"Wen freu ick?" "Mir!"

von Georg Kasch

Berlin, 7. August 2015. Es steht schlecht um Ahmeds Dönerladen "Chez Ölgür", mal wieder an diesem Abend: Zuerst ist er abgebrannt, dann versucht der Prenzlschwabe Üwele, sich das Objekt unter den Nagel zu reißen, um eine Männerstilloase aufzubauen – die zuständige Beamtin hat er mit seinem Bausparvertrag bestochen. Ahmeds Lebensabschnittsgefährtin, die sächselnde Arbeitsamtschefin Heidemarie Schinkel, aber weiß: "Wenn ich eines gelernt habe in 99 Folgen: Ein Stück dauert 90 Minuten, und am Ende wird alles gut."

Worauf man sich verlassen kann. Auch die 100. Folge von "Gutes Wedding Schlechtes Wedding" (GWSW) mit dem vermutlich an Leonard Bernstein angelehnten Titel "Wedding Story" hat ein Happy End. Neue Episoden gibt's hier, am Berliner Prime Time Theater, im Fünf-Wochen-Takt, da machen Cliffhanger keinen Sinn. Bei einer Sitcom ohnehin nicht, mit Live-Lachern und einem riesigen Typen-Kabinett, das ebenso schräg wie herzerwärmend über die Bühne tänzelt. Und das seit 12 Jahren, im Privatbetrieb – eine Förderung der Stadt gibt's erst seit vergangenem Jahr.

Songs ohne Tantiemen

Und so umwirbt Theaterleiter Oliver Tautorat, der unter seiner fiesen Vokuhila-Perücke schon die Karten verkauft hat, beim Warm-Up die anwesenden Sponsorenvertreter, die dann auch – product placement rules – im Stück erwähnt werden. Die Auslastung liegt bei 95 Prozent, die Leute kommen sogar aus Steglitz (!) und Wilmersdorf (!), wie Tautorats launige Umfrage ergibt, bevor er mit allen den Berliner Akkusativ übt: "Wen freu ick?" "Mir!", schallt es zurück. Das Publikum ist aufgekratzt und voller Wiederholungstäter, der Rest wird einfach mitgerissen – "Wedding Story" hat noch nicht angefangen, da singen alle den zwei Geburtstagskindern im Publikum schon ein Ständchen.GWSW2 560 JaninaHeppner uWeddinger Typenpersonal, dritte von links: die Autorin Constanze Behrends
© Janina Heppner

Das trägt auch über den etwas faden Einstieg hinweg, mit dünnem Trailer, einer filmischen "Was bisher geschah"-Zusammenfassung, die mindestens so verwirrend ist wie die einer Barockoper, und mit der ersten schrägen Gesangseinlage, die Johnny Cashs "Ring of Fire" frei nachinterpretiert. Ein genialer Schachzug übrigens von Komponist Christian Kaufmann – die bekannten Songs so neu zu interpretieren, dass man noch das Original erahnt, aber keine Tantiemen anfallen. Dass ständig gesungen wird, machen die Prime Timer selbst zum Running Gag mit Seitenhieben aufs Genre.

Postdramatisches Volkstheater

Überhaupt die Selbstironie! Witze darüber, dass das alles nur Theater ist, gehen längst nicht mehr nur im postdramatischen, sondern auch im Volkstheater. Szenisch ist auf dem schmalen Nudelbrett von Bühne nicht viel zu holen, das wissen die Macher selbst: Für ausladende Aktionen und Choreografien ist kein Platz. Der zerstörte Dönerladen besteht aus einer Handvoll Requisiten aus Sperrholz, Pappmaschee und Bistrotischen, den Rest besorgen die Videos und Grafiken von Philipp Hardy Lau – oft folgt einer gespielten eine vorproduzierte Szene, was den sechs Schauspielern Zeit lässt, Rollen und Kostüme zu wechseln.

Aber das Potential der weltweit einzigen Theater-Sitcom, wie die Prime Timer stolz behaupten, liegt ohnehin weniger in der Inszenierung als in den herrlich zugespitzten Typen, die sie Berlin abtrotzen. Vom Postboten Kalle, den Tautorat in all seiner Stattlichkeit über die Bühne schiebt, bis zu den hibbeligen Gangsta-Dumpfbacken Orkan und Taifun, von der fleischlosen Punkerin Ratte zur Bürokratin Ulla Schmidt – ein paar kräftige Striche reichen, um die Berliner mit und ohne Migrationsgeschichte (und sei es die aus dem Schwabenländle) zur Kenntlichkeit zu verzerren. Dass eine der Hauptfiguren – Constanze Behrends' Heidemarie – aus dem Osten kommt, ist zum Beispiel weniger dramaturgisch als pointenbedingt: Sächseln geht immer. Und warum sollte man all die Möglichkeiten zwischen Mauerwitzen und "geflügelter Jahresendfigur" (= sozialistischer Weihnachtsengel) verschenken?

Der Trend-Kiez zwischen Authentizität und Gentrifizierung

Dabei erzählen natürlich auch die Mehrfachbesetzungen etwas: Wenn Daniel Zimmermann sowohl Ahmed als auch den "Prenzlwichser" Üwele spielt (und dabei zur Freude des Publikums zuweilen Mühe hat, die Dialekte auseinanderzuhalten), dann erinnert das durchaus an die zwei Seelen in einer Berliner Brust zwischen Hipster und Bodenhaftung, zwischen der Suche nach Authentizität im Kiez und der damit verbundenen Gentrifizierung.

Ein Problem, für das das Theater selbst steht. Bei aller verbaler und ganzkörperlicher Kiez-Verteidigung ist auch das Prime Time Theater in seinem Erfolg längst Teil der Kiez-Verwandlung geworden – erst kam das Publikum, dann die Senatsförderung, zuletzt erhielt Behrends als Mastermind und Texterin den Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis: Behrends habe mit ungebremstem Sprachwitz und einem Mix von Figuren aus Comic, Soap und Kiez ein erzkomisches Poptheater kreiert. Stimmt.

Für den Kiez aber in seiner unverbildeten Form, wie er in den GWSW-Folgen regelmäßig verteidigt wird, sieht es allmählich düster aus. Zwar findet man auch heute noch ziemlich bodenständiges Personal auf den Straßen ums Haus, dunkle Eckkneipen und ranzige Internetcafés. Allerdings steigen gerade hier im südlichen Wedding, nur wenige Radminuten von Mitte entfernt, die Mieten rasant. Vor wenigen Tagen schließlich hat die New York Times Wedding zum Trend-Bezirk erklärt. Gut möglich also, dass es das wahre Wedding bald nur noch im Theater gibt.

 

Gutes Wedding Schlechtes Wedding, Folge 100: Wedding-Story
von Constanze Behrends
Regie: Constanze Behrends, Co-Regie & Video: Philipp Hardy Lau, Musik und Korrepetition: Christian Kaufmann, Choreographie: Mic Kam.
Mit: Constanze Behrends, Alexandra Marinescu, Cynthia Buchheim, Daniel Zimmermann, Philipp Lang, Oliver Tautorat.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.primetimetheater.de

 

Ein Porträt des Prime Time Theaters aus früheren Jahren, als der Kiez noch Kiez war, finden Sie hier.

 

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