit Langem stattfinde. Die Volksbühne brauche eine "Identität", die sich "klar unterscheide". Er wünscht sie sich als "Labor Europas". Hier solle "spartenübergreifend gearbeitet" und die "zentralen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen verhandelt werden."

Auf Deutschlandradio Kultur findet der künftige Intendant der Kammerspiele in München Matthias Lilienthal Chris Dercon "als Person total lustig". Dercon verfüge auch über ein "umfangreiches Telefonbuch". Die Durchmischung von Bildender Kunstwelt und Theaterwelt wäre ein "super Projekt", das Berlin nur gut tun könne.

Für Arte sind Ex-Volksbühnen-Mastermind Matthias Lilienthal und Tate-Chef Chris Dercon übrigens schon einmal gemeinsam durch die Nacht gecruist:

 

 

17. April 2015. Auf der Seite von Deutschlandradio Kultur schreibt der Autor Tobi Müller etwas verklausuliert, ein großes Haus mit der entsprechenden Ausstattung sollte der Freien Szene zur Verfügung gestellt werden.

Die Süddeutsche Zeitung versteht nicht, warum die Theater sich so klein machten. "Schneller, beweglicher, eingriffsfreudiger" als die Theater sei "derzeit keine andere Kunstform. Die "Struktur" des "Ensemble- und Repertoiretheaters" ermögliche diese Flexibilität und ermögliche "Identität". Fahrlässig würde mit der Option Dercon "die einzigartige Struktur des deutschen Theaters" aufs Spiel gesetzt, die "Möglichkeit, überhaupt etwas so künstlerisch Epochales wie die Castorf-Ära an der Volksbühne zu erschaffen".

Volksbühnen-Miterfinder Bert Neumann erzählt im Berliner Tagesspiegel, dass er den Beruf des Kuratoren merkwürdig fände, weil die dem Publikum sagten, was es gut finden solle. Die Kuratoren seien die Fortsetzung des Programmheftes mit anderen Mitteln. Außerdem könne sich "die Politik" die Hoffnung abschminken, irgendeiner der jetzigen Volksbühnen-Künstler würde unter einem anderen Chef als Castorf noch an diesem Haus arbeiten.

 

19. April 2015. Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner deutet in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an, dass er eine Kollektiv-Leitung berufen werde und dementiert, dass er das Ensemble auflösen wolle. Die Personalie Dercon dementiert er nicht.

 

20. Mai 2015. Am Ende ihrer Theaterreise gibt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters der Berliner Zeitung zu Protokoll, Berlin möge doch bitte keine neuen kulturellen "Parallelangebote schaffen", zusätzlich zu denen, die der Bund in der Stadt betreibt. In den Regionen, die um die Existenz ihrer Theater kämpfen, sei die "Berliner Haltung" nicht vermittelbar.

Joachim Lux, Ulrich Khuon und Martin Kušej veröffentlichen einen Offenen Brief an den Berliner Staatssekretär für Kultur Tim Renner. Die Intendanten des Thalia Theaters Hamburg, des Deutschen Theaters Berlin sowie des Residenztheaters München protestieren gegen die geplante Umwidmung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zum "Produktionshaus". Die Volksbühne sei kein "maroder Sauhaufen", sondern eines "der besten Theater Deutschlands". Es gebe gar keinen Handlungsbedarf.

Die Berliner Zeitung merkt an, dass die bestehende Volksbühne bereits die "kühnsten Vorschwebungen von Tim Renner in konkrete Fantasien verwandelt und spielend verwirklicht, verworfen oder überboten" habe.

 

21. April 2015. In der Süddeutschen Zeitung gibt es ein Pro und Contra zu Castorf und Dercon. Die Theateredakteurin Christine Dössel beklagt die Angriffe auf die gesamte deutsche Theaterlandschaft, die Absägung des Frank Castorf sei nur die Spitze des Eisbergs. Der Kulturredakteur Jörg Häntzschel hingegen ist genervt von den deutschen Intendanten, die die Volksbühne zum "Tempel einer Hochkultur" stilisierten. Sie veranstalteten doch allesamt seit Jahrzehnten selbst 'Events' und 'Projekte' und besonders an der Volksbühne habe das Projektemachen geblüht. Hinter dem Streit um Dercon stehe eine tiefe Entfremdung von Theater und bildender Kunst. Es sei denkbar, dass Dercon "aus Überdruss an der Infiltration der Kunst durch Geld und Glamour gerne mal die Seiten wechseln würde".

Die Welt erschrickt vor Renners Wort vom "Labor Europas" zu Tode. Die Volksbühne sei nicht dafür weltberühmt geworden, dass "einbeinige albanische Transgender-Performer die Verbrechen der Deutschen im Hererokrieg nachtanzen", sondern weil dort Sophie Rois, Henry Hübchen und Martin Wuttke Theater spielten.

Die Berliner Zeitung porträtiert Tim Renner als einen netten, aber etwas visionslosen Mann, den man sich auch nach zweistündigem Gespräch nur schwer als Politiker vorstellen könne.

Auf nachtkritik.de fragt Matthias Weigel, ob die Idee des Ensembletheaters nicht eigentlich nur noch romantische Erinnerung ist und sich längst überlebt hat.

 

22. April 2015. Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper, plädiert im Berliner Tagesspiegel für die Fortsetzung des Castorf'schen Kurses an der Volksbühne. Die Berliner Kulturverwaltung sollte gut beraten sein, sich zu besinnen. Es stünde das "kulturelle Renommee unserer Stadt" auf dem Spiel.

Die taz konstatiert, ein Quereinsteiger wie Dercon sei wegen der "Inspirationsquelle Kunst" interessant. Mit ihm gebe es vermutlich einen "Zuwachs für freie, interdisziplinäre Projekte und Koproduktionen", die bislang vom "unterfinanzierten HAU" und dem Festival "Foreign Affairs" präsentiert würden. Umgekehrt gebe es aber an den Berliner Ensembletheatern überall ähnliche "Kompromissmischungen aus Kanon, neuer Dramatik, 'Events', teilweise sogar mit denselben Regisseuren". Je austauschbarer die Theater geworden seien, desto größer würde aber auch die "Sehnsucht nach so etwas wie Castorfs einst so radikalem Künstlerregietheater". Finden sich, fragt Eva Berendt, wirklich "keine SchauspielregisseurInnen unter 45 mehr, die Lust haben, so etwas neu zu versuchen"?

Der Berliner Tagesspiegel und der Rundfunk Berlin-Brandenburg sagen autoritativ voraus, dass Tim Renner am 30. April Chris Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne ausrufen werde, flankiert von "Bühnenspezialisten" der Fakultät Tanz, die Namen der Choreografen Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz seien gefallen. Die Volksbühne solle ab 2017 Teile des alten Flughafens Tempelhof bespielen, dafür würde ihr Etat um 5 Mio. Euro auf 22 Mio. aufgestockt werden.

 

23. April 2015. Der Berliner Tagesspiegel porträtiert den designierten Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Chris Dercon. Ebenfalls der Tagesspiegel fragt sich und die anderen: Ist Tim Renner "der coolste Hund, der je in Berlin Kulturpolitik angefasst hat?" Ma waas es net. Jedenfalls müsse er jetzt "schnell mal erklären, was aus der Volksbühne und ihren Künstlern werden soll, wohin die Reise geht."

Eine Bestandsaufnahme der Situation – "bis auf weiteres sind wohl alle beschädigt" – versucht Falk Schreiber auf dem Blog Les Flâneurs. Es gäbe Beispiele für "originelle Intendantenpersonalien", Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen sei so eine oder Tom Stromberg. Der wurde 2000 Intendant am Hamburger Schauspielhaus, "holte sich in seinen ersten Spielzeiten eine blutige Nase nach der anderen und bekam nach rund drei Jahren die Kurve".

Die Zeit spricht mit Monika Grütters in ihrem auf den Innenhof des Bundeskanzlerinnenamtes schauenden Büro. Dabei lauscht Jens Jessen zwar dem nuanciert geäußerten Befremden der obersten Berliner Kulturzahlmeisterin über Tim Renner nach, aber Neues weiß er gar nicht zu berichten.

Am Mittag wird Chris Dercon offiziell durch die Pressestelle des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller als Castorf-Nachfolger ausgerufen. Am Freitag solle "mit dem designierten Intendanten Chris Dercon" über "künftige Entwicklungen bei der Volksbühne Berlin" informiert werden. Was sagen die Kolleg*innen zu der Personalie? Die Berliner Zeitung hat Stimmen gesammelt.

 

24. April 2015. Im Berliner Tagesspiegel ruft die graue Eminenz des West-Berliner Kulturlebens, Rechtsanwalt Peter Raue, dazu auf, erst einmal Chris Dercons Konzepte abzuwarten, bevor man ihn una voce als Unglück für die Berliner Theaterlandschaft hinstelle. 

Die Süddeutsche Zeitung fragt "Kann Dercon Theater?" Sie weiß es auch nicht. Aber sie weiß, dass Dercon, mit dem sie telefoniert hat, den Tänzer Boris Charmatz, den Filmer Romuald Karmakar, die Regisseurin Susanne Kennedy und Alexander Kluge mitbringen will. Ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung ärgert sich Jens Bisky über die Politik nach Gutsherrenart, die Tim Renner betrieben habe. Ein beklagenswerter Rückschritt gegenüber der Offenheit, die Ivan Nagel bereits 1991 bewiesen habe, als er sein Theatergutachten mit der Empfehlung für Frank Castorf aufgeschrieben und zur Diskussion gestellt habe [und der Mann hat soooo sehr Recht – der Sätzer].

Substanzielles schreiben Harald Jähner und Kerstin Krupp in der Berliner Zeitung über die Figur Chris Decron, den Epochenwechsel im Berliner Theater und den Paradigmenwechsel weg von den in historischen Kämpfen gestählten Erzcharakteren hin zu alerten, polyglotten Kommunikatoren. Die taz hegt gegenüber Dercon durchaus auch Hoffnungen. Der Verdacht, er werde "dem Neoliberalismus in die Hände spielen", muss sich in den Augen Katrin Bettina Müllers nicht bestätigen. Schließlich könne man lesen, "wie er als Leiter der Tate Modern die dortige Gehaltsstruktur kritisiert hat".

Satirisch Gestimmtes schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der er gegen Renner, Dercon, Castorf und seine "Intendanten-Brüder" ätzt.

Um 15 Uhr steigt im Roten Rathaus zu Berlin die Pressekonferenz, Berlins Regierender Bürgermeister Müller präsentiert Chris Dercon und sein Team. Der "bärtige Belgier mit dem offenen Hemd" gewinnt die Herzen und "Schrumpfköpfe" der "bürgerlichen Presse" (Spiegel Online) im Nu. Nur einen nicht: Christian Rakow kommentiert die Ernennung Dercons zum Volksbühnen-Intendanten auf nachtkritik.de.

Am Abend in der Schaubühne am Ku'damm plaudert Christine Doessel von der Süddeutschen Zeitung mit Chris Dercons künftiger Programmdirektorin Marietta Piekenbrock.

 

25. April 2015. Erstmals ausführlich äußert sich Chris Dercon im Interview mit dem Monopol-Magazin zu seinen Plänen an der Volksbühne, in den Tagen darauf folgen verdächtig gleichlautende Gespräche mit der Süddeutschen Zeitung, dem Berliner Tagesspiegel. , dem Deutschlandradio und der Zeit. Dercon erläutert seine Pläne mit immer denselben Wortmarken, wobei er sich als Moderator der Veränderung wie als Traditionalist zugleich zeigt.

 

27. April 2015. Europa-West schaut der Berliner Theaterdebatte interessiert zu. ein Eindruck.

In der überregionalen Zeitung Die Welt haut der stellvertretende Chefredakteur wie ein Kesselflicker eine Breitseite gegen jede, wie er es nennt, "Subvention", er meint ja Förderung, raus und muss sich von seinem Theaterkritiker aufschreiben lassen, dass er "Subvention nicht von Substantiv unterscheiden" könne. 

Thomas Oberender, Oberster der Berliner Festspiele, möchte im Tagesspiegel nicht den Event-versus-Ensemble-Streit von anno dunnemals aufbrühen, aber davon abgesehen hat er ein schlechtes Gefühl bei Chris Dercons Ankündigung, er wolle sich jetzt dem Theater zuwenden. 

 

29. April 2015. Die Stuttgarter Zeitung hat mit Alexander Kluge gesprochen, den Chris Dercon als Mitglied seines Leitungsteams nomniert hatte. Kluge: "Sobald sich die Aufregung um die Personalie gelegt habe, werde man die intellektuelle Nähe zwischen den beiden Geistern" Castorf und Dercon  erkennen.

Peter Kümmel in der Zeit stellt sich vor, dass die Berliner Erzcharaktere in den Theaterfestungen an George Clooney denken müssen, wenn sie Chris Dercon begegnen.

Fünf Ursachen für die Heftigkeit der Debatte findet der Journalist Tobi Müller auf frieze.de

Die Zeitschrift Spex hat mit Annemie Vanackere, der künstlerischen Leiterin des Berliner HAU über den Berliner Theaterstreit gesprochen. Mögliche Konkurrenz durch eine erneuerte Volksbühne sei kein Problem, die grundsätzliche Richtung, ein großes Theater zum Produktionshaus zu machen, gar nicht verkehrt, aber müsse das ausgerechnet die Volksbühne sein?

Kein Wunder, dass mit Tim Renner, ein früherer Musikmanager den kulturellen Wandel vorantreibe, schreibt Moritz Schuller auf Tagesspiegel.de. Die Musikindustrie proftiere vom Wandel, das Theater verliere mit dem Verlust des öffentlichen Raumes an Bedeutung.

 

30. April 2015. Die größten Krawall-Tanten sitzen bei der Welt. Tilman Krause sieht einen Grund (neben anderen) für den Aufstand der Volksbühnlinge gegen Chris Dercon im ebenso irrationalen wie masochistischen Glauben mit dem die "klassischen Castorf-Adepten" den "tendenziell totalitären" Kunstexerzitien ihres Meisters anhingen.

 

1. Mai 2015. Im Freitag schreibt der langjährige Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann: falls Chris Dercon die Substanz der Volksbühne nicht zerstören wollle, müsse er vom Business as usual ablassen und weltberühmte Bildende Künstler in die Volksbühne holen und dafür im Gegenzug Castorf, Pollesch und Fritsch die Leitung von Tate Modern übertragen.  

 

3. Mai 2015. In der Berliner Morgenpost will Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier Dercon nicht bewerten, warnt vor einer Neiddebatte und wünscht sich zugleich mehr Geld.

 

11. Mai 2015. Im Berliner Stadtmagazin tip stellt der Schaubühnen-Dramaturg Bernd Stegemann mit Blick auf Chris Dercons Berufung an die Berliner Volksbühne das Kuratorenmodell im Theater insgesamt in Frage: "Wessen Beruf darin besteht, die unterschiedlichsten Energien und Phantasien geschmeidig zu vernetzen, der agiert als reaktionsschnelle Servicekraft des Betriebs in der Aufmerksamkeitsökonomie des Marktes. Doch ... gelenkige Vernetzung kann kein unverschämtes Theater erzeugen." Dercons Kenntnis der "hundertjährigen Geschichte der proletarischen Volksbühne" sei bloß "Lippenbekenntnis", wenn er die Zerschlagung ihrer Strukturen als notwendige Innovation feiere und die künstlerischen Produktionsverhältnisse fortan wieder der "herrschenden Ideologie" des Neoliberalismus folgten. Das unverschämte Theater werde durch die "unverwechselbare Radikalität im Zusammenspiel" der von der "gemeinsamen Arbeit" an der Volksbühne geprägten Künstler erzeugt - mithin durch das Ensemble, das es in Zukunft nicht mehr geben werde.

 

13. Mai 2015. Der taz.de-Kolumnist Aram Lintzel wird angesichts des Berliner Theaterstreites den Eindruck nicht los, "dass mit den Verbalattacken auf Dercons angeblichen 'Neoliberalismus' und 'Thatcherismus' längst verlorene politische Kämpfe nachträglich auf dem kulturellen Terrain ausgefochten" werden sollten. Die Volksbühne, so die Hoffnung, solle "bitte als letzte Bastion gegen die deregulierenden Eroberer Widerstand leisten".

 

20. Mai 2015. Die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard wundert sich in der Zeit über die Debatte, preist ihr eigenes Produktionshaus, und fragt nach der Angst vor Veränderung. Die Trennung von lokaler Theatermanufaktur und globaler Kuration sei soweiso überkommen.

 

3. Juni 2015. Die Soziologin Tanja Bogusz kommentiert in der Berliner Gazette (3.6.2015) den vorgesehenen Intendantenwechsel an der Volksbühne. In den neunziger Jahren habe die Volksbühne die "deutsch-deutsche Spannung so fulminant in Szene gesetzt". Für wen aber will sie unter Dercon spielen? "Berlin ist heute Teil der internationalen kulturellen Metropolen geworden", will die Volksbühne in Zukunft "vor allem eine immer spezifischer werdende künstlerische Weltelite bedienen, oder in den Berliner Stadtraum auch mit weniger eloquent auftretenden Berlinerinnen und Berlinern intervenieren?"

(jnm / ape)

 

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