Mitten im Krieg?

4./ 6. Dezember 2015. Alvis Hermanis hat seine für April 2016 angekündigte Inszenierung "Russland.Endspiele" nach Dostojewskij, Tolstoi, Gorki u.a. am Thalia Theater Hamburg abgesagt und darum gebeten, ihn aus der vertraglichen Verpflichtung zu entlassen. Das macht das Thalia Theater in einer Pressemitteilung offiziell. Grund sei, dass Hermanis nicht mit dem humanitären Engagement des Thalia Theaters für Flüchtlinge in Verbindung gebracht werden wolle.

alvishermanis.theatre.lvAlvis Hermanis © Theatre.lv"Die deutsche Begeisterung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, sei extrem gefährlich für ganz Europa, weil unter ihnen Terroristen seien", paraphrasiert die Pressemitteilung des Thalia Theaters den lettischen Regisseur. "Eine gleichzeitige Unterstützung von Terroristen und den Pariser Opfern schließe sich aus. Zwar seien nicht alle Flüchtlinge Terroristen, aber alle Terroristen seien Flüchtlinge oder deren Kinder. Die Anschläge von Paris zeigten, dass wir mitten im Krieg seien. In jedem 'Krieg' müsse man sich für eine Seite entscheiden, er und das Thalia Theater stünden auf entgegengesetzten. Die Zeiten der political correctness seien vorbei."

Für Thalia-Intendant Joachim Lux zeigt der Vorfall "über den Einzelfall hinaus aufs Neue, wie tief Europa derzeit gespalten ist. Der Riss in Europa ist tief und hat fast alle Länder erfasst", so Lux in einer Stellungsnahme zu Hermanis' Absage in der Pressemitteilung. Dass diese Spaltung auch den Kulturbereich betreffe, sei bedrückend und schockierend. "Wir hätten nie für möglich gehalten, dass humanitäres Engagement für Hilfsbedürftige zur Aufkündigung der Zusammenarbeit führen könnte.“ Hermanis' Inszenierung Späte Nachbarn bleibe "im Respekt vor dem Werk von Alvis Hermanis" auf dem Spielplan, "die politische Position, die er derzeit bezieht, ist allerdings nicht die unsere."

 

Stellungnahme von Alvis Hermanis

Aktualisierung, 4.12.2015, 18:45 Uhr. Gegenüber nachtkritik.de hatte Hermanis am Donnerstag "private Gründe" für seine Absage geltend gemacht. Mittlerweile hat er nachtkritik.de eine ausführlichere Stellungnahme geschickt, die wir hier komplett veröffentlichen:

"
Of course the intendant of Thalia Theater made his statement where he manipulated with the sentences which were taken out from the context of my private letters (without asking my permission).

I asked to cancel my production in Hamburg because of the very private reasons. I am working now in Paris and living exactly in the same part of the city were massacre happened. The everyday life here feels like in Israel. Permanent paranoia. Even worse because the Paris Jewish community are the first which are abandoning this city. Everywhere we are surrounded with a threat and fear. We all are traumatised here after what happened 2 weeks ago.

I am a father of 7 children and I am not ready to work in another potentially dangerous town again. As we know the people who participated in 9/11 were coming from Hamburg by the way.

We know that even German government changed the refugee politics after Paris tragedy. So the price which was paid to finally admit the connection between emigration policy and terrorism - was the death of 132 young people in Paris.

Is it still the tabu in Germany to connect emigration policy and terrorism?

After speaking with a people from Thalia Theater I understood that they are not open for different opinions. They are identifying themselves with a refugee-welcome center. Yes, I do not want to participate in this. Can I afford to have my own choice and my own opinions? What about democracy?
I do not think that my political opinions are more radical then those which are sharing majority of europeans. We do not support this enthusiasm to open the EU borders for uncontrolled emigration.
Especially in Eastern Europe we do not understand this euphoria. Do you really think that 40 million citizens of Poland, for example, are neo-nazies and racists?"

Alvis Hermanis, 4.12.2015

 

Ergänzende Stellungnahme von Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters

Aktualisierung 6.12.2015 10:30 Uhr. Zu den Vorwürfen von Alvis Hermanis (siehe Erklärung oben), das Thalia Theater habe seine Äußerungen manipuliert und aus dem Zusammenhang gerissen, zudem stammten sie aus der privaten Korrespondenz mit dem Theater und er sei nicht um Erlaubnis gebeten worden, diese veröffentlichen zu dürfen, reagierte das Thalia Theater auf Nachfrage von nachtkritik.de mit der folgenden Erklärung:

1. Die Darstellung des Thalia- Theaters ist , anders als Alvis Hermanis behauptet, in keiner Weise "manipulativ." Und sie reißt auch nichts aus dem Zusammenhang. Sie referiert sachlich und nach bestem Wissen und Gewissen die Position von Hermanis, wie er sie vertreten hat. Anders als in der Neuen Züricher Zeitung behauptet, ist es keine Kompilation aus diversen Mails und Telefonaten, sondern eine Zusammenfassung aus insgesamt 4 kurzen emails an die Geschäftsführung des Thalia-Theaters. Es war nicht unsere Absicht, ihn bloß zu stellen. Im Gegenteil: wir haben ihn hinsichtlich mancher dort vertretenen Ansichten vor sich selbst geschützt.

2. Wenn ein Geschäftspartner ein bestehendes Vertragsverhältnis mit einer Institution aufkündigen möchte und dies massiv politisch und eben nicht persönlich begründet, handelt es sich nicht um eine schützenswerte private Korrespondenz, sondern um einen geschäftlichen Vorgang von öffentlichem Belang und Interesse. Es ging Hermanis darum, "refugee welcome centers" zu boykottieren.
Wenn die Begründung gewesen wäre, er habe seit den Anschlägen von Paris einfach Angst und müsse zu seinen Kindern nach Hause, wäre dies eine als privat zu respektierende Handlung gewesen, die niemanden etwas angeht. So aber sahen wir keine Veranlassung, den Inhalt unserer Veröffentlichung mit ihm ab zu stimmen.

3. Das Thalia ist – um auch das klar zu stellen – kein "refugee welcome center", sondern ein Theater, das sich im Zentrum über seine künstlerische Arbeit definiert. Das soziale, humanitäre und gesellschaftspolitische Engagement ergänzt die Arbeit immer wieder. Aber es ersetzt sie nicht. Theater ist beides: ein Ort der künstlerischen Arbeit und ein öffentlicher Ort in der Stadtgesellschaft.

4. Vor einem halben Jahr wurde im Thalia-Theater heftig diskutiert, ob wir unsererseits angesichts der politischen Entwicklung in Ungarn das Land boykottieren und eine Gastspieleinladung ablehnen sollten. Ich fand das falsch. Im Ergebnis fand das Gastspiel in Budapest statt. Wir haben das osteuropäische Land nicht boykottiert.
Manche kritisieren jetzt, daß das Thalia Hermanis Inszenierung Späte Nachbarn am Thalia weiterspielt. Es geht an diesem Abend, dessen Autor der jüdische Autor Isaac B. Singer ist, um polnisch-jüdische Immigranten in Amerika. Der Abend ist die beste Antwort auf die gegenwärtigen Verwerfungen. Wir spielen ihn weiter!

Joachim Lux, 5.12. 2015

 

(Thalia Theater / sle / sd)

 

 

Mehr lesen:

- Kommentar zu Alvis Hermanis' Statement von Michael Laages auf Deutschlandradio (4.12.2015)

- Kommentar von Ulrich Seidler auf FR-Online (4.12.2015) 

- Bericht von Barbara Villiger Heilig auf nzz.ch, der Website der Neuen Zürcher Zeitung (4.12.2015)

- Kommentar von Till Briegleb auf sz.de, der Website der Süddeutschen Zeitung (6.12.2015)

- Kommentar von Jan Küveler auf Welt Online (6.12.2015)

- Kommentar von Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (9.12.2015)

- Bericht von Björn Dake für NDR (9.12.2015) über die Resonanz in Hermanis' Heimatland Lettland

- Kommentar von Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.12.2015)

 

Noch mehr lesen:

- zum Engagement der Theater für Geflüchtete: unsere Beispielsammlung #RefugeesWelcome und die Nachtkritik zu "an,kɔmən", einem Dokumentartheaterstück mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen von Gernot Grünewald, das im Oktober am Thalia Theater Premiere hatte

- zu Alvis Hermanis: Im September besprachen wir seine Inszenierung von Gogols "Der Revisor" am Burgtheater Wien – mehr im Lexikoneintrag.

 

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