Rhetorische Nebelschwaden oder Reformprogramm?

20. Dezember 2016. Der designierte Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Chris Dercon und seine Programmleiterin Marietta Piekenbrock haben heute zum ersten Mal über ihre Pläne für die Berliner Volksbühne ab Sommer 2017 gesprochen. Offenbar  gaben sie mehreren Journalisten unterschiedlicher Organe Audienzen in ihrem Vorbereitungsbüro, darunter waren Rüdiger Schaper vom Berliner Tagesspiegel wie ein Dreier-Frageteam der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Charmatz in Tempelhof

Die Spielzeit beginne im kommenden September in Tempelhof, sagt Marietta Piekenbrock, im Oktober werde dann die Saison im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnet. "Der Choreograf Boris Charmatz lädt Berlin ein zu einer Versammlung mit Tänzern über zwei Wochen, bei Tag und bei Nacht. Das beginnt mit einem großen Fest am 10. September. Danach zeigt er die Uraufführung seines lange erwarteten neuen Stücks, ein Bild aus 10 000 choreografierten Pixeln." Es gehe um "biopolitische Aussagen", sagt Chris Dercon, um das Wechselspiel des einzelnen Menschen mit der Architektur in dem riesigen, leeren Hangar von Tempelhof.

Das Amphitheater von Francis Kéré sei noch nicht sicher finanziert, solle aber mit einem neuen Stück von Mohammed al Attar aus Damaskus eröffnet werden, "einer Überschreibung der 'Iphigenie in Aulis' von Euripides, mit vierzig syrischen Frauen".

Die Volksbühne solle künftig den eingewanderten Theaterleuten, Musikern, Schriftstellern "aus Europa, den USA, dem Nahen Osten" eine Plattform bieten. "Die Diversität der Stadt in unserem Programm zu spiegeln, das ist für uns eine Kernaussage", sagt Chris Dercon ohne weiter auf den Einwurf einzugehen, dass die Plattform für die Einwanderer doch sehr an das Programm des Gorki Theaters erinnere.

Beckett und Kennedy am Rosa-Luxemburg-Platz

In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz werde sich "vor allem die Tonlage verändern". Es werde "nicht mehr so sehr um eine konfliktuelle, extrovertierte Dramatik gehen", sondern eine Neuorientierung zu "einer Dichtung, einer Verdichtung" geben. Man wolle sich am Luxemburg-Platz frühen Stücken von Samuel Beckett wie "Not I" widmen, "um zur Quintessenz des Theaters zurückzukommen: die Sprache und das Sprechen". Susanne Kennedy werde inszenieren, in ihrem neuen Stück, "einem fernen Echo zu John Cassevetes’ Film 'Opening Night' " stehe eine Schauspielerin im Zentrum, "die durch ein traumatisches Erlebnis die Kontrolle über ihren Alltag verliert".

Dercon und Piekenbrock betonen, dass sie aus der Bochumer Jahrhunderthalle und der Turbinenhalle der Tate Modern "viel Erfahrung mit ungewöhnlichen Theaterräumen" mitbrächten. So hätten sie "Künstler ausgesucht, denen sie zutrauten "in Tempelhof und am Rosa-Luxemburg-Platz in neue Dimensionen vorzustoßen".

Schluss mit dem Männergedöns

Mette Ingvartsen etwa sei ja auch eine Choreografin, "die konkret auf Räume reagiert". Auch Johan Simons und Claude Régy sollen "nach Berlin eingeladen" werden. Außerdem sollten neue "Ehen" gestiftet und Filmregisseure an die Volksbühne geholt werden, "wie der katalanische Theater- und Filmregisseur Albert Serra". Apichatpong Weerasethakul aus Thailand werde seine Arbeit "Fever Room" auf die Räume der "Volksbühne zuschneiden". Wichtig sei, dass es viele "Regisseurinnen und Choreografinnen" gebe, "Theater als maskuline Veranstaltung ist Quatsch. Schade, dass man immer diese Männergeschichten auf der Bühne sieht, mit kreischenden Frauen."

Ensemble und Repertoire, Zuschauer

Das Ensemble, das Dercon und Piekenbrock aufbauen wollen, wird kein Ensemble sein. Wie bei Castorf. Genauer: "Castorf hat ... einen reformierten Ensemblebegriff geschaffen. Es gibt eine gebundene Struktur, und die Regisseure, ob Christoph Marthaler oder Herbert Fritsch, sind in der Lage, sich dazu jeweils ein eigenes kleines Ensemble zusammenzustellen. Das ist keine ökonomische, vielmehr eine idealistische Version von Ensemble ... wir setzen das Prinzip Castorf fort."

Einer der "Schlüsselbegriffe des Programms" sei das Repertoire. In Zukunft werde die Volksbühne "Modellinszenierungen, Re-Lektüren legendärer Avantgarde-Stücke der Theater-, Tanz- und Musikgeschichte" zeigen, "so weit das mit Zeitzeugen, Dokumenten und Archiven möglich sei." Man wolle den "Kult um das ständig Neue in der Kunst" beenden. Ungläubiges Staunen bei den verschiedenen interviewern. Damit wollen Sie ein 800-Plätze-Haus füllen? Dercon: "In der Spielzeit 2013/14 haben 180.000 Menschen die Volksbühne besucht, von denen 66.000 kamen, um ins Theater zu gehen. Der Rest war auch in der Volksbühne, allerdings bei all den anderen Events, die hier stattfanden, im Foyer, in den Salons, in der Kantine, im Keller. Die Volksbühne ist beim Publikum jetzt schon nicht nur wegen der Theaterarbeit angenommen, sondern auch, weil sie ein Begegnungsort ist."

Das Team sei demnächst mit Kultursenator Klaus Lederer verabredet, aber ein Gespräch werde sicher nicht reichen.

(Tagesspiegel / Frankfurter Allgemeine Zeitung / jnm)

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