Was Schauspieler verdienen

3. Dezember 2016. Peter Wenig schreibt im Hamburger Abendblatt (3.12.2016) einen lesenswerten und ausführlichen Artikel über die Einkommenssituation der Schauspieler*innen in Deutschland. Er begleitet den Schauspieler Oliver Warsitz, der im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater zwei Diener-Rollen in "Bunbury" spielt.

Kaum ein anderer Beruf, schreibt Wenig, übe diese Faszination aus wie der Schauspieler-Beruf. "Allein um die acht Plätze im Studiengang Schauspiel an der Hamburger Theaterakademie ringen derzeit 799 Bewerber."

Die soziale Situation

Warsitz' Brutto-Gage für dreieinhalb Monate betrage insgesamt gut 9.000 Euro inklusive Fahrkosten und Proben. Nach einer Studie der Uni Münster mit dem Titel "Viel Ehre, aber kaum Verdienst" verdienten zwei Drittel der Schauspieler in Deutschland weniger als 30.000 Euro im Jahr. Mehr als die Hälfte hätten in den "vergangenen zwei Jahren weniger als sechs Monate sozialversicherungspflichtig gearbeitet". In letzter Konsequenz heiße das: Hartz IV.

Bei den Festangestellten liege die garantierte Einstiegsgage bei 1765 Euro, "je nach Rechenart der Stundenzahl knapp über oder knapp unter dem Mindestlohn von 8,50 Euro. Bühnenarbeiter verdienen deutlich besser".

Der Theater-Manager

Ludwig von Otting, 27 Jahre lang kaufmännischer Leiter des Thalia Theaters in Hamburg, betrachtet den NV Solo als Unding. "Zwei Jahre nach seiner Pensionierung engagiert sich von Otting im "Ensemble Netzwerk", das sich für bessere Arbeitsbedingungen starkmacht." Die GDBA, die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, die für ihre Klientel diese Verträge aushandelt, sei ein "reiner Dilettantenstadl" und mitverantwortlich für "illegale Arbeitszeitmodelle".

Die Gewerkschafterin

Julia Beerhold aus dem Vorstand des Bundesverbands Schauspiel (BFFS) findet: "Nach wie vor sind die Hürden für den Anspruch auf Arbeitslosengeld viel zu hoch. Das ist für uns katastrophal." Ausgerechnet Schauspieler, Spezialisten für jedes Rollenfach, passten in "kein Sozialversicherungsraster". Sie pendelten zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit, etwa wenn sie ein Hörbuch einsprechen. Und ihre Engagements seien fast immer befristet.

Die Intendantin

Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters in Hamburg, spiele regelmäßig selbst in ihrem Haus und kümmere sich als SPD-Abgeordnete in der Bürgerschaft um das Thema Kultur. Wer ein Privattheater führe, kämpfe ums wirtschaftliche Überleben. "1,72 Millionen Euro steuert die Stadt zum Fünf-Millionen-Euro-Etat bei, das Theater braucht eine Auslastung von 70 Prozent, um nicht in die roten Zahlen zu rutschen." Die letzte Gehaltserhöhung für das Haus habe es 2009 gegeben. Als Chefin von 120 Angestellten, davon rund 40 auf 450-Euro-Basis, verdiene Vértes-Schütter 4500 Euro brutto im Monat.

Natürlich befürworte sie als Sozialdemokratin den Mindestlohn. Den Etat habe das neue Gesetz indes mit 50.000 Euro im Jahr belastet; "die Stundenlöhne der Mitarbeiter in der Garderobe und am Einlass, vornehmlich Studenten und Rentner, mussten erhöht werden".

Die Arbeitsvermittlerin

Der Traum von den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, sei ungebrochen. Allein in Hamburg bildeten neben der staatlichen Hochschule für Musik und Theater noch sechs größere private Schulen Schauspieler aus. "Viele Schauspieler, die ich kenne, verdienen heute deutlich weniger als vor 20 Jahren", sage Anja Niederfahrenhorst von der Künstlervermittlung der Arbeitsagentur.
In Internet-Stellenportalen werde ganz offen inseriert, dass mehrwöchige Probephasen gar nicht oder nur mit einer Pauschale von 1000 Euro honoriert würden – die Schauspieler seien in der Probezeit nicht einmal sozialversichert.
Märchendarsteller, "die mit kleiner Crew und großem Transporter über die Lande fahren, in Bürgersälen selbst auf- und abbauen, Eintrittsgelder kassieren" bekämen eine Tagesgage von 45 Euro.

Es gäbe immer mehr Schauspielerinnen, deshalb sei es geraten, nicht nur auf die Schauspielerei zu setzen, sondern auch andere Jobs anzuvisieren, etwa das Synchronsprechen. Aber auch da wird nicht gut gezahlt. So stehen Oliver Warsitz nach einem ganzen Arbeitstag mit weit über acht Stunden anstrengender und konzentrierter Arbeit und drei Engagements 443,40 Euro, brutto zu Buche.

Das Fernsehen

Auf der anderen Seite das Fernsehen, der Tatort und seine Kommissarinnen. Die streng geheimen "Tatort"-Gagen wolle die Bild-Zeitung ermittelt haben. "Demnach soll Maria Furtwängler mit 220.000 Euro pro Fall an der Spitze der Gehaltsliste stehen. Ulrich Tukur (Hamburg) folge mit 120.000 Euro, Axel Milberg mit 115.000 Euro. Eva Mattes vom Bodensee-"Tatort" stehe zusammen mit ihrem Schweizer Kollegen Stefan Gubser mit 60.000 Euro am Ende der Gehaltstabelle". Die Mindestgage für einen Drehtag beträgt 750 Euro.

Die Sender zahlten immer mehr für die Stars, die das Publikum ziehen, für die anderen bleibe bei gleichbleibenden Etats immer weniger übrig, klage eine Hamburger Agentin.

Es gäbe immer mehr Schauspielerinnen, deshalb sei es geraten, nicht nur auf die Schauspielerei zu setzen, sondern auch andere Jobs anzuvisieren, etwa das Synchronsprechen. Aber auch da wird nicht gut gezahlt. So stehen Oliver Warsitz nach einem ganzen Arbeitstag mit weit über acht Stunden anstrengender und konzentrierter Arbeit und drei Engagements 443,40 Euro, brutto zu Buche.

Fazit

Als Alleinerziehender habe es ein Schauspieler wie Oliver Warsitz besonders schwer in einer Branche, wo sich die Angebotslage stündlich ändern kann. "Dennoch möchte er nichts anderes machen, der Job erfüllt ihn." Bei "der Münsteraner Studie, in der jeder zweite Schauspieler zugab, dass er von seinem Job kaum leben kann, sagten 84,9 Prozent, dass sie sich wieder für diesen Beruf entscheiden würden".

(jnm)

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