Choreografierter Wutschrei

von Caren Pfeil

Dresden, 19. September 2009. Unter den Klängen von Noir Desir Des Armes gibt Pater Lorenzo uns die Botschaft mit auf den Heimweg, nun besser zu finden als zu suchen – vor ihm das Liebespaar, im Tod vereint und auf das Dach seines Hausbootes drapiert, welches ihm selbst zuvor Refugium und für Romeo und Julia Liebesnest gewesen war.

Im Hintergrund baumelt der Himmel voller Raketen, der Boden ist zugerüstet mit Panzern und Zäunen, die Väter endlich stumm. Die Mütter waren sowieso nur dekoratives Beiwerk gewesen (Montague), oder sind, (im Falle Capulet) in der Doppelfunktion von Mutter und Amme irre geworden. So endet nach reichlich zwei Stunden bildgewaltig die Tragödie, wobei Panzer und Raketen deutlich aus Pappmaschee sind und, teils blumig dekoriert, sich selbst aufheben.

Der Frust einer Generation

Dafür steht die französische Rockband deutlich für 'Gegen das Establishment' und schafft Klarheit für den, der sie kennt. Vom Reichtum Shakespearscher Sprache ist in der Inszenierung nicht viel übrig, dafür gibt es andere Zitate die Menge. Die meisten nur entschlüsselbar für Eingeweihte, also für alle unter dreißig.

Regisseur Simon Solberg, der gerade im Begriff ist, diese Grenze zu überschreiten, zeigte sich auch in dieser Inszenierung als der zornige junge Mann und Vertreter seiner Generation, als der er, seit er Regie führt, agiert. Denn was sich da in der ersten Stunde dieser deutlich auf ein junges Publikum abzielenden Inszenierung an gebündelter Energie von der Bühne in den Zuschauerraum ergoss, war der durchchoreografierte Wutschrei einer über die Maßen frustrierten Generation, die sich an den die Bühne (wie die feindlichen Familien) zertrennenden Bauzäunen abarbeitete wie an Eskalierwänden, und die ihre Aggressionen ungehemmt an jedem Ding oder Menschen ausließen, das/der sich in den Weg stellte.

Dafür beherrschte sie jedwede Kampftechnik auf beeindruckende Weise, mit Degen oder Stöcken, von Karate bis zum Faustkampf. Bei letzterem kommen schließlich Tybalt und Mercutio ums Leben, wobei die Bauzäune zum Käfig der eigenen Ängste werden. Doch was sie fast noch besser können, als sich bühnenwirksam gegenseitig die Körper zu zerschlagen, ist, jede Situation mit einem Zitat aus der aktuellen Film- und Popwelt zu kommentieren, um nur nicht Gefahr zu laufen, sich zu erkennen zu geben.

Julias Rückzugzug in eine alte Pappkiste

Was zunächst noch wie der expressive Spieltrieb einer begabten Generation wirkt, entlarvt sich bald als das mit Zynismus getarnte Versteckspiel einer hilflosen Jugend, die nur noch mit geborgten Versatzstücken zu kommunizieren in der Lage ist. Solberg hat für seine Version der Tragödie ein junges Ensemble von für Dresden neuengagierten Schauspielern zur Verfügung, verstärkt durch Schauspielstudenten, die ihm engagiert folgen in der Darstellung ihrer eigenen Generation.

Daraus bezieht die Inszenierung ihre Kraft, das ist aber auch ihr Dilemma. Denn über dem Körperspiel haben sie alle miteinander vergessen, den alten Text auf seine Tiefenschichten hin zu untersuchen, in denen es mehr zu finden gegeben hätte als die Aussage, dass die abgenutzten Werte der verfeindeten Väter zur Tragödie ihrer Kinder führen.

Allerdings findet Solberg auch schöne Bilder, die sozusagen textfrei beredt sind: beispielsweise Julias Rückzug in eine alten Pappkiste, in der wir sie mittels einer Kamera in den Momenten, in denen sie ganz bei sich ist, beobachten dürfen. Das Maskenspiel auf Capulets Fest mit den Konterfeis der internationalen Politiker- gilde wird zum skurrilen Tanz, und auch die Sicht auf Capulet als skrupellosen Geschäftsmann hatte in ihrer zynischen Zuspitzung interpretatorisches Potential.

Die Last tiefer Gedanken

Doch nach der Pause sind die Kämpfe gekämpft und die Toten so tot, dass aus ihnen kein Spaßkapital mehr zu schlagen ist, und plötzlich zerfällt die Inszenierung. Hat im ersten Teil die freche Collage aus Shakespeare-Happen, Alltagssprache und Zitaten im Verbund mit phantasievollen szenischen Übersetzungen noch eine Art Gesellschaftsrelief ergeben, wirkt der klassische Text nach der Pause wie ein Fremdkörper im Mund der Darsteller, der zwar gekaut, aber nicht verdaut werden kann.

Fast folgerichtig muss sich Julia in ihrem Monolog mit dem Giftfläschchen in Slapstick retten, und für Romeos Tragik ist gleich gar kein Atem mehr übrig. So bleibt allein an Lorenzo die ganze Last tiefer Gedanken hängen, die aber zunehmend pathetisch im undefinierten Raum bleiben – was schade ist, da er im ersten Teil glaubhaft einen empathischen Menschen gezeigt hat, der sich aus einem bewussten Rückzug heraus entschließt, einzugreifen und Verantwortung zu übernehmen.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare, Deutsch von August-Wilhelm Schlegel
Regie: Simon Solberg, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Katja Strohschneider, Kampfchoreografie; Simon Solberg. Mit: Fabian Gerhardt, Eike Weinreich, Ahmad Mesgarha, Olaf Hais, Sascha Göpel, Stefko Hanushevsky, Sophia Löfler, Sebastian Wendelin, Wolfgang Michalek, Thomas Schumacher, Henner Momann, Regina Felber, Annika Schilling, Cathleen Baumann.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Mehr lesen? Simon Solberg wurde 1979 in Bonn geboren und an der Essener Folkwangschule zum Schauspieler ausgebildet. Im Oktober 2008 kam am Münchner Volkstheater seine Inszenierung des Goethes Faust heraus, die 2009 auch zum Festival Radikal Jung eingeladen war.

 

Kritikenrundschau

Wie man eine Schullektüren-Produktion richtig gut macht, zeige Simon Solberg mit seiner fabelhaften "Romeo und Julia"-Adaption, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (23.9.). "Das Ding wird Kult, das zieht Dresdens gesamte Jugend ins Theater!" Die Inszenierung strotze vor Zitaten und Anleihen aus Kino, Pop, MTV, Werbefernsehen, verliere aber bei aller Wucht und Rasanz nie Shakespeare aus den Augen. Die beiden Familien stehen unter polizeilicher Aufsicht, die Jugend birst vor Hip-Hop-Energie, der Bruder Lorenzo dealt mit Büchern, Träumen und klugen Ratschlägen. "Gefochten und gekämpft wird hier, dass man den Atem anhält, und das Jenseits ist ein Himmel der Rock-'n'-Roll- und Kinolegenden - Heath Ledger ist auch schon da."

Simon Solberg habe "Romeo und Julia" kräftig mit Gegenwartsenergie, Rock und Wut aufgepumpt, schreibt Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 23.9.) in seiner Besprechung des Neustarts am Dresdner Staatsschauspiel. "In seiner Unbedingtheit ein überzeugender Abend." Aus jeder Regiearbeit sprudele eine große Portion Bühnenliebe, aus allem der Wille, das Publikum zu verführen und zu bezirzen, "indem man es wie bei 'Adam und Evelyn' inhaltlich oder wie bei 'Romeo und Julia' emotional einzufangen gedenkt".

Alles andere als langweilig fand Silvio Kuhnert von den Dresdner Neuesten Nachrichten (21.9.) Simon Solbergs Inszenierung von "Romeo und Julia" am Staatsschauspiel Dresden: "Das junge Ensemble (…) war sehr ambitioniert, spielte mit Lust und Freude." Und Solberg gelinge es, "dem Zwist zwischen Jugendgruppen ein aktuelles Moment abzugewinnen, wenn er Ehr- und Männlichkeitsvorstellungen thematisiert, die, wenn man Zeitungsberichte verfolgt, in Jugendgangs alarmierend vorherrschen". Doch leider verblassten die "starken und nachdenklich stimmenden Momente durch die zu zahlreichen Anspielungen auf die Politik- und Unterhaltungswelt der Jetztzeit. Ein weniger wäre vielleicht mehr gewesen."

Die meisten der großen Shakespeare-Worte seien auf der Strecke geblieben, "ersetzt von Flüchen, Kraftausdrücken und Zitaten", schreibt Valeria Heintges von der Sächsischen Zeitung (21.9.). "Da nutzen Regisseur Solberg und sein Dramaturg Jens Groß die grobe Axt, wo es die feinere Säge auch getan hätte. Zurück bleibt der zwiespältige Eindruck einer einfallsreichen Inszenierung im wahnwitzigen Tempo, eines Theaterabends, der sich vorwiegend an jüngere Zuschauer richtet, sinnvoll Musik und Videotechnik einsetzt, dem aber ein Weniger an Bühnenbild, an Schreierei, an hyperaktiver Action und ein Mehr an Prägnanz und guter Artikulation nicht geschadet hätte."

"Zwischen den ziemlich krachigen Gewaltszenen (...) und etwas häufigem Polizeihubschrauber-Geknatter stellt sich schnell die Frage, ob Solberg hier nur zusammenklebt, was in puncto Street Credibility konkurrenzfähig ist, oder ob er dabei irgendetwas Eigenes entstehen lässt", merkt Peter Michalzik an (Frankfurter Rundschau, 29.9.) Solberg versammele "hemmungslos alles, worüber so gern geschimpft wird, er schreibt Shakespeare um, er spielt zwischen Prodigy und Beatles eine Menge Pop-Songs ein, er liebt Filmzitate und Medienkritik". Es stecke "viel Sehnsucht nach lebendigem Leben" in dieser Inszenierung. "Die Welt, haut einem Solberg sentimental, aber auch unmissverständlich-aggressiv um die Ohren, diese Welt macht es einem schwer, in ihr zu leben und vor allem sie zu lieben. (...) Lebt solange ihr könnt, nehmt Euch in jeder Minute so viel Leben wie möglich, brüllt die Aufführung."

Zurück zur Nachtkritik der Premiere

 

Kommentar schreiben